Der Untergang des Abendlandes: JETZT! HIER! SOFORT! IN FARBE! UND BUNT!

Ich habe ein Schild an unsere Bibliothekstür geklebt. Das richtet sich an die bei uns lebenden Geflüchteten. Darauf wird in Arabisch, Farsi und Pashtu einfach nur erklärt, dass die Asylsachbearbeiterin in Urlaub ist und nächsten Montag wieder zu den regulären Bürostunden zu sprechen ist. Mehr nicht.

Seit ich dies getan habe, mäandert hier ein Strom besorgter Menschen, die in diesem popligen A4-Zettel den Untergang des Abendlandes sehen. Es ist doch schlimm, wenn hier jetzt schon Aushänge auf Arabisch gemacht werden. Muss man als Deutscher jetzt auch schon Arabisch lernen? (Nein, musst Du nicht, Du Sprallo, außer Du willst einen Asylantrag stellen)

Ich verstehe es nicht, wie man nur ob der Existenz eines solchen Aushanges in derartige Hysterie verfallen kann. Wie soll ich das den Syrern, Afghanen und Persern denn sonst erklären? Auf Schwedisch?  Auf Zulu? Oder auf Inuit?

Jedenfalls dachte ich immer, dass das Abendland ein bisschen stabiler ist, als dass es durch einen arabischen Aushang in Gefahr gebracht werden könnte…

P. S. Nein, ich habe keine Ahnung, was die Schriftzeichen in meinem Beitragsbild bedeuten.

P. P. S. Was auffallend ist: Bis auf eine Ausnahme (Paul, mein Pupspole) hat niemand von meinen regulären Leser_innen einen Kommentar zu dem Aushang abgegeben. Die besorgten Bürger sind alles Menschen, die ich hier noch nie gesehen habe.

Ist das ein Honk, den ich da vor mir sehe?

Paul der Pupspole war ja wieder da. Das brauche ich eigentlich nicht zu erwähnen, er kommt ja jeden Tag und jeden Tag höre ich mir gut eine Stunde seine neuesten Zipperlein an.

Aktuell hat er ja ein neues Interessensgebiet gefunden, nämlich unsere schöne Erde. Und so sitzt er nun Tag für Tag für Tag für Tag hier bei mir und liest die „Die große National Geographic Enzyklopädie der Erde“.

Was soll ich euch sagen, die National Geographic Society sollte mal was über über Geographie lernen und über Geographie und über den Rest am besten auch noch, denn was die in ihrer Enzyklopädie schreiben, das ist doch alles falsch, erklärt mir Paul täglich.

Wie kann es denn sein, dass die Erde ein paar hundert Millionen Jahre alt sein soll, wenn wir doch erst das Jahr 2016 schreiben? Wie sollen sich denn die Kontinente bewegen, wenn es doch dafür keine Maschine gibt? Und wie soll Pangäa auseinander gebrochen sein ohne Sprengstoff. Und wenn die Konzerne nach Öl bohren, wieso finden sie dann die Hölle nicht?

Ihr seht, die Realität, wie wir sie kennen, ist nur Lug und Trug. Und vielleicht bekommt auch Paul eines Tages eine Antwort auf seine Fragen und vielleicht lande ich doch nicht im Bezirksklinikum…

Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Honk daher…

Ich habe ja schon vor einiger Zeit darüber geschrieben, dass es in meinem Berufsalltag immer größere Übergriffigkeiten gibt. Den absoluten Höhepunkt hat dies gestern erreicht.

Gestern (Donnerstag) war ein recht stressiger Tag für mich, meine Mitarbeiterin ging für drölfzig Wochen in Urlaub, abends war eine Theateraufführung, für die ich verantwortlich war und bei zwei Projekten hat es etwas gebrannt.

Ich saß also hier an meiner Ausleihtheke, freute mich, dass es ein relativ ruhiger Tag war und werkelte vor mich hin, als Frau S. in die Bibliothek kam. Frau S. kommt schon seit Jahren, wir kennen uns gut, sie kommt auch zu meinem Literaturkreis, zu all unseren Lesungen, ist Mitglied unseres Fördervereins und  und und.

Gestern tauchte sie also vor meiner Ausleihtheke auf und erklärte mir, ich hätte ein Problem und in dem Moment dachte ich, Mist, woher weiß sie von den russischen Geldeintreibern? Ääääh, aber das meinte sie nicht.

