Prince Charles und die Homöopathie

Es dürfte wohl keine Familie geben, deren Leben in der Öffentlichkeit besser dokumentiert ist, als dass der Windsors, wobei wir die Familien Kennedy und Grimaldi einmal außen vorlassen. Dies natürlich vor allem durch die Regenbogenpresse, aber auch durch seriöse Medien, Buchpublikationen und Fernsehsendungen. So verwundert es nicht, dass auch der letzte persönliche Aspekt der Familie Windsor ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wird, wobei es natürlich auch Aspekte gibt, die von der Familie selbst publik gemacht werden.

So ist ja bekannt, dass die Familie Windsor große Freunde der Homöopathie sind. Elizabeth II. ist Schirmherrin des „Royal London Homoeopathic Hospital“ und ihre Mutter war bis zu ihrem Tode die Schirmherrin der „British Homeopathic Association. Zu Prinz Charles kommen wir später noch ausführlicher. Sogar ihre Corgies traktiert Queen Elizabeth II. im Krankheitsfalle mit homöopathischen Mittelchen, statt ihnen richtige Medizin zu geben.

Die Begeisterung der königlichen Familie begann mit zwei Deutschen, die die homöopathische Praxis im britischen Königshaus installiert haben. Die erste ist Adelheid von Sachsen Meiningen (1792-1849), die sich von einem Dr. Stapf erst postalisch und ab 1835 auch persönlich homöopathisch behandeln ließ.

Der zweite war Leopold von Sachsen-Coburg-Saalfeld, ab 1831 König der Belgier und Onkel von Queen Victoria. Er lernte um das Jahr 1825 den Homöopathen Dr. Frederic Hervey Foster Quin kennen und nahm ihn 1827 mit nach London, um ihn am Königshof einzuführen.

Beide haben somit den Grundstein für die homöopathische Tradition im britischen Königshaus gelegt, wobei besonders die weiblichen Mitglieder der Familie hier starke Anhänger waren. Allerdings muss man der Familie Windsor zu Gute halten, dass sie den Konsum der Homöopathika durchaus als familieninterne Angelegenheit sahen. So ist zwar Königin Elizabeth II. Schirmherrin des Royal London Homoeopathic Hospital, doch äußert sie sich in der Öffentlichkeit nicht dazu.

Ganz anders ihr Sohn Charles, der Prince of Wales. Er betreibt eine aggressive Lobbyarbeit für die Homöopathie. Nicht nur, dass er 1996 die Stiftung „The Prince’s Foundation for intergrated Health (FIH)“ gründete, sondern er versuchte auch, ganz konkret die britische Gesundheitspolitik in seinem Sinne zu beeinflussen.

Erstmal geriet Charles 2013 in den Verdacht, bei einem Treffen mit dem damaligen Gesundheitsminister Jeremy Hunt auch Propaganda für Homöopathika gemacht zu haben, wie damals die Zeitung „The Independent“ berichtete. Auch veröffentlichte Charles zwei Leitfäden zur alternativen Medizin, die allgemein auf Unverständnis stießen, genauso wie eine Rede vor der Jahresvollversammlung der Weltgesundheitsorganisation, in dem er über „heilende Kräfte“ schwadronierte.

Während der Regierungszeit von Premierminister Tony Blair, speziell in der Zeit von 2007 bis 2010, leiste sich Charles seinen größten Faux pas in Punkto Lobbyismus. In diesen drei Jahren schrieb er 27 Briefe an die verschiedensten Minister und den Premierminister selbst und nutzte so seine herausgehobene Position, um die Politik zu beeinflussen. Dies ist für einen zukünftigen britischen König ein absolutes „No Go“. Dem Monarchen ist jegliche politische Meinungsäußerung untersagt, eine Kunst, die seine Mutter, die amtierende Königin perfektioniert hat.

Beschäftigten sich zahlreiche Briefe u. a. mit ökologischem Landbau oder nachhaltiger Fischerei, also durchaus ehrenwerten Anliegen, gab es auch Briefe an Premierminister Blair und dem damaligen Gesundheitsminister John Reid. Bei Minister Reid intervenierte der Prinz anscheinend gegen eine kritische EU-Richtlinie zur Naturheilverfahren und alternativen Behandlungsmethoden, hatte damit aber kein Glück, das Gesundheitsministerium unterstützte diese Richtlinie.

