Schuld sind immer die Schwächsten – Judenpogrome in Pestzeiten

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Für die Infektion machte man die Juden verantwortlich, und kurzerhand erschlug man die vermeintlichen Übeltäter. Vordergründig verbreitete man, daß die Israeliten durch das Vergiften der Brunnen alle Christen umbringen wollten. Tatsächlich bot die Pest allerdings nur einen Vorwand für die Bevölkerung, um lange aufgestaute Aggressionen ausleben zu können. Natürlich spielte auch eine gehörige Portion Angst vor dem Unbekannten mit hinein, denn die Erreger einer solche Krankheit wie die Pest war ja in früherer Zeit nicht bekannt, und die Medizin war ratlos. So war es der Bevölkerung nur recht, daß sie einen Sündenbock ausmachen konnte, und als es dann noch hieß, daß die Epidemie von den Juden künstlich erzeugt worden sei, brach der „Volkszorn“ los. Daß die Juden selbst an der Pest erkrankten, störte nicht. Vor allem am Rhein, an der Donau und in Mitteldeutschland ging es blutig zu, während es in Norddeutschland, wo nur spärlich Juden wohnten, zu weniger Ausschreitungen kam.

Einige Städte und Herrscher nahmen die Juden unter ihrem Schutz, wie zum Beispiel der Rat der Stadt Salzwedel oder Spandau, die von Markgraf Ludwig die Weisung erhielten, die in der Stadt wohnenden Juden so lange vor ungerechten Beleidigungen zu schützen, bis er einen Gegenbefehl erteilen würde. Einige Zeit später erlaubte er den ortsansässigen Juden, fremde Juden bei sich aufzunehmen und garantierte ihnen volle Handelsfreiheit und Schutz. Der Markgraf gewährte ebenso den im restlichen Deutschland verfolgten und bedrohten Juden Schutz. Dies geschah natürlich nicht ohne Eigennutz: Im Anhang der Urkunde findet sich ein Passus über den sogenannten „Judenzins“.

Auch der Rat der Stadt Perleburg gewährte den Israeliten Schutz. Allerdings berichtete Johann von Wedel, Vogt des obengenannten Markgrafen Ludwig, am 23. Februar 1350, daß mit Hilfe des Rates in Königsberg die in der Mark wohnenden Juden verbrannt und ihre Vermögen eingezogen wurden. Aber nur fünf Monate später, am 22. Juli, verspricht der Markgraf den aufrührerischen Städten Cölln und Berlin, daß alles Leid, welches den Juden angetan wurde, wieder bereinigt werde, alst eft dat nie geschien were.

In Böhmen und Mähren wurden die Juden besser geschützt, und aus Schlesien wissen wir von Verfolgungen nur in Breslau, Brieg und Guhrau. Die Verfolgten fanden schließlich beim polnischen König Kasimir gastfreie Aufnahme und Schutz, obwohl wir aus dem Jahre 1348 einen Bericht von Matteo Villani kennen, der die Auswirkungen der Pest in einen an Deutschland grenzenden Teil Polens beschreibt. Weiterhin heißt es dort: Das Volk sah in dem Aufenthalt der Juden die Schuld an der Seuche. Die Juden, hierüber erschrocken, sandten ihre Ältesten an den König, dem sie grosse Summen Geldes und eine Krone von unberechenbaren Werthe schenkten und baten ihn um ihren Schutz. Der König wollte die Juden schützen, aber das wüthende Volk war nicht zu beruhigen und nahe an 10.000 Juden kamen durch Schwert und Flammen um, und ihr Vermögen verfiel dem Fiskus. (8) In den Bereich der Fabel gehört die Annahme, daß die pro-jüdische Haltung Kasimirs auf eine jüdische Geliebte zurückzuführen ist. Es gab diese Konkubine, Esther mit Namen, aber sie kam erst 1356 zum König. Schon 22 Jahre früher hatte er die Privilegien der Juden erneuert, die ihnen von Boleslaw zugestanden worden waren.

Allgemein kann man sagen, daß die Pogromwelle von 1348/49 nicht nur die erste, sondern auch die größte ihrer Art im gesamten Reichsgebiet war. Wenige Landesfürsten schützten die Juden, wie zum Beispiel der Herzog Albert in Österreich. Auch aus Regensburg und Goslar sind keine Judenverfolgungen im Kontext der Pestepidemien bekannt.

In Europa lag der Schwerpunkt der Verfolgungen im Deutschen Reich. Hier wurden die meisten Israeliten erschlagen. Ansonsten wissen wir noch von Pogromen in der Schweiz, Nordspanien und Ostfrankreich. Dies hat auch einen anderen Grund: Es gab nämlich in den Jahren 1290 bzw. 1306/1322 in Frankreich und England große Ausweisungen von Juden, die sich dann vor allem in Deutschland niederließen.

Aber wie lief so eine Verfolgung konkret ab? Aus Basel kennen wir einen Fall des Judenmordes mit allen seinen Begleitumständen. Die Schweizer Stadt hatte zur Mitte des 14. Jahrhunderts hin etwa 8.000 Einwohner. Juden sind schon seit 1213 dort nachweisbar und ihre Zahl dürfte zur Zeit der Verfolgungen der einer mittleren Gemeinde des Mittelalters entsprechen.

Wie Matthias von Neuenburg berichtet, ging den Basler Judenverbrennungen eine Verbannung von einigen einheimischen Adligen, die den Juden Unrecht angetan hatten, voraus. Als das Volk dies erfuhr, stürmte es zum Rathaus und forderte lautstark die Rückkehr der Adligen. Der Rat war aufgrund der aufgewühlten Volksmenge natürlich erschrocken und ließ dem Volk seinen Willen. Die Volksmasse verlangte nun, daß sie gar keine Juden mehr in Basel dulden müßten, und auch hier gab der Rat nach, und beide, Rat und Volk, schworen feierlich 200 Jahre keinen Juden in der Stadt zu dulden. Die Einwohner waren aber damit noch nicht zufrieden, sie wollten alle in den Mauern der Stadt lebenden Juden vernichtet wissen, und so geschah es, daß am 16. Januar 1349 alle Juden auf einer Insel im Rhein in ein extra dafür gebautes Haus getrieben wurden, das dann in Brand gesteckt wurde.

Man kann davon ausgehen, daß die Ereignisse in Basel von den erstarkenden Zünften ausgingen, in deren Hintergrund die Ritterschaft stand. … ob die Aktion vor dem Rathaus vorbereitet und geplant oder spontan erfolgte, sagen die Quellen nicht; der Aufmarsch mit den Bannern dürfte wie in anderen Fällen eher für eine geplante Aktion zeugen. Das Morden selbst war mit Sicherheit keine spontane Angelegenheit, sondern eine vom verschreckten Rat durchgeführte Maßnahme. Auf die Bemäntelung der Verbrennung durch einen Prozeß verzichtete man, und über das Schicksal des „Judenerbes“ ist nichts bekannt. Erst nach dem Verbrennen der Juden kamen die Geißler und die Pest nach Basel, und nun verbrannte man noch die Juden, die sich im Januar durch die Annahme der Taufe vor dem Tode gerettet hatten – diesmal inszenierte man allerdings ein Gerichtsverfahren, über dessen Erfolg man stolz nach Straßburg berichtete. (9)

Die in einigen Quellen angegebene Zahl von 600 erschlagenen Juden ist allerdings übertrieben. Den schweizerischen Pogromen gingen die Prozesse gegen „Brunnenvergifter“ in den savoyischen Landen und im Schweizer Gebiet voraus. Die Juden kamen zwar wieder, diesmal in den Notzeiten des Jahres 1362: Die Angst, erneut einem Pogrom zum Opfer zu fallen, war allerdings so groß, daß die Juden 1399 endgültig aus Basel flohen.

(1) Bertelsmann Lexikon: in vier Bänden. – Gütersloh
Dritter Band M-Sd, 1965.

(2) Hartinger, Walter: Von der laidigen Sucht der Pestilentz: Kleine Kulturgeschichte der Pest in Europa. – Passau, 1986.

(3) Illustrierte Geschichte der Medizin. – Salzburg
Bd. 3, 1980.

(4) Zahlen der Weltgesundheitsorganisation.

(5) Die Bibel: Die heilige Schrift des alten und neuen Bundes. – Wien 1990.

(6) Illustrierte Geschichte der Medizin. – Salzburg
Bd. 1, 1980.

(7) Illustrierte Geschichte der Medizin. – Salzburg
Bd. 2, 1980.

(8) Hoerninger, Robert: Der schwarze Tod in Deutschland: Ein Beitrag zur Geschichte des 14. Jahrhunderts. – Berlin 1882.

(9) Graus, Frantisek: Pest, Geissler, Judenmorde: Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit. – Göttingen 1987.

