Warum die Argumentationen der AfD vulgär sind

Bevor wir uns mit der vulgären Argumentation der AfD beschäftigen, müssen wir zwei Begriffe klären. Der erste Begriff ist „vulgär“, der zweite „Gewissen“.

Schauen wir uns zuerst einmal die Vulgarität an, ein Begriff, der zwei Wurzeln im lateinischen hat, nämlich vulgus , was einfach Volk bedeutet und vulgaris, was alltäglich oder gewöhnlich bedeutet. Ins Deutsche kam das Wort über das französische vulgaire.

Das Online-Lexikon Wikipedia definiert die Vulgarität als die Eigenschaft des Unkultivierten, Gewöhnlichen, Niederen oder auch Unflätigen. Vulgär im letzteren Sinne bezeichnet insbesondere Sprachelemente, Verhaltensmuster und Handlungen, die vor dem Hintergrund kultureller Normen als verächtlich oder tabu gelten. Beispielsweise werden Vulgärsprache, grobe Umgangsformen und rüpelhaftes Benehmen oder das aufdringliche Zurschaustellen von Reichtum oder sexuellen „Vorzügen“ als vulgär empfunden.

Vulgarität finden wir also in vielen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens, wobei man die Vulgarität in diesen Bereichen nicht immer gleich erkennt. Nennt man sein Gegenüber eine „Blödes Arschloch“, so merkt jeder, dass dies vulgär ist. Im politischen Diskurs andererseits bemerkt man die Vulgarität nicht gleich.

Kommen wir zum Gewissen. Und das Gewissen zu beschreiben ist nun um vieles schwerer, als Vulgarität. Vom Kirchenvater Thomas von Aquin über Immanuel Kant hin zu Friedrich Nietzsche und Bernhard Hassenstein haben ihre Theorien zum Gewissen gemacht. Das „einfache Volk“ stellte sich das Gewissen als Wurm vor, der sich rührt und uns grimmt, wenn wir etwas falsches tun. Heute nennen wir das die Gewissensbisse.

Auch hier hat die Wikipedia wieder eine angenehm nüchterne Zusammenfassung: Das Gewissen wird im Allgemeinen als eine besondere Instanz im menschlichen Bewusstsein angesehen, die bestimmt, wie man urteilen soll. Es drängt, aus ethischen, moralischen und intuitiven Gründen, bestimmte Handlungen auszuführen oder zu unterlassen. Entscheidungen können als unausweichlich empfunden oder mehr oder weniger bewusst – im Wissen um ihre Voraussetzungen und denkbaren Folgen – getroffen werden (Verantwortung). Das einzelne Gewissen wird meist als von Normen der Gesellschaft und auch von individuellen sittlichen Einstellungen der Person abhängig angesehen. Ohne eine ethische Orientierung bleibt das Gewissen „leer“; „ohne Verantwortung ist das Gewissen blind“. Üblicherweise fühlt man sich gut, wenn man nach seinem Gewissen handelt; das ist dann ein gutes oder reines Gewissen. Handelt jemand entgegen seinem Gewissen, so hat er ein subjektiv schlechtes Gefühl; ein schlechtes, nagendes Gewissen oder Gewissensbisse, was man auch als kognitive Dissonanz, eine fehlende Harmonie im Bewusstsein, beschreibt.

Aber jetzt kommen wir zur AfD. Die AfD zeichnet sich ja durch eine Politik aus, die in den Medien schon als „populistisch“ bezeichnet wird.

Der französische Philosoph Paul Valéry schreibt in seinem Werk „Tel quel“: Als der Gipfelpunkt des Ordinären erscheint mir, sich solcher Argumente zu bedienen, die nur vor einem Publikum gelten – also vor einem Zuschauer und Zuhörer, der notwendigerweise nach dem jeweils dümmsten der Anwesenden ausgerichtet ist – und die keinen Beistand haben vor dem kühlen und einsamen Menschen. Man darf niemals im Hinblick auf einen Gegner – auch auf einen angenommenen nicht – Argumente gebrauchen und Ausfälle machen, die man, mit sich allen, vorzubringen nicht ertragen würde, die nicht wirklich gedacht werden können, die nur publikumswirksam sind, aber in der Nacht und der Einsamkeit uns in Schande und Elend stürzen.

Und Asfa-Wossen Asserate, der geniale Beobachter des deutschen Volkes, kondensiert dies wie folgt ein: Der Gipfel der Vulgarität wird nicht schon beim Aussprechen von der eigenen Überzeugung nicht entsprechenden Argumenten betreten, sondern beim Ausbleiben jener Schande und jenes Elends in der darauffolgenden einsamen Nacht, wenn es also gelungen ist, das Gewissen endgültig zum Schweigen zu bringen. Und so meine ich fortfahren zu können, daß eine wichtige Voraussetzung der Vulgarität die Unfähigkeit ist, sich schuldig zu fühlen. Der Eifer, mit dem wir die pseudowissenschaftliche Botschaft, Schuldgefühle seien etwas Krankhaftes, aufgenommen und uns zu eigen gemacht haben, sollte uns nachdenklich machen.

Nun, wenn sich die Verantwortlichen der AfD ihrer persönlichen Gewissensprüfung stellen sind wir ja nun nicht dabei, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie vor ihrem Gewissen den Zuspruch finden, den ihnen ihre Anhänger geben. Dies zeigt sich unter anderem in der Hilflosigkeit und Tollpatschigkeit, die die AfD-Politiker an den Tag legen, wenn es um realpolitische Tagesarbeit geht.

Beitragsbild: http://www.deutschlandfunk.de/afd-demo-in-berlin-als-die-barbarenstaemme-den-limes.1783.de.html?dram:article_id=336236

Zitate Paul Valéry und Asfa-Wossen Asserate aus: Asserate, Asfa-Wossen: Manieren. München, Dt. Taschenbuchverl., 2005. S. 131ff.

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