Der Bibliothekar und seine Leser

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„Meine sehr verehrten Damen und Herren, egal ob Sie in einer wissenschaftlichen Bibliothek Dienst tun, in einer öffentlichen Bücherei oder sogar in einem Kloster; sie müssen immer einen Gedanken im Kopf haben: Der Benutzer ist ihr Feind! Er will ihr kostbarstes: ihren Bestand, gehen sie ihm nicht auf den Leim. Der Benutzer ist ein faules, arbeitsscheues Subjekt, das sich lieber in Bibliotheken herumdrückt und gestreßte[1] Bibliothekare von ihre schweren geistigen Arbeit abhält. Wissen Sie auch, warum er faul und arbeitsscheu ist? Wäre er dies nicht, wäre er ja an seinem Arbeitsplatz und nicht in der Bibliothek.“

Mit diesen Worten begann die erste Vorlesung, die der Verfasser hörte. Es war der verehrte Dr. W., der ihm und dreißig anderen jungen, motivierten und frisch vereidigten Bibliothekaren gleich nach den ersten fünf Minuten die ersten Illusionen nahm.

Das Publikum einer öffentlichen Bücherei und einer wissenschaftlichen Bibliothek ist von Grund auf verschieden und der Verfasser möchte behaupten, daß das der öffentlichen Büchereien komplizierter ist. Dies läßt sich auch an einem kleinen Beispiel fest machen: Ein Student der Philologie kommt zu einem Bibliothekar und erklärt ihm, daß er eine Einführung in das Literaturverständnis sucht. Kein Problem, wir gehen ans Regal und holen ihn Umberto Eco’s „Der Wald der Fiktionen“. Ein Student der Theologie kommt und möchte eine Einführung in die hebräische (oder besser semitische) Mystik und Mythologie. Hier geht einem natürlich das Herz über und man deckt ihn ein mit kabbalistischer Literatur, mit Meyrinks „Der Golem“, Ecos „Foucaultschem Pendel“ und knapp viertausend anderen Titeln ein. So einfach sind 99 Prozent aller Fälle in einer wissenschaftlichen Bibliothek.

In einer öffentlichen Bücherei ist die Sache viel komplizierter. Der verehrte Leser erlaubt, daß ihn der Verfasser mit einigen Begebenheiten aus seinem Arbeitsbereich Kronach belästigt. Kommt ein älterer Herr in die Bücherei und fragt den Verfasser im tiefsten frankenwäldlerischen Dialekt: „Hö hä, Mastä, hobt ihä a schöß Büchla für mein Fraa, die muß nejmlich nein Grangenhaus und will wos lejs. Obwuel iich go nier gewißt hou, des die des koo.!“[2] Der Verfasser (von Geburt an Halbpreuße und Halbsudetenländler) läßt sich diesen Satz mehrere Male wiederholen, bis ihn der Herr fragt: „Hö, Mastä, bist du a wengla olbä im Kuepf?“[3] Unter Aufbietung aller dialektischen Kenntnisse antwortet der Autor nun: „Na, ouwe du nuschelst wie mei Oba, wennä sei Gebiess verluen hot.“[4] Der Verfasser befragt ihn nun, was für ein Buch er den wünsche, dann kommen solche Beschreibungen wie: „Aans mid Buchstoum“ oder „Aa schöß, des die Alt ihä Goschen hält.“[5]

Der Verfasser versteht und befriedigt das Bedürfnis des Lesers mit einigen Ausgaben Ernst, Ganghofer und Paretti. Was ein Fehler war. Wenige Tage später kommt selber Herr wieder, wirft die Bücher auf die Verbuchungstheke und ruft erregt aus: „Hö hä, Reudl, dann olden Miist kosta behalt, denn kennt mei Olda scho, wos gscheits hä, ouwä ich haab diech die Backen vuel.“[6]  Der Autor, froh mit heiler Haut entkommen zu sein, reicht dem Herrn einige ganz neue Neuerscheinungen. Noll, Leon, Bombeck. Diesmal hat er den Geschmack der Leserin anscheinend getroffen, denn der Leser kommt nicht mehr wieder.

Anderes Beispiel: Der Verfasser sitzt an seiner Theke und freut sich des Lebens, als eine sehr gepflegt wirkende Dame mittleren Alters in die Bücherei kommt. „Guten Tag, der Herr, ich suche Literatur über alternative Medizin.“ HA, denkt der Verfasser, eine kultivierte Dame mit einen einfachen Wunsch. Falsch gedacht! Er geht mit ihr ans Regal und sucht ihr einige Werke heraus, was sie auch teilweise glücklich macht. „Ja haben Sie keine Hobbythek-Bücher“ fragt sie. „Ja, aber die sind im moment verliehen, die kommen erst in ca. vier Wochen wieder“ antworte ich. „Warum, die haben doch da zu sein?“ Der Autor bitten den verehrten Leser um Verständnis, wenn er den ganzen Dialog nicht mehr wiederholt. Nur so viel sei gesagt, die verehrte Dame erwies sich als psychisch Debil und konnte nicht verstehen, daß die Bücher, die sie wollte nicht einzig und allein darauf harren, sich ihr zu prostituieren. Kurz und gut, als diese Dame einen hysterischen Anfall bekam, in Tränen ausbrach und den Autor als (O-Ton) sexistisches Schwein betitulierte (wäre er nicht sexistisch hätte er ja die Bücher) zweifelte der Autor an seiner Berufswahl und wünschte sich, doch noch die Umschulung zum Leichenwäscher zu machen.

Diese zwei kleinen Beispiele seien genug an dieser Stelle. Wir wollen ja in dieser Festschrift unseren verehrten Dr. S. ehren und keine bibliothekarische Fortsetzung der Herriot-Romane (Der Doktor und das liebe Vieh) schreiben.

Sie (also die Beispiele, nicht die Herriot-Romane) sollen den Kolleginnen und Kollegen, die an einer wissenschaftlichen Bibliothek arbeiten und die Nase über uns Feld- Wald und Wiesenbibliothekare rümpfen verdeutlichen, mit welchen Unbilden wir kämpfen müssen und von was sie verschont bleiben.

[1] Bitte lachen Sie nicht, verehrter Leser, ich habe schon einige gestreßte Bibliothekare gesehen, oder habe ich nur in Märchenbüchern von ihnen gelesen? So sicher bin ich mir nicht mehr …

[2] Entschuldigen Sie mein Herr, dürfte ich Sie um einige Lektüre für meine Gattin bitten, die in kürze ins Hospital muß und sich dort mit guter Literatur die Zeit vertreiben will.

[3] Bitte verzeihen Sie meine Frage, aber kann es sein, daß sie meine Worte nicht verstehen?

[4] Nein, nur haben Sie eine etwas undeutliche Aussprache.

[5] Ich hätte gerne ein Buch mit vielen schönen Buchstaben. (…) Ich hätte gerne ein Buch, welches meiner verehrten Gattin ein Bon Amusement bereitet.

[6] Bitte entschuldigen Sie, daß ich Sie schon wieder belästige, aber diese überaus interessante Literatur ist meiner Frau schon geläufig und ich bitte Sie um einige neue Exemplare.

Die Bibliothek an und für sich

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Heutzutage möchte man sich natürlich fragen, welche Berechtigung eine Bibliothek noch hat. Es gibt ganze Bücher mitsamt der dazugehörigen Kolleginterpretation auf CD-Rom, Literaturterroristen verramschen ganze Bücher im Internet, so daß man sie sich nur noch auf die Festplatte herunterladen muß.

Angesichts dieser massiven elektronischen Angriffe auf die Bibliothek[1] fragt man sich natürlich, was die Aufgaben einer solchen Institution sind. Zur Zeit des Assurbanipal oder des Polykrates war eine Bibliothek nur der Aufbewahrungsort für Schriftrollen oder Bücher, damit sie nicht herumlungern und arme Reisende anfallen. Mit zunehmender Wichtigkeit des geschriebenen Wortes kam dann noch das Sammeln und Hüten dazu.

Nachdem sich das Christentum etabliert hatte, die ersten Kloster gegründet wurden kam dann noch das Kopieren und Verbreiten der Schriften, zum höheren Ruhme Gottes des Herrn, hinzu, denn ein Monasterium sine libris est sicut civitas sine opibus, castrum sine numeris, coquina sine suppellectili, mensa sine cibis, hortus sine herbis, pratum sine floribus, arbor sine foliis.[2] Was natürlich einen enormen Arbeitsaufwand beinhaltete, allerdings auch die wunderschönsten Handschriftenbände hervorbrachte. Mit der Erfindung der Buchdruckerei wurde dies allerdings unnötig. Zu jener Zeit allerdings war es notwendig und so war die Bibliothek eines Klosters zum einen ein heiliger Gral, in dem die wertvollen Bücher aufbewahrt wurden und zum anderen eine Entbindungsstation, in der neue und prächtige Bücher das Licht der Welt erblickten. Direkt neu waren diese Bücher natürlich nur recht selten, sie wurden ja nur kopiert. Für den Bibliothekar, den Gralshüter, allerdings waren sie neu und nur das zählt.

Zu manchen Zeiten, vielleicht schon zwischen Augustus und Konstantin, war die Aufgabe einer Bibliothek sicher auch das Bereitstellen ihrer Bücher zum Lesen, also mehr oder weniger das, was die schöne Resolution der UNESCO besagt, in der es heißt, es sei einer der Zwecke von Bibliotheken, dem Publikum das Lesen zu ermöglichen.[3]

Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde nun begonnen, die Bibliotheken politisch zu benutzen, wie zum Beispiel die Büchereien der Arbeiterverbände. Es gab dann auch noch die Volksbüchereien, in denen die Bibliothekare hinter ihren Theken thronten und mit hoch erhobenen moralischen Zeigefinger den Leser bilden wollten, oder besser gesagt moralisch stützen wollten. Zu jener Zeit (es war der Anfang des 20. Jahrhunderts) begannen auch nun die Kirchen eigene Bibliotheken einzurichten, natürlich zum größten Teil mit moralisch-erbaulicher Literatur. Mit dem Nationalsozialismus wurden auch die Bibliotheken gleich geschaltet und erst mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnte sich das Bibliothekswesen in Deutschland frei entfalten.

Es gibt sie aber noch, die alten Bibliotheken, untergebracht in alten Schlössern und Burgen. Wie zum Beispiel die Staatsbibliothek in der alten Kaiserstadt Bamberg, beheimatet in der Neuen Residenz gegenüber des altehrwürdigen Domes, der mit seinen vier Türmen den Himmel entgegen stürmt. Obwohl der Eingangsbereich recht schmucklos ist, atmet man doch mit dem Geruch des frischen Bohnerwachses den Geist der späten 60er Jahre ein[4]. Das einzig moderne ist der Fotokopierautomat, der seinen Beitrag zur Xerozivilisation leistet.

Vor sich hat man nun einen langen, hohen Flur, nein eher schon eine Wandelhalle, mit hohen Säulen und noch so in seinem Urzustand, daß man jederzeit erwartet, bischöflichen Beamten mit wichtigen Akten unter dem Arm, über Probleme diskutierend in der Kleidung des Rokoko zu begegnen. In dieser Halle ist nun ein roter Teppich ausgelegt (so daß sich jeder Benutzer wie ein Staatsgast vorkommt), der einen den Weg weist. Die erste Tür, die sich dem Besucher anbietet ist der Lesesaal.

Dieser Lesesaal war früher das Terrassenzimmer der Bamberger Fürstbischöfe, durch das sie in ihren weltberühmten Rosengarten kamen. Schwere eherne Bücherregale erheben sich bis zur Decke, die mit den wunderschönsten Gemälden und verschwenderischen Stuck verziert ist. Über der Tür prangt das Portrait des Fürstbischofs von Franckenstein. Hell und großzügig liegt der Lesesaal vor dem mit unsicherem Schritt eintretenden Benutzer.

Während im vorderen Teil sich Tische dem Benutzer zum Studium anbieten[5], drängen sich im hinteren Teil ebenfalls eherne Bücherregale mit den wichtigsten Nachschlagewerken, besonders der Genealogie. Es ist schon eine Augenweide, die schweren ledernen Bände der Wappenbücher, die mit ihrem Goldschnitt auf dem Rücken kokettieren; der moderne Brockhaus dagegen ist ein wirklicher Stilbruch.

Folgt man dem roten Teppich, so kommt man in das Herzstück der Bibliothek, nämlich den Katalogsaal, denn Habeat Librarius et registrum omnium librorum ordinatum secundum facultates et auctores, reponatque eos separatim et ordinate cum signaturis per scripturam applicatis[6]. Mannshohe Katalogschränke stehen neben modernen Mikrofiche-Lesegeräte[7]. Die unverzichtbaren Eichenregale, die kostbare Bibliographien in sich bergen werden gut von einer Theke abgeschirmt, hinter dem der Bibliothekar seine Benutzer erwartet, um ihnen das noch so seltene Buch zu besorgen und noch so ausgefallene Wünsche zu erfüllen.

Überwindet man die Theke und tritt in den „Dienstraum“ der Bibliothekare, so muß man feststellen, daß dieser genauso prunkvoll gestaltet ist wie der Lesesaal. Fast zwei Meter hohe Karteikästen (richtig, sie haben es erraten: aus Eichenholz!), die den gesamten Altbestand der Bibliothek beinhalten[8] drängen sich in dem Raum mit einer prächtigen Aussicht auf die alte Kaiserstadt Bamberg.

Durch eine schmale Tür tritt man in die Fernleih- und Packstelle, von der aus der gesamte Regierungsbezirk Oberfranken mit wissenschaftlicher Literatur versorgt wird. Es ist nur eine unscheinbare Tür, durch die man in das Allerheiligste, den Gral, der Bibliothek tritt: das Magazin!

