Die Tagebücher des Samuel Pepys

Eine der spannendsten Epochen der englischen Geschichte ist zweifellos die des Bürgerkrieges, der Cromwell-Republik und der Restauration der Monarchie bis hin zur Glorious Revolution und dem Aufsteigen Englands hin zur europäischen Großmacht. Das wir einen recht intimen Blick hinter die Kulissen der damaligen Zeit erhalten, verdanken wir dem am 23. Februar 1633 geborenen Samuel Pepys (sprich Pieps), der vom 1. Januar 1660 bis zum 31. Mai 1669 ein umfangreiches Tagebuch führte, das nicht nur sein privates, sondern auch sein berufliches und gesellschaftliches Leben umfasste.

Insgesamt waren es sechs Bände mit 3.100 Seiten und mehr als 1.250.000 Wörtern geschrieben im tachygraphischen System Short Writing nach Thomas Shelton und gebunden im ledernen Standart-Einband, in die er alle Bücher seiner über 3.000 Bände umfassenden Privatbibliothek hatte aufbinden lassen. Diese Bibliothek war in wuchtigen Bücherschränken im Stil der Zeit untergebracht, die Pepys von Schreinern der königlichen Werft so hatte konstruieren lassen, dass sie einfach ab- und wieder aufzubauen sind. Im ersten Schrank, im zweiten Fach in der hinteren Reihe, befanden sich – lange Jahre unbemerkt – und befinden sich noch heute die sechs gebundenen Bände des Tagebuchs.[1] Entdeckt wurden sie erst Anfang des 19. Jahrhunderts und 1825 erscheint eine erste Auswahl im Londoner Verlag Simpkin, Marshall, Hamilton, Kent & Co. Unter dem Titel Memoirs of Samuel Pepys, Esq. F.R.S. Secretary to the Admiralty in the Reigns of Charles II. and James II. Comprising His Diary from 1659 to 1669, Deciphered By the Rev. John, A.B. From the Original Shorthand Ms. in zwei Bänden.

Aber wer war dieser Samuel Pepys und warum stellt sein Tagebuch für uns so eine interessante historische Quelle dar? Pepys gehörte zur oberen Mittelschicht des Bürgertums und zeigte zahlreiche Interessen an naturwissenschaftlichen und musischen Bereichen. So sprach er insgesamt drei Fremdsprachen (Spanisch, Französisch und Italienisch), spielte drei Instrumente (Laute, Geige und Flageolett) und interessierte sich auf wissenschaftlichem Gebiet vor allem für Mathematik und Musiktheorie.

Nun, Samuel Pepys wurde wie erwähnt am 23. Februar 1633 geboren und das noch in London. Sein Vater John war Schneider und gemeinsam mit seiner Frau Margaret hatte er elf Kinder, von denen vier überlebten. Der kleine Samuel war das älteste dieser vier Kinder. Obschon die Familie den bescheidenen Lebensstil eines Schneiders lebte, hatte sie verwandtschaftliche Beziehungen zur Familie Montagu, die dem Landadel angehörte. Zu ihr wurde Samuel Pepys geschickt, als 1642 der Bürgerkrieg ausbrach. Er lebte dort bei seinem Onkel Robert Pepys, der Hinchingbroke, das Gut der Montagus, verwaltete. Die wohlhabende Verwandtschaft schickte den kleinen Samuel auf eine Lateinschule in Huntingdon und später dann auf die St. Paul’s School in London. Eine Schule nach strengen puritanischen Maßstäben und so verwundert es nicht, dass er sich zum treuen Roundhead[2] entwickelt und auch die Hinrichtung König Charles I. miterlebte. Von 1650 bis 1653 besuchte er die University of Cambridge, wo er den Bakkalaureusgrad erwarb. Gegen eine Geldzahlung erhielt er 1660 nachträglich den Magistertitel zugesprochen.[3]

Pepys wurde Privatsekretär seines Vetters Edward Montagu, der acht Jahre älter war und sich während des Bürgerkrieges an der Seite Cromwells erfolgreich geschlagen hatte. Montagu, der spätere Lord Sandwich, förderte Samuel Pepys und sorgte 1658 für dessen Anstellung im Schatzamt unter dem damaligen Minister George Downing. Ebenfalls 1658 musste er sich einen Blasenstein entfernen lassen. In der damaligen Zeit einen lebensgefährlichen und vor allem schmerzhaften Eingriff darstellte. Bereits drei Jahre zuvor heiratete Pepys am 1. Dezember in der St.-Margaret-Kirche in Westminster die erst 15-jährige Elisabeth le Marchant de St. Michel, die Tochter aus einer verarmten Hugenottenfamilie.

Nach dem Tode Oliver Cromwells und der Abdankung seines Sohnes Richard waren sowohl Montagu und Downing, obschon bisher stramme Cromwell-Anhänger, maßgeblich an der Restauration der Könige aus dem Hause Stuart beteiligt. Gemeinsam mit Montagu gehörte Pepys zu der englischen Delegation, die den späteren Charles II. aus dem Exil in den Vereinigten Niederlanden zurück nach England holte. Auch die Krönung in Westminster erlebte Pepys sehr nah mit.

Am 1. Januar 1660 beginnt Samuel Pepys mit seinem Tagebuch und am 29. Juni trat er als Erster Sekretär ins Marineamt ein. Sein offizieller Titel ist der eines Clerk of the Act[4]. Damit ist er einer von vier leitenden Beamten dieser bedeutenden Behörde (die Flotte ist der größte Arbeitgeber des Landes). […] Als Mitarbeiter im höheren Dienst darf SP sich nun ‚Esquire‘ nennen und steht damit im Rang höher als ein ‚Gentlemen‘[5]. Sein Aufgabenbereich lag in der Beschaffung von Material und Verpflegung, also [in] Bau, Reparatur und Ausrüstung der Schiffe der Royal Navy.[6] Pepys zieht um und übernimmt eine geräumige Dienstwohnung im Gebäude des Flottenamtes in der Seething Lane[7]. Mit der Stelle des Schreibers im Siegelamt übernimmt Pepys am 23. Juli 1660 einen lukrativen Posten, den er erst am 20. November 1662 wieder aufgibt[8].  Die Position im Flottenamt gab Pepys allerdings auch die Möglichkeit seine Einkünfte auf „unkonventionelle“ Art und Weise aufzustocken. So war er 1665 in einen Skandal um unterschlagene Prisengelder verwickelt. Im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten Montagu, mittlerweile zum Lord Sandwich erhoben, musste er keine Konsequenzen fürchten. Montagu wurde als Botschafter nach Madrid „verbannt“.

