Peter Rosegger – Mehr als der Waldbauernbub

Alpl_PRG_Alpl1Als ich ein kleiner Junge war (1) und die dritte Klasse der Volksschule besuchte, las uns unser Lehrer immer mal wieder Geschichten vor, die er selbst als Kind schon gehört hat. Darunter waren auch Geschichten des steirischen Schriftstellers Peter Rosegger aus seinem wohl bekanntesten Buch „Als ich noch der Waldbauernbub“ war, das im Jahr 1900 erschienen war.

Lange blieb Rosegger deswegen „nur“ ein österreichischer Heimatschriftsteller, der vor allem von alten Leuten gelesen wurde. Das sollte sich erst ändern, als ich Jahrzehnte später zu einer Konferenz nach Wien fuhr und in einer Vortragspause per Zufall in einem kleinen, schnuckligen Antiquariat auf ein Buch stieß.

Es war der Gedichtband „Mein Lied“, der 1911 erschienen war. Hier handelte es sich um einen Nachdruck aus den 1920er Jahren.Ich begann darin zu lesen und lernte, dass Rosegger einer der wunderbarsten Lyriker ist, den ich gelesen habe. Und schnell wusste ich, dass ich dieses Buch haben musste, auch wenn es mich 1.500.– Schillinge kosten sollte.

Peter_Rosegger_Portrait_mit_Unterschrift_c1906Dabei muss ich gestehen, dass ich noch nicht einmal genau weiß, was mich an den Gedichten so anspricht. Ich glaube, es ist einfach die Mischung aus abgrundtiefer Melancholie und Lebensfreude, die mich so berührt, die Ambivalenz der Themen.

Die verehrlichen Herren Steinbäcker, Timischl und Schiffkowitz haben einige Texte aus diesem Buch mit Hilfe des Herren Kolonovits vertont und im Booklet wird meiner Meinung nach treffend beschrieben, was die Anziehungskraft dieser Gedichte und des Werkes Roseggers ausmacht: Roseggers Sicht reicht von romantisch-verklärt bis zu ätzend-zynisch […] Rosegger kämpfte für die Bauern, er wütete gegen die Sturheit der Amtskirche, er geißelte die Industrie ihrer Umweltfeindlichkeit wegen, er warnte vor dem zunehmenden Nationalismus. Er redete zurück, er widersprach sich selbst, er stellte Behauptungen auf, die aus heutiger Sicht nicht immer unbedenklich erscheinen. Peter Rosegger starb 1918. Und doch klingt vieles, was ihn beschäftigte, nach einer Schlagzeile von gestern abend.

Zwei Gedichte, die mich besonders beeindruckt haben, sollen nun hier folgen:

Leute gibt es allerlei

Leute gibt es allerlei
Auf der weiten Gotteswelt.
Wem die Sache nicht gefällt,
Wer da ausmarschiert, um jeden,
So nicht sein ist, zu befehden,
Der wird nimmermehr auf Erden
Mit der Fehde fertig werden.

Juden, Slawen, Atheisten,
Welsche, Philosophen, Christen,
Japanesen, Deutsche, Heiden,
Und wie noch die Rassen scheiden,
Kasten, Sekten, Nationen,
Die im Gotteslicht sich sonnen:
Alles rollet hin und her;
Wie die Wässer und die Winde
Stürmsich hier und da gelinde
Ewig um den Erdball kreisen,
So in den Naturgeleisen
Wogt die Menschheit hin und wieder;
Schranken, die du heute aufstellst,
Brechen morgen krachend nieder.

Güter, die durch Kampf errungen,
Frieden, durch den Krieg erzwungen,
Reifen neuerdings die Saaten
Aus zu neuen Schreckenstaten.
Nicht einander jagen, schlagen,
Sondern mit Geduld ertragen,
Nach dem Rate der Natur
Ist das Omega und Alpha
Aller Bildung und Kultur.

Wer da ausmarschiert, um jeden
Fremdgesinnten zu befehden,
Der wird nimmermehr auf Erden
Mit der Fehde fertig werden.
Wär der letzte Feind zertreten,
Stünd allein er am Planeten.

Ein Becher füllt ihm Gott mit Wein

Ein Vater lag im Sterben,
Drei Söhne sollten erben.
Der eine war ein Bauersmann,
Der pflügen, säen, und ernten kann,
Der erbte die Höfe, die Felder,
Die Gärten, die Wiesen, die Wälder.
Der andre war ein Hammerschmied,
Dem gab der Vater, als er schied,
Die Hämmer und all die Geräte,
Auf dass er Werkzeug hätte.
Der dritte war ein munterer Knab‘
Mit Sängerkehl‘ und Wanderstab,
Nach Vaterswill‘ der verbliebe
Sein Menschenherz voll Liebe.

Und als vorbei der Jahre zehn,
Da hat man schon das Ziel gesehn.
Der eine sorgte Tag und Nacht,
Bis endlich er’s zu Geld gebracht;
Der andre sorgte Stund‘ um Stund‘,
Dass nur sein Haufen Geld nicht schwund;
Der dritte zog von Sorgen frei
Mit Sang an Gold und Not vorbei,
und schöpft‘ mit Wonne, teilt mit Lust
Die Lieb‘ aus seiner Dichterbrust,
Und streut‘ ohn End‘ von Haus zu Haus
Die Gab‘ an Arm‘ und Reiche aus.
Ein Becher, füllt ihn Gott mit Wein,
Wird ewig unerschöpflich sein.

(1) Ja, ich weiß, das ist von Kästner geklaut, aber ich wollte schon immer mal einen Text so beginnen 😉

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