Zwei ganz besondere Räume schließen sich an. Ab hier möchte ich für kurze Zeit allerdings das Wort an den Direktor der Bibliothek, Herrn Dr. Bernhard Schemmel, übergeben, der in seiner Beschreibung der Staatsbibliothek ausführte: Im Bereich der (geschlossenen) Magazine befinden sich zwei Räume des ehemaligen fürstbischöflichen Archivs. Der erste, der jetzige R. B.-Raum, mit dem Bild des Fürstbischofs Adam Friedrich von Seinsheim (1757 – 1779) enthält als ein auf des Fürstbischofs „ganz eigen und wesentliche Tugenden gerichtetes Monument“ acht allegorische Figuren aus Kiefernholz, geschaffen vom Michael Trautmann 1777/1778 (von rechts nach links): die Fürstenglorie, die Freigebigkeit, die Klugheit, die Mäßigkeit, die Stärke, die Gerechtigkeit, die Hoffnung und Chronos als Historiograph (zum Teil beschädigt bzw. unvollständig).

            Der anschließende Raum, heute mit verschiedenartigen Altbeständen, einst der Repräsentationsraum des Archivs, wurde unter dem Fürstbischof Franz Konrad von Stadion und Tannhausen (1753 – 1757) geschaffen von Nikolaus Bauer und Michael Bayer. Über dem Durchgang nachträglich Supraporte mit dem Bild des Fürstbischofs vermutlich von Johann Scheubel d. J.

            Im ersten Stock, an der einstigen repräsentativen Treppe der Verwaltung, ebenfalls im geschlossenen Magazinbereich, die Räume der weltlichen Regierung der Fürstbischöfe, mit Stuck von Johann Jakob Vogel 1705. Die Eichenholzregale stammen aus dem Bamberger Dominikanerkloster, geschaffen von dem Laienbruder F. Alvarus Carl 1744 (Signatur an einer der eingelegten Nußbaumholz-Säulen). Sie wurden hier zum zweiten Mal eingebaut und ergänzt. Der Buchbestand des mittleren und hinteren Raumes ist verschiedener Herkunft, der einheitlich gebundene des vorderen, „bewacht“ von dem wittelsbachischen Herzog Karl II. August von Pfalz-Zweibrücken (1775 – 1795) stammt aus dem Schloß Karlsberg bei Homburg/Saar.

            Der alte Bibliothekssaal der neuen Residenz im obersten Geschoß des sog. Vierzehnheiligenpavillons befindet sich ebenfalls im geschlossenen Magazinbereich. Er wurde bereits 1794 unterteilt und im 19. Jahrhundert seines Stucks von 1731/1733 beraubt und weist pompejanische Scheinmalereien von 1843 auf. Vier Konsoltischchen sind nach Vorbildern im Scagliolasaal gestaltet.

            Das Vorstandszimmer bewahrt die Biedermeiermöbel Jaecks in Kirchbaumholz: Schrank mit Glastüren und Aufsatz (darauf ein Teil des nach Jaecks Testament auf ewig unveräußerlichen chinesischen Dessertservice, das „einem Gabelfrühstücke mit fremden Gelehrten zur Ehre gereichen würde“, im Innern ein Teil der Einbandsammlung unter Betonung der geschichtlich bedeutsamen Provinzen), weiter Sekretär, Kommode, kleines Schränkchen, Nachtschränkchen, Tischchen und Regal (das übrige hinzuerworben bzw. passend angefertigt). In dem Raum befindet sich außerdem aus dem Besitz des Emil Frhr. Marschalks von Ostheim eine Standuhr mit Nußbaumholzgehäuse, signiert von dem Bamberger Hofuhrmacher „Leopold Hyß / fecit Bamberg“ (1713 – 1797). An den Wänden Gemälde aus dem Besitz Joseph Hellers, im Vorraum, dem Sekretariat, Portraits vor allem ehemaliger Bibliotheksvorstände.[9]

Aber zurück zum Magazin der Bibliothek, das genauso wie der Heilige Gral das Blut Christi aufnahm, die Bücherschätze der Bibliothek in sich aufnimmt und vor allen Irrungen und Wirrungen der Gegenwart bewahrt. Denke ich an das Magazin der Staatsbibliothek zu Bamberg, so fällt mir ein Dialog aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“ ein: „Aber nach welcher  Reihenfolge sind die Bücher hier aufgeführt?“ fragte William noch einmal. „Nach Sachgebieten doch offenbar nicht.“ Eine mögliche Reihenfolge nach Autoren gemäß der traditionellen Buchstabenfolge im Alphabet erwähnte er gar nicht, da diese sinnreiche Anordnung erst vor wenigen Jahren in manchen Bibliotheken eingeführt worden ist und damals noch kaum gebräuchlich war.

            „Die Ursprünge dieser Bibliothek liegen in der Tiefe der Zeiten“, sagte Malachias würdevoll, „und so sind die Bücher hier aufgeführt nach der Reihenfolge ihres Erwerbs, ob durch Kauf oder Schenkung, das heißt nach dem Zeitpunkt ihres Eingangs in unsere Mauern.“

            „Schwer zu finden“, bemerkte William.

            „Es genügt, daß der Bibliothekar sie kennt und bei jedem Buch weiß, wann es in die Bibliothek gekommen ist. Die anderen Mönche können sich auf sein Gedächtnis verlassen.“[10]

Heutzutage freilich greift der Bibliothekar auf seine Mikrofiches und sogar auf Computer zurück, natürlich nur dann, wenn er linientreu ist. Aber genauso wie in der monastischen Bibliothek aus Eco’s Roman sind in Bamberg die Bücher nach dem Eingang im Magazin aufgestellt, Numerus Currens, wenn man es genau nimmt. Und es ist schon ein erhebendes Gefühl, durchstreift man diese Magazinräume, in denen früher einmal fürstbischöfliche Beamte ihren Dienst taten.

Es ist ein Gefühl wie Anno Tobac am Klondyke, man weiß nie, welcher bibliophile Schatz im nächsten Regal lauert, man weiß nie, welches lange verschollene Buch man wieder findet. Ja, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, hinter der nächsten Ecke einen Schrein vorzufinden, in seiner Mitte der Heilige Gral, eifersüchtig bewacht von Josef von Aramithea. Hier in diesen Gefilden totaler bibliophilie löst man sich gänzlich von Zeit und Raum. Betritt man das Archiv gegen Morgen und kuckt sich ein bißchen um ist es schon bald Mittag. Ein sonderbares Gefühl des Zeitverlustes beschleicht den Eindringling und immer hat er im Hinterkopf die Erzählungen der angeblichen Entführungsopfer von Aliens, auch sie beklagten einen Zeitverlust von mehreren Stunden. Und tatsächlich fühlt man sich auch so, wie nach einer lagen Reise ins Weltenall, man fühlt sich wie ein Heimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft, denn sobald man das Magazin wieder verläßt kommt dem Eindringling die Welt soviel schlechter vor; auf der anderen Seite aber viel besser. Die Welt wirkt nach einem Tag im Archiv wieder jungfräulicher, man sieht in den Kolleginnen, mit denen man eigentlich seit langem zusammen arbeitet wieder die holden Jungfrauen und kommt sich wenn man ihnen einen kleinen Handgriff abgenommen hat gleich ungemein parzivalisch vor.

Nach einem lagen Besuch in diesem Magazin, jenseits von Zeit und Raum hat man auch ein viel größeres Gefühl für die Schönheiten der Welt. Wie sehr kann man sich an einem schönen Gesicht erfreuen? Wie wunderschön sind plötzlich die Sonnendurchfluteten Lesesäle der Bibliothek, die einen vor kurzen noch verstaubt und öde vorgekommen waren. Ich selbst ertappte mich nach einem langen Vormittag im Magazin der Staatsbibliothek Bamberg wie ich meine Mittagspause gedankenverloren auf der sonnigen Terrasse des Rosengarten-Cafés verbrachte, versunken in der Betrachtung des Gesichtes einer wunderschönen Frau. Dies ist die perfekte Symbiose dieser Welt. Auf der einen Seite die totale geistige Befriedigung hinter den festen Rokoko-Mauern der Staatsbibliothek, auf der anderen Seite die totale emotionelle Befriedigung der Natur.

Der geneigte Leser möchte mich nun nicht falsch verstehen, auch wenn die Welt nach einem Tag unter Büchern weniger defloriert wirkt wie noch vorher, ist das Magazin eben jener Ort, an dem dieses Wunder geschieht. Durch die vollkommene Abgeschiedenheit von der Welt nur umgeben vom Wissen der Zeiten kann dieser Effekt eintreten. Man schicke mich mit einem Walkman in das Magazin der Staatsbibliothek Bamberg und ich habe mein Nirwana erreicht. Rossini in den Ohren alte, in Leder gebundene Bücher vor den Augen und jeder Bibliothekar bekommt einen geistigen Orgasmus.

Eine ganz besonders gut gesicherte Abteilung innerhalb dieses Magazin ist natürlich die Handschriftenabteilung. Hinter dicken Tresortüren in einem vollklimatisierten Raum finden sich hunderte von laufenden Meter alter Handschriften aus den verschiedensten Klöstern Frankens, Bayerns, Deutschlands und der restlichen mediävistischen Welt.

Ein erhabenes Gefühl beschleicht den Eindringling wenn er sich vergegenwärtigt, daß diese Bücher noch leben, noch atmen, ihr Wissen noch prostituieren, jeden der ihre eigentümlichen Schriften noch lesen kann, während diejenigen, die sie anfertigten schon lange zu Staub geworden sind. Wie jeder Venzianer ein leises Permesso murmelt, wenn er eine fremde Wohnung betritt, so möchte man sich hier schon entschuldigen, die erhabene Ruhe der Prachtbände zu stören.

Sie zu berühren kommt natürlich nicht in frage, denn ganz hinten, im letzten Winkel des Raumes, aber trotzdem mit totaler Übersicht steht der Schreibtisch des Bibliothekars. Und seine Stimme, die schon genauso brüchig ist wie das Pergament der Handschriften, holt den Eindringling aus seiner stillen Bewunderung heraus. „Wie kann ich Ihnen helfen?“, es ist mehr gemurmelt, mehr ein Windhauch aber in dieser Umgebung doch so laut wie die sieben Posaunen der johannitischen Apokalypse. Hier in dieser Umgebung totaler Stille und meditativer Einkehr klingt diese leise, höfliche Stimme wie die Glocken des Domes, den man zwar nicht hören und sehen kann, man aber genau weiß, daß er nur wenige Meter entfernt steht.

Man wendet seine Aufmerksamkeit nun auf den Bibliothekar, einem kleinen alten Mann, der in totaler Zufriedenheit hinter seinem Schreibtisch residiert. Man fragt sich, wie lange er schon an diesem Schreibtisch sitzt und man ist sich nicht sicher, ob man ihm vom Ende des Weltkrieges erzählen soll. Er würde nur die Stirn in Falten legen und fragen: „Ja und der Kaiser?“, also läßt man ihn in der Abgeschiedenheit seines totalen Nirwana und betrachtet ihn sich näher. Die ledrige Haut, das schlohweise Haar, die langen, feingliedrigen Finger. Ich schwöre jeden Eid darauf, daß dieser Bibliothekar an diesem Schreibtisch sitzt, nur damit ich heute über ihn schreiben kann, er wäre genauso vergilbt wie seine Bücher.

Auf ein freundliches Lächeln des Bibliothekars hin äußert man seinen Wunsch, nämlich die weltberühmte Handschriftensammlung zu sehen, die er jetzt seit über dreißig Jahren betreut. Sein Gesicht wird noch heller und freundlicher und so führt der Bibliothekar den Eindringling durch die Regale und zeigt mit weiß behandschuten Händen seine Prunkstücke. Und wieder überkommt den Eindringling das Gefühl der Ehrfurcht, er darf das Gebetbuch der Heiligen Kaiserin Kunigunde in Händen halten. Das selbe Buch, mit dem sie gebetet hat, während sie über die glühenden Pflugscharen lief. In wertvolles Elfenbein gebunden ist es einer der Höhepunkte der Führung.

Nach diesem Höhepunkt macht man die restliche Führung wie in Trance mit, man sieht diese Pretiosen nur noch, als wenn man in Watte gepackt wäre und plötzlich schüttelt man die Hand des Bibliothekars und steht wieder vor der dicken Tresortür. Und wieder das Phänomen des Zeitsprungs man schwört, es waren nur zwanzig Minuten, es sind aber tatsächlich mehr als drei Stunden.

[1] Ich spreche hier nicht von einer speziellen Bibliothek, sondern von DER Bibliothek im allgemeinen, die geschützt und gehegt werden muß, wie eine Pflanze in der Sahara.

[2] Ein Kloster ohne Bücher ist wie ein Staatswesen ohne Habe, eine Festung ohne Truppen, eine Küche ohne Geschirr, ein Tisch ohne Speisen, ein Garten ohne Pflanzen, eine Wiese ohne Blumen, ein Baum ohne Blätter.

[3] So spricht nicht der Herr, nein so spricht Umberto Eco in seinem Werk „Die Bibliothek“.

[4] Denn die Einrichtung ist aus dieser Zeit und ich bin mir sicher, daß in den Spinden, in denen heute Wirtschaftswissenschaftliche, Philologische und Geschichtliche Werke aufbewahrt werden zur Zeit ihrer Aufstellung Flugblätter der 68er ihre Heimat hatten. Che lebt!

[5] Über die wenigen Arbeitsplätze an den Fenstern zum Rosengarten hin, sprechen wir hier nicht, sie sind eh immer als erste besetzt und das sogar im Winter, also zählen sie eigentlich nicht.

[6] Der Bibliothekar habe ein Verzeichnis aller Bücher, geordnet nach Themen und Autoren, und er bewahre sie einzeln auf und wohlgeordnet mit schriftlich aufgebrachten Signaturen.