Auch gesellschaftlich etabliert sich Pepys, so wird er am 15. Februar 1662 Mitglied des ‚Hauses der Dreieinigkeit‘ (Trinity House); ursprünglich eine Art Schiffergilde ist es inzwischen eine Mischung aus Freimaurerloge und dem Garrick Club[9]. Auch wird er in den neu gegründeten Tanger-Ausschuss berufen, wo er drei Jahre später zum Kämmerer berufen wird. 1664 folgt die Berufung in den Ausschuss der Königlichen Fischerei. Am 15. Februar 1665 wird Samuel Pepys Mitglied (Fellow) der Königlichen Akademie der Wissenschaften (Royal Society)[10]. Von der großen Pestepidemie, die im Jahr 1665 in London wütet bleiben Pepys und seine Frau verschont. Seine Bemühungen um die Flotte zeigen erste Wirkungen, wird Pepys doch am 4. Dezember 1665 zum Generalproviantinspekteur oder Surveyor-General of the Victualling, wie der Titel korrekt heißt, berufen. Die Schaffung dieses Postens hatte Pepys neben zahlreichen anderen Reformen des Proviantwesens selbst angeregt[11]. Dieses Amt wird er bis zum 28. Juli 1667 innehaben.

Während des großen Brandes von London, der am 2. September 1666 in der Bäckerei von Thomas Farynor in der Pudding Lane ausbricht, übernimmt Pepys im Chaos des Brandes Verantwortung und beginnt Löscharbeiten zu koordinieren. Gemeinsam mit Admiral William Penn veranlasste er die Sprengung von Häusern rund um das Navy Office, durch die räumliche Nähe zum Tower wurde auch dieser auf Grund der Sprengungen gerettet.[12]

Im Zuge des Seekrieges zwischen England und Holland dringen die Holländer 1667 auf Themse und Medway bis nach Chatham vor, wo die großen Linienschiffe der Navy liegen, stecken diese in Brand oder erobern sie. Dies stürzt das Land in eine Finanzkrise und auch Pepys bring seinen Goldvorrat zu seinem Vater nach Brampton in Sicherheit. Am 22. Oktober muss Samuel Pepys vor dem Ausschuss für Pflichtverletzungen erscheinen und sich im Namen des Flottenamtes für die Vorgänge um die Schlacht bei Chatham verantworten[13].

Am 5. März [1668] spricht SP vor dem Unterhaus, um das Flottenamt vom Vorwurf der Mißwirtschaft und Pflichtverletzung zu befreien. Dies begründet seinen Ruhm als Redner[14]. Vom 5. bis 17. Juni 1668 begibt sich Pepys mit seiner Frau und einigen Bediensteten auf eine Reise durch die westlichen Grafschaften. Sie führt sie von London über Huntingdon nach Newport, Buckingham, Bicester, Oxford, Abingdon, Hungerford, Blackheath, Salisbury, Stonehenge, Wilton, Norton St. Philip, Beckington, Bath, Bristol, Avebury, Malborough, Wiltshire, Berkshire, Newbury, Reading, Maidenhead und nach Colnbrook[15].

Da Pepys 1669 irrtümlich glaubt, an einem schweren Augenleiden erkrankt zu sein und Angst hat, zu erblinden, lässt er sich für drei Monate beurlauben und unternimmt gemeinsam mit seiner Frau eine Reise nach Frankreich, wo sie ihre Route über Paris und Rouen auch nach Brüssel führt. Elizabeth Pepys erkrankt allerdings während der Rückreise an einem hohen Fieber und verstirbt am 10. November im Alter von nur 29 Jahren. Samuel stiftet zu ihrem Andenken eine Büste in der St.-Olave-Kirche in der Hart Street. Aus dieser Angst um seine Augen heraus beendet er am 26. März 1669 auch sein Tagebuch, da er annimmt, dass das Schreiben bei Kerzenlicht seinem Sehvermögen schadet.[16]

Im Unterhaus wird Ende 1669 eine Commission of Accounts eingerichtet, also ein Untersuchungs-ausschuss, der die Ausgaben der Marine im Krieg mit Holland überprüft. Nachdem Pepys am 2. Dezember wieder seinen Dienst antritt, muss er einen Rechenschaftsbericht ausarbeiten, was er innerhalb von zwei Wochen auch schafft. Anfang 1670 muss er fast täglich dem Ausschuss Rede und Antwort stehen.[17] SP lernt [im September 1669] Mary Skinner kennen, die künstlerisch ambitionierte Tochter eines Kaufmanns aus der Mark Lane, aufgewachsen bei einer reichen Tante in Hertfordshire. Sie wird seine Geliebte und Lebensgefährtin und bald allgemein als ‚Mrs. Pepys‘ anerkannt[18].

Am 24. Februar 1672 wird Samuel Pepys im Trinity House zum Senior befördert. Er verliert im gleichen Jahr seinen Gönner und Freund, den Earl of Sandwich, der als Vizeadmiral am 28. Mai in der Schlacht von Solebay fällt.

so wurde er 1673 zum ernannt. Ebenfalls 1673 zog Pepys ins House of Commons ein, nachdem er sich erfolgreich um den Sitz für Castle Rising in Norfolk beworben hatte und auch gewählt wurde. 1679 zog er dann wieder als Abgeordneter für Harwich ein.  Am 1. Februar 1676 wird Pepys zum „Gönner“ der Christ-Hospital-Armenschule, ein Jahr zuvor war er bereits Gönner des Bridewell-Zuchthauses geworden.[19]

Durch den Weggang Montagus im Rahmen der „Prisenaffäre“ näherte sich Pepys an den Herzog von York an, der nicht nur der Bruder des Königs war, sondern auch Lord High Admiral, also Oberbefehlshaber der Flotte.  Pepys kann sich der Protektion durch den Herzog sicher sein. Nachdem König Charles II. allerdings noch immer kinderlos war, sein Bruder aber bereits 1671 zum Katholizismus konvertierte und eine katholische Prinzessin geheiratet hatte, befürchtete das Parlament, dass sich eine katholische Dynastie etablieren könnte. Durch den Test-Act wurden hierauf hin alle öffentliche Angestellte verpflichtet, sich zur anglikanischen Staatskirche zu bekennen. Der Herzog weigert sich und wird als High Admiral abgesetzt. Die Admiralität wird zukünftig von einer Kommission geführt, deren erster Sekretär (Secretary to the Admiralty Commission) Samuel Pepys am 18. Juni 1673 wird. Am 4. November zieht Pepys als Abgeordneter für Castle Rising in Norfolk ins House of Commons ein[20].