(10) Schreiber, Willi: Der Kreuzerg: bei Kronach im Frankenwald. – Kronach [ca. 1957].

(11) Zierer, Otto: Die alten Mächte: 1300 – 1400 nach Chr. – Murnau 1953.

(12) Wetzer und Weltes Kirchenlexikon: oder Encyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hülfswissenschaften. – Freiburg/Breisgau 1886.

(13) Zitter, Hanß N.: Chronik von 1661: Die Ehrenkrone der Stadt Kronach. – Kronach 1997.

(14) Fehn, Georg: Chronik der Stadt Kronach. – 2. Band. – Kronach o. J.

(15) Koelbing, Huldrych M.: Christian Sigismund Fingers Dissertation „Über den schädlichen Einfluss von Furcht und Schreck bei der Pest“ (Halle 1722). – Frankfurt 1979.

(16) Beckmann, Gudrun: Eine Zeit großer Traurigkeit: Die Pest und ihre Auswirkungen. – Marburg 1987.

(17) Werthmann-Haas, Gloria: Altdeutsche Übersetzungen des Prager „Sendbriefs“: „Missum imperatori“. – Wellm 1983.

(18) Krampitz, Heinz E.: Pest. – In: Gsell, O./Mohr, W.: Infektionskrankheiten, Bd. II.: Krankheiten durch Bakterien, Teil I, Berlin 1968. – S. 325-344.

Creepy Groupies – Flagellanten und Geißler

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Ein weiteres Phänomen, daß im Kontext mit der Pestepidemie auftrat, war wie erwähnt das der sogenannten Geißler oder Flagellanten. Als im Frühjahr des Jahres 1349 die apokalyptischen Reiter schon große Ernte eingefahren hatten, tauchten zum ersten Mal Gruppen von seltsamen Männern auf, die durch ihr eigenartiges Treiben alle Aufmerksamkeit auf sich zogen. Sie trugen Gewänder mit besonderen Hüten und auffallenden roten Kreuzen. Es waren die Flagellanten, auch Geißler genannt. Diese umherziehenden Gruppen waren sich spontan sammelnde Bruderschaften, die unter Gebet und Absingen von Liedern Prozessionen gleich, durch die Lande zogen und sich öffentlich strengem Bußwerk, besonders der Selbstgeißelung, unterwarfen. Hierzu benutzten sie die sogenannte Geißel (flagellum), die in der kirchlichen Disziplin eine nicht unerhebliche Rolle spielte; so finden wir sie zum Beispiel in diversen Klosterregeln des Morgen- und Abendlandes.

Diese Flagellanten glaubten, daß sie durch diese Art der Buße die Pest abwenden könnten. Die Gruppen zogen immer 33,5 Tage durch die Lande, genau so viele Tage wie Lebensjahre Christi. Manche wiederholten sogar die Geißelfahrt. Zuerst bestanden die Büßerzüge nur aus Männern, Frauen waren zu den Ritualen nicht zugelassen, dies änderte sich aber. Das Flagellantentum scheint aus dem Süden des Deutschen Reiches zu stammen, obwohl der eigentliche Entstehungsort nicht ermittelbar ist.

Die Geißler fanden große Beachtung. Das schlägt sich auch in der Literatur nieder, wir kennen also recht gut die Abläufe der Riten und Gebräuche. Es waren schon beeindruckende Prozessionen, die da durch die deutschen Gaue zogen. Sie trugen Fahnen mit, sangen fromme Lieder und beteten, während sie paarweise die Lande durchstreiften. Sie gingen nicht einfach in Städte hinein, nein, sie lagerten vor den Toren und betraten sie nur, nachdem sie um Einlaß gebeten hatten oder wenn sie eingeladen wurden. Da die Geißler allerdings lautstark zum Judenmord aufforderten, wurden sie in einige Städte gar nicht eingelassen. War das doch der Fall, so wurden die Geißler von den Menschen bestaunt und das nicht nur wegen ihrer Kleidung. Ihr ganzes Gehabe war es, das Aufmerksamkeit erregte.

Dies begann schon vor den Städten. Auf ihrem Weg gingen die Flagellanten sonst recht durcheinander; kamen sie aber in die Nähe einer Stadt oder eines Dorfes, so ordneten sie sich. An der Spitze ging ein Mann, der das Kreuz trug, danach folgten die prachtvollen Fahnen aus Samt und Seide. Dann kamen die Büßer in ihren Mänteln mit dem aufgenähten großen, roten Kreuz, ihren Kapuzen und ihren Hüten. Bis zu vier Vorsänger stimmten ein Lied an, welches Leis genannt wurde und wahrscheinlich eine Abkürzung für Kyrie eleison war. Der ganze Zug wiederholte den Gesang und unter dem Geläut der Glocken zog man in die Stadt ein.

Zuerst ging der Flagellantenzug zu den Kirchen, und sang dort kniend: Jhesus der wart gelabet mit Gallen; des sullen wir an ein Kriuze vallen. (12) Während dieses Gesangs warfen sie sich in Form eines Kreuzes zu Boden und verharrten dort, bis ihr Meister ausrief: Nu hebent ûf die iuwern hende, daz got diz groze sterben wende. (12) Dies wiederholte sich dreimal.

Daraufhin erhob sich der Zug und verließ die Kirche wieder. Draußen wurde er schon von einer großen Volksmenge erwartet. Unter Glockengeläut zogen sie zu einem großen Platz, dem Marktplatz, einen Klosterhof oder zu einer Wiese vor den Mauern der Stadt. Dort stellten sie sich in einem weiten Kreis auf, entkleideten ihre Oberkörper und legten die Kleidung in die Mitte des Kreises. Sie warfen sich zu Boden, und jeder stellte pantomimisch die Hauptsünde dar, für die er Buße tun wollte.

Nachdem die Flagellanten nun im Staube lagen, ging ihr Anführer durch ihre Reihen und sprach jedem Absolution aus, indem er den jeweiligen mit der Geißel schlug und ausrief: Stant ûf durch der reinen martel êre und heute dich vor der sünden mêre (12). Jeder, der so erlöst wurde, stand auf und tat dasselbe bei den anderen, noch liegenden Brüdern. Nachdem dies geschehen war, stimmten sie Lieder an. Nu tretent herzuo swer bueßsen welle! Fliehen wir die heißse helle! Luciver ist ein boeser geselle (12). So und ähnlich klangen diese Gesänge. Die Geißler begannen nun, im Kreise einherzugehen und sich mit den speziell hergestellten Peitschen zu züchtigen. Diese Geißeln waren so beschaffen, daß die Züchtigung besonders blutig ausfiel. Dreimal wurde dieser Gang wiederholt, unterbrochen nur dadurch, daß sich die Büßer in Form des Kreuzes auf den Boden warfen und fünf Vater Unser lang so verharrten. Dabei erhoben sie ihre Stimmen und baten Gott, das große Sterben von der Welt zu nehmen. Nachdem dieses Ritual vollführt war und die Zuschauer um Spenden gebeten wurden, kam als Predigt die Lesung einiger Berichte.

Der Zug der Büßer setzte sich wieder in Richtung der Kirche in Bewegung, und dort angekommen, warfen sich die Geißler wieder dreimal in Kreuzesform auf den Boden.

Bei dem Aufzug der Geißler und ihrem Vorgehen war so manches dem mittelalterlichen Zuschauer wohl vertraut aus der kirchlichen Praxis gut bekannt: das Glockenläuten, die vorangetragenen Fahnen, das paarweise Schreiten der Teilnehmer, das Singen von Liedern. Die gesamte spätmittelalterliche Frömmigkeit war stark auf die Passion Christi ausgerichtet, zu der die Geißelung als eine Art der Imitatio zwangsläufig gehörte. Eigenartig mußte jedoch erscheinen, daß nicht Priester, sondern Laien (magistri) die Zeremonie anführten, überraschen, das betont Theatralische der ganzen Darbietung (vor allem die mimische Darstellung der Sünden), die spektakuläre Geißelung mit dem blutigen Rücken der Büßer, die die Zuschauer, nach dem Zeugnis der Quellen, zu spontanen Reaktionen des Mitgefühls veranlaßte. (9)

Das Flagellantentum war keine neue Erfindung, sondern schon bekannt, allein die organisierte Form war bemerkenswert. Durch die einheitliche Kleidung und die einheitlichen Predigten, die gehalten wurden, kann davon ausgegangen werden, daß dies keine spontanen Büßerzüge waren, sondern daß sie von langer Hand vorbereitet waren.