[7] Natürlich sind Mikrofiche-Lesegeräte nicht mehr so modern, aber man stelle sich das mal vor: Computer in so altehrwürdigen Hallen. Gewiß, es gibt sie, allerdings gut versteckt in den abgelegensten Büros einiger linientreuer Mitarbeiter.

[8] Darin finden wir auch die umfangreiche Sammlung des Marschalk von Ostheim, der seine Privatbibliothek generöser Weise der Bibliothek gespendet hat. Auch die vom ersten Bamberger Bibliothekar Jaeck begonnene Bambergense-Sammlung findet man hier.

[9] Aus Schemmel, Bernhard: Staatsbibliothek Bamberg: Handschriften, Buchdruck um 1500 in Bamberg, E. T. A. Hoffmann. – Bamberg, 1990.

[10] Aus: Eco, Umberto: Der Name der Rose: Roman. – o. O., o. J.

Beitragsbild: Von Benjamin D. Esham / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 us, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=114211

Die Bibliothek

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Eine Bibliothek ist immer eine ehrwürdige und vor allem komplexe Einrichtung. Das Universum (das andere Bibliothek nennen) setzt sich aus einer unbegrenzten und vielleicht unendlichen Zahl sechseckiger Galerien zusammen, mit weiten Entlüftungsschächten in der Mitte, die mit sehr niedrigen Geländern eingefaßt sind. Von jedem Sechseck aus kann man die unteren und oberen Stockwerke sehen: ohne ein Ende. Die Anordnung der Galerien ist unwandelbar dieselbe. Zwanzig Bücherregale, fünf breite Regale auf jeder Seite, verdecken alle Seiten außer zweien: ihre Höhe, die sich mit der Höhe des Stockwerks deckt, übertrifft nur wenig die Größe eines normalen Bibliothekars. Eine der freien Wände öffnet sich auf einen schmalen Gang, der in eine andere Galerie, genau wie die erste, genau wie alle, einmündet. Links und rechts am Gang befinden sich zwei winzigkleine Kabinette. In dem einen kann man im Stehen schlafen, in dem anderen seine Notdurft verrichten. Hier führt die Wendeltreppe vorbei, die sich abgrundtief senkt und sich weit empor erhebt. In dem Gang ist ein Spiegel, der den Schein getreulich verdoppelt. Auf jede Wand jeden Sechsecks kommen fünf Regale; jedes Regal faßt zweiunddreißig Bücher gleichen Formats; jedes Buch besteht aus vierhundertzehn Seiten, jede Seite aus vierzig Zeilen, jede Zeile aus etwa achtzig Buchstaben von schwarzer Farbe. Buchstaben finden sich auch auf dem Rücken jeden Buches; doch bezeichnen diese Buchstaben nicht, deuten auch nicht im voraus an, was die Seiten sagen werden. Ich weiß, daß dieser fehlende Zusammenhang zuweilen mysteriös angemutet hat.

Vor fünfhundert Jahren stieß der Chef eines höheren Sechsecks auf ein Buch, das so verworren war wie die anderen, das jedoch fast zwei Bogen gleichartiger Zeilen aufwies. Er zeigte seinen Fund einem wandernden Entzifferer, der ihm sagte, sie seien in Portugiesisch abgefaßt; andere sagten dagegen, in Jiddisch. Vor Ablauf eines Jahrhunderts konnte die Sprachform bestimmt werden: es handelte sich um eine samojedisch-litauische Dialektform des Guarani mit einem Einschlag von klassischem Arabisch. Auch der Inhalt wurde entschlüsselt: es waren Begriffe der kombinatorischen Analysis, dargestellt an Beispielen  sich unbegrenzt wiederholender Variationen. Diese Beispiele versetzten einen genialen Bibliothekar  in die Lage, das Grundgesetz der Bibliothek zu entdecken.

Die Ruchlosen behaupten, daß in der Bibliothek die Sinnlosigkeit normal ist, und daß das Vernunftgemäße (ja selbst das schlecht und recht Zusammenhängende) eine fast wundersame Ausnahme bildet. Sie sprechen von (ich weiß es) von der „fiebernden Bibliothek, deren Zufallsbände ständig in Gefahr schweben, sich in andere zu verwandeln, und die alles behaupten, leugnen und durcheinanderwerfen wie eine deliriende Gottheit“. Diese Worte, die nicht nur die Unordnung denunzieren, sondern sie mit einem Beweis des verwerflichen Geschmacks der Urheber und ihrer verzweifelten Unwissenheit. In der Tat birg die Bibliothek alle Wortstrukturen, alle im Rahmen der fünfundzwanzig Schriftzeichen möglichen Variationen, aber nicht einen absoluten Unsinn.

Sprechen heißt: in Tautologien verfallen. Diese überflüssige und wortreiche Epistel existiert bereits in einem der dreißig Bände der fünf Regale eines der unzähligen Sechsecke – und auch ihre Widerlegung. (Eine Zahl n möglicher Sprachen verwendet den gleichen Wortschatz; in einigen erlaubt das Symbol Bibliothek die korrekte Definition überall vorhandenes und fortdauerndes System sechseckiger Galerien, aber Bibliothek ist Brot oder Pyramide oder irgend etwas anderes, und die sieben Wörter, die sie definieren, haben einen anderen Bedeutungswert. Bist du sicher, Leser, daß du meine Sprache verstehst?

Beitragsbild: Von Matl – own work (photography), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3758023

Die Hussitenkriege

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Natürlich waren die Anhänger des Reformators Hus von dessen Verbrennung auf dem Konzil von Konstanz nicht gerade begeistert. Die Tschechen sahen in Prozeß und Hinrichtung eine Demütigung der gesamten Nation.

Geschürt wurde dieser Haß noch durch Ausschreitungen der Deutschen gegen die Hussiten. Obwohl der Landeshauptmann dies strengstens verboten hatte, wurden in Olmütz zwei Hussitische Prediger verbrannt, in Mähren wurden zahlreiche Hussiten enthauptet. Dies galt als Rache gegen die hussitischen Greueltaten, die an den Deutschen verübt wurden.

Als dann noch Hieronymus von Prag in Konstanz verbrannt wurde, traten die nationalen Gegensätze in Böhmen und Mähren immer offener zu Tage.

König Wenzel hielt sich gegen beide Seiten zurück und erst als die hussitischen Ausschreitungen so schwer wurden, daß sich sogar Papst Martin V. einschaltete und Kardinal Johann Dominici zur Ausrottung der Ketzerei nach Böhmen schickte mußte er eingreifen.

Der Königshof wurde von hussitischen Parteigängern gereinigt und vertriebene Geistliche konnten wieder zurück in Ihre Kirche kehren. Mit hussitischen Predigern waren nach dieser Aktion lediglich drei Kirchen besetzt.

Die Situation eskalierte am 30. Juli 1419, als einige Prager Ratsherren von einem Fenster aus eine Prozession der Hussiten verhöhnten. Die Volksmasse geriet in eine derartige emotionelle Erregung, daß sie das Gebäude stürmten und sieben Ratsherren zu eben jenem Fenster hinauswarfen.

Am 16. August 1419 verstarb dann auch noch König Wenzel, dem sein Bruder, der deutsche König Siegmund auf den Throne folgen sollte. Als Hauptbeteiligter an der Hus’schen Verbrennung schlug ihm natürlich keine große Sympathie entgegen. In Leimeritz wohnte Siegmund dann auch noch der Hinrichtung von siebzehn Hussiten bei, die mit aneinander gebundenen Händen und Füßen in die Elbe geworfen wurden. Ebenso ungeschickt waren die Worte König Siegmunds am 15. Januar 1420, als er in Breslau erklärte, daß die Hussiten seine Feinde seien und er sie mit Krieg überziehen wolle, um sie total zu unterwerfen.

Die eigentliche Kriegserklärung Sigmunds gegen die Hussiten erfolgte am 17. März 1420, am Sonntag Lätare, im Rahmen einer Kreuzzugspredigt des päpstlichen Legaten zu Breslau, die durch die oft zitierte Kreuzzugsbulle Martins. V. unterstützt wurde. Das Signal zum Beginn der langjährigen und blutigen kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Hussiten war somit ergangen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Ende März erließen die Prager ein Manifest, wodurch die Böhmen auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht und zum Kampfe für die Wahrheit aufgefordert wurden; wenige Wochen darauf, am 20. April 1420, folgte diesem Manifest ein weiteres, in wesentlich schärferem Ton gehaltenes, worin Sigmund als der größte Feind der böhmischen Nation bezeichnet wird, der unmöglich länger als ihr König anerkannt werden könne. (1)

Die Hussiten proklamierten ihr Programm in den sogenannten vier Prager Artikeln, welche im Juli 1420 publiziert wurden.

  1. Das Wort Wottes solle von den dazu befähigten Priestern frei gepredigt werden.
  2. Das heilige Altarssakrament solle allen nicht durch Todsünde am Empfange verhinderten Christgläubigen unter beiden Gestalten gereicht werden.
  3. Die Geistlichen sollten dem weltlichen Besitz, über den sie zum Schaden ihres Amtes und zum Nachtheile der weltlichen Stände herrschten, entsagen und nach der Lehre Christi und der Apostel leben.
  4. Alle Todsünden, besonders öffentliche, wie alle dem Gesetze Gottes zuwiderlaufenden Unordnungen in jedem Stande sollten von denen, welchen es zukomme, in verständiger, christlicher Weise verboten, geahndet und nach Möglichkeit ausgerottet werden. (2)

Die gemäßigten hussitischen Kreise, die diese Artikel aufgestellt hatten legten vor allem auf den zweiten großen Wert. Sie forderten darin daß das Abendmahl in beiderlei Gestalt, also Hostie und Wein, also sub utraque parte, weshalb sie auch Utraquisten oder Calixtiner genannt wurden. Sie fanden ihre Anhängerschaft vor allem an der Universität in der höheren Bürgerschaft und im Adel. Das Ereignis, das die ganze Bewegung bestimmte, ihr ein Symbol gab und das den Bruch mit der alten Kirch ebesiegelte, war die Forderung nach dem Kelch, dem Abendmahl ‚in beiderlei Gestalt‘, sub utraque specie; die Utraquisten wurden in der nächsten Etappe dann auch die ‚Hussiten‘ genannt oder die Calixtiner, die Kelchner. (3)

Die radikalen Hussiten dagegen waren zumeist Handwerker, Arbeiter und Bauern. Sie trafen sich in Austi, einer Stadt südlich von Prag, wo sie ein Feldlager errichtet hatten. So ein Feldlager heißt im tschechischen tábor, deshalb nannten sie sich auch Taboriten. Ob eine Verbindung zum biblischen Berg Tabor besteht ist allerdings nicht geklärt. Von den Taboriten spalteten sich nach dem Tode Zizkas wiederum die Waisen ab. Dies waren bedingungslose Zizka-Anhänger, die sich nach dem Tode ihres Anführers als verwaist ansahen.

Die Taboriten beriefen sich voll und ganz auf die Lehren Wycliffes und lehnten alles ab, was nicht ausdrücklich in der Bibel zu lesen ist. Sie waren es, die das treibende Element bildeten und die eigentliche Kraft des Hussitismus in sich begriffen, die im Sinne des Alten Testamentes die Feinde des göttlichen Gesetztes mit dem Schwerte austilgen und solchermaßen das Reich Gottes ausbreiten wollten. (1)

Die ersten gewaltsamen Ausfälle der Hussiten, hier der Taboriten, war der Kirchen- und Klostersturm von 1419 in dem böhmische Klöster verwüstet und geplündert wurden. Die Taboriten beriefen sich auf das Wort Wycliffes, der die monastischen Einrichtungen als gemeinschädlich bezeichnet hatte.

Bevor sich die Hussiten gemeinschaftlich ihren Feinden stellten begannen sie erst einmal sich gegeneinander zu stellen. Utraquisten und Taboriten bekämpften sich gegenseitig und erst der am 18. Oktober 1425 konnte ein Waffenstillstand geschlossen werden.

Nun wandten sich die Hussiten gemeinsam zuerst nach Mähren und ins nördlichen Böhmen, was natürlich von seiten des Königs nicht gerne gesehen wurde und so beschloß der in Nürnberg zusammengetretene Reichstag den „täglichen Krieg“ gegen die Hussiten. Am 16. Juni 1426 traf das hussitische Heer bei Aussig auf eine deutsche Streitmacht bestehend aus Soldaten des Albrecht von Österreich und des Markgrafen Friedrich, genannt der Streitbare und obwohl die deutschen Reichstruppen zahlenmäßig überlegen waren, wurden sie von den Hussiten geschlagen. Dies war allerdings auch verständlich. Bestanden die Reichstruppen vor allem aus Söldnern, so waren die Hussiten beseelt von religiösem Eifer und nationaler Begeisterung, die sie zu gefährlichen Gegnern machte. Sie fürchteten den Tod nicht und sahen jeden gefallenen als Märtyrer an.

Nach der Schlacht bei Aussig traten die Meinungsverschiedenheiten zwischen Utraquisten und Taboriten wieder voll zu tage. Der Taboritenführer Prokop wollte sofort ins angrenzente Reichsgebiet nachstoßen, ohne dem Gegner die Möglichkeit zu geben sich zu sammeln. Wogegen sich die Utraquisten mit ihren Anführern Sigmund Korybut und den Herren von Podebrad entschieden aussprachen. Es ging sogar soweit, daß Korybut sich 1427 mit dem Papst gegen die Taboriten verbünden wollte. Daraufhin wurde er verhaftet und abgeschoben.

Natürlich blieb die deutsche Niederlage bei Aussig nicht ohne Folgen. Fortifikationsanlagen wurden erneuert oder neu errichtet, Ritterbünde wurden geschlossen und am 4. Mai 1427 wurde zum Kreuzzug gegen die Hussiten aufgerufen.