Die Vorgänge um den Herzog von York hatten auch nachteilige Aspekte für Pepys. Als Schützling eines ‚Papisten‘ (der in seiner Position geschwächten Herzogs von York) wird SP im Parlament zum Ziel antikatholischer Anfeindungen. Ihm wird vorgeworfen, zu Hause einen Altar mit einem Kruzifix zu besitzen. Am 10. Februar weist er im Plenum diesen Vorwurf zurück. […] Trotz der antikatholischen Stimmung im Land engagiert SP den italienischen (römisch-katholischen) Musiker Cesare Morelli als Hausmusiker, persönlichen Musiklehrer und Komponisten[21].

Samuel Pepys engagiert sich aber auch auf sozialem Bereich. 1675 wird er zum offiziellen Gönner des Bridewell-Zuchthauses und 1676 zum Gönner der Christ-Hospital-Armenschule. In dieser Funktion bittet er auch den König um Spenden um den Fächerkanon der Armenschule um die Mathematik zu erweitern. Ebenfalls 1676 wird er zum Innungsmeister im Trinity House und ein Jahr Später zum Innungsmeister der Tuchwirkergilde.

Auch in seinem beruflichen Bereich kann er Erfolge erzielen. So beschließt die Admiralitäts-kommission 1678 auf Antrag von Pepys, daß Leutnant zur See nur werden darf, wer wenigstens drei Jahre zur See gefahren ist, eine Bescheinigung seines Kapitäns vorweisen kann und im Flottenamt eine theoretische Prüfung abgelegt hat. Ein Meilenstein in der Reformierung der königlichen Marine[22].

Die antikatholischen Stimmungen erreichen u. a. dank der Gerüchte von Titus Oates, dass Katholiken die Ermordung des Königs planten (die sogenannte Papisten-Verschwörung), zu dieser Zeit ihren Höhepunkt. Wieder wird die Thronfolge diskutiert. Die Exclusion Crisis nimmt ihren Lauf, als Anthony Ashley-Cooper, der erste Earl of Shaftesbury eine Gesetzesvorlage im Unterhaus vorbringt, die den Herzog von York von der Thronfolge ausschließen sollte.

Am 5. Februar wird Pepys Parlamentsabgeordneter für den Bezirk Harwich und am 21. Mai tritt er von seinen Ämtern in der Admiralität und im Tanger-Ausschuss zurück. Am 22. Mai wird Pepys gemeinsam mit dem Schiffbaumeister James Deane angeklagt, an dem katholischen Komplott beteiligt gewesen zu sein und im Tower von London inhaftiert. Dahinter steckten allerdings eher private Gründe. John Scott, ein notorischer Kleinkrimineller, der 1678 in Gravesend verhaftet wurde war der Drahtzieher. Der für seine Verhaftung verantwortliche Friedensrichter für den Bezirk war Samuel Pepys. Scott wollte sich an ihm rächen und benutzte die Katholiken-Hysterie jener Jahre, um dies in die Tat umzusetzen. Er hatte behauptet, Pepys hätte geheime Landkarten und Informationen über die Flottenstärke an die Franzosen verkauft. Scott will belauscht haben, wie Deane in Paris im Haus des französischen Flottenkämmerers geäußert habe, daß die Karten von SP stammten. Deane war tatsächlich dort, weil er im Auftrag des englischen Königs zwei Jachten gebaut hatte, als Geschenk für Ludwig XIV. die er im August 1675 nach Versailles überführte. Neben den Karten soll Deane auch einen detaillierten Bericht über die Verwaltung der englischen Flotte von SP überreicht haben. Einen solchen Bericht hatte SP allerdings geschrieben, auf Anfrage des Parlaments, und die darin enthaltenen Informationen waren tatsächlich so brisant, daß Sir William Coventry beantragte, sie unter Verschluß zu halten und den Bericht nur einem Ausschuß anzuvertrauen. Der Antrag wurde abgelehnt, jeder Abgeordnete konnte daher den Bericht einsehen[23]. Pepys schickte seinen Schwager nach Frankreich, um Zeugen zu vernehmen, die seine Unschuld bestätigen können. Am 9. Juli 1679 wird Pepys auf Kaution aus dem Tower entlassen und beginnt nun, in England gegen Scott zu ermitteln. Die Kautionssumme wurde auf £30.000 festgesetzt, was heute in etwa einer Summe von £3.000.000 entspricht. Die Ergebnisse seiner Recherchen legt er in einem neuen Tagebuch nieder, dass er die Mornamont-Bände nennt, abgeleitet von Lord of Ashford and Mornamont, einem Decknamen, den Scott benutzte, und er von Januar bis Ende Juni 1680 führt. Was während dieser Recherchen ans Tageslicht kommt ist haarsträubend: Scott war Erbschleicher, Urkundenfälscher und Hochstapler, war Agent und Doppelagent. Die Gerichtsverhandlung gegen Pepys war für den 30. Juni 1680 festgesetzt. Scott zog es allerdings vor, nicht zu erscheinen, woraufhin er frei gesprochen wurde. Ein weiterer Aspekt dieser Anschuldigungen war, dass Pepys mit seiner Anstellung in der Admiralität auch seine Dienstwohnung verlor. Er zog bereits nach seiner Entlassung aus dem Tower im Juli 1679 bei Will Hewer ein[24].