Schon im 13. Jahrhundert war das Geißlertum bekannt: Eine größere Geißlerbewegung finden wir bereits im Jahre 1260 in Italien. Diese Bewegung nahm ihren Ursprung von Perugia aus und verbreitete sich rasch durch ganz Italien und auch jenseits der Alpen. So wissen wir zum Beispiel, daß die Predigten des heiligen Antonius von Padua so mitreißend und wie Feuerströme gewesen seien. Diese Predigten veranlaßten zahlreiche Sünder und Verbrecher zur Einkehr. Einige fingen auch an unter Geißelschlägen und Absingen frommer Lieder processionsweise einherzuziehen. Diese Flagellantenzüge waren allerdings zeitlich und lokal begrenzt. Diese ersten Geißlerzüge wurden von der Kirche nicht behelligt, da sie ja von Priestern und sogar Bischöfen angeführt wurden. Die Ghibellinen, die Anhänger der Stauferkaiser in Italien, standen den Flagellanten allerdings feindlich gegenüber. Nachdem die Geißlerbewegung alle größeren Städte Ober- und Mittelitaliens ergriffen hatte, verebbte sie allerdings wieder, und zum Beginn des Jahres 1261 finden wir keine Nachweise mehr für die Flagellanten. Allerdings schwappte die Bewegung jetzt nach Norden über die Alpen und man fand die Geißler in Krain, Kärnten, Österreich, Ungarn, Polen, Böhmen und in Bayern bis hin zum Rhein.

Nach einiger Zeit scheint die Geißlerbewegung allerdings aus dem Ruder gelaufen zu sein, denn bald wurden Klagen laut, daß sie sich gegen die Kirche auflehnten und die Priester verachteten. Sie sollen sogar die Beichte gehört und ihre Geißelung dermaßen überschätzt haben, als wenn sie die Seligkeit ihrer verstorbenen Angehörigen vermehre und selbst den Verdammten Trost und Hilfe bringen. Daraufhin wurde in den Kirchen gegen die Flagellanten gepredigt und auch die Obrigkeit schritt ein. So kam es, daß noch während des Jahres 1261 die meisten Geißler verschwanden. Erst das Auftauchen der Pest in Europa gab dieser Bewegung wieder neuen Auftrieb.

Obwohl die Geißler ein hohes Ansehen in der Bevölkerung hatten und sich auf ihr Tun ein nicht abzusprechender Erfolg einstellte, fielen sie bald in Mißkredit. Natürlich, Spiel und Tanz, Festivitäten und lockere Kleidung verschwanden aus den Städten, durch die die Flagellanten gekommen waren, aber auf der anderen Seite warf man ihnen selbst vor, daß Sünder unter ihnen wären, die nach außen hin Buße taten, nach innen hin ihre Sünden aber weiter begangen. Genau wie im Jahre 1261 warf man den Flagellanten 1348 vor, daß sie die klerikale Hierarchie mißachteten, sie sollen unbotmäßig gewesen sein, und sich selbst als Laien priesterliche Zuständigkeiten angemaßt haben. So erschien im Oktober des Jahres 1349 ein päpstliches Breve, in welchem der Pontifex Maximus die Geißlerzüge verbot und den Bischöfen auftrug, dieses Verbot durchzusetzen und das Flagellantentum zu zerschlagen. Und auch die weltlichen Fürsten verfolgten nun die Brüderschaften.

Durch das Zusammentreffen dieser drei Umstände, Verbot durch die Kirche, Ablehnung bei der Bevölkerung und Verfolgung durch die Landesherren, konnte die Geißlerbewegung nicht mehr lange überleben, und seit 1350 traten sie nur noch selten in Erscheinung. Allerdings gründeten sich teilweise Vereine, die heimlich der Selbstgeißelung frönten.

Hätte die Kirche im Jahr 1349 die Pest nicht auf Sittenlosigkeit und Sündenhaftigkeit der Menschen zurückgeführt, hätten die Flagellanten keine theologische Basis gehabt.

Abschließend kann man sagen, daß die Geißler des Jahres 1261, 1349 und 1414 immer die gleiche Intention hatten: Sie wollten im Angesicht des nahenden Weltuntergangs und jüngsten Gerichts ihre Seelen reinigen. Hierfür benutzten sie die Geißel, die schon eine lange kirchliche bzw. klösterliche Tradition hatte. Gefährlich war die religiöse Wahnhaftigkeit dieser Bewegung, die lautstark nach dem Judenmord riefen und die Menschen in einer derartigen emotionalen Erregung zurückließen, daß diese nur allzugerne dieser Forderung nachkamen.

Die Geißler waren weiterhin – und das ist nicht zu unterstützen – durch ihr stetiges Umherziehen in großen Scharen auch ein erhebliches Potential zur Ausdehnung der Pest auf fast ganz Europa. Sie verbreiteten also das, was sie selbst bekämpfen wollten.

Gestern noch auf der Ersatzbank – Heute auf der Showbühne: Die Pest im Mittelalter

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Aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen im Mittelalter waren Seuchen an der Tagesordnung. Die Pest war eine der schlimmsten Krankheiten. Aber nicht nur die schlechten hygienischen Verhältnisse waren an der weiten Verbreitung schuld, auch Kriege und Hungersnöte taten ihren Teil dazu. Die Menschen beteten in den Kirchen, daß Gott sie von diesen apokalyptischen Reitern befreie. Und tatsächlich konnte man sich nach den Heuschreckenplagen der Jahre 1338 bis 1346 in alttestamentarische Zeit zurückversetzt  fühlen. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es, daß im Juni des Jahres 1338 von Asien her Schwärme von Wanderheuschrecken auftauchten und zwar in solch großer Zahl, daß die Sonne verdunkelt und so der Tag zur Nacht gemacht wurde.

Aber nicht nur die Heuschreckenplagen kündigten für viele gläubige Christen das Ende der Welt und die nahende Strafe Gottes an. Es gab auch schwere See- und Erdbeben. Von Venedig wird sogar erzählt, daß die Beben so stark waren, daß im Turm von Sankt Markus die Glocken anfingen zu läuten.

Das große Sterben, wie die Pest im Volksmund genannt wurde, schlug in Mitteleuropa das erste Mal in der Mitte des 14. Jahrhunderts zu. Der Ausdruck Pest wurde im Mittelalter für viele Arten von ansteckenden Krankheiten verwendet. Deshalb ist es schwierig, die einzelnen Epidemie zu unterscheiden. Bei der großen Pandemie um 1348 allerdings handelte es sich um die echte Beulen- respektive Lungenpest. Dies war aber nur der Anfang einer Welle von Epidemien, die Seuche kehrte immer wieder zurück.

Im Jahre 1348 wurde die Krankheit wahrscheinlich aus dem Orient über die Häfen eingeschleppt. Wir kennen einen Bericht des Johannes von Winterthur, in dem er davon spricht, wie zahlreiche Heiden starben, und die Krankheit dann auch noch Sizilien entvölkerte. Über Sizilien schwappte die Seuche wahrscheinlich auf das restliche Europa über. In Marseille und Avignon sollen mehr als 16.000 Menschen dem schwarzen Tod zum Opfer gefallen sein. Von Avignon, damals der Sitz des heiligen Stuhls, wissen wir, daß die Lebenden noch nicht einmal die Toten begraben konnten, so groß war deren Zahl.

Böhmen blieb zunächst noch von der Pest verschont, und Studenten, die aus Bologna heimkehrten, erzählten von den Verwüstungen, die die Epidemie in Italien und Frankreich angerichtet hatte. Schon bald wußte man in ganz Europa darüber Bescheid, daß eine Seuche die Menschen und Tiere dahinraffte. Daraufhin setzte eine Fluchtbewegung vor allem der Reichen ein, obwohl diese im Gegensatz zu den Armen bessere hygienische Bedingungen und auch sonst größere Möglichkeiten sich vor der Pest zu schützen hatten. Trotzdem flohen die „besseren Herrschaften“ auf ihre Landgüter und in Gegenden, in denen die Pest noch nicht aufgetaucht war.

Besonders fromme Menschen hatten Visionen über das Auftauchen der Pest, wie zum Beispiel die selige Luitgard von Wittichen. Die Menschen interpretierten Himmelserscheinungen wie Sonnen- oder Mondfinsternis als Vorboten der Epidemien. Sterndeuter warnten aus einer bestimmten Konstellation der Sterne heraus vor dem Ende der Welt und einer Epidemie als Vorboten des Jüngsten Gerichtes. Dies entsprach dem damaligen Glauben, daß die Sterne das Schicksal der Menschen vorhersagten, ja sogar bestimmten. Jean de Venette zum Beispiel, führte die Pest auf das Auftauchen eines Kometen zurück.

In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: … und die cometen mit swenzgen, die man im teutschen schöpfstern heißt: wo einer mit seinem swancz hin reyst, demselben lant nimpt er die feucht, die er aus allen dingen zeucht, als aus den menschen, thern und erden, darvon sie dann beraubet werden ir‘ würzlichen behenden dünst, was in pringt dürrin, hitz und prünst, darvon man spüret offenbar streyt, sterben oder hungerjahr, des all die faul lufft ursach ist … (11).