Am 29. Juni sammelte sich das rheinisch-fränkisch-bayerische Heer in der Gegend von Nürnberg, weitere Truppen sollten aus Schlesien, aus Norddeutschland und aus Österreich gleichzeitig nach Böhmen einrücken. Aber auch dieses Unternehmen war zum Scheitern verurteilt, nicht zuletzt wohl deshalb, weil man nicht gleich bis Prag vorrückte, wie es Markgraf Friedrich von Brandenburg, der erprobte Heerführer Sigmunds, angeraten hatte, sondern sich – ab 23. Juli – mit der Belagerung der Stadt Mies aufhielt, die im Herbst 1426 den Hussiten in die Hände gefallen war und nun durch einen ihrer Anführer, Pribik von Klenau, verteidigt wurde. Die bloße Nachricht vom Heranrücken Prokops genügte diesmal, um das Reichsheer so zu demoralisieren, daß es den Hussiten keine Schwierigkeiten bereitete, den Gegner am 2. August nach Tachau zurückzudrängen und tags darauf gänzlich über die Grenze zu treiben.(1)

Ein zweites Heer fiel von Schlesien her in Böhmen ein und errang bei Nachod einen Sieg, zog sich aber nach Norden zurück, als es von den Vorkommnissen bei Tachau erfuhr. Durch diese Ereignisse wurde das hussitische Selbstbewußtsein nur noch mehr gestärkt. Auf dem Reichstag in Frankfurt war man sich bewußt, daß die Hussiten nun auch bald über die Grenzen Böhmens in das Reich einfallen würden, deshalb wurde am 16. November 1427 auch die Ausschreibung einer Hussiten-Steuer beschlossen, nach dem Muster des Klerus, welcher nach Maßgabe des Papstes Martin den jährlichen Zehnt für diesen Zwecke abzuführen.

Zu Anfang des Jahres 1428 überschritten die Hussiten wieder die Reichsgrenze und fielen in die angrenzenden Gebiete ein. Bei diesen „Feldzügen“ traten die reformatorischen Absichten allerdings in den Hintergrund, es handelte sich um Rache- und Raubzüge. Die Hussiten waren natürlich aufs Beutemachen angewiesen um sich zu verpflegen, aber auch die pure Gier einzelner Gruppen innerhalb der Hussiten ließ sie immer weiter plündern und rauben.

Die breite Öffentlichkeit unterschied natürlich nicht zwischen diesem räuberischen Gesindel und den wahren, vom reformatorischen Geist beseelten Hussiten, sie sahen nur die Landplage und es entwickelte sich eine große Abscheu gegen sie.

Im Norden fielen die Hussiten in Schlesien ein, im Westen in Bayern und Franken und sogar bis Wien zogen die plündernden Horden. Im Frühling 1429 vereinigten sich die verschiedenen Abteilungen dann auch in Österreich, wo von utraquistischer Seite aus Kontakte zu König Siegmund aufgenommen wurden und sich im April dann in Preßburg mit Abgesandten des Königs trafen.

Siegmunds Position war einfach: er wollte eine sofortige Beilegung sämtlicher religiöser Streitigkeiten, respektive eine Diskussion auf dem bevorstehenden Konzil in Basel. Auf jeden Fall sollte ein sofortiger Waffenstillstand in Kraft treten, denn der König hatte auch andere Sorgen, denn in Ungarn standen die Türke und dem König gelang es nicht, ihn von dort zu vertreiben. Ein Konzil lehnten die Hussiten allerdings kategorisch ab und auch einen Waffenstillstand konnten sie nicht zustimmen, womit diese Verhandlungen scheiterten.

Daraufhin setzten sich König und Papst vehement für die baldigen Durchführung des ja schon beschlossenen zweiten Kreuzzugs gegen die Hussiten ein. Aber auch hier kam es zu keinem definitiven Ergebnis, nachdem England sein 5.000 Mann starkes Kontingent lieber im eigenen Krieg gegen Frankreich einsetzten, als in Deutschland.

Die Hussiten indes verwüsteten nun den mitteldeutschen Raum bis hin zur Oder. Guben und die gesamte Lausitz wurden heimgesucht. Danach wandten sie sich gegen Meißen, Pirna, Dresden und Leipzig, ein vom Herzog von Sachsen geführtes Heer schlugen sie zu Beginn des Jahres 1430.

Über Altenburg, Gera, Plauen, Hof und Bayreuth zogen die Hussiten nun nach Bamberg und Nürnberg. Von dort aus zogen sie im Februar über Eger wieder in Böhmen ein. Die auf ihren Raubzügen gemachte Beute wurde auf 3.000 Wagen mitgeführt. Die Hussiten gaben nun aber keine Ruhe und gingen weiter gegen Schlesien, Mähren und Ungarn vor und verwüsteten diese Ländereien.

Immer eindringlicher warb der Papst bei den deutschen Fürsten um die Ausrichtung des zweiten Kreuzzuges gegen die Ketzer. Ein guter Schritt war dazu der Reichstag in Nürnberg im März 1431. Dort wurde beschlossen, daß sich die Truppen aller Fürsten am Johannistag an der böhmischen Grenze sammeln sollten.

König Siegmund machte noch einen weiteren Verhandlungsversuch und traf sich in Eger mit einer hussitischen Delegation. Da der König nicht von seinen Positionen abwich gingen beide Gruppen ohne Ergebnis wieder auseinander. Die Hussiten ließen nach ihrer Rückkehr ihr Heer wieder kriegsbereit machen. So kam es nun, daß am 1. August 1431 das Kreuzheer mit 90.000 Infanteristen und 40.000 Kavalleristen und Führung des Kurfürsten von Brandenburg die Westgrenze Böhmens überschritt. In der Nähe von Taus kam ihnen das gleichfalls bedeutende Husitenheer entgegen. Wiederum geriethen die Kreuztruppen, kaum daß sie den dröhnenden Schlachtgesang der Hussiten hörten, in Verwirrung und erlitten auf der ordnungslosen Flucht im Böhmerwalde durch die Verfolger bedeutende Verluste an Mannschaft, abgesehen davon, daß den Husiten auch wieder an 3.000 Wagen mit Kriegsbeute in die Hände fielen (14. August 1431). Ein gleichzeitig von Norden her eingedrungenes Heer der Meißener zog sich auf die Kunde davon wieder zurück; gegen den in Mähren vordringenden Albrecht von Oesterreich zog dann Prokop der Kahle und drang später noch in Ungarn bis über Neutra vor, überall große Verheerung hinterlassend. (2)

Diese Vorkommnisse hatten König Siegmund gezeigt, daß den Hussiten mit Waffengewalt nicht beizukommen war und so versuchte man um so intensiver den Konflikt auf diplomatischem Weg zu lösen und richtete am 26. August von Nürnberg aus ein Schreiben an die Hussiten, mit der Bitte zum Konzil nach Basel zu kommen. Auch das Konzil wand sich mit einem überaus freundlichem Schreiben an die Böhmen. Als Unterhändler wurden der Dominikanerprior Johann Rider und der Zisterzienzer Johann von Gelnhausen nach Eger entsandt.

Nach größeren Schwierigkeiten wurde ein erster Erfolg erzielt. Den Hussiten wurde „volles und freies Gehör“ zugesichert auch wurde zugestanden, daß in Schen der vier Artikel das göttliche Gesetz, die Uebung Christi, der Apostel und der Urkirche sammt den Concilien und den auf jene sich beziehenden Doctoren als wahrhafte und unparteiische Richter auf dem Concil angewendet werden sollten. (2)

Auch auf böhmischer Seite war man nach dem Tode des Erzbischofs Konrad mehr denn je an einem Friedensschluß interessiert und so konnten sich wenigstens die gemäßigten Utraquisten Hoffnung auf Frieden machen. Ihnen war besonders an der Wiederbelebung des Prager Erzbistums gelegen und nachdem man ihm diesen Stuhl in Aussicht gestellt hatte bemühte sich vor allem Rokyzana um einen positiven Verlauf der Verhandlungen. Die Taboriten indes ließen sich von den Verhandlungen gar nicht beeindrucken, und gingen weiterhin mit der Waffe in der Hand vor und fielen wiederum in Schlesien ein, verwüsteten Brandenburg und Berlin und zogen bis nach Ungarn hin. Ja selbst als der Landtag von Kuttenberg Ende August 1432 bereits die Abgesandten wählte, welche nach Basel gehen sollten, gingen sie auf den vom Concil verlangten Waffenstillstand nicht ein und unternahmen bald darauf neue Kämpfe gegen Albrecht in Mähren und Oesterreich. (2)

Nachdem alle Geleitsbriefe des Konzils und aller Fürsten deren Gebiet man durchqueren mußte eingetroffen waren zog die hussitische Delegation im Dezember 1432 nach Basel und kam am 4. Januar 1433 dort auch an. Am 16. Januar begann die Diskussion über die vier Prager Artikel, die den Hussiten ja zugesichert worden war. Die Diskussion war allerdings nicht sehr erfolgreich, so nachgiebig die päpstliche Seite auch war, so unnachgiebig zeigten sich die Hussiten. Man konnte sich weder in diesem noch in den anderen Punkten einigen und so zogen die Hussiten am 14. April 1433 erfolglos wieder ab. Begleitet wurden sie von einer Abordnung des Konzils, die direkt mit dem Prager Landtag verhandeln sollte. Diese Abordnung handelte so geschickt und umsichtig, daß ihr bald alle gemäßigten Hussiten geneigt waren. Man war schon ziemlich geneigt …, gegen das bloße Zugeständniß des Laienkelches sich in allem Uebrigen dem Concil zu beugen und zum Gehorsam gegen die Kirche zurückzukehren. (2) Lediglich die Taboriten sträubten sich gegen diese Übereinkünfte und Prokop der Große zog mit seinen Mannen aus, um Pilsen zu belagern, was trotz allem reformatorischem Eifers noch immer treu zum Katholizismus stand.

Die Abordnung des Konzils machte sich wieder auf dem Weg nach Basel und in ihrem Gefolge war auch eine hussitische Delegation, die die überarbeiteten vier Prager Artikel dem Konzil vorlegen sollte. Mittlerweile war König Siegmund zum Kaiser gekrönt worden und beteiligte sich intensiv an der Konzilsarbeit.

Man einigte sich schließlich auf folgenden Kompromiß: Das Abendmahl sollte in Böhmen und Mähren auf Wunsch des Einzelnen in beiderlei Gestalt verabreicht werden, nur solle der Priester dabei „einprägen“, daß „unter jeder Gestalt der ganze Christus sei“. Die Todsünden sollen gerichtet werden, aber nur von denen die die entsprechende Jurisdiktion haben. Das Wort Gottes darf frei gepredigt werden, aber nur von entsprechend ordinierten Priestern. Priester mit einem entsprechenden Gelübde sollen keine weltlichen Ämter erhalten dürfen, Priester ohne ein solches Gelübde nur auf Zeit. Wenn die Hussiten diesen Kompromiß annehmen sollten, wurde ihnen die Wegnahme aller Repressalien durch die Kirche zugesichert.

Einige Hussiten konnten sich allerdings nicht mit diesem Kompromiß anfreunden und so wurde dieser Vertrag so nicht geschlossen. Es bildete sich allerdings eine dritte hussitische Strömung, die einen sofortigen Friedensschluß mit Kaiser und Papst anstrebte. Diese Partei manifestierte sich im sogenannten Landfriedensbund, dem fast alle nichttaboritischen Adeligen aus Böhmen und Mähren angehörten. Dieser Landfriedensbund legte den Taboriten nahe, ihr Heer aufzulösen und zu entwaffnen.

Die Taboriten lagen noch immer vor Pilsen, belagerten die Stadt und malträtierten das Umland. Sie hatten allerdings auch Streitigkeiten untereinander, von solcher Heftigkeit, daß sich sogar Prokop der Große teilweise von seinen Truppen abwandt. Jetzt allerdings, als die Bedrohung nicht nur von reichsdeutscher, sondern auch von böhmisch/mährischer Seite ausging führte er alle taboritischen Kräfte zusammen und führte sie bis kurz vor Prag.

Durch die Vereinigung der Prager Utraquisten mit den katholischen Adligen hatten auch diese eine beeindruckende Streitmacht aufgestellt. Am 30. Mai 1434 kam es bei Lipan unweit von Böhmisch-Brod zur Entscheidungsschlacht zwischen den Utraquisten und Katholiken auf der einen und den Taboriten auf der anderen Seite. Es war ein großer Sieg für die Utraquisten; die Taboriten wurden fast gänzlich vernichtet, ihr Anführer Prokop der Große, fiel in dieser Schlacht.

Die Taboriten waren nun kein großes Hindernis für einen endgültigen Friedensschluß mehr, auf dem böhmisch/mährischen Landtag, kurz nach der Schlacht zusammentrat schlugen sich auch die Adlige, die bisher mit den Taboriten sympathisierten auf die Seite der Prager Utraquisten. Diese schlossen mit den katholischen Ständen einen auf ein Jahr begrenzten Waffenstillstand. Weiters wurde eine Kommission zusammengesetzt, welche mit Kaiser und Papst verhandeln sollte. Auf dem mittlerweile in Regensburg zusammengetretenen Reichstag trafen eine Abordnung des Baseler Konzils, der Kaiser und die hussitische Kommission zusammen und verhandelten. Diskussionsgrundlage war noch immer der Kompromiß, welcher im November 1433 ausgehandelt wurde.

Die Utraquisten waren mit diesem Kompromiß jedoch noch immer nicht ganz einverstanden und forderten, daß das heilige Sakrament in allen bömischen und mährischen Kirchen in beiderlei Gestalt gereicht werden sollte. Um das Wohlwollen Siegmunds und seine parteinahme für ihre Sache zu gewinnen wollten sie Siegmund als deutschen Kaiser und böhmischen König anerkennen. Siegmund konnte sich allerdings nicht dazu durchringen und so wurde beschäftigte sich wieder der Prager Landtag mit diesem Problem.