Anfang Oktober schreibt SP die Geschichte der Flucht des jungen Charles II. im Jahr 1651 nieder, die ihm der König diktiert (Pepys hatte sie bereits am 23. Mai 1660 an Bord der Naseby von ihm gehört).[25]

1683 unternahm Samuel Pepys gemeinsam mit Will Hewer seine erste große Seereise nach Tanger im heutigen Marokko, etwas westlich der Meerenge von Gibraltar auf dem afrikanischen Kontinent. Tanger war ein Teil der Mitgift der portugiesischen Infantin Katharina von Braganza als sie Charles II. heiratete. Pepys war seit dem 20. November 1662 Mitglied im so genannten „Tanger-Ausschuss“, von dem er oft in seinen Tagebüchern berichtet. Ab dem 20. März 1665 ist er Kämmerer der Kolonie. Eben 1683 wurde diese Kolonie allerdings von England aufgegeben und Pepys übernahm die Abwicklung der englischen Garnison und die Sprengung der militärischen Hafenanlagen. In Tanger trifft er auch seinen Schwager Balty wieder, der seit 1680 dort Proviantmeister ist. Seine Erlebnisse zeichnet Pepys in seinem „Tanger-Tagebuch“ auf, unter anderem kann er von einem Piratenangriff auf sein Schiff berichten. Auf der Heimreise besuchte er Lord Sandwich in Madrid, wo dieser englischer Botschafter war. Erst im März 1684 kehrt er nach England zurück. Insgesamt war er sieben Monate unterwegs. Am 10. Juni 1684 wird Pepys von Charles II. zum Staatssekretär für Admiralitäts- angelegenheiten (King’s Secretary for the affairs of the Admiralty) ernannt, sein Jahresgehalt liegt bei £3.000[26].

Eine große Würdigung erfährt der naturwissenschaftlich interessierte Pepys am 1. Dezember 1684, als er zum Präsidenten der Royal Society (Königliche Akademie der Wissenschaften) gewählt wird. Er hat das Amt bis zum 30. November 1686 inne.

Nachdem Charles II. 1685 im Alter von nur knapp 55 Jahren verstorben war, folgte ihm sein Bruder, der bisherige Herzog von York als Jakob II. auf den Thron, was auch der Karriere von Pepys Auftrieb verlieh. Am 19. Mai dieses Jahres zieht er als Abgeordneter für Harwich wieder ins Parlament ein und im März 1686 wird die lange von Pepys geforderte Sonderkommission zur Reformierung der Flotte (Special Commission for the Recovery of the Navy) installiert[27].

Im Jahr 1688 überschlagen sich dann die Ereignisse, der Sohn Jakob II. und somit Thronfolger kommt auf die Welt und wird katholisch getauft. Somit zeichnet sich für das protestantische England eine katholische Herrscherdynastie ab, was großen Unmut unter der Bevölkerung hervorruft. Sieben protestantische Politiker wenden sich daraufhin an die protestantische Tochter von Jakob II., Mary, und ihrem Mann, dem niederländischen Statthalter Wilhelm von Oranien, und übergeben Ihnen eine „Einladung, den Protestantismus zu retten“. Mary wäre ohne die Geburt des Sohnes Jakob II. die nächste in der Thronfolge gewesen. Das Paar landet am 5. November 1688 mit ihren Truppen in Torbay und trifft im Dezember in London ein. Einer der ersten, der empfangen wird, ist Samuel Pepys, der als Günstling von Jakob II. fest mit seiner Entlassung rechnet, was zu seiner großen Verwunderung nicht geschieht. Als Jakob II. am 23. Dezember nach Frankreich flieht und dabei das große Staatssiegel in die Themse wirft, wird dies allgemein als Abdankung angesehen. So ist der Weg für die Thronbesteigung von Wilhelm und Mary frei, die am 13. Februar 1689 erfolgt. Diese Vorgänge gehen als Glorious Revolution in die englische Geschichte ein.

Samuel Pepys hat allerdings nicht mehr so viel Glück, bei den Wahlen am 16. Januar 1689 ist er als „Papist“ verschrien und wird nicht mehr gewählt. Am 20. Februar tritt er von seinen Ämtern in der Admiralität zurück, da er es nicht vertreten kann, den auf Jakob II. geleisteten Treueeid zu brechen. Dann kommt Pepys gemeinsam mit zwei anderen Beamten in den Verdacht, noch mit dem geflohenen König zu korrespondieren. Alle drei werden am 4. Mai festgenommen und im Gatehouse-Gefängnis in Westminster inhaftiert. Sechs Wochen müssen sie aushalten, bis sie gegen Kaution frei gelassen werden. Im August gibt Pepys das Amt des Innungsmeister des Trinity House auf, das er seit 1685 innehatte. Das Unglück reist auch im weiteren Verlauf des Jahres nicht ab: im November stirbt seine Schwester Pall, woraufhin Pepys ihren Sohn John Jackson aufnimmt.[28]

Im Juni 1690 wird Pepys erneut verhaftet und inhaftiert, fürchtete man doch eine Landung der Franzosen. Er gilt als Jakobiter, also als Anhänger des Hauses Stuart und ist somit verdächtig, die Franzosen zu unterstützen. Er wird allerdings bereits fünf Tage später wieder frei gelassen, als nach heftigen Unterleibsschmerzen ein Nierenstein festgestellt wird. SP gibt in seinem Haus samstägliche Abendgesellschaften, zu denen Freunde wie die Brüder Houblon, John Evelyn, Sir Isaac Newton und andere Mitglieder der Akademie der Wissenschaften (Royal Society) erscheinen. Im Übrigen widmet er sich der systematischen Vervollständigung seiner Bibliothek und berät andere bei Zusammenstellung ihrer Bibliothek. Die Houblons beschaffen ihm Titel aus dem Mittelmeerraum. SP legt eine Handschriftensammlung an (mit Autographen von Königin Elisabeth, Königin Maria Stuart von Schottland, Charles I. u. a.), er sammelt Kupferstichporträts von Berühmtheiten, außerdem Volkslieder: Balladen, die er in einem eigenen Buch nach Themen geordnet binden läßt: ‚Treue und Moral‘, ‚Tragisches‘, ‚Liebe, glückliche‘, ‚Liebe, unglückliche‘, ‚Frohsinn, Scherz und Kurzweil‘. Diese Mischung aus ‚Hohem‘ und ‚Niederem‘ macht seien Bibliothek einzigartig. Im Oktober wird er vom Vorwurf des Jakobitertums freigesprochen. In diesem Jahr erscheint SPs einzige Buchveröffentlichung: ‚Denkwürdigkeiten die Königliche Marine betreffend‘ (‚Memoires relating to the state of the Royal Navy‘) – eine Abrechnung mit den Mißständen in der Admiralität seit seinem Ausscheiden dort im Jahr 1679.[29]