Aber egal, ob vorhergesagt oder nicht, das Elend, welches über die Menschheit kam, wirkte sich wie ein Schock auf die Bevölkerung aus. Da die Pest in der Bibel als göttliche Bestrafung dargestellt wurde, nahm man natürlich an, daß es sich auch diesmal um eine Strafe Gottes handelte. Besonders die Tatsache, daß kurz zuvor der apostolische Stuhl, wie erwähnt,  aufgrund eines Schismas von Rom nach Avignon verlegt wurde, wurde von vielen Gläubigen als große Sünde angesehen, und dies untermauerte anscheinend diese Überlegungen. Ein Vorzeichen, daß die Theorie zu bestätigen schien, war die Tatsache, daß am 20. Dezember 1347 bei Sonnenaufgang eine Stunde lang eine Feuersäule über den päpstlichen Palast in Avignon gesehen wurde.

Eine besondere Bewegung, die in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Auftreten der Pest steht, sind die sogenannten Geißler oder Flagellanten. Sie brachten die Seuche mit den Sünden der Menschen in Verbindung. 1348 tauchte auch die Vermutung auf, daß die Pest von einem Dämonen hervorgerufen wurde. Allerdings waren vor allem gebildete Menschen schon bald nicht mehr mit den theologischen Allgemeinantworten zufrieden.

Sie suchten deshalb nach befriedigenderen Erklärungen wie zum Beispiel der Theorie, die das Auftreten der Pest mit einer ungünstigen Konstellation der Sterne in Verbindung brachte. Nicht nur in Büchern und anderen Druckschriften wurde diese Überlegung verbreitet, nein, sie war sogar der offizielle Standpunkt der medizinischen Fakultät an der Sorbonne in Paris. Allerdings merkte man bald, daß diese Behauptung nicht zu halten war.

Man kam dann zu der Überzeugung, daß eine allgemeine Verunreinigung der Luft die Ursache der Krankheit sei. Natürlich kam, wie bei jeder Katastrophe, jemand auf die Idee, daß es sich dabei nicht um eine „natürliche“ Erkrankung handelte, sondern das ein böser Mensch „seine Finger“ dabei im Spiel hatte, und wer war da besser als Sündenbock geeignet, als die Juden! Wenn sie schon Christus ans Kreuz schlagen, dann vergiften sie auch die Brunnen und die Luft! Zu Beginn der Pandemie wurden außerdem noch die Aussätzigen und Armen beschuldigt, schon bald aber konzentrierte man sich ausschließlich auf die Juden.

Viele Berichterstatter kombinierten auch die Thesen. So war es Guillaume de Machaut, der den Zorn Gottes, die Vorzeichen und Ahnungen, die Brunnenvergiftung und die schlechte Luft nebeneinander stellte. Aber auch Jean de Venette oder Hugo von Reutlingen verbanden die verschiedenen Theorien. Auch später, als schon einige Pestepidemien Verderben über Europa gebracht hatten, war man nicht viel klüger und blieb bei den alten Begründungen. Die Chronographie Konrads von Halberstadt vermerkt, daß keines der Ereignisse alleine die Pest auslösen könnte, sondern das alle zusammenwirken müßten.

Für die Behandlung der Krankheit kam es nun darauf an, welcher Begründung man Glauben schenkte. Von den Ärzten bekam man Traktate, vollgestopft mit vielen guten Ratschlägen, die allerdings relativ nutzlos waren; von den Priestern erfuhr man, daß nur Gebet, Fasten und Reue zur Gesundung führten. Die Auswirkungen einer Fastenkur auf einen durch die Pest geschwächten Organismus kann man sich ja vorstellen. In der Pflege der Pestkranken taten sich vor allem die Franziskaner hervor. Dies bezahlten sie aber auch mit über hunderttausend toten Mönchen.

Nachdem die Pest wieder am abklingen war, rief der Papst für 1350 ein außerordentliches „heiliges Jahr“ aus. Dies hatte zur Folge, daß Zehntausende von Gläubigen nach Rom pilgerten, und die Seuche schließlich von hier  wieder mit in ihre Heimat zurückbrachten.

Siena betrauerte 80.000 Tote, Florenz 100.000, Straßburg 16.000, Erfurt 15.000, Basel 14.000 Tote. In Lübeck blieben angeblich nur zehn von 1.000 Bürgern am Leben. Das ergibt hier eine Zahl von 90.000 Opfern. Wien begrub täglich 500 bis 700 Leichen, und von Straßburg wird erzählt, daß täglich 1500 Menschen dem schwarzen Tod anheim fielen. Venedig verlor wie Florenz angeblich 100.000 Einwohner. In England sollen 25.000 Kleriker gestorben sein.

Im Auftrag des damaligen Papstes, Clemens VI., wurde eine Zählung der Toten angeordnet, und als die päpstlichen Beamten alle Zahlen addiert hatten, kamen sie auf 42.836.486 Pesttote. Diese Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, da es sich hier zum größten Teil um Schätzungen handelt. Wahrscheinlicher ist, daß bis 1352 die Zahl der Opfer bei etwa 18 – 20 Millionen realistischer ist.

Aufwärmen auf der Ersatzbank – Die Pest im Altertum

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Die Pest in biblischer Zeit

Der strafende Gott des Alten Testaments benutzte die Pest immer wieder, um zu geißeln, oder den Israeliten zu helfen. Es ist allerdings nicht anzunehmen, daß die Pest, von der in der Bibel die Rede ist, die gleiche Krankheit ist, die im Mittelalter Tausenden von Menschen das Leben kostete.

Im Buch Exodus finden wir den ersten Hinweis auf die Krankheit. Dort heißt es (5,3): Da sagten sie: Der Gott der Hebräer ist uns begegnet, und jetzt wollen wir drei Tagesmärsche weit in die Wüste ziehen und Jahwe, unserem Gott, Schlachtopfer darbringen, damit er uns nicht mit Pest oder Schwert straft. (5) Vier Kapitel weiter (9,15) beauftragt Gott Moses, am nächsten Tag zum Pharao zu gehen, und ihn aufzufordern die Hebräer freizulassen, damit sie ihm dienten, ansonsten würde er alle seine Plagen gegen die Ägypter anwenden. Ich hätte jetzt dich und dein Volk durch die Pest schlagen können, daß du von der Erde verschwunden bist. (5).

Im Anschluß an die Heiligkeitsgesetze im Buche Leviticus droht Jahwe dem Volk Israel: Ich lasse unter euch ein Schwert kommen, das den Bundesbruch rächen wird. Zieht ihr euch in die Städte zurück, dann sende ich die Pest in eure Mitte, und ihr werdet in die Gewalt der Feinde gegeben (26,25). (5)

Bei Numeri, 14,12 und Deuteronomium 28,21 und 32,24 setzt Gott die Pest als Strafe ein. Ähnlich sieht es auch im Zweiten Buch Samuel aus: David, der König des Volkes Israel erzürnte den Gott Zebaoth, und dieser ließ ihm durch den Propheten Gad (24,13 – 15) ausrichten: Was soll über dich kommen? Sieben Jahre Hungersnot in deinem Land? Oder drei Monate, in denen dich deine Feinde verfolgen und du vor ihnen fliehen mußt? Oder soll drei Tage lang die Pest in deinem Land wüten? Überleg dir sehr genau, was ich dem, der mich gesandt hat, als Antwort überbringen soll. Da sagte David zu Gad: ‚Mir ist sehr bange. Wir wollen lieber in die Hände Jahwes fallen; denn groß in sein Erbarmen. In die Hände von Menschen dagegen möchte ich nicht fallen.‘ So wählte David die Pest. Es waren aber gerade die Tage der Weizenernte. Da ließ Jahwe eine Pest über Israel kommen vom Morgen bis zur festgesetzten Zeit, und die Seuche schlug das Volk, und es starben aus dem Volke von Dan bis Beerscheba siebzigtausend Mann. (5) Die gleiche Begebenheit wird auch im ersten Buch der Chronik, 21,12 – 15 beschrieben.