Die Tageszeitung „The Guardian“ kämpfte zehn Jahre darum, die Briefe veröffentlichen zu können. Sowohl der Generalstaatsanwalt Dominic Grieve, als auch Premierminister David Cameron wollten eine Veröffentlichung verhindern. Der Spiegel schreibt am 12. März 2014 dazu: „Generalstaatsanwalt Grieve hatte argumentiert, die Briefe seien außergewöhnlich offen formuliert und würden nur zutiefst persönliche Ansichten des Prinzen widergeben. Es könne durch sie der Eindruck entstehen, dass Charles mit der Politik der letzten Labour-Regierung nicht einverstanden gewesen sei. Die Gefahr sei, dass das britische Volk durch Kenntnis der Briefe Prinz Charles nicht mehr als politisch neutral wahrnehmen würde, was er als zukünftiger König zu sein habe. Dadurch würde die Monarchie untergraben.“

Das oberste britische Gericht sah dies anders und entschied zu Gunsten der Presse, die die Briefe dann auch unter dem Namen „Black Spider Memos“ abdruckten, der Name kommt von der handschriftlichen Anrede und Grußformel, die an Spinnenbeine erinnert.

Unumstritten ist Prinz Charles mit seinen Äußerungen allerdings nicht. Bereits im Jahr 2006, als Charles seinen oben angeführten Auftritt vor der WHO hatte, wandten sich 13 renommierte britische Ärzte und Wissenschaftler an die 476 regionalen Treuhänderschaften des National Health Service (NHS), den staatlichen Gesundheitsdienst. Darunter Michael Bau, emeritierter Professor für Chirurgie am University College London, der Nobelpreisträger James Black vom Kings College London, der Präsident der Academy of Medical Ciences Keith Peters und Edzard Ernst, erster Lehrstuhlinhaber für Komplementärmedizin in Großbritannien an der University of Exeter.

Die Bemühungen von Prinz Charles waren nicht so ganz von Erfolg gekrönt, beschloss das House of Commons doch 2010, dass der NHS die Homöopathie nicht mehr fördern darf und homöopathische Mittel nicht mehr als wirksam beworben werden dürfen.

Gut, die königliche Familie benutzt Homöopathika und Charles, Prince of Wales, betreibt Lobbyarbeit hierfür, was hat das ganze jetzt aber zu sagen? Ist die Begeisterung der königlichen Familie irgendein Beleg für deren Wirksamkeit? Haben die Windsors irgendeine Autorität oder Relevanz auf diesem Gebiet? Mit Sicherheit nicht. Sie selbst sind ja keine Ärzte, geschweige denn Naturwissenschaftler und können für sich nur den Status des interessierten Laien in Anspruch nehmen.

Natürlich spekulieren die Homöopathen, die die Familie Windsor immer wieder wie Schachtelteufel hervorholen, auf einen gewissen Vorbildfaktor und sicherlich gibt es auch Menschen, die sich davon beeindrucken lassen, aber denen sei empfohlen, selbst mit dem denken zu beginnen.

Besonders deshalb, weil sich ja auch die königliche Familie auf die „Schulmedizin“ besinnt, was die zahlreichen Krankenhausaufenthalte des Prinzgemahls Philip illustrieren, die durchaus in richtigen Kliniken und nicht beispielsweise im Royal London Homoeopathic Hospital stattfanden.

Interessant ist übrigens auch, dass Prinz Charles im Jahr 2009 in seiner Produktreihe „Duchy Originals“ eine eigene Produktlinie angekündigt hat, die Pflanzenheilmittel umfassten. Hiervon ist heute im Online-Shop von Duchy Originals nichts mehr zu finden.

Übrigens, ob sich das hohe Alter der Queen Mom – immerhin 101 Jahre – mit ihrem Hang zur Homöopathie erklären lässt oder nicht doch eher mit der konservierenden Eigenschaft von Gin, sollte eventuell auch einmal diskutiert werden.

Warum die Argumentationen der AfD vulgär sind – Teil 3

Hier beschäftigen wir uns weniger mit den Argumentationen der AfD, sondern wie sie mit ihren Themen umgeht.

Die AfD geriert sich ja gerne als „Partei des kleinen Mannes“ oder wahre Volkspartei, also Partei für’s Volk. Ihr Hauptthemen hierfür sind die Migrations- und Asylpolitik sowie der Islam.

In der Steuerpolitik vertritt sie Positionen, die jedem Neoliberalen Freudentränchen in die Augen treibt. Abschaffung der Erbschaftssteuer, Senkung des Höchssteuersatzes oder Abschaffung der gesetzlichen Unfallversicherung sind hier nur drei Punkte, die zu nennen wären.