Pepys widmet sich auch in den Folgejahren nur noch seiner Bibliothek und den Wissenschaften. So verbringt er den Sommer 1692 damit, eine Inventur seiner Bücher durchzuführen. Hierbei legt er einen neuen Katalog seiner Bestände an. Auch die sechs Bände seines Tagebuchs werden Inventarisiert. 1694 tritt er kurzfristig nochmal in die Dienste der Regierung, als er Berater für den Bau eines Hospitals für Seeleute in Greenwich wird. Hierbei arbeitet er mit dem Baumeister Christopher Wren zusammen, der auch die St. Pauls-Kathedrale errichtet.

Am 27. April 1699 wird Samuel Pepys zum Freeman of the City ernannt. Mit dieser Ehrenbürgerwürde der City of London werden seine zahlreichen Verdienste um die Christ-Hospital-Schule gewürdigt. Im Mai 1701 zieht Pepys nach Clapham „ins Grüne“, allerdings ohne seine Bibliothek, die er sehr vermisst. In einem Brief schreibt er: Was aber – werden Sie fragen – tun Sie den ganzen Tag? Nun, eigentlich nichts, was der Rede wert wäre, und doch bin ich (so meine ich) nicht untätig, denn wie könnte jemand der über so vieles nachdenken muß wie ich (über Vergangenes und Zukünftiges), wie könnte solch einer nichts tun. Denn Denken (so meine ich) bedeutet tätig sein.[30] Allerdings kann Pepys nicht ohne seine Bücher sein und so lässt er seine Bibliothek samt den Bücherschränken nach Clapham bringen.

Lange kann er sich daran aber nicht erfreuen, im April 1703 ist Pepys Gesundheitszustand so schlecht, dass kaum noch Hoffnung besteht. In seinem Testament macht er seinen Neffen John Jackson zum Alleinerben, dem er auch – gemeinsam mit Will Hewer – die Verantwortung für seine Bibliothek übergibt. Hewer und Jackson sollten dafür sorgen, dass die Bibliothek unverändert bleibt und an eine der Universitäten von Oxford oder Cambridge übergeht, wobei er stark das Magdalenen College in Cambridge favorisiert. Samuel Pepys stirbt am 26. Mai 1703 im Alter von 70 Jahren in Clapham. Er wird am 4. Juni in der St.-Olave-Kirche in London (Harte Street) in einer Gruft unterhalb der Büste seiner Frau Elizabeth beigesetzt.[31]

Aber erst 1724 kommt die Bibliothek von Samuel Pepys ans Magdalene College nach Cambridge. Eine kostspielige Angelegenheit, für das Verpacken mussten £23 und für den Versand £18 aufgebracht werden. Der Sohn eines ehemaligen Kollegen im Flottenamt, Lord Anglesey, begleicht die Rechnung und stiftet darüber hinaus noch einen Betrag, um einem Bibliothekar ein Jahresgehalt von £10 für alle Zeit zu garantieren.[32]

Es sollte aber noch fast 100 Jahre dauern, bis seine Tagebücher wieder aus ihren Dornröschenschlaf erweckt werden sollten. 1812 wird zum ersten Mal in einer Publikation auf die Tagebücher hingewiesen. David Macpherson zitiert in seinem Buch ‚History of the European Commerce with India‘ einen Eintrag vom 25. September 1660: ‚Danach schickte ich nach einer Tasse Tee (einem chinesischen Getränk, das ich nie zuvor getrunken hatte)…‘ Macpherson ist wohl auf die Stelle gestoßen, weil die Worte ‚cup of Tea‘ nicht wie das übrige Tagebuch in der Shelton’schen Kurzschrift, sondern in Langschrift verfaßt wurden.[33]

Nachdem 1818 das Tagebuch von John Evelyn, einem guten Freund von Pepys, erschienen war und großen Erfolg auf dem englischen Buchmarkt hatte, plante der Verlag auch eine Ausgabe des Pepys-Tagebuches, natürlich in der Hoffnung, dass es ebenso gute Auflagenzahlen einbrächte. John Smith, ein Student des Magdalene Colleges transkribiert die Bände in Langschrift, wofür er drei Jahre benötigt. Obschon damit eine vollständige Übertragung vorlag, wurden 1825 nur Auszüge aus dieser Transkription veröffentlicht. Insgesamt waren es zwei Bände, die unter dem Titel Memoires of Samuel Pepys, Esquire, Fellow of the Royal Society (F. R. S.), Secretary to the Admiralty in the reigns of Charles II and James II erschienen. Herausgeber war Richard Neville, der spätere Lord Braybrooke und der Verlag der von Henry Colborne. Die zwei Bände enthalten in etwa zwei Drittel Tagebuchaus-züge und ein Drittel Auszüge aus der Korrespondenz von Pepys.[34]

Das Tagebuch ist so erfolgreich, dass 1828 bereits eine zweite Auflage erscheint, die um eine Pepys-Biographie des Herausgebers erweitert wurde. Auch 1848/49 und 1854 erscheinen zum Teil stark erweiterte und überarbeitete Auflagen und ab 1872 arbeitet Professor Mynors Bright an einer neuen Transkription des Pepys-Tagebuchs. Bright arbeitet aber durchaus nicht so gründlich wie weiland John Smith, in dessen Übertragung er keinen Einblick hat. Er orientiert sich eher an der Neville-Ausgabe, in der nicht nur gekürzt, sondern auch stark in den Text eingegriffen wurde. Und obschon bekannt ist, dass die Tagebücher in der Shelton’schen Kurzschrift verfasst sind, spricht Bright erstmals von einer „Geheimschrift“, ein Mythos, der sich bis in unsere Zeit halten wird.