Im 91. Psalm heißt es: Nicht die Pest, die umgeht im Dunkel; nicht die Seuche, die hereinbricht am Mittag … Du, der du sprichst: Meine Zuflucht ist Jahwe, der du den Höchsten zum Schutze erkoren. So wird dir begegnen kein Unheil, keine Plage wird nahn deinem Zelte. (5)

Bei Jesus Sirach, 23,12 werden schändliche Reden ebenfalls mit der Pest verglichen und im 39,29 wird neben Feuer, Hagel, Hunger, Stürmen und einer Vielzahl anderer Strafen, die Gott über die Menschen verhängen kann, auch die Pest genannt. Im weiteren Verlauf des Buches verhängt Jahwe auch diese Strafe über das unbußfertige Jerusalem und ist in seiner Entscheidung unerbittlich, denn im 12. Vers des 14. Kapitels lehnt er jede Verschonung ab, auch wenn man ihm Brand- oder Speiseopfer darbieten würde. Niemand kann seinem Schicksal entgehen (15,2). Auch im Kapitel 21, Vers 6 – 9 des Buches Jeremia droht der Gott Zebaoth mit der Verhängung der Pest, ebenso wie an 13 anderen Textstellen dieses Buches.

Auch in den Büchern Baruch, Ezechiel und Amos kommen Menschen durch die Pest um, entweder als Strafe Gottes oder als Folge eines Krieges. Eine interessante Aussage finden wir bei Habakuk, 3,5. Dort wird das Kommen Jahwes beschrieben und Habakuk schreibt: Vor ihm her geht die Pest, die Seuche folgt seinen Schritten. (5) Dies ist dann auch die letzte Erwähnung der Pest im Alten Testament.

Das Neue Testament dagegen ist relativ „ruhig“. Hier finden wir nur eine konkrete Erwähnung, nämlich im 24. Kapitel der Apostelgeschichte im fünften Vers. Diese Textstelle bezieht sich allerdings nicht auf die Krankheit, sondern ist metaphorischer Natur. Hier wird Paulus nach einer Verschwörung angeklagt, und der Ankläger meint: Wir finden nämlich, dieser Mann ist eine Pest, ein Unruhestifter bei allen Juden in der Welt und ein Rädelsführer der Nazoräersekte. (5)

Eine von Albrecht Dürer graphisch umgesetzte Textstelle finden wir im letzten Abschnitt des Neuen Testamentes, in der Apokalypse des Johannes. Im sechsten Kapitel dieses Buches werden vier Reiter auf die verderbte Menschheit losgelassen. Hierbei handelt es sich um die vier apokalyptischen Reiter, die eben von Albrecht Dürer in einem Holzschnitt aus dem Jahre 1498 dargestellt sind. Interessant ist hier der achte Vers des sechsten Kapitels, in dem die letzte Plage entfesselt wird. Und ich sah und siehe: ein fahles Roß; und der darauf saß hatte den Namen ‚der Tod‘; und das Totenreich war sein Gefolge. Und es wurde ihnen die Macht gegeben über den vierten Teil der Erde zu töten mit Schwert und Hunger und Pest und durch die wilden Tiere der Erde. (5)

Bemerkenswert ist hier, daß die Pest ausdrücklich benamt ist, sozusagen gleichwertig neben den anderen Instrumenten des Todes steht, und wie exakt bestimmt wird, wieviel Menschen sterben müssen.

Wie gesagt, es waren vier Reiter der Apokalypse, und jedes Pferd hatte eine andere Farbe und repräsentierte somit auch ein anderes Greuel, das über die Menschheit kommen sollte. Das erste war weiß und symbolisiert somit den Krieg. Diese Allegorie geht auf die Römer zurück, denn bei den Römern ritt der siegreiche Feldherr auf einem weißen Pferd an der Spitze des Triumphzuges.

Der nächste Reiter hat ein feuerrotes Pferd und kündigt somit das Blutvergießen eines Bürgerkrieges an. Schwarz ist die Farbe des dritten Rosses, und dieses kündigt die Teuerung und die Hungersnot an. Die Farbe Schwarz deutet darauf hin, daß die in diese Farbe gewandete Plage ein Diener des göttlichen Gerichtes ist. Bei dem fahlen Tier des letzten Reiters handelt es sich um die grüngelbliche Farbe der Leichen, und dies symbolisiert, daß der Tod der Herr über die danach aufgeführten Gefahren ist. Somit haben wir also den Krieg, den Bürgerkrieg, Hunger und Teuerung sowie den Tod als die vier apokalyptischen Reiter, auch wenn sie landläufig nur als Pest, Krieg, Hunger und Tod betitelt werden.

Die Seuche in der Antike

Im Jahre 1295 v. Chr. tobte angeblich der Krieg zwischen Minos und Athen. Während dieser Zeit soll die Insel Ägina durch eine gewaltige Pestepidemie entvölkert worden sein. Ovid (43 v. Chr. bis 18 n. Chr.) beschreibt diese Seuche im siebenten Buch seiner Metamorphosen (Zeile 536 ff.)

Die Seuche verlief nach dem Bericht klassisch und befiel zuerst die wildlebenden Tiere, dann die Hunde und das gesamte Vieh auf der Insel. Die Bewohner wurden sehr bald infiziert und auch die Stadt nicht verschont.

Einen weiteren Bericht über einen Ausbruch der Krankheit finden wir in der Illias des Homer , in deren erstem Gesang er berichtet, daß unter den Griechen, die Troja belagerten, die Pest auftrat. Wie zuvor bei Ovids Schilderung befiel die Seuche wieder zuerst die Hunde, dann die Pferde und die Maulesel, von denen die Krankheit dann auf die Menschen überging.

Immer handelt es sich um eine Tiere und Menschen gleichermaßen betreffende Krankheit, die von den lateinischen Autoren, und besonders von Titus Livius, erwähnt und im Laufe von fünf Jahrhunderten, die der ersten christlichen Ära vorangingen, mit einer keinen Zweifel mehr hinterlassenden Beharrlichkeit und Genauigkeit beschrieben wurde. Dionysios von Halicarnassos machte sie im Jahre 488 ausfindig. 461 vor Christus wurde sie von Bauern, die vor der Invasion der Volsker mit ihren Tieren in die Stadt flohen, nach Rom geschleppt. 451, 430, 423 und 397 erschien die Seuche in Rom und den benachbarten Ländern aufs Neue. 212 wurden die sich im Kampf befindlichen römischen und karthagischen Heere auf Sizilien von einer Krankheit ausgerottet, die der Dichter Silius Italicus sehr genau beschreibt … Auch dieses Mal wurden zuerst Hunde, dann Vögel, darauf wilde Tiere und schließlich die Menschen angesteckt. (7) Diese Krankheit begann plötzlich mit Schüttelfrost, Fieber, dem Austrocknen der Schleimhäute und heißem Atem. Die Lungen wurden in Mitleidenschaft gezogen. Das Ende war Auszehrung und Tod.

In der antiken Literatur finden wir zahlreiche Berichte über die Pest, so bei Vergil (70 v. Chr. bis 19 v. Chr.), Homer und Thukydides (460 v. Chr. bis 395 v. Chr.). Von Vergil sind uns einige Vorschriften bekannt, die im Umgang mit erkranktem Vieh erlassen wurden. So durften die verendeten Tiere weder abgebalgt, noch ihr Fell verwertet werden, da dieses weder durch die Luft noch das Feuer von den Erregern befreit werden konnten. Auch Schafe durften nicht geschoren werden, ja sogar das Berühren der Wolle war verboten. Man wußte also schon, daß die Krankheit durch die Haut in den Organismus kam. Wie sich die Tiere aber ansteckten, war nicht bekannt. Bei der Pest war die damalige Medizin an ihre Grenzen gestoßen, und auch die Götter konnten nicht helfen.

Diese Tierseuchen traten allerdings recht häufig in der Antike auf. Lukrez (98 v. Chr. bis 55 v. Chr.) erwähnt dies in seinem sechsten Buch der De natura rerum und nennt das heilige Feuer, welches auch Vergil beschrieben hat. Bei ihm kann man besonders anschaulich die Einzelheiten der verschiedenen Erkrankungen nachlesen. Bei Columella finden wir die Beschreibung einer Ziegenpest, der caprarum pestilentia, die allerdings keinem heutigen Krankheitsbild entspricht, weder den Schafpocken noch dem Milzbrand. Columella schreibt, daß diese Krankheit ganze Herden dahinraffte, und man viele Rinder töten mußte, um die Ansteckung zu vermeiden. Diese Seuche sei auch bei Schweinen aufgetreten.

Während der ersten nachchristlichen Jahrhunderte wütete die Pest, wie sie von Ovid und Homer beschrieben wurde, in weiten Teilen des südlichen Europas. Von einer große Pestepidemie wissen wir um 130 n. Chr. in ganz Italien, dies war die Herodianische Pest, bei der viele Menschen und Tiere starben. Die nächste Epidemie erreichte den italienischen Stiefel um 216 n. Chr.