Über eine Stunde lang (glaubt mir, ihr wollt nur die Kurzfassung hören) erklärte sie mir also, dass ich ein Problem hätte. Denn ich habe in meinem Leben ein „dunkles Geheimnis“, über das ich mit niemanden sprechen kann (fand ich gut, dass mir das mal jemand sagt…) und dass mich „innerlich auffrisst“. Deswegen würde ich auch so ein selbstzerstörerisches Verhalten an den Tag legen (auch das war mir neu, aber gut). Und sie wird noch hinter dieses Geheimnis kommen (und mir dann hoffentlich sagen, dass ich mich danach richten kann), denn sie beobachtet mich schon geraume Zeit (das war wirklich ein bisschen scary).

Ihr merkt schon, zuerst konnte ich diese Aussagen nicht ernst nehmen, denn weder habe ich ein „dunkles Geheimnis“ (außer meiner Vorliebe für selbst gestrickte Socken), noch lege ich ein selbstzerstörerisches Verhalten an den Tag. Und genau das versuchte ich ihr beruhigend zu erklären (immer noch während des laufenden Besucherverkehrs), aber sie steigerte sich in meine vermeintlichen Probleme hinein, bis sie mich vollkommen hysterisch anschrie. Ich konnte sie dann beruhigen und nach über einer Stunde wieder aus der Bibliothek raus bekommen, aber das war schon ein Stück harter Arbeit für mich.

Ich muss ja zugeben, dass es mir im Moment nicht so ganz gut geht, das hat mehrere Faktoren auf psychischer und physischer Ebene, aber das habe ich im Griff. Und wenn ich wirklich Unterstützung brauche, dann habe ich gute Freunde, die mir helfen. Ich finde es ja auch nett, dass sich Frau S. Gedanken um mich gemacht hat, aber irgendwie war dieser Auftritt schon wieder zu strange, zu übergriffig, ganz einfach zu heftig.

Jedenfalls muss ich ehrlich zugeben, dass ich jetzt nicht so ganz weiß, wie ich mich verhalten soll, wenn Frau S. wieder hier auftaucht und einen ähnlichen Auftritt auf’s Parkett legt. Vor allem möchte ich mal wissen, was hinter dieser ganzen Sache steckt. Ich mein, ich sehe die Frau alle zwei Wochen mal für eine Viertelstunde, begegne ihr mit professioneller Höflichkeit, wie bei allen meinen Lesern und das war es.

Ich komme jedenfalls aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus.

Winnetou – der erste Heilpraktiker?

Ich beschäftige mich ja nun schon seit einiger Zeit mit alternativmedizinischen Themen, insbesondere der Homöopathie und doch frage ich mich immer, wie es sein kann, dass durchaus intelligente und gebildete Menschen auf noch so großen Mumpitz hereinfallen.

Da gibt es Menschen, die pumpen sich und ihren Kindern Chlorbleiche in den Hintern und halten die weggeätzten Darmfetzen für „Würmer“, da wird auf lebenswichtige Operationen verzichtet, weil man „Reiki-Energie geschickt“ bekommt (nicht mit dem Paket, über die Luft…) oder Tumore verschwinden angeblich, weil ein/e Schamane/in sich einen auf der Klangschale abtrommelt. Genauso hirnri… ääh „interessant“ sind natürlich Bach-Blüten, ein Pflanzensud, dessen heilsame Wirkung durch die Strahlen der Morgensonne aktiviert werden müssen.

Globuli, Schüßler-Salze, Energieausgleich, Chiropraktik, Osteopathie oder Familienaufstellungen, die Variationen des Irrsinns sind mannigfaltig. Aber was bewegt die Menschen, lieber auf derartige Heilsversprechen herein zu fallen, als sich in die Hände von kompetenten Medizinern zu begeben.

Hat dieser Hang zur vermeintlich sanften, in Wirklichkeit aber wirkungslosen, Medizin etwas mit der Verklärung des „Edlen Wilden“ zu tun? Sehen diese Menschen im Heilpraktiker eine Art modernen Winnetou, der ihre Wehwehchen im Einklang mit Natur und Ahnen heilt?