Die Bearbeitung von Prof. Bright erscheint von 1875 bis 1879 in sechs Bänden mit dem Titel Diary and Correspondence of Samuel Pepys, Esq., F. R. S. From his manuscript cypher in the Pepysian Library, with a life and notes by Richard Lord Braybrooke. Auch der Verlag ist neu, es ist der von George Bickers. 1881 publiziert Robert Louis Stevenson anlässlich des Erscheinens dieser Ausgabe seinen bedeutenden Aufsatz Ein unverwechselbares Ich im Cornhill Magazine; dieser Aufsatz ist noch heute ein Standartwerk zu Pepys und seinem Tagebuch.

Als Mynors Bright 1883 stirbt, wird Wheatley sein Nachfolger, als es darum geht, eine erweiterte Neuausgabe herauszubringen. Sie versucht zum ersten Mal, einen vollständigen und zuverlässigen Text des Tagebuchs herzustellen. Wheatley folgt getreu dem Satzbau des Pepys’schen Originals und streicht nur allzu freizügige Stellen, deren Auslassung er mit Punkten kennzeichnet (und mußte sich den Vorwurf gefallen lassen, daß diese Streichungen nicht weit genug gegangen seien). Seine Ausgabe ist für lange Zeit die Standard-Edition. Sie erscheint von 1893 bis 1899 in acht Bänden plus einem ‚Index‘-Band und einem Band ‚Pepysiana‘ bei George Bell & Sons unter dem Titel: ‚The Diary of Samuel Pepys, M. A., F. R. S., Clerk of the Acts and Secretary to the Admiralty, transcribed from the shorthand manuscript in the Pepsyian Library Magdalene College Camprid by the Rev. Mynors Bright, M. A., late fellow and President of the College. With Lord Braybrook’s notes. Edited with additions by Henry B. Wheatley, Fellow of the Society of Antiquarians (F. S. A.)‘.[35]

Eine weitere Überarbeitung erfolgte ab 1929 durch Francis Turner, der ebenfalls Professor am Magdalene College war. Unterstützung erfuhr er ab 1950 von seinem Kollegen Robert Latham, der wiederum William Richard Matthews von der University of California in Los Angeles an seiner Seite wusste. Ziel war es, eine historisch-kritische und vor allem ungekürzte Werkausgabe auf den Markt zu bringen, die dann tatsächlich von 1970 bis 1976 in neun Bänden erschien. Gleichzeitig übrigens bei Bell in London und der University of California Press in Berkeley und Los Angeles. 1983 wurde dann der Begleitband (Companion) und der Index-Band nachgereicht. 1995 erschien diese elfbändige Edition erstmals in Broschur[36].

Es dauerte bis 1931, bis der erste Pepys-Auswahlband in deutscher Sprache erschien. Unter dem Titel Das Geheimtagebuch des Sir Samuel Pepys veröffentlichte der Münchner Georg-Müller-Verlag eine von Maja Schwartzkopff-Winter übersetzte und bearbeitete Ausgabe. 1949 zog der Stuttgarter Anker-Verlag mit einem 80-seitigen Band Aus dem Geheimtagebuch nach, der als Band 41 der Anker-Bücherei erschien. Der Übersetzer Ulrich Kraiss hatte hier die Auswahl besorgt und auch ein Nachwort verfasst. Bereits 1938 erschien im Band Zwischen Traum und Tat von Irene Seligo (Societäts-Verlag Frankfurt am Main) ein Essay über Samuel Pepys, in dem unser Tagebuchschreiber allerdings dem Zeitgeist entsprechend als typisch englische „Krämerseele“ dargestellt wurde.

1980 erschienen gleich zwei Auswahlbände, einer unter dem Titel Tagebuch aus dem London des 17. Jahrhunderts im Stuttgarter Reclam-Verlag, unter dem Titel Das geheime Tagebuch im Insel-Verlag Leipzig und 1981 folgte ein Auswahlband des Münchner Heyne-Verlags unter dem Titel Meine intimen Abenteuer, was hier die Auswahlkriterien waren, kann man sich ja denken. Eine ähnliche Ausgabe kam 2007 im Eichborn-Verlag (Frankfurt am Main) unter dem Titel Der erotische Pepys auf dem Markt. Bereits 2004 hatte der Eichborn-Verlag eine Ausgabe unter dem Titel Die geheimen Tagebücher auf den Markt gebracht. An dieser Ausgabe sind vor allem die Illustrationen von F. W. Bernstein, Robert Gernhardt und anderen hervorzuheben.

Die bisher erste und einzige deutschsprachige Gesamtausgabe erschien im Jahr 2010 im Haffmans Verlag bei Zweitausendeins in Berlin. Insgesamt sechs Übersetzer[37] nahmen sich des Tagebuchs an. Die Herausgeber waren Gerd Haffmans und Heiko Arntz. Die Ausgabe umfasst insgesamt zehn Bände, wobei es sich bei neun um das Tagebuch handelt, der zehnte Band enthält das Pepys Companion als Begleitband. Die Gesamtausgabe erschien zuerst gebunden und später auch als Broschurbände; beide Ausgaben befanden sich im Schmuckschuber. Im Verlag Haffmans & Tolkemitt (ebenfalls bei Zweitausendeins) erschien eine Auswahl als Hörbuch mit drei CDs, gelesen von Axel Milberg. Im Zuge der Herausgabe der Gesamtausgabe erschienen im Haffmans drei Ausgaben des Samuel Pepys Magazins, in dem neben einem Stammbaum, einer umfassenden Chronik, einer Editionsgeschichte und einem Personenverzeichnis auch der Essay Ein unverwechselbares Ich von Stevenson abgedruckt wurde.

Allerdings ist es sehr bedauerlich, dass die hervorragende Sekundärliteratur zu Pepys gerade der Cambridge University Press noch nicht ihren Weg nach Deutschland gefunden hat.

Warum aber fasziniert uns das Tagebuch des Samuel Pepys noch heute? Was ist das Besondere daran?