Ganz sicher kann man die Rinderpest zum ersten Mal in der Viehseuche von 376 bis 386 identifizieren. In dieser Beziehung bedeutet das in Gesprächsform eingekleidete Gedicht von Serverus Sanctus ein äußerst interessantes Dokument. Die aus dem Orient kommende Krankheit verwüstete Belgien, Flandern, Pannonien und Illyrien, bevor sie die römischen Länder erreichte. Im Verlauf des 5. Jahrhunderts wütete die Rinderpest von neuem in Zentral- und Mitteleuropa. Noch einige Jahrhunderte lang sollte die Menschheit mit derselben Schicksalsergebenheit dieselben Plagen ertragen müssen. (7)

Unter den Toten der Pest in Griechenland war auch Perikles, Sohn des Xanthippos (um 535 v. Chr. bis 470 v. Chr.) und der Alkmeonidin Agariste, Großneffe des Kleisthenes, geboren um 500 v. Chr. Der Athener Staatsmann stand als Stratege lange Jahre an der Spitze des attischen Staates. Als allerdings im Zuge des Peloponesischen Krieges im Jahre 430 v. Chr. die Pest in Athen ausbrach, wendete sich das Blatt für Perikles. Er wurde als Stratege abgesetzt und sogar wegen angeblicher Unterschlagungen angeklagt und verurteilt. 429 v. Chr. wurde er allerdings wieder rehabilitiert. Nachdem schon seine Söhne Xanthippos und Paralos an der Seuche starben, fiel ihr, im gleichen Jahr wie seine Rehabilitierung, auch Perikles anheim.

 

(5) Die Bibel: Die heilige Schrift des alten und neuen Bundes. – Wien 1990.

(6) Illustrierte Geschichte der Medizin. – Salzburg
Bd. 1, 1980.

(7) Illustrierte Geschichte der Medizin. – Salzburg
Bd. 2, 1980.

Das ist echt die Pest…

Schlagen wir irgendein Lexikon auf und suchen unter dem Begriff „Pest“, finden wir eine Definition, die sich wahrscheinlich wie diese anhört: PEST (Pestilenz, lat.), durch P. Bakterien übertragene epidemische Krankheit; dezimierte in früheren Jahrhunderten auch in Europa die Bevölkerung in immer neuen Wellen; heute durch strenge hygien. Überwachung, vor allem in den Hafenstädten, aus Europa völlig verdrängt, nur noch in Asien heimisch.(1)

So einfach ist die Sache allerdings nicht. Der Volksmund nannte noch bis ins Mittelalter hinein jede bösartige epidemische Krankheit einfach „Pest“, egal um welche Krankheit es sich tatsächlich handelte.

Aber was ist die Pest jetzt wirklich? Die Pest ist eine eminent ansteckende Infektionskrankheit. Sie wird durch Pestbakterien (Yersinia pestis) hervorgerufen. Der Erreger wurde erstmals 1894 in Honkong von Alexandre Yersin entdeckt. (Yersin, ein Schweizer Tropenarzt, war Mitarbeiter am Institut Pasteur.) Vorerst ordnete man den Erreger der Gruppe der Pasteurellen zu. Da spätere Untersuchungen erhebliche Unterschiede in den biochemischen und enzymatischen Eigenschaften sowie dem pathogenen Vermögen zwischen dem Pesterreger und den Pasteurellen aufzeigten, wurde eine ganz neue Gruppe geschaffen: die der Yersinia.

Der heute somit „Yersinia pestis“ benannte Erreger ist ein plumpes, ovoid geformtes, unbewegliches und ungegeißeltes Stäbchen von der Länge von 1-2 µ. Er ist anspruchslos und daher leicht auf den verschiedensten Nährmedien zur Vermehrung zu bringen, am optimalsten bei einer Temperatur um 25° C, dennoch ist er unempfindlich gegenüber niederen Temperaturen. So kann das Pestbakterium auch außerhalb von lebenden Organismen unter Bewahrung seiner Infektiosität überleben. Besonders gute Voraussetzungen liegen z. B. im Auswurf oder in Baumwollgeweben vor, unter optimalen Bedingungen kann es jedenfalls Monate, manchmal Jahre überdauern. Abtötend hingegen wirkt intensive Sonneneinstrahlung oder UV-Licht. (2)

Die Medizin unterscheidet drei Unterarten der Yersinia pestis. In Häfen, in Amerika und dem Orient findet man am häufigsten den Yersinia pestis orientalis. Der Yersinia pestis antiqua dagegen ist wahrscheinlich am Ausbruch der großen Epidemien in der Antike schuld. Heute trifft man ihn noch in einigen Gebieten Afrikas an. Der Yersinia pestis mediävalis ist das Bakterium, von dem die Wissenschaftler annehmen, daß es die großen Epidemien in Westeuropa und dem Nahen Orient von 1348 an verursachte.

In der Gruppe der Yersinia-Arten finden wir auch noch den Yersinia pseudotuberculosis und den Yersinia enterocolitica. Sie weisen jede für sich große Gemeinsamkeiten mit dem Pesterreger auf und die Mediziner spekulieren, daß diese beiden Erreger in Yersinia pestis mutiert sind und umgekehrt. Die Bakterien der Yersinia-Gruppe stellen der Wissenschaft jedenfalls immer neue Rätsel, ihr ‚epidemiologisches Genie‘ scheint unerschöpflich. (2)

Bei der Krankheit selbst kann man zwei Arten der Pest unterscheiden. Dringt der Erreger über die Haut ins Lymphsystem, handelt es sich um die sogenannte Beulen- oder Bubonenpest. Nimmt die Infektion von den Lungenschleimhäuten aus ihren Lauf, spricht man von der Lungenpest.

Bei der Beulenpest dringen die Erreger also über die Haut in den Körper ein. Dies geschieht vor allem bei Bißwunden (u. a. durch Flöhe) oder anderen Verletzungen der Haut. Diese Pestart hat eine Inkubationszeit von durchschnittlich nur sechs Tagen. Der Patient bekommt plötzlich und „aus vollster Gesundheit heraus“ einen Fieberschub auf etwa 40° mit starken Kopf- und Gliederschmerzen, darauf folgen extreme Lichtempfindlichkeit und heftiger Schüttelfrost. Der Erkrankte erbricht sich und ist benommen. Bei schweren Verlaufsformen wird Blut gespuckt; es treten auch Hautblutungen auf.

Am augenscheinlichsten sind aber die Schwellungen der Lymphknoten in der Leistengegend, in der Achselhöhle und am Hals. Die geschwollenen Lymphdrüsen werden Bubonen genannt. Man unterscheidet dabei primäre und sekundäre Bubonen: Erstere werden auf dem Lymphweg direkt von der Infektionsstelle her gebildet, zu den sekundären kommt es erst durch Erregerstreuung auf dem Blutweg.(2)

Bei 50 – 75 % der Fälle treten diese Schwellungen in der Leistengegend auf, bei 20 % in der Achselhöhle und nur bei 10 % im Nacken. Diese Schwellungen müssen aber nicht sofort sichtbar werden und können auch erst einige Tage nach dem Fieberschub auftauchen. Bei einigen Fällen stirbt der Patient auch, ohne daß die Bubonen sichtbar werden. Dies wird vor allem zu Beginn einer Epidemie beobachtet, da durch die vorher zu stark angeschlagene Konstitution des Patienten der Tod schon vorher eintritt, und die Schwellungen zu wenig Zeit hatten sich zu entwickeln. Bei einem „klassischen“ Krankheitsverlauf tauchen die Bubonen allerdings nach einem bis zwei Tagen auf und können von der Größe einer Walnuß bis zu Faustgröße aufschwellen. Der Kranke selbst nimmt im Bereich dieser Schwellungen ein starkes Spannungsgefühl wahr.

Während des Krankheitsverlaufs wird auch der Kreislauf in Mitleidenschaft gezogen. Der Puls rast und wird flach. Zum Ende der Erkrankung hin ist er fliegend und nicht mehr rhythmisch, bis er nicht mehr zu fühlen ist. Weiterhin wird Bluthochdruck diagnostiziert sowie eine Neigung zum Kollaps und ein Druckgefühl über dem Herzen. Während dieses Krankheitsbildes ist ein Herzversagen jederzeit möglich.