Sprich, die AfD hievt sich auf dem Rücken der „kleinen Leute“ in die Parlamente, um dort Politik gegen ihre Wählerschaft zu machen. Denn die Forderung, die gesetzliche Unfallversicherung abzuschaffen und die Arbeitnehmer zu einer eigenen Versicherung zu zwingen, bedeutet de facto eine Lohnkürzung.

Dass die AfD außerdem noch ein erzkonservatives und anti-feministisches Weltbild verwirklichen möchte, ist zwar ebenso verwerflich (ich möchte nicht mehr in den 1950er Jahren leben), zählt hier an dieser Stelle aber nicht mit rein, würde dies doch beim bekannt werden von zahlreichen AfD-Sympathisanten mit getragen.

Das Problem ist nur, dass unter dem ganzen Flüchtlings- und Anti-Islam-Geplärre, das die AfD-Oberen veranstalten, die Sachthemen unter gehen. Fragen Sie auf einer AfD-Demo doch mal herum, was die Mitläufer von den realpolitischen Themen der Partei wissen.

Beitragsbild: http://www.jenapolis.de/2016/02/20/gruene-kritisieren-einsatz-der-polizei-in-clausnitz/

Warum die Argumentationen der AfD vulgär sind – Teil 2

Wenn sich nun Björn Höcke auf den Erfurter Marktplatz stellt und ruft „Erfurt ist schön … deutsch … Und schön deutsch soll es bleiben!“, dann ist dies natürlich nicht nur vulgär im Sinne Valérys, sondern auch peinlich in seiner Plattheit und besonders peinlich wird es auch dadurch, dass es sich bei Björn Höcke ja um einen Oberstudienrat handelt, von dem man doch semantisch mehr erwarten kann.

Man kann jetzt natürlich sagen, dass eine gewisse Polterei zum politischen Diskurs gehört, erinnern wir uns nur an die großen Redeschlachten zwischen Franz-Josef Strauß und Herbert Wehner. Aber die Argumentationen der AfD gehören nicht in diese Kategorie, die man gerne als politische Folklore bezeichnen kann.

Wenn beispielsweise Strauß über die „Sozis“ her zog, meinte er Menschen wie Willy Brandt, Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Egon Bahr und wie sie alle hießen. Hierbei handelte es sich aber um eine Gruppe Menschen, die auf Augenhöhe von Strauß agieren und reagieren konnten. Pöbelte Strauß über Wehner, pöbelte Wehner mit gleicher Münze zurück und über beides berichtete die Tagesschau. Dies kann man durchaus als der politischen Folklore zugehörend ansehen. Es diente mehr oder weniger der Unterhaltung der Wählerschaft. Strauß wollte hier nicht das kleine SPD-Mitglied des Ortsvereins Oer-Erkenschwick beleidigen, das war ihm egal.

Und hier liegt der Unterschied zur AfD. Die AfD hat sich als ihr bevorzugtes Ziel die Flüchtlinge ausgesucht, die Mitte/Ende 2015 vor allem aus Syrien, dem Irak, dem Balkan und aus Afghanistan nach Deutschland kamen. Alles in allem eine heterogene Gruppe. Was diese Argumentationen der AfD so vulgär macht, ist, dass sich diese Gruppe gegen die Anfeindungen und Vorwürfe nicht wehren kann. Die AfD meint mit ihren Anwürfen jeden einzelnen Flüchtling, einfach weil er hier in Deutschland ist.

Am besten kann man dies mit einem Duell vergleichen. Während Strauß und Wehner sich mit den gleichen Waffen Aug‘ in Aug‘ gegenüberstanden, hat im anderen Fall „der Flüchtling“ ein Plastikmesser, während die AfD mit einem Hochleistungsgewehr auf ihn schießt.

Beitragsbild: Von Kalispera Dell – http://www.panoramio.com/photo/116227104, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38068798

Warum die Argumentationen der AfD vulgär sind

Bevor wir uns mit der vulgären Argumentation der AfD beschäftigen, müssen wir zwei Begriffe klären. Der erste Begriff ist „vulgär“, der zweite „Gewissen“.

Schauen wir uns zuerst einmal die Vulgarität an, ein Begriff, der zwei Wurzeln im lateinischen hat, nämlich vulgus , was einfach Volk bedeutet und vulgaris, was alltäglich oder gewöhnlich bedeutet. Ins Deutsche kam das Wort über das französische vulgaire.