Hier gaben die Utraquisten insoweit nach, als bestimmt wurde, es sollten sämmtliche Kirchen des Königreiches nach Maßgabe der zur Zeit in denselben herrschenden Uebung in solche getheilt werden, in denen fernerhin die Communion nur utraquistisch und in solche, in denen sie nur subunistisch gespendet werde. Dagegen beanspruchten sie die Wahl des Erzbischofs und seiner zwei Suffraganen (Leitomichl und Olmütz) auf dem Landtage, Ausschluß aller Ausländer vom Reche der Beneficienverleihung im Lande und eine exclusiv einheimische Gerichtsbarkeit. (2)

Im Juli 1435 fand eine Zusammenkunft zwischen Kaiser, Konzil und Hussiten im südmährischen Brünn statt. Da die Abgesandten des Konzils nicht von den Formulierungen im Text des Kompromißangebots abweichen wollten, der Kaiser aber die ganze Angelegenheit nun endlich beendet sehen wollte stellte dieser am 6. Juli 1435 eine Urkunde aus, in der er die Forderungen der Hussiten annahm und versprach, die Zustimmung des Concils dazu zu erwirken und die thatsächliche Ausübung dieser Freiheiten nicht zu hindern. (2) Aufgrund dieser Urkunde wurde dann auch im September 1435 auf dem Landtag Rokyzana zum Erzbischof von Prag gewählt, seine Wahl wurde aber noch solange geheim gehalten, bis der Kaiser sich in Basel hatte durchsetzen können.

Dabei gab es allerdings einige Probleme. Der Kaiser traf sich mit Abgesandten des Basler Konzils in Stuhlweißenburg und von ihm wurde verlangt, daß er sich nicht in Glaubens- und Kirchenfragen nicht einmischen würde. Dies stand im krassen Gegensatz zu seinem den Utraquisten gegeben Wort. Darauf wurde die Einberufung des Landtages nach Iglau beschlossen, bis zu welchem die Basler Gesandtschaft die Bestätigung des gewählten Erzbischofs, dessen Name jetzt publicirt wurde, beischaffen sollte. (2)

Auf dem Landtag erklärten die Abgesandten des Konzils, daß man in Basel lieber Bischof Philibert von Coutance als Prager Erzbischof sehen würde. Aber sowohl der Kaiser, als auch Herzog Albrecht versprachen, sich für die Einsetzung Rokyzanas stark zu machen und auf dieses Versprechen hin nahm der Landtag den Kompromiß von 1433 an und gelobte den Abgesandten des Konzils die Treue. Von Seiten des Konzils wurde der über Böhmen verhängte Kirchenbann aufgehoben und die Böhmen als gute Kinder der Kirche bezeichnet. Weiters wurde Siegmund von den Ständen als böhmischer König anerkannt und konnte am 23. August 1435 in Prag seinen Herrscherstuhl besteigen. Dies bedeutete den Frieden.

Schon bald gab es allerdings wieder Unzufriedenheit im Lager der Hussiten. Rokyzanas Ernennung zum Erzbischof von Prag blieb aus und weder Kaiser noch Papst schienen sich darum zu kümmern. Dazu kam noch, daß in Prag Philibert von Coutance sein bischöfliches Amt sehr gut ausfüllte. Die Einführung der beiden Riten bei der Speisung vollzog sich friedlich. Die königlichen Städte, die der hussitischen Lehre anhingen und in den Gebieten des hussitischen Adels (dazu gehörten nun auch die Klöster- und Kirchenbesitzungen, die während des Kampfes entweder als Pfand an diese Adligen fielen oder als Beute zu ihnen kamen.) wurde utraquistisch kommuniziert, in den meisten königlichen Städten im Süden, wie Budweis, oder im standhaften Pilsen sowie im Grenzgebiet wurde subunistisch kommuniziert.

Die Hussiten merkten, daß der Kaholizismus immer weiter die Oberhand gewann und das paßte ihnen gar nicht. Sie forderten den Kaiser auf, sich an sein Versprechen zu erinnern und ihren Kandidaten für das Amt des Prager Erzbischofs in den Sattel zu verhelfen. Kaiser Siegmund allerdings setzt Rokyzana nicht ein, sondern bestimmte den gemäßigten Christian von Prachatic als Administrator ein. Rokyzana verlor in Prag ganz den Boden unter den Füßen und verließ die Goldene Stadt daraufhin und ging nach Königgrätz.

1437 starb Siegmund und sein Nachfolger als böhmischer König wurde Albrecht von Österreich, aber auch dieser starb schon 1439. Daraufhin bildeten sich sogenannte Friedenskreise in Böhmen, hier kristallisierten sich bald vier Blöcke ab: ein katholischer, ein gemäßigter utraquistischer, ein streng utraquistischer und ein taboritischer. Rokyzana witterte Morgenluft und versammelte am 4. Oktober 1441 etwa 300 seiner Priester in Kuttenberg. Diese Priester lehnten die gemäßigten Utraquisten als ihre Anführer ab und schworen allein Rokyzana die Gefolgschaft. Sie verfaßten die sogenannten „24 Kuttenberger Artikel“, in denen sie zum alten, streng hussitischen Ritus zurückkehrten.

Im Vorgehen gegen die Taboriten gingen aber alle utraquistischen Kräfte gemeinsam vor und 1443 trat Rokyzana, der noch immer auf die Prager Erzbischofswürde spekulierte, zusammen mit den gemäßigten Utraquisten bei einer Diskussion für deren Ansichten gegen die Taboriten ein und sprach sich vehement gegen die taboritische Abendmahllehre aus. Auch der Prager Landtag von 1444 verwarf dieselbe, und viele Taboriten schlossen sich seitdem einer der anderen Parteien an; doch Tabor und etwas später auch Saaz, Laun und Pisek, die ältesten Taboritenstädte, bekannten sich immer noch zum alten Taboritenglauben, bis endlich 1452 Waffengewalt der Sache ein Ende machte. Nur in der jetzt aufkommenden Unität der ‚böhmischen Brüder‘ kann man weiterhin noch die Forterhaltung taboritischer Anschauungen wahrnehmen. (2)

Rokyzana und seine Parteigänger bemühten sich noch immer um das Amt des Prager Erzbischofs. Der Papst konnte und wollte aber keine endgültige Entscheidung treffen und so zog sich diese Angelegenheit lange hin. Erst Papst Pius II. ernannte Wenzel von Krumau als Administrator für das Prager Erzbistum. Dieser Papst war es aber auch, der den Kompromiß von 1433 für null und nichtig erklärte. Der mittlerweile auf den böhmischen Thron nachgerückte König Georg verhängte daraufhin zahlreiche Repressalien gegen die Katholiken und zog sich dadurch 1466 den Kirchenbann zu. Erst nach dem Tode Rokyzana’s (22. Februar 1471) versöhnte sich König Georg mit der Kirche und starb einen Monat danach selbst. (2)

Den Utraquisten fehlte damit ein starker Führer und die Utraquisten verloren ihre Bedeutung, trotzdem hielt sich die Verabreichung des Laienkelches im ganzen Land. 1485 wurde im Kuttenberger Religionsfrieden durch den böhmischen König Wladislaus den Utraquisten und Subunisten die Gleichberechtigung zugesichert. Daraufhin vertrugen sich die beiden Parteien recht gut, und da die eigentlich häretischen Elemente bereits anderweitig abgelenkt waren, so conformirten sich die späteren Utraquisten, namentlich was Cerimoniell und äußern Glanz des Gottesdienstes anbelangt, den Römisch-Katholischen wieder derart, daß sie von ihnen oft nur noch durch den Gebrauch des Lainekelches und durch eine mehr ‚platonische‘ Verehrung ihres heiligen Martyrers Hus zu unterscheiden war. (2)

(1) Schlesinger, Gerhard: Die Hussiten in Franken. – Kulmbach, 1974.
(2) Wetzer und Weltes Kirchenlexikon: oder Encyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hülfswissenschaften. – Freiburg im Breisgau, 1889.
(3) Friedenthal, Richard: Ketzer und Rebell: Jan Hus und das Jahrhundert der Revolutionskriege. – München, 1972.

Vom Leben und Sterben des Magisters Jan Hus

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Schlägt man ein beliebiges Konversations-Lexikon auf, so findet man unter dem Schlagwort Hus, Jan folgenden Eintrag: Hus, Jan (Johannes Huß), * um 1369, + 1415, tschech. Reformator; verbreitete die Lehren John Wycliffs, kämpfte für kirchl. Verselbstständigung der Tschechen; auf dem Konzil in Konstanz verurteilt und verbrannt. (1)

Leider war die ganze Geschichte nicht so einfach, jedenfalls nicht für Hus. Jan Hus wurde 1369 oder 1370 in Husinec bei Prachatic in Südböhmen geboren. Seine Eltern waren einfache Leute, hatten zahlreiche Kinder, und so kam es, daß Jan bald das Elternhaus verließ und siech als hungernder Scholar, wie es im Volksmund hieß, durchschlug. Im Gegensatz zu seinen „Berufskollegen“ war sein Fleiß bald bekannt und auch sein sittlicher Lebenswandel tadellos. Obwohl er zu Anfang den geistlichen Stand nur als Einnahmequelle sah vernachlässigte er seine Pflichten nicht und betrieb diese mit rechtem Eifer, so machte er noch anläßlich des Jubiläums von 1393 zur Gewinnung des Ablasses andächtig die vorgeschriebenen Kirchenbesuche, beichtete und opferte seine letzten 4 Groschen, so daß er sich eine Zeit lang mit trockenem Brode begnügen mußte. In demselben Jahre erlangte er an der Prager Artistenfacultät den Grad eines Baccalareus und 1396 den eines Magisters der freien Künste; innerhalb der theologischen Facultät wurde er, wie manche seiner Genossen, z. B. Jacobellus von Mies, nur Baccalareus formatus, und auch dieses wohl erst nach 1396. Die Priesterweihe empfing er kaum vor 1400. Nach Erlangung der akademischen Grade widmete sich Hus alsbald der Lehrtätigkeit an der Universität und wurde daselbst 1401 zum Decan der Artistenfacultät, für das Semester von Galli 1402 bis Georgi 1403 aber zum Rector gewählt. (2)

In ganz Böhmen gab es zu dieser Zeit politische Spannungen zwischen der tschechisch-slavischen Bevölkerung und den Deutschen. Die Deutschen wurden vor allem zur Zeit der Premyslidenfürsten ins Land geholt und durch zahlreiche Privilegien begünstigt. Sie bildeten zwar im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung nur eine Minderheit, hatten allerdings einen enormen politischen und wirtschaftlichen Einfluß und vor allem in den von ihnen gegründeten Städten, darunter auch die Hauptstadt Prag, hatten sie ein großes Übergewicht in Handel, Kunst, Schule und Rechtspflege. Auch der niedere und höhere Adel orientierte sich an den Deutschen, baute seine Burgen nach ihrer Art und auch am Hofe König Wenzel IV. hatten sie einen bedeutenden Stand. Ihr größtes Machtpotential, welches sie auch weidlich ausnutzten, lag im Klerus, wo die Deutschen sämtliche Schlüsselpositionen besetzten. Deutsche Priester und Mönche hatten ja den wesentlichsten Antheil an der Christianisirung des Landes und an der Erziehung des Volkes gehabt, Deutsche bevölkerten fortwährend vorzugsweise die Klöster und waren im Besitze der meisten Stiftungen und Pfründe. Bei der karolinischen Universität aber hatten bei der hier bestehenden Eintheilung nach vier Nationen die fremdländischen Deutschen, indem sie die sächsische und bayerische Nation ganz und die polnische zum größeren Theile bildeten, mit ihren drei Stimmen gegenüber der einen Stimme der böhmischen Nation es in der Hand, bei allen Wahlen für Pfründen, Stiftungen und Aemter den Aufschlag  für deutsche Candidaten zu geben. (2)

Während des 14. Jahrhunderts erwachte allerdings das tschechisch-slavische Selbstbewußtsein wieder. Dies lag vor allem an der Tätigkeit zahlreicher tschechischer Volksschriftsteller, aber auch an der veränderten Politik der neuen Herrscher aus der luxemburgischen Linie.

Hus vertrat als Tscheche natürlich die tschechischen Interessen, auch was die Karlsuniversität betraf. Ihn faszinierte vor allem die Lehren des Magisters John Wicliff (s. d.), dessen Schriften durch die engen Beziehungen zwischen Prag und Oxford auch in Böhmen kursierten. Er las nicht nur selbst dessen Schriften, soweit sie ihm zugänglich wurden,  sondern empfahl und verbreitete  sie auch weiter; nach ihnen oder über sie hielt er, wie nach einer von ihm 1398 eigenhändig gefertigten Abschrift fünf philosophischer Tractate Wiclifs geschlossen zu werden pflegt, auch seine ersten Vorlesungen an der Universität; von Wiclif entlehnte er alles, was man auch noch in seinen später verfaßten Schriften an Bibelkenntnis, patristischer Belesenheit und dialektischer Kunst Rühmenswerthes gefunden hat; auf seinen Schultern stieg er zum Ansehen eines Gelehrten und Patrioten von mehr als gewöhnlicher Bedeutung. (2)

Jan Hus erhielt im März 1402 ein weiteres öffentliches Amt, als Prediger in der Bethlehemskapelle in der Altstadt Prags. Diese Kapelle wurde von zwei böhmischen Nationalisten im Jahre 1391 Zu ehren der heiligen unschuldigen Martyrer in Bethlehem gegründet worden und mit Stiftungen versehen worden. Bedingung war lediglich, daß die Predigten in tschechischer Volkssprache abgehalten wurden. Dadurch wurde die Bethlehemskapelle zu einem Zentrum der nationalen Bewegung in Prag. Hus trat hier mit Enthusiasmus sein neues Amt an, da er sich ja voll und ganz hinter die tschechisch-slavische Sache stellte. Bald hatte er seine eigene große „Fangemeinde“, er war ein Meister der Sprache und des Vortrags. Darüber hinaus prädestinierte ihn sein akademisches Amt, sein priesterlicher Wandel und seine Genügsamkeit zum Sittenprediger. Es war keine Seltenheit, daß bis zu 3000 Menschen seinen Predigten lauschten. Obwohl Hus gegen die Frauen als pix diaboli keinerlei Nachsicht kannte gehörten auch zahlreiche Frauen von Stand und sogar Hofdamen zu seiner Gemeinde.