Nach ungefähr einer Woche kann eine Gesundung beginnen, bei Betrachtung bisheriger Epidemien rechnet man mit 20 bis 40 % Heilungsfällen. Der dabei einsetzende Fieberabfall geht in der Regel einher mit dem Durchbruch der eingeschmolzenen Bubonen oder dem Beginn ihrer Rückbildung. Es gibt aber auch irreguläre Krankheitsverläufe: Im Extrem können die Auswirkungen der Infektion so gering sein, daß der klinische Verlauf der Beulenpest dem eines gewöhnlichen Karbunkels entspricht. Solche Fälle von sog. ‚pest minor‘ sollen vor allem gegen Ende von Epidemien häufiger auftreten. (2)

Tritt diese Gesundung nicht ein, wird es ernst, und es kommt zur sogenannten hämorrhagischen Septikämie. Dabei strömen die Bakterien in das Blut und werden rasend schnell im ganzen Körper verteilt. Dies führt schon bald zum Tod. Dieses letzte Stadium der Krankheit beginnt mit Herz-, Nieren- oder Lungenkomplikationen und einem erneuten Fieberstoß auf 40 bis 42 Grad. Stirbt der Patient nicht gleich, so können weitere Hautveränderungen, wie neue Karbunkel oder Flecken unter der Haut, die in vielen Farben schimmern können, auftreten. Zum Ende der Krankheit hin ist der Patient auch stärker verwirrt, er hat Halluzinationen, fällt plötzlich ins Koma und stirbt bald darauf.

Bei der Lungenpest hingegen dringt der Krankheitserreger durch die Lungenschleimhäute in den Körper ein. Die Lungenpest kann auch eine Folge der Beulenpest sein. Der Grund dafür liegt darin, daß bei schweren Beulenpesterkrankungen die Gefahr einer Überschwemmung auch der Lunge, in der kritischen septikämischen Phase besteht. Geschieht dies, so bilden sich in ihr sog. metastasische Herde. In solch einem Fall spricht man von sekundärer Lungenpest, weil ihr der gewöhnliche Verlauf der Beulenpest vorausging. (2) Der Patient hat einen starken Auswurf, in dem es nur so von Bakterien wimmelt. So gibt er die Erreger in die Umwelt ab, und somit geht die Bubonenpest in die Lungenpest über.

Genau wie die Beulenpest setzt die Lungenpest plötzlich ein und beginnt mit einem enormen Fieberstoß und Schüttelfrost. Nur einen Tag nach der Infektion bricht die Krankheit aus, und nach nur einigen Stunden kann sich Herz- und Kreislaufversagen einstellen. Atemstörungen, Kurzatmigkeit und ein heftiger Hustenreiz stellen sich ebenfalls kurz nach der Infektion ein. Zu Beginn der Krankheit klagt der Patient auch über Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung, genauso wie Appetitlosigkeit. Weiterhin hat der Erkrankte auch einen starken Auswurf, der schon bald blutig wird und nur unter großen Schmerzen abzuhusten ist.

Im Gegensatz zur Beulenpest ist bei der Lungenpest der Krankheitsverlauf schneller, und ohne Behandlung stirbt der Patient schon nach zwei bis drei Tagen, bei der Beulenpest die Hälfte der Erkrankten vor dem achten Tag und 80 bis 90 % vor Beginn der vierten Woche. Vor dem zweiten Tag sterben 30 bis 40 % und nur ein bis zwei Prozent sterben sofort. Die Beulenpest ist im Gegensatz zur Lungenpest weniger gefährlich und die Heilungschancen sind besser.

Hatte man früher keine geeigneten Medikamente zur Behandlung der Pest, stehen dem modernen Arzt vor allem Sulfonamide und Streptomyzin zur Verfügung. Die medizinische Wunderwaffe Penicillin ist bei den Pesterkrankungen allerdings völlig unwirksam. Im Vordergrund der prophylaktischen Maßnahmen gegen die Seuche muß immer der Kampf gegen das blutsaugende Nager- und Wohnungsungeziefer stehen. Bei vorbeugendem Schutzimpfungen (z. B. für Pflegepersonal) greift man heute wieder stärker auf Impfstoffe aus abgetöteten Erregern zurück. (2)

Aber wie wird die Pest auf den Menschen übertragen, und wie konnte sie immer wieder epidemische Formen annehmen? Früher hielt man die Ratte für den einzig Schuldigen. Heute wissen wir, daß nicht nur die Ratte den Pesterreger in sich trägt. Forscher haben sogar herausgefunden, daß es in Gebieten, die als „Dauerherde“ der Pest gelten, teilweise gar keine Ratten gab. Die Beulenpest hat ihre Basis natürlich in den Tierseuchen, aber eine langfristige Trägerfunktion haben vor allem Kleinnager, die gegen eine solche Infektion resistent sind. Es sind mehr als 200 Spezies von Nagern bekannt, die bei der Verbreitung der Pest beteiligt sein können.

Bei der Übertragung auf den Menschen spielt aber vor allem der Floh eine große Rolle. Die sogenannte „Rattenflohtheorie“ stellte lange Zeit das Non plus ultra in der Forschung dar. Diese Theorie besagt, daß es ohne die Nagerpest keine Menschenpest gibt. Man stellte sich die Infektionskette so vor: Eine Ratte trägt den Erreger in sich. Diese Ratte wird von einem Rattenfloh gebissen, oder mit ihrem Blut auch das Bakterium aufnimmt. Im Magen-Darm-Kanal des Flohs vermehren sich die Bakterien stark. Stirbt diese Ratte nun, wird der Mensch nun „Verlegenheitswirt“ des Rattenflohs. Beißt dieser nun den Menschen, geht die Krankheit auf ihn über.

Es gibt aber auch Forscher, die dieser Theorie widersprechen und anführen, daß es diese Art des Rattenflohs in den gemäßigten Zonen nicht gäbe. Die Ansicht, daß bei uns beheimatete Rattenflöhe die Pest übertragen, sei somit lediglich ein Ausdruck der Verlegenheit des Forschers, der die tropische Pestformel auch für den „Schwarzen Tod“ zu retten versucht. Weiterhin fehlt es für all die Jahrhunderte nach 1348 im Bereich Europas an eindeutigen Hinweisen für das Zusammentreffen von Rattensterben und Ausbruch von Pestepidemien. (2)

Man hat deswegen in der Forschung vor allem die menschlichen Parasiten ins Visier genommen. Hier konzentriert man sich hauptsächlich auf den Menschenfloh pulex irritans. Es ist sehr wahrscheinlich, daß große, aggressive Epidemien ohne den Menschenfloh nicht ein solches Ausmaß hätten annehmen können.

Von den großen historischen Pestepidemien ist bekannt, daß sich die Infektion primär unter Familienangehörigen bzw. Bewohnern eines Hauses ausbreitete. Auch haben Untersuchungen ergeben, daß es in den „Dauerherden“ der Pest eine erhöhte Dichte des Menschenflohs gibt. Wir wissen heute, daß die Menge von Erregern, die ein Pulex irritans bei dem Biß eines Infizierten aufnehmen kann, ausreicht, um das Bakterium an sein nächstes „Opfer“ weiterzugeben. Eine Ratte oder ein anderer tierischer Träger wird somit nicht benötigt.

An der weiten Ausbreitung der Pest war aber nicht die Ratte oder ein anderer Nager schuld, sondern der Mensch selbst. Er verbreitete die Seuche wahrscheinlich über die Handelswege, egal, wo der Ursprung lag. Dies erklärt auch die große Ausbreitung (von Westeuropa bis Asien) bei den historischen Epidemien. Die flächenhafte Ausbreitung der Pest wird nämliche keineswegs durch die Ratten besorgt. Gerade die Hausratte ist ziemlich ortsfest … Man ist heute davon überzeugt, daß die Verschleppung der Seuche über Hunderte und Tausende von Kilometern durch den Menschen selbst geschehen ist. (2) Am wichtigsten für eine große Epidemie ist allerdings eine dichte Besiedlung eines Raumes. Großstädte sind am besten für eine Epidemie geeignet.

Der Menschenfloh nimmt also den Erreger aus dem Blut eines Infizierten auf und überträgt ihn auf einen oder mehrere noch gesunde Menschen. Zuerst breitet sich das Bakterium in der Familie aus, dann unter den Personen, die unmittelbar mit den Erkrankten in Kontakt kamen (wie Dienstboten oder bei Bauern Knechte und Mägde). Bei einer entsprechend hohen Bevölkerungsdichte, wie sie schon in den Städten des Mittelalters zu finden war, war dies der Beginn einer Epidemie, ja, einer Pandemie, die über die Handelswege in alle Welt verschleppt werden konnte.

Bei Einzelerkrankungen hingegen gelingt der Erreger zumeist von einem wild lebenden Nagetier über den Floh auf den Menschen. Bei den noch heute auftauchenden Infektionen geht der Übertragung auf dem Menschen offenbar eine Seuche unter Tieren voraus.