Das Online-Lexikon Wikipedia definiert die Vulgarität als die Eigenschaft des Unkultivierten, Gewöhnlichen, Niederen oder auch Unflätigen. Vulgär im letzteren Sinne bezeichnet insbesondere Sprachelemente, Verhaltensmuster und Handlungen, die vor dem Hintergrund kultureller Normen als verächtlich oder tabu gelten. Beispielsweise werden Vulgärsprache, grobe Umgangsformen und rüpelhaftes Benehmen oder das aufdringliche Zurschaustellen von Reichtum oder sexuellen „Vorzügen“ als vulgär empfunden.

Vulgarität finden wir also in vielen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens, wobei man die Vulgarität in diesen Bereichen nicht immer gleich erkennt. Nennt man sein Gegenüber eine „Blödes Arschloch“, so merkt jeder, dass dies vulgär ist. Im politischen Diskurs andererseits bemerkt man die Vulgarität nicht gleich.

Kommen wir zum Gewissen und das Gewissen zu beschreiben ist nun um vieles schwerer, als Vulgarität. Vom Kirchenvater Thomas von Aquin über Otto Immanuel Kant hin zu Friedrich Nietzsche und Bernhard Hassenstein haben ihre Theorien zum Gewissen gemacht. Das „einfache Volk“ stellte sich das Gewissen als Wurm vor, der sich rührt und uns grimmt, wenn wir etwas falsches tun. Heute nennen wir das die Gewissensbisse.

Auch hier hat die Wikipedia wieder eine angenehm nüchterne Zusammenfassung: Das Gewissen wird im Allgemeinen als eine besondere Instanz im menschlichen Bewusstsein angesehen, die bestimmt, wie man urteilen soll. Es drängt, aus ethischen, moralischen und intuitiven Gründen, bestimmte Handlungen auszuführen oder zu unterlassen. Entscheidungen können als unausweichlich empfunden oder mehr oder weniger bewusst – im Wissen um ihre Voraussetzungen und denkbaren Folgen – getroffen werden (Verantwortung). Das einzelne Gewissen wird meist als von Normen der Gesellschaft und auch von individuellen sittlichen Einstellungen der Person abhängig angesehen. Ohne eine ethische Orientierung bleibt das Gewissen „leer“; „ohne Verantwortung ist das Gewissen blind“. Üblicherweise fühlt man sich gut, wenn man nach seinem Gewissen handelt; das ist dann ein gutes oder reines Gewissen. Handelt jemand entgegen seinem Gewissen, so hat er ein subjektiv schlechtes Gefühl; ein schlechtes, nagendes Gewissen oder Gewissensbisse, was man auch als kognitive Dissonanz, eine fehlende Harmonie im Bewusstsein, beschreibt.

Aber jetzt kommen wir zur AfD. Die AfD zeichnet sich ja durch eine Politik aus, die in den Medien schon als „populistisch“ bezeichnet wird.

Der französische Philosoph Paul Valéry schreibt in seinem Werk „Tel quel“: Als der Gipfelpunkt des Ordinären rscheint mir, sich solcher Argumente zu bedienen, die nur vor einem Publikum gelten – also vor einem Zuschauer und Zuhörer, der notwendigerweise nach dem jeweils dümmsten der Anwesenden ausgerichtet ist – und die keinen Beistand haben vor dem kühlen und einsamen Menschen. Man darf niemals im Hinblick auf einen Gegner – auch auf einen angenommenen nicht – Argumente gebrauchen und Ausfälle machen, die man, mit sich allen, vorzubringen nicht ertragen würde, die nicht wirklich gedacht werden können, die nur publikumswirksam sind, aber in der Nacht und der Einsamkeit uns in Schande und Elend stürzen.

Und Asfa-Wossen Asserate, der geniale Beobachter des deutschen Volkes, kondensiert dies wie folgt ein: Der Gipfel der Vulgarität wird nicht schon beim Aussprechen von der eigenen Überzeugung nicht entsprechenden Argumenten betreten, sondern beim Ausbleiben jener Schande und jenes Elends in der darauffolgenden einsamen Nacht, wenn es also gelungen ist, das Gewissen endgültig zum Schweigen zu bringen. Und so meine ich fortfahren zu können, daß eine wichtige Voraussetzung der Vulgarität die Unfähigkeit ist, sich schuldig zu fühlen. Der Eifer, mit dem wir die pseudowissenschaftliche Botschaft, Schuldgefühle seien etwas Krankhaftes, aufgenommen und uns zu eigen gemacht haben, sollte uns nachdenklich machen.