Hus wurde auch von dem 1403 ernannten Prager Erzbischof Zbynek damit beauftragt, ihm immer dann zu berichten, wenn er Verstöße gegen die klerikale Disziplin beobachten würde. So kam Hus auch in die Commission, welche die angeblich durch eine ‚blutende Hostie‘ zu Wilsnack im Brandenburgischen, wohn seit längerer Zeit auch zahllose Böhmen wallfarhten, gewirkten Wunder untersuchen lassen sollte. Es mag sein, daß die trügerische Behauptungen von Wunderheilungen ergab; die Schrift jedoch, welche Hus darüber verfaßte (De omi sanguine Christi glorificato), zeigte unrichtige theologische Voraussetzungen. Dennoch belobte sie der Erzbischof und verbot auf der Junisynode 1405 das weitere Wallfahren nach Wilsnack unter Strafe des Bannes. (2)

Auch wurde Jan Hus neben Stanislaus von Znaim die besondere Ehre zuteil auf der vom Erzbischof zweimal im Jahr einberufenen Synode zu predigen. 1406 allerdings erließ Zbynek auf drängen des apostolischen Stuhles hin eine Verfügung gegen die Wiclifsche Lehre und dessen Auffassungen zum Abendmahl. Weiters verbot der Bischof, daß zukünftig von der Kanzel herab nicht mehr indiskrete Reden über den Klerus verbreitet werden sollen, wie dies bisher ut praesumitur, ex Wikleph opinionibus geschehen sei.

Obwohl man dachte, damit dem Wiclifismus einen Riegel vorgeschoben zu haben wurde die Kühnheit und die Sicherheit mit der die Wiclifisten in der Öffentlichkeit agierten größer. So gedieh die „Wiclisie“ immer weiter und faßte auch Fuß in Mähren bis Papst Gregor XII. ein Schreiben an Zybnek richtete, indem diese Zustände angeprangert wurden. Dieses Schreiben wurde auch dem König Wenzel zur Kenntnis gebracht, welcher deshalb auf genaueste Untersuchung dieser Anschuldigungen pochte.

Dieser Streit wurde aber auch in die Prager Universität hinein getragen. Hus stand natürlich auf der Seite der tschechischen Nationalisten, die eine Umverteilung der zur Wahl des Rektors nötigen Stimmen forderte, die natürlich von den deutschen Vertretern aufs strengste Abgelehnt wurde. König Wenzel IV. wurde dieser Streit zu Gehör gebracht und er geriet dadurch so sehr in Rage, daß er Hus und Hieronymus von Prag vorwarf, sie würden lediglich Unruhe stiften und wenn es der Papst nicht täte, würde er ihren Scheiterhaufen sogar persönlich anzünden. Bald wurde er durch seine Günstlinge wieder umgestimmt und verordnete nun mittels Decret vom 18. Januar 1409, daß fortan die böhmische Nation an der Universität bei allen Wahlen und Acten drei Stimmen haben solle, wonach den anderen drei Nationen nur eine Stimme blieb. Die Deutschen erhoben Gegenvorstellungen und verpflichteten sich, falls dieselben nicht beachtet würden, Prag für immer zu verlassen; und als es Ende April zur Rectorswahl kam, verhinderten sie durch ihre Weigerung, nach der neuen Ordnung zu wählen, deren Zustandekommen. Da erschien am 9. Mai vor der zur Versammlung berufenen Universität ein königlicher Commissar, nahm dem alten Rector Henning von Baltenhagen Siegel, Matrikel und Rectoratsinsignien ab und verlas ein Decret, womit zum Rector ein königlicher Kaplan und Küchenschreiber ernannt wurde. Nach Christi Himmelfahrt verließen darauf die deutschen Magister, Baccalare und Studenten in einer Anzahl, welche in den ältesten Quellen auf 5000 bis 20000 angegeben wird, die Stadt und zogen zumeist nach Leipzig, wo jetzt  eine neue Universität entstand, oder nach Erfurt, Krakau u. s. w.. (2)

Während das konservative und deutschfreundliche Prag den Weggang bedauerte und einen Niedergang ihrer Stadt befürchtete, jubilierte Hus auf seiner Kanzel in der Bethlehemskapelle und feierte die „Befreiung“ von der Fremdherrschaft und die Wiedergeburt der sacrosancta natio bohemica.

Es war daraufhin kein Wunder daß der Rector des Wintersemesters an der Prager Universität Jan Hus hieß. Magister Johann Eilä bezeichnete ihn als Magister in Israel, der Israel regiert, ein zweiter Nicodemus, demüthig und sanft, – ein Mittler zwischen Gott und seinem auserwählten Volke.

Auf anderem Gebiete verliefen die Dinge allerdings nicht so günstig für Hus, denn der Erzbischof von Prag verlangte von ihm eine Rechtfertigung für die schon früher erhobenen Vorwürfe der Wiclisie. Hus antwortete auch, allerdings auf eine Art und Weise, die den Erzbischof nicht befriedigte und so entsandt er eine Abordnung zu Papst Alexander V., um ihn davon in Kenntnis zu setzen, daß in Böhmen und Mähren noch immer der Wiclifsche Irrtum am Leben sei. Der Papst antwortete darauf mit einer Bulle, in der eine Kommission gefordert wurde, die dies Untersuchen sollte. Diese wurde auch bald eingesetzt und auf der Junisynode 1410 wurde ihr Ergebnis veröffentlicht. Es sollten alle Schriften Wiclifs verbrannt werden. Gegen diese Anordnung stellte sich Hus natürlich und konnte erreichen, daß König Wenzel IV. einen gewissen Aufschub beim Erzbischof erreichen konnte.

Der Prager Erzbischof gewährte diesen Aufschub auch, nutzte die Zeit allerdings, dem neuen Papst Johannes XXIII. eine Beschwerde gegen Hus zu senden. Am 16. Juli machte der Erzbischof allerdings ernst und verbrannte im Hof seines Palais an die 200 Codices der 17 verschiedenen Schriften Wiclifs. Er ließ es sich natürlich nicht nehmen und entzündete den Scheiterhaufen persönlich.

Mittlerweile hatte auch der Kardinal Otto Colonna die Beschwerde über Hus erhalten und orderte ihn nach Rom, um sich vor dem Papst persönlich zu Verantworten. Der Tscheche weigerte sich natürlich und machte die Sache in ganz Prag und in großen Teilen Böhmens publik. Sogar König Wenzel IV. und Königin Sophie wandten sich an den Papst, um für Hus zu sprechen.

Das alles nutzte aber nicht viel. Im Februar 1411 exkommunizierte Kardinal Colonna Hus, da er die Frist hatte verstreichen lassen. Der Prager Erzbischof Zybnek ließ dies am 15. März in ganz Prag verlautbaren, wobei sich lediglich zwei Priester weigerten. Dies führte zu einem heftigen Streit zwischen König und Erzbischof, der erst durch eine Schiedskommission geschlichtet werden konnte.

Um diese Zeit schuf er sich auch einen neuen Gegner, der ihm nochmals in Konstanz heftig zusetzte, in der Person Johannes Stokes‘, ein Licentiaten der Rechte von Cambridge. Dieser kam auf der Durchreise nach Prag, wurde von den Wiclisten theilnahmsvoll begrüßt, erregte aber sogleich ihr Mißfallen durch die Aeußerung, wer die Schriften Wiclifs studire, der müsse, sei er auch noch so glaubensfest, mit der Zeit in Häresie gerathen. Hus fand hierin nicht eine Warnung für sich, sonder eine Beleidigung Böhmens und Oxfords und forderte Stokes zu einer Disputation, damit er beweise oder widerrufe. Stokes weigerte sich, in Prag zu disputieren, und erklärte neuerdings, Wiclif gelte in England als Ketzer und sei auch als solcher verurtheilt worden. Darauf hielt Hus die Disputation ohne Stokes und sprach dabei seine Ueberzeugung aus, daß Wiclif kein Ketzer, sonder einer aus den zur Seligkeit Prädestinirten sei. (2)

Aber auch in Böhmen selbst schuf er sich Widersacher. Je verbissener Hus für Wiclif predigte und seine Argumente ausbreitete, bezeichnete Stephan von Palec Wiclif als gefährlichsten aller Ketzer, weil bei ihm Alles so mit Bibelstellen verschanzt sei, daß Talent, und Schulbildung dazu gehöre, um seine Irrthümer als solche zu erkennen. (2)

Zu dieser Zeit geschah es auch, daß der Papst Michael von Deutschbrod, der den Beinamen de causis führte, nach Prag entsandte, um das bisher vernachlässigte Verfahren gegen Jan Hus zu beschleunigen. Michael war früher selbst Pfarrer in Prag gewesen, war allerdings bei König Wenzel IV. in Ungnade gefallen und mußte so an den päpstlichen Hof gehen. Dort war er Procurator in causis (fidei), was seinen Beinamen erklärt.

In Folge seines Auftretens wurde das bisher ziemlich lässig betriebene Verfahren gegen Hus beschleunigt, dessen Procuratoren selbst gemaßregelt und aus Rom entfernt, und sodann noch im Juli durch den Cardinal von St. Angelo eine Verschärfung des von Cardinal Colonna über Hus ausgesprochenen Bannes erlassen. Der Gebannte sollte jetzt von allen Gläubigen gemieden werden, und bei fortgesetzter Verstocktheit sollte eine neue Aggravation eintreten und der Ort seines Aufenthaltes mit dem Interdicte belegt sein. (2)

Die Lage spitzte sich durch Demonstrationen gegen den Ablaßhandel enorm zu und die Antwort aus Rom bestand wieder aus einer päpstlichen Bulle, in der angeordnet wurde, daß Jan Hus festgenommen und dem Erzbischof oder anderen Richtern zugeführt werden sollte. Die Bethlehemskapelle solle „als Zentrum der Häresie“ dem Erdboden gleich gemacht werden und alle Mitstreiter von Hus wurden ebenfalls mit dem Bann belegt und sollten, so sie ihrem Irrglauben nicht abgeschworen hätten sich in Rom verantworten.

Hus verteidigte sich gegen die neuerlichen Anwürfe und verfaßte einen Brief an Jesus Christus selbst, worin er die Gründe ausführte, weshalb er nicht vor dem Papst erscheinen könne.

Trotz Exkommunikation und Verbot des Papstes predigte Jan Hus weiterhin Sonntag für Sonntag in der Bethlehemskapelle zu Prag. Sogar die Königin mit ihrem Staat besuchte seine Messen und auch der König hielt zu ihm und dachte anscheinend gar nicht daran, das päpstliche Urteil zu vollstrecken. Dies brachte die deutsche Bevölkerung Prags derart in Rage, daß sie mehrfach versuchte, sich des Gotteshauses und der Person Jan Hus mit Gewalt zu bemächtigen.

Aufgrund dieser eminenten Zuspitzung der Ereignis drängten alle Freunde Hus dazu Prag zu verlassen und als auch der König diesen Wunsch äußerte ging er 1412 nach Südböhmen auf die Veste Kozihradek bei Austi an der Luznic.

Hus war allerdings nicht untätig, sondern ermutigte seine Prager Mitstreiter mit zahlreichen Briefen, ihrer Sache treu zu bleiben. Dies genügte ihm aber bald nicht mehr und er erschien immer wieder in Prag. Wurde dies bekannt, wurde der Gottesdienst sofort eingestellt. Besonders lang weilte er in Prag nach dem Schlusse der Februarsynode. Die Polemik, welche sich an dieselbe knüpfte, führte ihn darauf zur Abfassung seiner Hauptschrift, des Tractates De ecclesia, den er auf Kozihradek ausarbeitete und dann in Prag verbreiten ließ. (2)

Das Volk strömte zu ihm und er predigte bald auf Kozihradek, bald auf anderen Burgen in der Umgebung, sogar auf freiem Feld, wobei er sich auf Christus selbst berief. Nachdem der Burgherr auf Kozihradek verstorben war zog er auf die Burg Krakowec nahe Prag.

Während seiner Abwesenheit aus Prag gestaltete der König den Rat der Stadt so um, daß die Deutschen nicht mehr wie bisher die Mehrheit hatten, sondern nur noch maximal die Hälfte aller Sitze besetzen konnten. Der Zybnek nachgefolgte Erzbischof Konrad nahm vielfach Rücksicht auf die Einstellung des Königs und machte sich seine jeweilige Meinung zu eigen. Dies alles schuf eine Pro-Hus-Atmosphäre in Prag, die es dem Magister möglich machtegegen Ende April 1414 mehrere Wochen in der Hauptstadt zu leben und dort ein ganzes Buch „De sex erroribus“ zu schreiben, welches die Thesen Wiclifs verteidigte. Er ließ dieses Werk auch an den Wänden der Bethlehemskapelle anschlagen, ohne daß der Gottesdienst in Prag eingestellt wurde, was allerdings der päpstlichen Weisung entsprochen hätte.

Auf der anderen Seite wurde durch den immer weiter dringenden Ruf von den Vorgängen in Böhmen auch von Paris aus dem Streite ein Kämpfer zugeführt in der Person Johannes von Gerson. (2) Dieser mahnte beim Prager Erzbischof die Gefährlichkeit der Wiclifschen Thesen nochmals an und empfahl diese Häresien mittels des „weltlichen Armes und des Feuers“ zu beenden.

