Die Nacht der reitenden Leichen oder: ein Einkauf in der Mittagspause

Gestern in der Mittagspause war ich im Discounter um die Ecke, um schnell einige Einkäufe zu erledigen. Und ja, „Discounter“ ist genauso schlimm, wie es sich anhört. Genau der miefig-versiffte Bums, den man erwartet. Mit der Bande Hartsäufern vor der Tür, die sich am Flachmann von vor der Kasse festhalten und schon lange jeden Bezug zum Leben verloren haben. Mit der Rollator-Omma, die schon zum Inventar gehört und deren Aufgabe es ist, aus irgendwelchen Ecken zu hüpfen, um sich dann schildkrötengleich durch die schmalen Gänge zu schleppen. Naja, irgendwie muss sie ja ihre Rente aufbessern. Über all dem hängt ein undefinierbarer Geruch zwischen Kinderkotze und Katzendurchfall. In dem sich der Eigengeruch von Frau V. mischt, die sich nur zweimal im Jahr wäscht und eine Geruchsfahne aus eingetrocknetem Urin und Alkohol hinter sich her zieht. Super…

Aber der Discounter ist nahe, was will man da machen. Für alle anderen Einkaufsmöglichkeiten müsste ich das Auto nehmen und dafür habe ich in der Mittagspause, wo neben den Honks auch sämtliche Renter Ausgang haben, keine Nerven. Noch besser ist ja dieses „nach der Arbeit schnell wo anhalten“. Denn kaum schlägt es 17.00 Uhr, werden sämtliche Flachpfeifen, die während des Tages in Büros, Werkstätten oder geschlossenen Anstalten weggesperrt sind, frei gelassen und man findet sich so ziemlich in jedem Supermarkt wieder umgeben von hyperventilierenden Müttern (NEIN! Kevin-Jerome, lass die Mango auf dem Boden liegen, die ist jetzt schmutzig), genervten Vätern und betrunkenen Kosaken (nein natürlich nicht, ich wollte nur sehen, ob ihr aufpasst), die jeden Einkauf zu einer Herausforderung für das Nervenkostüm machen.

Da beiße ich lieber in den sauren Apfel der Mittagspause und gehe in den Discounter um die Ecke. Nachdem ich das Notwendigste zusammengerafft und meinem Impuls, in einen Blutrausch zu verfallen widerstanden habe, schaffte ich es an die Kasse, wo sich schon eine Menagerie aus Menschen tummelte, die man sonst nur aus einer Creepshow vom Jahrmarkt kannte. Hinter mir befand sich eine ältere „Dame“, die höchstwahrscheinlich schon mit Prinz Eugen gegen die Türken gekämpft hat.

Und natürlich muss sie meinen Einkauf kommentieren. Was schmeckt und was nicht, was gesund ist und was nicht. Warum ich dies und jenes kaufe und nicht das andere Produkt oder ganz was anderes und warum ich überhaupt was kaufe, ohne sie zu fragen, so eine Unverschämtheit! Naja, nachdem ich es ja gelernt habe, meine Ohren auf „Durchzug“ zu starten, mache ich das und lasse die gute Frau vor sich hin brabbeln, selbst als sie verbal übergriffig wird, ignoriere ich das.

Die hübsche türkische Kassiererin (die tatsächlich der einzige Lichtblick in dieser Odyssee des Grauens ist) beobachtet das ganze Spektakel amüsiert und meint verschmitzt, als ich an der Reihe bin „Na, da hattest Du aber eine nette Unterhaltung“. Tja, nette Unterhaltung. Erinnerte mich an das Todesgeröchel in „Ein Zombie hängt am Glockenseil“.

Ich frage mich nur, woher sich solche Menschen das Recht nehmen, über andere und deren alltägliches Handeln zu urteilen, dieses zu kommentieren und zu bewerten.

 

Bildnachweis Beitragsbild: Von Pop Culture Geek – http://www.flickr.com/photos/popculturegeek/4776483108/, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27186436

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