Nun, natürlich lebte Samuel Pepys in einer sehr spannenden Epoche der englischen Geschichte. Bürgerkrieg, Stuart-Restauration, die große Pestepidemie, der Brand von London, die Kriege gegen die Vereinigten Niederlande, all dies hat Pepys miterlebt und teilweise auch mit gestaltet, gerade was die Royal Navy dieser Zeit anging.

Neben den großen Ereignissen zeigen die Pepys-Tagebücher aber auch seinen Alltag wieder. Betrachtungen über Krieg und Außenpolitik gibt der Autor mit ebenso lebhaftem Interesse wieder wie Berichte über Theaterbesuche und Hinrichtungen, Lektüre, Klatsch und Tratsch, Stimmungen im Volk, Moden, Speisepläne, Preise und vieles mehr.[38]

Besonders die Einblicke in das Denken und Empfinden der damaligen Zeit, die ja gerade während der Regentschaft Charles II. sehr sinnfreudig war, macht das Tagebuch so interessant und die Authentizität, die Pepys eigen war, tut ihr Übriges dazu. So beschreibt der Autor auch die Szenen seiner Ehe brutal ehrlich, beschönigt auch z. B. seine Eifersuchtsanfälle oder außerehelichen Eskapaden nicht, genauso wenig wie seine Gewissensbisse und Gefühlsregungen.

Ein typischer Tagebucheintrag, hier der für den 10. März 1663, liest sich so: Aufgestanden, ins Amt und dort den gesamten Vormittag verbracht. Es ist für mich eine Freude, meine Aufgaben frühzeitig zu erledigen. Gegen Mittag suchte mich Sir J. Mennes auf, hielt sich dann eine halbe Stunde bei mir in meiner Amtsstube auf und sprach über die Sache mit Sir W. Penn. Er erzählte mir (auch wenn er ein alter Schwätzer ist und bleibt) freimütig davon, wie sehr Sir ihn W. Penns Hinterhältigkeit in dieser Angelegenheit bewegt und welch niedrige Mitteln dieser fortwährend zu seiner eigenen Schande gegriffen hat, indem er Mr. Turner veranlasste, alles für ihn zu aufzuschreiben und das Papier dann dem Herzog übergab Und wie er diesen dazu verleitet hatte, Mr. Coventry 100 Pfund für seinen Posten zu übergeben. Mr. Coventry gab ihm allerdings 20 Pfund zurück. All das zu hören freute mich sehr, weil Sir W. Penns Niedertracht jetzt offenkundig wird. Ich nahm danach am Mittag zu Hause ein karges Fastenmahl zu mir. Meine Frau war wütend wegen eines Streits mit Lady Batten, der sich am Vormittag ereignet hatte, weil mein Bursche mit der Erlaubnis von deren Dienstmädchen dorthin gegangen war, um den Wasserhahn aufzudrehen. Mylady Batten hatte sich darüber allerdings ungeheuer aufgeregt und hatte gemeint, sie werde seiner Herrin bessere Manieren lehren. Worauf meine Frau so laut, dass jene es hören konnte, gesagt hatte, dass sie von ihr wohl schwerlich gutes Benehmen erlernen könne. Nach dem Essen ins Amt, worauf wir den ganzen Nachmittag bis 8 Uhr beisammen saßen. Dann schrieb ich meine Briefe für die Post und ging schließlich bereits vor 9 Uhr nach Hause, was ich in letzter Zeit selten getan habe. Zwar blieb eine Menge Arbeit liegen, aber ich hatte Kopfschmerzen. Deshalb konnte ich nicht mehr länger dableiben, sondern ging nach Hause zum Abendessen und dann zu Bett.[39]

Und gerade diese Offenheit macht den Autor für den Leser so sympathisch und menschlich. Pepys konnte natürlich nur deshalb so offen sein, weil er die Bände nur für sich schrieb und jedenfalls während der Berichtszeit der Tagebücher nicht an eine Publikation dachte. Nachdem Pepys die Bände nach der Beendigung seiner Aufzeichnungen nicht vernichtete, sondern aufbinden lies, sie in seine Bibliothek aufnahm und auch im Inventarverzeichnis offen führte, wollte er die Tagebücher sicher nicht auf irgendeine Art und Weise verstecken, aber sicherlich hatte er auch nicht an eine Veröffentlichung gedacht. Hätte Samuel Pepys mit dem Gedanken gespielt, seine Tagebücher nach seinem Tode veröffentlichen zu lassen, hätte er dies sicherlich auch testamentarisch festgelegt.

Ein weiterer Punkt, der unserem wackeren Pepys eine derartige Offenheit gestattete war die Verwendung der damals eher unbekannten Kurzschrift im Shelton-System, die er mit kleinen Eigenheiten modifizierte. Kam er allerdings auf seine umfangreichen amourösen Eskapaden zu sprechen, benutzte ab dem Jahr 1664 eine eigene Lingua franca[40], ein Sprachgemisch aus französischen, italienischen, spanischen und lateinischen Bestandteilen, die ihm die Sicherheit gab, dass seine Frau nichts lesen konnte.

Nun, wir können es also als Glückstag ansehen, als Samuel Pepys zum Ende des Jahres 1659 am Cornhill in der Londoner City sein erstes Tagebuch erwarb und am 1. Januar 1660 mit seinen Eintragungen begann. Er schenkte uns einen Einblick in das pralle Leben der damaligen Zeit und gewährt uns auch zahlreiche Blicke hinter die Kulissen der damaligen Zeit.

Samuel Pepys ist in der angelsächsischen Welt noch immer sehr populär. Nach William Shakespeare und Dr. Johnson gehört Samuel Pepys zu den am häufigsten zitierten englischen Autoren.[41] Pepys wurde auch von offizieller Seite aus geehrt, ist doch in der Londoner City eine Straße nach ihm benannt, auch die Bibliotheca Pepysiana am Magdalene College der University of Cambridge erinnert an ihn. In dieser Bibliothek findet sich die Büchersammlung mit den 3.000 Bänden, die Pepys selbst ausgewählt hat. Selbst die Bibliotheksmöbel wie Regale und Vitrinen sind noch diejenigen, die der Autor von den Handwerkern der Marinewerft hat bauen lassen. Das Konzept, die Bücher hinter Glastüren aufzubewahren, war damals revolutionär. Glanzstücke dieser Sammlung sind neben den sechs Tagebuchbänden natürlich die Pepys zugeeignete Ausgabe der Philosophiæ Naturalis Principia Mathematica von Sir Isaac Newton oder der persönliche nautische Almanach von Sir Francis Drake[42]. Die Bibliothek ist natürlich für Besucher zugänglich[43]. Sie befindet sich im ersten Stock des Pepys Building des Magdalene College, ein Gebäude, für dessen Bau Samuel Pepys selbst dreimal gespendet hatte[44].