Die lange Dauer und die immer steigende Ausdehnung der Unordnung in Böhmen wurde nun auch zum Anlasse, daß deren Beseitigung unter die Hauptaufgabe des allgemeinen  Concils mit aufgenommen wurde, welches am 1. November 1414 in Konstanz zusammentreten sollte. Es nahm sich besonders König Sigismund an dem als Erben Böhmens alles an der Herstellung der Ordnung daselbst und an der Befreiung des Landes von dem Verrufe der Ketzerei gelegen sein mußte. (2)

Er wollte nun, daß sich Hus wenn er schon nicht zum Papst gehen wollte, sich wenigstens auf dem Konzil verantworten solle. Durch seine Hofleute Wenzel von Dubna und Johann von Chlum ließ er dem Magister Hus freies Geleit anbieten. Worauf sich dieses frei Geleit nun letztendlich bezog ist nicht bekannt! Wir wissen nicht, ob es sich nur auf den Hinweg nach Konstanz bezog, oder auf dem gesamten Aufenthalt dort oder vielleicht sogar zusätzlich mit dem Rückweg nach Prag verbunden war.

Da Hus und seine Mitstreiter ja ein solches Konzil verlangt hatten konnte er sich dieser Aufforderung auch nicht entziehen und er erklärte Sigismund, daß er mit freiem Geleit nach Konstanz ziehen wolle.

In Prag erließ er vorerst durch Maueranschläge eine allgemeine Aufforderung, jeder der ihn einer Verstocktheit in Irrthümern beschuldigen wolle, solle sich zur Erbringung der Beweise unter poena talionis verbindlich machen; er wolle vor dem Erzbischofe und den Prälaten wie vor dem Papste und vor dem Concil über seinen Glauben Rede stehen. Da auf diesen Aufruf hin sich niemand meldete, ließ er einen anderen folgen, in welchem er dem König und dem Hof um Zeugniß anrief, daß er sich zur Verantwortung angeboten, daß jedoch niemand darauf eingegangen sei. (2)

Hus ahnte aber, daß die Reise nicht so ganz ungefährlich war, denn am Vorabend seiner Abreise überreichte er seinem Schüler Martin sein versiegeltes Testament mit der Anweisung, selbiges nach der Kunde seines Todes zu öffnen. Am 11. Oktober zog er dann mit großem Gefolge von der Burg Krakowec aus nach Konstanz. Da der Geleitbrief des deutschen Königs Sigismund noch nicht eingetroffen war, schickte König Wenzel drei Ritter zur Sicherung mit. Es handelte sich um Wenzel von Duba, Johann von Chlum und Heinrich von Chlum auf Lacembok. Der ganze Zug kam am 3. November in Konstanz an und zwei Tage später traf auch der Geleitbrief des Königs ein.

Magister Hus konnte sich in der Stadt frei bewegen, nur das abhalten des Gottesdienstes wurde ihm zwar nicht direkt verboten, aber man legte ihm nahe, dieses nicht zu tun. Zahlreiche Feinde trafen in Konstanz ein, darunter auch Bischof Johann von Leitomichl, Michael de causis und Stephan von Palec.

Gerade dieser Stephan von Palec verstand es, im Konzil gegen Hus zu intrigieren und da Hus auch noch anfing, die Messe in seiner Wohnung zu lesen und dem Volk zu predigen, entschlossen sich Papst Johannes XXIII. und seine Kardinäle, den Prozess gegen Jan Hus zu eröffnen.

Am 28. November wurde er durch eine Deputation unter Begleitung von Bewaffneten in die Wohnung des Papstes gebracht, um von den Cardinälen vernommen zu werden. Auf ihre Anordnung wurde er in der folgenden Nacht in dem Hause des Cantors internirt, am 6. December aber von dort, damit seine Befreiung durch die Ritter oder seine Flucht verhindert werde, in das Klostergefängniß bei den Dominicanern am Rhein übergeführt. Der Berufung des Ritters von Chlum auf den Geleitsbrief Sigismunds setzte der Papst als Antwort entgegen, er sei hierzu gegen seinen ursprünglichen Willen genöthigt worden. (2)

Der Papst dachte allerdings gar nicht daran, Hus freizulassen, vielmehr hörte er auf Stephan von Palec und setzte eine aus drei Bischöfen bestehende Kommission zum Verhör des Magisters ein.

Als die Nachricht der Verhaftung von Hus in Prag die Runde machte löste sie helle Aufregung aus. Die Universität richtete eine Protestnote an den Konstanzer Magistrat und die Mitstreiter Johann von Jesenic, Hiernoymus von Prag und Christian von Prachatic beschlossen, nach Konstanz zu fahren. Ja sogar der deutsche König Sigismund intervenierte bei Papst und Konzil, Hus freizulassen. Das Concil jedoch hielt an dem Standpunkte fest, daß seine Jurisdiction durch kein kaiserliches Wort eine Einschränkung erfahren dürfe, und erklärte, es werde sich eher auflösen, als eine solche Beschränkung dulden. Da beruhigte sich Sigismund und erklärte, daß das Concil in Urtheilsfällung über Ketzer gänzlich frei sein solle. (2)

Wenigstens wurde Hus in eine bessere Unterkunft gebracht. Von dort aus konnte er auch Briefe nach Prag schmuggeln.

Das nützte aber auch nichts, denn die eingesetzte Kommission begann, nachdem sie zahlreiche Zeugen vernommen hatte und schriftliche Beweise gesichtet hatte mit der Befragung des Magisters selbst.

Man verhörte ihn ob der Wiclifschen Thesen und Hus führte seine schon früher vorgebrachten Erklärungen wiederum aus. Besonders konzentrierten sich die Verhöre auf die 45 Artikel Wiclifs und die Hus’sche Schrift De ecclesia.

Einem Vorschlag, nachdem er sich dem Schiedsspruch von 12 durch das Konzil eingesetzte Richter unterordnen sollte lehnte er ab und verlangte vor dem Konzil selbst seine Standpunkte vorzubringen.

Hus versuchte auch König Sigismund dazu zu bewegen, ihm dieses möglich zu machen, hatte er doch schon vor seiner Abreise nach Konstanz die als Reden konzipierten Traktate De sufficientia legis Christi ad regendam ecclesiam, De fidei suae elucidatione und De pace publiziert. Der Bitte des Magisters Hus an König Sigismund wurde dadurch Vorschub geleistet, daß die adligen Stände Böhmens und Mährens sich an den König gewandt hatten und ihn dazu aufforderten, endlich für seinen Geleitbrief einzustehen, die Freilassung Hus‘ zu erwirken und ihm öffentliches Gehör zu verschaffen.

Die Flucht Johannes XXIII. aus Konstanz brachte jedoch auch für Hus eine Verschlimmerung der Lage. Zunächst wurde er bald darnach (24. März) auf Befehl des Bischofs von Konstanz, welchem Sigismund die von den gleichfalls entwichenen Aufsehern zurückgelassenen Schlüssel übergeben hatte, auf das bischöfliche Schloß Gottlieben gebracht, wo er der im Dominicanerkloster genossenen Freiheit entbehren und Fesseln tragen mußte. (2)

Im April 1415 wurde ein neues Tribunal für Hus eingesetzt, dem unter anderem Peter d’Ailly und Wilhelm Filastre angehörten. Dies war insoweit ungünstig für Hus, als daß diese beiden auch für das über die Wiclifschen Bücher gefällte Urteil verantwortlich waren. Es verwundert also auch nicht, daß dieser Spruch bestätigt wurde.

Nicht vorteilhaft für diesen [Hus] waren außerdem  auch die aus Prag einlaufenden Nachrichten über die Fortschritte des daselbst  inzwischen aufgekommenen, von Hus zwar nicht veranlaßten, aber doch von Konstanz aus in der Schrift De sanguine Christi sub specie vini a laicis sumendo vollständig gebilligten Utraquismus, wie nicht minder die Ankunft von Hieronymus von Prag in Konstanz, welcher Anfang März schon die Christians von Prachatic vorausgegangen war. (2)

Christian von Prachatiz war allerdings ebenfalls verhaftet und verhört worden, da er sich erklärt hatte, konnte er wieder frei abreisen. Hieronymus von Prag wurde von Freunden gewarnt und verließ Konstanz bald wieder, ging nach Überlingen und sannt von dort aus einen Maueranschlag nach Konstanz. Er verlangte darin die Zusage des freien Geleits, um sich dem Konzil stellen zu können. Hieronymus erhielt diese Zusage, allerdings nur gegenüber von Gewaltakten, nicht aber gegen Recht. Hieronymus wurde noch vor der Zusage verhaftet und in nach einem Disput vor dem Konzil eingekerkert.

Mittlerweile protestierten die Landtage von Prag und Brünn gegen die Vorgänge in Konstanz und forderten König Sigismund auf, endlich zu seinen gegebenen Geleitbrief zu stehen. Sie gingen sogar so weit, als daß sie die Anschuldigungen gegen Jan Hus als Anschuldigungen gegen die Krone und Nation Böhmens interpretierten. Weiters forderte man die in Konstanz weilenden böhmischen und mährischen Adligen auf, an den König heranzutreten.

Am 5. Juni 1415 wurde Hus zum wiederholten Male verhört. Und zu der am 7. Juni angesetzten Verhandlung erschien sogar König Sigismund. Hus hielt aber noch an der Wiclifschen Lehre fest. Sein sonstiges Eintreten für Wiclif mit den daraus in Böhmen entstandenen Folgen konnte er allerdings nicht in Abrede stellen. Da mahnte ihn nun der Cardinal d’Ailly, er solle die Artikel, welche die Doctoren als irrthümlich erklären, widerrufen und dasjenige, was die Zeugen gegen ihn ausgesagt, abschwören. Sigismund selbst aber erklärte, er habe Hus mit freiem Geleite öffentliches Gehör zugesichert; das sei nun geschehen, sein Wort sei gelöst; nun möge auch Hus sich dem Concil fügen, das ihn milde behandeln werde; Ketzer jedoch dürfe er nicht beschützen, und wenn jemand hartnäckig in der Häresie beharrte, würde er selbst ihm den Scheiterhaufen anzünden mögen. Hus antwortete, indem er für den erwiesenen Schutz dankte und sich wie früher bereit erklärte, Belehrungen eines Bessern anzunehmen. (2)

Weiter gingen die Verhöre, weiter stritt man sich um die Artikel des Magisters Hus, denen er erst dann abschwören wollte, wenn er eines besseren belehrt würde. Einmal hieß es von Seiten König Sigismunds und des Konzils sogar, daß er abschwören könne was er wollen, man würde ihm nicht glauben und er würde sowieso in Böhmen wieder Unheil stiften, genauso wie Hieronymus von Prag, dem man auch noch ein kurzes Ende machen würde. Als diese Aussage im böhmischen Lager bekannt wurden, bildete sich eine harte Front gegen König Sigismund.

Auch der Einspruch der böhmisch-mährischen Adligen wurde nicht beachtet, obschon er öffentlich verlesen wurde, Hus erhielt nur noch die überarbeiteten Artikel für das Endurteil.

Am 24. Juni wurde dann verfügt, daß alle Schriften des Magisters Jan Hus verbrannt werden sollten. Ihm selbst wurde eindringlich zugeredet, zu Widerrufen. Hus allerdings sah dazu keine Veranlassung, denn er sei sich keines Irrtums bewußt.

Aus dieser Zeit sind auch einige Abschiedsbriefe bekannt. Am 1. Juli erhielt er nochmals die Chance, seine Thesen zu widerrufen, was er allerdings ablehnte.

Am 6. Juli 1415 war die letzte Verhandlung vor dem Konzil im Konstanzer Dom. Es wurde von Seiten der Anklage die aus ihrer Sicht häretischen Thesen des Jan Hus ausgeführt und der Magister wurde gefragt, ob er Widerrufen wolle. Für diesen Fall würde ihm lediglich die Priesterwürde entzogen und er würde lebenslang in Festungshaft genommen werden.

Da Hus dies vehement ablehnte, wurde er als unverbesserlicher Häretiker eingestuft und man übergab ihn dem weltlichen Arm.

Jan Hus wurde die Priesterwürde entzogen und man übergab ihn an den weltlichen Arm mit der Bitte, ihn nicht zu töten, sondern „nur“ in den Kerker zu sperren. König Sigismund übergab ihn weiterhin an den Pfalzgrafen Ludwig, mit der Aufforderung, ihn als Ketzer zu behandeln.

Die übliche Strafe für Häresie war zu jener Zeit der Tod durch das Feuer. Pfalzgraf Ludwig übergab Hus dem Konstanzer Vogt mit dem Befehl ihn als Ketzer zu verbrennen.