Das könnte ich mir gut vorstellen, hatten doch gerade die Deutschen seit der Romantik einen starken Hang zu eben jenem Idealbild des edlen Wilden, der keine Verbrechen kennt und vollständig autonom im Einklang mit der Natur lebt, über das Wissen der Ahnen verfügt, keine Verbrechen oder sonstige schlechte Eigenschaften kennt und immer gesund ist.

Und gerade dieses Bild ist es ja, die uns die Werbung suggeriert, wenn sie einen kraftstrotzenden Indianer an Wasserfällen vorbei klettern lässt, der sich mit einer ganz speziellen Salbe vom Rückenschmerz heilt.

Dies würde natürlich auch mit den zeitlichen Abläufen zusammen passen. Die Romantik mit ihrer Verehrung dieses vermeintlich „edlen“ Wilden fällt zusammen mit der ersten hohen Zeit der Homöopathie und deren vermeintliche Lehren vom natürlichen Heilen. James Fenimore Cooper schuf in seinen „Lederstrumpf“-Erzählungen mit den Mohikanern Chingachgook und Uncas die Paradebeispiele dieser Zeit.

In wie fern die romantische Schwärmerei der Deutschen zur Etablierung mit ihrer Verherrlichung des Urtümlichen, des Edlen, des Reinen, des Unkorrumpierten zur Verbreitung der Homöopathie beigetragen haben wissen wir nicht, unbestritten dürfte aber sein, dass heute in der alternantivmedizinischen Szene gerne mit diesen Stereotypen gespielt wird. Da gibt es Schamanen, die in obskuren Gewändern hanebüchene, selbst erfundene „Rituale“ vollführen, die aussehen, als wollte eine dreibeinige Kuh das Bein am Patienten heben. Natürlich ist dieses Theater, vollkommen sinnentleert. Dadurch, dass Räucherstäbchen abgebrannt oder Klangschalen besprungen werden, ist noch niemand gesund geworden.

Der Indianer ist der GUTE, der Zivilisierte der SCHLECHTE ist die einzige Botschaft, die uns hierdurch suggeriert werden soll. Der Indianer lebt mit der Natur, der Zivilisierte rücksichtslos von der Natur.

Aber schauen wir doch einmal an, wieviel an diesem Mythos dran ist.

Bereits seit mehreren Jahren untersuchen Wissenschaftler unter anderem des Smithonian National Museum of Natural History, der Universität Nebraska, der Universität Harvard oder der Baylor University in Waco den Einfluss, den die amerikanischen Ureinwohner auf ihre Umwelt hatten.

Und der war verheerend. Die Indios aus den Anden arbeiteten in der Goldgewinnung mit hoch giftigem Amalgam, mexikanische Indianer fingen ihre Fische damit, dass sie Seen vergifteten und in West Virginia fand man Spuren von Brandrodung vor 2.000 Jahren.

Nordamerikanische Ureinwohner brachten den Büffel schon lange vor der Ankunft von Europäern an den Rand des Aussterbens. Funde belegen, dass riesige Herden von Büffeln in Schluchten zu Tode gestürzt wurden obschon nur ein kleiner Teil verarbeitet werden konnte. Aus Alaska wissen wir, dass die Ureinwohner ganze Tierpopulationen ausrotteten.

Raymond Hames (Universität von Nebraska) fasst es so zusammen, dass die geringe Umweltzerstörung nur darauf zurückzuführen ist, dass die indigene Bevölkerung des amerikanischen Kontinents einfach zahlenmäßig zu schwach war und nur über eine primitive Technik verfügte. Wäre dies anders gewesen, hätte auch der „edle Wilde“ in größerem Umfang seine Umwelt zerstört.

Und am Rande noch, selbst die „Weissagung der Cree“:

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stammt vom us-amerikanischen Filmregisseur Ted Perry.

Also sollte sich jeder, der das nächste mal zum Schamanen rennt, mal gut nachdenken, ob er nicht doch einen richtigen Mediziner aufsuchen möchte.

Quelle Beitragsbild: http://natalie.springhart.de/texte/leben.html
Quelle „Weissagung der Cree“: http://www.motor-talk.de/blogs/potasches-umweltzone/die-weisheit-der-cree-stammt-gar-nicht-von-denen-sind-wir-ueber-die-jahre-nur-belogen-worden-t4579871.html