Nun, wenn sich die Verantwortlichen der AfD ihrer persönlichen Gewissensprüfung stellen sind wir ja nun nicht dabei, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie vor ihrem Gewissen den Zuspruch finden, den ihnen ihre Anhänger geben. Dies zeigt sich unter anderem in der Hilflosigkeit und Tollpatschigkeit, die die AfD-Politiker an den Tag legen, wenn es um realpolitische Tagesarbeit geht.

Beitragsbild: http://www.deutschlandfunk.de/afd-demo-in-berlin-als-die-barbarenstaemme-den-limes.1783.de.html?dram:article_id=336236

Zitate Paul Valéry und Asfa-Wossen Asserate aus: Asserate, Asfa-Wossen: Manieren. München, Dt. Taschenbuchverl., 2005. S. 131ff.

Liebling, es ist ein Quacksalber!

Snake-oil_salesman_Professor_Thaddeus_Schmidlap_at_Enchanted_Springs_Ranch,_Boerne,_Texas,_USA_28650aGestern habe ich ja einen kurzen Artikel geschrieben, was für *hüstel* „interessante“ Meinungen man im Internet so finden kann. Darauf bekam ich von einer Bekannten eine entsetzte Reaktion, dass es sowas doch nicht geben kann. Menschen, die sich sehenden Auges Chlorbleiche in den Boppes schütten lassen oder damit Gurgeln. Aber ich muss da leider sagen: Doch Hase, das stimmt…

Jim Humble hat sich die ganze Sache einfallen lassen und ich möchte mich hier auch nicht groß darüber ausbreiten, denn dass seine „MMS-Therapie“ gesundheitsgefährdender Blödsinn ist, wurde bereits hier und hier eindrucksvoll beschrieben. Und hier dann noch die Warnung der Verbraucherzentrale.

Öffentlich_durchgeführte_medizinische_Behandlung_auf_einem_französischen_JahrmarktInteressant ist hier allerdings die Frage, warum so viele, halbwegs intelligente Menschen auf so einen Unsinn herein fallen und vor allem, warum schon so lange, denn die Geschichte der Quacksalber und Wunderheiler ist eine lange und für ihre Patienten recht leidvolle Geschichte.

Der Begriff Quacksalber kommt übrigens aus dem niederländischen und nicht wie viele denken vom Quecksilber. Das Quack kommt onomatopoetisch vom schnattern und quaken der Gänse und vom kwakken, was im damaligen niederländisch so viel wie prahlen oder anpreisen bedeutete. Der Salber kommt vom Zalver, den Salbenverkäufer im niederländischen.

Bekannt ist auch der Schlangenölverkäufer, der im „Wilden Westen“ zu finden war.

Brama_Livs_ElixirAber bleiben wir erst einmal in Europa und begeben uns in eine Zeit, in der es noch nicht so gut um unser Gesundheitssystem bestellt war, wie heute. Konkret sprechen wir so vom 17. und 18. Jahrhundert. Damals gab es nur wenige gut ausgebildete und studierte Ärzte, die zumeist die oberen (reichen) Schichten der Bevölkerung versorgten. Für den Rest blieben die Bader oder Wundärzte, quasi die „Ärzte der kleinen Leute“. Diese führten kleine Operationen aus, zogen Zähne oder führten Aderlässe aus. Der Begriff Bader kommt daher, dass das Hauptgeschäft dieser Zunft das Badewesen war und die medizinischen Eingriffe nur ein Zubrot waren. Wundärzte im Gegensatz haben sich auf die chirurgische Versorgung der Bevölkerung spezialisiert und waren oft ehemalige Feldschere, die ihr Handwerk im Krieg gelernt hatten.

Aber diese Gruppe hatte ja zumindest eine Ausbildung und war in der Gesellschaft auch angesehen. Anders verhielt es sich mit den Quacksalbern, den Kurpfuschern, den Scharlatanen, den Urinpropheten und den Barfußärzten.

-No_home_remedy_or_quack_ever_cured_syphillis_or_gonorrhea-_-_NARA_-_515076.tifDieser „Berufsstand“ zeichnete sich dadurch aus, dass er von Dorf zu Dorf zog und die abenteuerlichsten Elixiere und Tinkturen verkaufte. Die dort angebotenen Tinkturen wiesen immer die gleichen Merkmale auf:

  • Sie wirkten für allerlei Wehwehchen, vom Blinddarmdurchbruch über Fieber bis zu Haarausfall
  • Sie waren meist für Mensch und Tier anwendbar
  • Sie enthielten keinerlei Wirkstoffe. Hauptbestandteil war meist Alkohol. In den Schlangenölprodukten war oftmals auch Schießpulver und ähnliches mit enthalten.
  • Sie waren sehr teuer
  • Es wurde sich oft auf „uraltes Wissen“ berufen.