Viele Epidemien nahmen in Asien ihren Ursprung. Le Dantec schrieb: ‚Manchmal steigt die Epidemie vom Süden Asiens herunter und überfällt Britisch-Indien, manchmal wendet sie sich nach Osten und dringt nach Yünnan ein, einmal breitet sie sich nach Osten über Turkestan hinaus aus, dann wieder erreicht sie über den Nordosten die Mongolei …‘ Vom Asiatischen Herd ausgehend, kann man die Spuren der Epidemien verfolgen, die in die Häfen eindringen, Ozeane überqueren und neue Kontinente infizieren. Die auf diesem Weg eingeschleppte Pest ist mit den im Zweiten Weltkrieg torpedierten Frachtern verschwunden; diese Art des ratproofing hat die Häfen desinfiziert. (3)

Heute taucht die Pest hauptsächlich in und um den „Dauerherden“ auf. Diese finden wir im Südwesten der USA, den Anden, Ostbrasilien, in Indien, der Mongolei, auf Madagaskar, im südlichen Afrika und im westlichen Nordafrika. Weiterhin tritt die Pest auch noch in den Elendsvierteln der großen Metropolen in Asien, Afrika und Südamerika auf.

1996 gab es laut Bericht der WHO in Afrika 308, auf dem amerikanischen Kontinent 55 und in Asien eine Pesterkrankung. In Afrika starben 38 Menschen, in den beiden Amerikas sechs Menschen, der in Asien infizierte Patient genas. Insgesamt waren dies 364 Erkrankungen und 44 Todesfälle. 1997 hingegen gab es weltweit 963 Erkrankungen und 56 Todesfälle. In Afrika waren es alleine 936 Erkrankungen und 53 Tote, in den beiden Amerikas gab es bei vier Erkrankungen einen Todesfall (alle Erkrankungen in den USA). In Asien waren es 23 Infizierte und zwei Tote.

Für Europa meldet die WHO nur zwei Pestfälle seit 1950. Im Jahre 1962 trat eine Infektion auf, bei der der Patient starb. Hierbei handelte es sich um eine Laborinfektion, also keine „normale“ Erkrankung. Der zweite Fall ereignete sich 1970 in Frankreich, auch hier starb der Patient. Allerdings infizierte sich der Patient nicht in Europa, sondern wurde, wahrscheinlich per Schiff, nach Frankreich gebracht. Dies war bis 1997 der letzte Fall in Europa. Hochburgen der Pest sind Vietnam, Peru und Tansania. Der absolute Spitzenreiter ist allerdings Madagaskar (1995 1.147 Erkrankungen, aber nur 26 Todesfälle).

(1) Bertelsmann Lexikon: in vier Bänden. – Gütersloh
Dritter Band M-Sd, 1965.

(2) Hartinger, Walter: Von der laidigen Sucht der Pestilentz: Kleine Kulturgeschichte der Pest in Europa. – Passau, 1986.

(3) Illustrierte Geschichte der Medizin. – Salzburg
Bd. 3, 1980.

(4) Zahlen der Weltgesundheitsorganisation.

HÖLLE! HÖLLE! HÖLLE!

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Der Teufel? Ist doch klar… rot, mit Pferdefuß und Huf, der hat einen Schwanz und Hörner und der riecht nach Schwefel. Weiß doch jeder, das steht doch sogar in der Bibel. Ok, zwar ist in der Bibel oft und gerne vom Teufel, von Satan, von Luzifer, von Azazel und wie er sonst noch genannt wird, die Rede, doch hat sich seine Ikonographie gründlich gewandelt, bis er zu seiner erschröcklichsten Form gefunden hat:

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Die erste Darstellung des Teufels (wir bleiben mal bei diesem Begriff) finden wir in Ravenna, in der Kirche San Vitale und sie stammt von einem Mosaik aus der Mitte des sechsten Jahrhunderts. Dort sehen wir in der Mitte des Mosaiks den wiedergekehrten Jesus, der die Menschen aufteilt in Gut und Böse, wie es in Matthäus 25, 31 – 33 beschrieben ist: Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit, und werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zu seiner Linken.

Zu seiner Rechten steht ein schöner, roter Engel, der die Lämmer, also die guten Menschen in Empfang nimmt. Zu seiner Linken steht ein genauso schöner, blauer Engel, der die Böcke, also die schlechten Menschen bekommt. Hier können wir davon ausgehen, dass es sich hier um die erste Darstellung des Teufels handelt, der sich um die Sünder „kümmert“.

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Der erste Teufel war also ein blauer Engel.

Nein, nicht der…

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… und der auch nicht…

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… so, der hier…

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Ist die Farbe Blau heute die Farbe der sog. Jungfrau Maria, die als Mittlerin zwischen den Menschen und Jesus fungiert, war in der damaligen frühchristlich-byzantinischen Zeit Blau die Farbe der Verdammnis und der Sünder. Was an diesem Mosaik allerdings am meisten auffällt ist, dass der Teufel hier als „normaler“ Engel dargestellt wird und nicht als das grauenhafte Monster späterer Zeiten. Hiervon ließen sich übrigens auch die berühmten Miniaturenmaler Paul, Johan und Herman von Limburg inspirieren, als sie um das Jahr 1410 Lés Trés Riches Heures für den Herzog von Berry schufen (heute im Musée Condé in Chantilly), ein Stundenbuch mit wunderschönen Malereien, in dem eben auch der Sturz der rebellierenden Engel dargestellt ist. Auch hier war der Engel Luzifer nicht als verwachsenes Monster zu sehen, sondern er und seine Engel als schöne, junge Männer, die von Gott in die Verdammnis gestoßen wurden.

©Photo. R.M.N. / R.-G. OjŽda
©Photo. R.M.N. / R.-G. OjŽda

Die Brüder von Limburg stellten damit also die „Geburtsstunde“ des Teufels dar. Biblisch geht dies auf zwei etwas diffuse Textstellen zurück. Die erste finden wir im Alten Testament, genauer gesagt im 14. Kapitel des Buches Jesaja, wo der gestürzte Rebell als wunderschöner Morgenstern bezeichnet wird. Die zweite Textstelle findet sich im neuen Testament, im 10. Kapitel des Lukas-Evangeliums, wo der Höllensturz als Blitz beschrieben wird.

Aber kommen wir zurück ins 6. Jahrhundert. Damals war der Teufel also noch ein „normaler“ Engel, aber bereits knapp 400 Jahre später wurde er zu einem Ungeheuer, wie man in der Basilika Santa Maria Assunta auf der venezianischen Insel Torcello sehen kann:

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Zwar hat der Teufel seine blaue Farbe beibehalten (was uns an den alten Udo Jürgens-Schlager „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ erinnert), aber nun wurde er zum bärtigen und schielenden Unhold, der auf einem Menschen verschlingenden Thron sitzt. Wer die kleine Gestalt auf seinem Schoß ist, konnte bisher nicht zweifelsfrei geklärt werden.

Die Basilika von Torcello wurde im Jahr 1008 geweiht und ist besonders für seine Ikonostase und eben das monumentale Mosaik bekannt, zu der auch die Darstellung des jüngsten Gerichtes zählt.

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Interessant an der Darstellung ist, dass die Hölle hier durch eine direkte Verbindung zur Antipode Gottes wird.

Eine weitere Darstellung des Teufels als seelenfressendes Monster finden wir im Baptisterium San Giovanni in Florenz. Dort ist der (wieder blaue) Teufel ebenfalls auf einem Mosaik dargestellt.

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Diese Wandlung ist auch in schriftlichen Quellen zu finden. Wurde bisher der Teufel eher als Unruhestifter, als Verführer oder ähnliches dargestellt (also eher ein christlicher Pan), so wurde er ab de 8./9. Jahrhundert ganz handfest als Bestrafer, als Peiniger, als Quäler manifestiert.

Und dieser Teufelsglaube, der sich im Laufe des Mittelalters noch verfestigen sollte und immer ausgeschmückt wurde, wurde durch die Kirche auch immer mehr in das Alltagsleben der Menschen integriert. Exorzismen waren an der Tagesordnung, jede kleinste Kleinigkeit vom Schnupfen bis zur verdorbenen Milch wurde mit der Anwesenheit des Teufels und seiner Dämonen erklärt.

So verwundert es nicht, dass auf der Synode zu Leptinae 743 zwar auch das Glaubensbekenntnis beschlossen wurde, aber viel länger über eine Formel zur Entsagung des Teufels diskutiert wurde.

Der Hintergrund dieser Wandlung ist ganz einfach. Die Oberste Kirchenleitung wollte den religiösen Dualismus und damit ihre Macht manifestieren. Der Teufel war jetzt nur noch dazu da, Angst und Schrecken zu verbreiten, denn die Kirche hatte eingesehen, dass Menschen in Angst am leichtesten zu kontrollieren sind. Und was wäre hier besser als eine unsichtbare Gefahr, für die man ein unsichtbares Gegenmittel (also Gott) verkaufen konnte?

Und der Plan ging auf, wie wir heute wissen. Gerade in Notzeiten bei Krieg, Hunger und Pestilenz liefen die Angehörigen des Klerus zur Höchstform auf und an allem und jeden waren der Teufel und seine Dämonen schuld.