Nach Pepys ist auch eine Phantominsel benannt, die nach der Behauptung von Ambrose Crowley 230 Meilen nördlich der Falklandinseln liegen sollte. Wahrscheinlich handelte es sich hierbei nur um einen Fehler in der Wiedergabe der Koordinaten einer der Falklandinseln[45]. 1903 wurde in London der Samuel Pepys Club gegründet, der sich der Pflege seines Andenkens widmet. Sein Vorsitzender ist seit 1985 John Edward Hollister Montagu, der 11. Earl of Sandwich, ein direkter Nachfahre von Pepys‘ Förderer Edward Montagu.[46]

Die Ehrung, die Pepys als musikbegeisterten Menschen sicherlich am meisten gefreut hätte, ist die Oper Samuel Pepys, die von dem Dirigenten Albert Coates komponiert und 1929 uraufgeführt wurde[47].

 

Literaturverzeichnis

Zeitschriftenartikel
Die erste Tasse Tee: Eine Veröffentlichungsgeschichte. In: Samuel Pepys Magazin Nr. 2, 2009, S. 13-15.
Klotz, Manfred: Pepys‘ Tagebücher und Hellmuth Karasek. In: Neue Stenografische Praxis. Nr. 57, 2009, S. 116-123.
Lingua franca – Deutsch: Ein Schmutzigwörterbuch. In: Samuel Pepys Magazin Nr. 3, 2009, S. 20-23.
Peeps, Peppies oder Pipes: Artikulationsschwierigkeiten. In: Samuel Pepys Magazin Nr. 1, 2009, S. 15.
Pepys A-Z. In: Samuel Pepys Magazin Nr. 3, 2009, S. 5-19.
Die Samuel Pepys Chronik. In: Samuel Pepys Magazin Nr. 2, 2009, S. 5-11.
Stevenson, Robert Louis: Ein unverwechselbares Ich. In: Samuel Pepys Magazin Nr. 1, 2009, S. 6-14.
Wer war Samuel Pepys? In: Samuel Pepys Magazin Nr. 1, 2009, S. 5.

Weblinks
Albert Coates: http://en.wikipedia.org/wiki/Albert_Coates_(musician) (Abfragedatum 14. März 2013).
Geschichte Londons: http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Londons (Abfragedatum 4. März 2013).
Große Pest von London: http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fe_Pest_von_London (Abfragedatum 4. März 2013).
Großer Brand von London: http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fer_Brand_von_London (Abfragedatum 4. März 2013).
Jakob II.: http://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_II._(England) (Abfragedatum 4. März 2013).
Karl II.: http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_II. (Abfragedatum 4. März 2013).
Royal Society: http://de.wikipedia.org/wiki/Royal_Society (Abfragedatum 4. März 2013).
Samuel Pepys: http://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Pepys (Abfragedatum 4. März 2013).

Fußnoten
[1] Die erste Tasse Tee: Eine Veröffentlichungsgeschichte. In: Samuel Pepys Magazin, Nr. 2, S. 13.
[2] „Rundkopf“, so wurden die Anhänger Oliver Cromwells während des englischen Bürgerkrieges genannt. Der Name stammt von der strengen Kurzhaar-Frisur, die einige Puritaner als Kontrast zu den opulenten Lockenfrisuren, die in adeligen Kreisen damals modern waren, trugen.
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Pepys (Abfragedatum 4. März 2013).
[4] Die Samuel Pepys Chronik. In: Samuel Pepys Magazin, Nr. 2, S. 6.
[5] ebd.
[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Pepys (Abfragedatum 4. März 2013).
[7] Die Samuel Pepys Chronik. In: Samuel Pepys Magazin, Nr. 2, S. 6.
[8] ebd. S. 7.
[9] ebd.
[10] ebd.
[11] ebd.
[12] http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fer_Brand_von_London (Abfragedatum 28.02.2013).
[13] Die Samuel Pepys Chronik. In: Samuel Pepys Magazin, Nr. 2, S. 8.
[14] ebd.
[15] ebd.
[16] ebd.
[17] ebd.
[18] ebd.
[19] ebd. S. 9.
[20] ebd.
[21] ebd.
[22] ebd.
[23] ebd.
[24] ebd.
[25] ebd.
[26] ebd. S. 10.
[27] ebd.
[28] ebd.
[29] ebd.
[30] ebd. S. 11.
[31] ebd.
[32] ebd.
[33] ebd. S. 13.
[34] ebd.
[35] ebd. S. 14.
[36] ebd.
[37] Deggerich, Georg; Haupt, Michael; Kösling, Arnd; Oeser, Hans-Christian; Richter Martin und Weigelt, Marcus.
[38] http://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Pepys (Abfragedatum 4. März 2013).
[39] http://www.pepys-projekt.de/heute-vor-350-jahren (Abfragedatum 15. März 2013).
[40] Lingua franca – Deutsch: Ein Schmutzigwörterbuch. In: Samuel Pepys Magazin, Nr. 3, S. 20.
[41] http://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Pepys (Abfragedatum 4. März 2013).
[42] http://en.wikipedia.org/wiki/Pepys_Library (Abfragedatum 15. März 2013).
[43] http://www.magd.cam.ac.uk/opening-hours/ (Abfragedatum 15. März 2013).
[44] http://www.magd.cam.ac.uk/pepys-building/ (Abfragedatum 15. März 2013).
[45] http://de.wikipedia.org/wiki/Pepys_Island (Abfragedatum 15. März 2013).
[46] http://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Pepys (Abfragedatum 4. März 2013).
[47] http://en.wikipedia.org/wiki/Albert_Coates_(musician) (Abfragedatum 14. März 2013).

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