Ein Augenzeuge beschreibt die Verbrennung des Magisters Jan Hus wie folgt: Und es führten den Johannes Huß zwei Diener Herzog Ludwigs, einer zur rechten, und einer zur linken Seite. Er war nicht gebunden, denn sie gingen neben ihm. Und sie riefen mich zu sich, damit ich alles besser sehen und in die Chronik schreiben könne. Vor ihm und hinter ihm gingen des Rates Knechte und führten ihn zum Seltinger Tor hinaus. Wegen des großen Gedränges, das da war, mußte man ihn den Brühl herumführen um des Ruhmanns Weidenhaus … Auf der Brücke am Seltinger Tor mußte man die Leute halten, daß je eine Schar hinüberkam; Demm man fürchtete, die Brücke breche. Man führte ihn auf das Außenfeld und beim Ausführen betete er nichts anderes denn: Jesu Christe, fili die vivi, misere mei! … Während sie ihn hinführten, betete Huß nichts anderes denn: ‚O Jesus Christus, du Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich meiner!‘ Und da er über das Brücklein kam und sah das Feuerholz und das Stroh, fiel er dreimal auf seine Knie und sprach laut: ‚O Jesus Christus, du Sohn des lebendigen Gottes, der du für uns gelitten hast, erbarme dich meiner!‘ Da er nun in den Ring kam, machte man den Ring weit, und ich fragte ihn, ob er beichten wollte, es wäre da ein Priester, hieß Ulrich Schorand, der hätte Gewalt von dem Konzilium und von dem Bischof. Da sprach er ‚Ja‘. Da rief ich denselben Herrn Ulrich, der kam zu ihm und sprach: ‚Lieber Herr und Meister, wenn ihr ablassen wollt von dem Unglauben und von der Ketzerei, darum ihr leiden müsset, so will ich euch gern Beichte hören; wollt ihr das aber nicth tun, so wisset ihr selbst wohl, daß in den geistlichen Rechten stehet, daß man einem Ketzer eine geistliche Sache weder tun noch geben soll.‘ Da Sprach Huß: ‚Es ist nicht not, ich bin kein Todsünder.‘ Danach wollte er anfangen zu predigen in deutscher Sprache, das wollte aber Pfalzgraf Ludwig nicht, und er hieß ihn verbrennen. Da ließ sich Huß fröhlich und ohne Zagen an den Pfahl binden. Um den Hals legten sie ihm eine alte rostige Kette, als ob er einer neuen nicht wert wäre; er aber sagte mit lächelndem Munde: ‘Mein Herr Christus ist mit einer viel härteren Kette meinetwegen gebunden worden, warum wollte ich mich schämen, mit einer solchen alten rostigen Kette gebunden zu werden?‘ Unter seine Füße legten sie zwei Bündel Reisig und um seinen Körper viel Holz, Stroh und Reisig bis an den Hals. Ehe es aber die Henker anzündeten, ritten zu ihm Pfalzgraf Ludwig und der Reichsmarschall Graf von Pappenheim und ermahnten ihn, von seinem Irrtum abzustehen, seine Lehren und Predigten zu widerrufen. Da fing er an zu sprechen: ‚Ich rufe Gott zu meinem Zeugen an, daß ich das, so sie mir durch falsche Zeugen auf den Hals geladen haben, nicht gelehrt oder geschrieben habe, sondern ich habe alle meine Predigten, Lehren und Schriften dahin gerichtet, daß ich die Leute von Sünden abwenden wollte und in Gottes Reich führen. Diese Wahrheit, so ich gelehret, gepredigt, geschrieben und ausgebreitet habe, als die mit Gottes Wort übereinstimmt, will ich behalten, auch mit meinem Tode versiegeln.‘ Als die beiden das hörten, schlugen sie die Hände zusammen und ritten davon. Bald zündeten die Henker das Feuer an, und Huß sang: ‚Christe, du Sohn Gottes, erbarme dich meiner!‘ Als er aber dasselbe zum drittenmal betete, benahm ihm die Lohe die Sprache, und er verschied. Seine Asche aber ward in den Rhein gestreut. (3)

Auch seinem Freund und Mitstreiter Hieronymus von Prag wurde der Prozeß gemacht und auch er wurde verbrannt. Er starb am 30. Mai 1416 auf dem gleichen Platz, wie auch Magister Jan Hus.

(1) Meyers Taschenlexikon: in zwei Bänden. – Mannheim, 1987.
Band 2: A – Math.
(2) Wetzer und Weltes Kirchenlexikon: oder Encyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hülfswissenschaften. – Freiburg im Breisgau, 1889.
(3) Zierer, Otto: Am Tor der Neuen Welt. – München, 1953 (Bild der Jahrhunderte; 25/26).

Der Meier Kurt und die Traditionelle Chinesische Medizin

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Ach guck an, der Helmut, grüß Dich Alter, na wie geht’s Dir denn heut so? Wie’s mir geht? Naja allzu, weißt ja als Rentner hat man halt keine Zeit. Wenn ich mich nicht immer so aufregen müsst. Grad eben wieder, da hatte ich Blutdruck, dass kannst Dir nicht vorstellen.

Wieso? Na Du kennst doch den Meier Kurt, meinen Nachbarn, der und seine Frau sind doch nicht ganz gesund, die haben doch schon alle Krankheiten gehabt. Naja und jetzt zwickt es halt noch bei ihnen. Bei die Dokters waren sie ja schon überall und die haben halt gesagt, dass sie Geduld haben müssen, bis alle Beschwerden abklingen. Aber Du kennst ja den Meier Kurt und seine Frau, die haben doch keine Geduld, die würden am liebsten das Ei in der Henne braten.

Aber warum ich mich so aufregen musste bei ihm, pass auf, da kommt der doch heut plötzlich an und fragt mich, was ich von „TCM“ halte, von Traditioneller Chinesischer Medizin. Sag ich, dass ich am meisten von einer gebackenen Ente halt beim Chinesen und sonst nix. Aber doch sagt er, da in der Zeitung hat’s gestanden. Da gibt’s eine ganze TCM-Klinik und die Zeitung schreibt ganz positiv drüber.

Jo, sagt er. Ich konnte das doch auch nicht glauben. Unser Käsblättle… Also hat er des Ding geholt und mir gezeigt und tatsächlich. Das Chinesenzeug haben sie gelobt über den grünen Klee, Du kannst es Dir nicht vorstellen. Und der Kurt und seine Frau, die wollten da wirklich hinfahren, da wären die eine halbe Ewigkeit unterwegs gewesen und dann wären die mit einer Klangschale um die rumgehüpft.

Auf jeden Fall, ich guck mir die Zeitungsseite so an und was meinst, was ich da sehe? Ganz klein oben am Rand, hab ich fast nicht lesen können. Also wenn ich meine neue Brille nicht gehabt hätte, dann hätte ich das Wörtchen „Anzeige“ gar nicht gesehen.

Das musst Du Dir mal vorstellen, die denken, nur weil wir Rentners sind, könnens uns veräppeln. Da machen sie ihre Anzeige auf wie einen richtigen Zeitungsartikel und schreiben ihr „Anzeige“ nur ganz klein drüber, dass man es überlesen muss.

Du musst Dir mal vorstellen, wie viele vielleicht darauf reinfallen und tatsächlich da hin gehen, nur weil sie denken, dass es was bringen muss, wenn es in der Zeitung steht. Ein Zeug. Da könnte ich mich aufregen ohne Ende, das glaubst Du nicht.

Stell Dir mal vor, der Meier Kurt und seine Frau wären da hin und hätten sich tatsächlich behandeln lassen. Das kostet doch ein Heidengeld und die haben doch nur die kleine Rente. Die haben gar nicht geblickt, dass das die Krankenkasse gar nicht bezahlt. Das sagt doch schon alles. Die hätten sich doch verschulden müssen. Da könnte ich aufplatzen wie eine Bockwurst im zu heißen Wasser.

Da darf man aufpassen wie verrückt, dass die einen nicht über den Tisch ziehen. Und siehst, da muss ich mich aufregen ohne Ende.

Aber wart, da hinten kommt meine Frau, ich muss jetzt wieder Tüten schleppen. Also, Helmut, mach’s gut und Du weißt ja jetzt: Augen auf!

Albert – Prinzgemahl aus Leidenschaft

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800px-albert_sachsen_coburg_gothaPrinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha – oder Prinz Franz Albrecht August Karl Emanuel von Sachsen-Coburg und Gotha – wie er komplett hieß, wurde am 26. August 1819 auf Schloss Rosenau geboren, wo er zusammen mit seinem älteren Bruder, dem späteren Herzog Ernst II. auch aufwuchs. Seine Eltern waren Herzog Ernst von Sachsen-Coburg und Gotha und Louise von Sachsen-Gotha-Altenburg.

Da Herzogin Louise das Schloss Rosenau bequemer fand, lebte sie dort mit ihren Kindern, während ihr Mann sich dort 1784_ernst_inur selten aufhielt. Die Eltern trennten sich aber nur wenige Jahre nach Alberts Geburt und er hatte keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter. Die Erziehung wurde von einem „Herzoglichen Rat und Prinzen-Instructor“ erledigt. Hierbei handelte es sich um Christian Florschütz, dem Sohn eines Coburger Gymnasiallehrers, der in Jena Theologie und Philosophie studiert hatte.

Natürlich wurde Florschütz bald die wichtigste Bezugsperson im Leben Alberts, sah er seinen Vater doch recht selten und die Großmutter Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg, zu der er ein sehr inniges Verhältnis hatte, lebte im entfernten Gotha.

800px-leopold_portret_winterhalterEine weitere wichtige Persönlichkeit in Alberts Leben war sein Onkel König Leopold I. von Belgien, der jüngste Bruder seines Vaters. Leopold war es auch, der eine Verbindung zwischen Albert und der zukünftigen englischen Königin Victoria forcierte. Hier kamen ihm seine Familienband zu Gute, waren doch Leopold, Victorias Mutter und Alberts Vater Geschwister. Albert und Victoria waren dadurch auch Cousin und Cousine.

Albert und Victoria trafen sich erstmals im Sommer 1836 und Victoria schrieb nach dem Treffen an ihren Onkel Leopold, durch Albert habe sie erstmals die „Aussicht auf ein großes Glück“. Die Romanze der beiden ließ sich aber langsam an. Albert und sein Bruder Ernst gingen zum Studium an die Universität Bonn. Hier wurden die beiden nochvicky_of_kent-victorias-mutter von ihrem Erzieher Christian Florschütz begleitet, aber als Prinz Albert im Dezember 1838 für ein halbes Jahr nach Italien ging, begleitete ihn Christian Stockmar, der langjährige Berater König Leopolds.

Die Beziehung zwischen Albert und seiner Cousine Victoria – die mittlerweile zur englischen Königin gekrönt wurde – war geprägt von politischen Einmischungen und daraus resultierendem auf und ab. Neben König Leopold war auch der Premierminister Lord Melbourne in die Angelegenheit involviert und jeder verfolgte seine eigenen Ziele. Albert und Victoria waren somit zum Spielball der Politik geworden.

victoria_marriage01Aber ihre Liebe setzte sich durch und am 10. Februar 1840 heirateten die beiden in der Kapelle des St. James‘ Palastes in London. Die ersten Ehejahre brachten für das junge Paar auch einige Krisen, beide mussten sich in ihre neuen Rollen erst einleben, war doch gerade für Albert das Leben als Prinzgemahl, also als „zweite Geige“ nicht einfach.

Doch die beiden rauften sich zusammen und auch Albert fand seine Nische, in die er sich einbringen konnte. So lag ihm besonders das Wohl der Fabrikarbeiter am Herzen und er konzipierte standardisierte, günstig zu bauende Wohnungen für sie. Die Wohnungen sollten bereits Toiletten mit Wasserspülungen und Anschluss an die Wasserleitung haben. Auch die erste Weltausstellung von 1851 geht auf die Initiative Alberts zurück. Er organisierte sie federführend und plante auch noch den „Crystal Palace“, den Ausstellungspalais im Hyde Park.

Die Briten haben dem Prinzgemahl auch die Weihnachtsbäume zu verdanken, brachte er doch den ersten aus seiner Coburger Heimat mit nach London. Ein Bild der königlichen Familie unter dem geschmückten Baum in den „Illustrated London News“ machte den Brauch auch auf der Insel populär.

Dies zeigt auch die Beliebtheit der königlichen Familie. Sie waren zum positiven Vorbild für ihr Volk geworden, was gerade dem bescheidenen und familiären Albert zu verdanken ist. Das negative Image des Königshauses, das durch die Verschwendungssucht der Könige seit Georg III. war bald vergessen.

Albert kümmerte sich auch intensiv um die Erziehung seiner Kinder und war damit eine Ausnahme in der damaligen Zeit. Victoria und er hatten insgesamt neun Kinder:

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Victoria, die den deutschen „99 Tage Kaiser“ Friedrich III. Heiratete,
Albert Edward, der Prince of Wales und spätere König Eduard VII.,
Alice,
Alfred, der später das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha regierte,
Helena,
Louise,
Arthur,
Leopold und
Beatrice.

Alice, Beatrice und ihre Mutter Victoria waren übrigens Überträgerinnen der Bluterkrankheit. Alice ist übrigens die Urgroßmutter des heutigen Prinzgemahls Philip, der hierdurch mit seiner Frau verwandt ist.

the_royal_family_on_the_terrace_of_osborne_house_by_leonida_caldesiDas Eheglück der beiden hielt aber nicht lange, starb Albert doch bereits mit 42 Jahren am 14. Dezember 1861. Die damals offizielle Version war Typhus, heute geht man aber von Magenkrebs aus. Victoria machte allerdings ihren ältesten Sohn Edward, genannt Bertie, für den Tod ihres geliebten Mannes verantwortlich. Dieser studierte zu jener Zeit in Cambridge und pflegte einen recht, nunja, ausschweifenden Lebensstil. Drei Wochen vor seinem Tod und von der Krankheit gezeichnet ritt Albert fiebernd zu seinem Sohn, um ihn auf den rechten Weg zurück zu bringen.

Victoria ließ ihren Albert im Mausoleum von Frogmore bei Schloss Windsor beisetzen. Sie hatte das Mausoleum extra für sie beide bauen lassen und fand Jahrzehnte später dort auch selbst ihre letzte Ruhe. Die Trauer der Königin ging soweit, dass Alberts Schlafzimmer unberührt blieb und dort jeden Abend warmes Wasser bereit gestellt wurde, fast so, als wäre er nur kurz aus dem Zimmer gegangen. Auch die Bettwäsche wurde regelmäßig gewechselt. Ihre Trauer brachte sie auch in unzähligen Briefen an ihre Familie zum Ausdruck.

Ihm zu ehren ließ sie auch das „Albert Memorial“ in Kensington Gardens errichten. Zu dieser nationalen Gedenkstätte gehört auch die Royal Albert Hall.

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