Die Shows, die die Quacksalber boten, waren sehr eindrucksvoll, es gibt Berichte über Feuerschluckershows, Musikdarbietungen und exotischen Tieren.

F_A_Maulbertsch_QuacksalberOft wurden auch Wunderheilungen vorgeführt. Scheinbar unheilbar Kranke wurden nach der Einnahme eines Schluckes gesund. Dass diese „Kranken“ Darsteller waren und zur Kombo des Quacksalbers gehörten, wusste ja niemand.

Die Quacksalber bedienten sich natürlich auch des technischen Fortschritts. So gab es bald „galvanische“ bzw. elektrische Anwendungen, mit denen die leichtgläubigen Patienten traktiert wurden. Dies gibt es heute übrigens auch noch, aktuell ist das Schlagwort „Quanten“. Nachdem die Quantentheorie für Laien sehr schwer fassbar ist, ist unseriösen Anbietern natürlich Tür und Tor geöffnet, um leichtgläubigen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen, denn darum geht es ja hauptsächlich.

Die_Gartenlaube_(1874)_b_575Deswegen möchte ich allen ans Herz legen, gerade im gesundheitlichen Bereich skeptisch zu bleiben. Denn damals wie heute gilt, dass diese Quacksalber sehr wortgewaltig sind und den Eindruck der Seriosität erwecken können. Bitte fallt nicht darauf rein. Immer dann, wenn euch jemand vermeintlich einfache Lösungen für komplexe Probleme anbietet, kann etwas nicht stimmen. Immer dann, wenn eine vermeindliche Heilung auf „uralten, nicht wissenschaftlich nachweisbaren Wissen“ beruht, kann etwas nicht stimmen.

Natürlich kann jeder in seinem Leben in Situationen kommen, wo man nach jedem Strohhalm greift, aber selbst dann sollte man versuchen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Denn seit jeher geht es den Quacksalbern nur um eines: euch euer sauer verdientes Geld abzunehmen.

Irrsinn, Wahnsinn, Stumpfsinn

Ich habe ja seit kurzem auch einen Account bei Facebook und obschon sich hier natürlich neue und schnelle Kommunikationswege für mich erschlossen haben, öffnete sich damit auch eine neue Tür zum Wahnsinn.

Es gibt tatsächlich Flachpfeifen, die

  • sich Chlorbleiche in den Boppes kippen lassen und denken, die herauskommenden, abgeätzten Darmteile wären „Würmer“,
  • denken, dass bei Impfungen Ortungschips injiziert würden,
  • denken, dass Deutschland eine GmbH sei und wir alle „Personal“,
  • denken, dass die Regierung uns alle mit sog. „Chemtrails“ vergiften will,
  • denken, dass die Menschen nie auf dem Mond waren oder
  • denken, dass die Erde flach ist.

Und diese Liste ließe sich noch ewig erweitern. Mal ehrlich, so doof kann man doch nicht sein, um an so einen Mist zu glauben.

Jeden dritten Dorfdeppen im letzten Bergdorf im Ural kann man fragen und der sagt uns, dass die Erde rund ist, aber diese Herrschaften denken sie ist flach und basteln sich dafür hanebüchene Theorien zusammen, die allerdings nur offenbaren, dass sie selbst keine Ahnung haben.

Ein Beispiel, sogar mein Lieblingsbeispiel: eine Dame behauptete, dass die Erde flach sein muss, weil sie ja ein PLANet sei und PLAN bedeutet in vielen Sprachen ja „eben“ oder „flach“. Gut, ich erwarte jetzt noch nicht einmal, dass die gute Frau weiß, dass der Begriff Planeten vom griechischen πλανήτης also „planetes“ stammt, was „umherirrend“ oder schweifend“ bedeutet, aber ich erwarte doch von so jemanden, dass er den Begriff „Planeten“ erstmal bei Google eingibt, aber selbst das ist zuviel.

Und ich, ich gehe jetzt und hau meinen Kopf auf die Tischplatte, bis es besser wird…

Hier dann noch die passende Musik dazu: