Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Honk daher…

Ich habe ja schon vor einiger Zeit darüber geschrieben, dass es in meinem Berufsalltag immer größere Übergriffigkeiten gibt. Den absoluten Höhepunkt hat dies gestern erreicht.

Gestern (Donnerstag) war ein recht stressiger Tag für mich, meine Mitarbeiterin ging für drölfzig Wochen in Urlaub, abends war eine Theateraufführung, für die ich verantwortlich war und bei zwei Projekten hat es etwas gebrannt.

Ich saß also hier an meiner Ausleihtheke, freute mich, dass es ein relativ ruhiger Tag war und werkelte vor mich hin, als Frau S. in die Bibliothek kam. Frau S. kommt schon seit Jahren, wir kennen uns gut, sie kommt auch zu meinem Literaturkreis, zu all unseren Lesungen, ist Mitglied unseres Fördervereins und  und und.

Gestern tauchte sie also vor meiner Ausleihtheke auf und erklärte mir, ich hätte ein Problem und in dem Moment dachte ich, Mist, woher weiß sie von den russischen Geldeintreibern? Ääääh, aber das meinte sie nicht.

Über eine Stunde lang (glaubt mir, ihr wollt nur die Kurzfassung hören) erklärte sie mir also, dass ich ein Problem hätte. Denn ich habe in meinem Leben ein „dunkles Geheimnis“, über das ich mit niemanden sprechen kann (fand ich gut, dass mir das mal jemand sagt…) und dass mich „innerlich auffrisst“. Deswegen würde ich auch so ein selbstzerstörerisches Verhalten an den Tag legen (auch das war mir neu, aber gut). Und sie wird noch hinter dieses Geheimnis kommen (und mir dann hoffentlich sagen, dass ich mich danach richten kann), denn sie beobachtet mich schon geraume Zeit (das war wirklich ein bisschen scary).

Ihr merkt schon, zuerst konnte ich diese Aussagen nicht ernst nehmen, denn weder habe ich ein „dunkles Geheimnis“ (außer meiner Vorliebe für selbst gestrickte Socken), noch lege ich ein selbstzerstörerisches Verhalten an den Tag. Und genau das versuchte ich ihr beruhigend zu erklären (immer noch während des laufenden Besucherverkehrs), aber sie steigerte sich in meine vermeintlichen Probleme hinein, bis sie mich vollkommen hysterisch anschrie. Ich konnte sie dann beruhigen und nach über einer Stunde wieder aus der Bibliothek raus bekommen, aber das war schon ein Stück harter Arbeit für mich.

Ich muss ja zugeben, dass es mir im Moment nicht so ganz gut geht, das hat mehrere Faktoren auf psychischer und physischer Ebene, aber das habe ich im Griff. Und wenn ich wirklich Unterstützung brauche, dann habe ich gute Freunde, die mir helfen. Ich finde es ja auch nett, dass sich Frau S. Gedanken um mich gemacht hat, aber irgendwie war dieser Auftritt schon wieder zu strange, zu übergriffig, ganz einfach zu heftig.

Jedenfalls muss ich ehrlich zugeben, dass ich jetzt nicht so ganz weiß, wie ich mich verhalten soll, wenn Frau S. wieder hier auftaucht und einen ähnlichen Auftritt auf’s Parkett legt. Vor allem möchte ich mal wissen, was hinter dieser ganzen Sache steckt. Ich mein, ich sehe die Frau alle zwei Wochen mal für eine Viertelstunde, begegne ihr mit professioneller Höflichkeit, wie bei allen meinen Lesern und das war es.

Ich komme jedenfalls aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus.

Advertisements

4 Gedanken zu “Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Honk daher…

    1. Vor allem, weil alle vorherigen Gespräche mit ihr so abgelaufen sind:
      Guten Tag Frau S.
      -Guten Tag
      Gut dass Sie kommen, ihr bestelltes Buch ist da.
      -Oh, das ist fein, das Wochenende ist gerettet.
      Das Rückgabedatum wäre der drölzigste Novli.
      -Danke schön, auf Wiedersen.
      Schönes Wochenende!

      Gefällt 1 Person

  1. Ich beneide „euch“ Bibliotheksmenschen wirklich nicht – obwohl zu uns ins Archiv die kommen, die ein dunkles Geheimnis „der da oben“ erkannt haben. Oder uns erzählen wollen, dass Wikipedia die Geschichtsschreibung ruiniert hat. Oder dort Dinge unterdrückt werden. Warum die Geschichtswissenschaften am Ende sind. Warum wir unsere Arbeit falsch machen. Oder ihre Familiengeschichte (in wirklich allen denkbaren Details) erzählen müssen. „Oh, das wird Sie interessieren, mein Großonkel, der Peter Müller, hat mal ein Buch besessen, in dem der Führer das
    Vorwort geschrieben hat, sehr spannend, wollen Sie das mal ansehen?. Mein Bruder hat damals im Mai ’45 im Keller gesessen und Tagebuch geschrieben, das hat meine Tochter jetzt gefunden…“

    Aber wenigstens überlassen sie die pseudopsychologischen Ausführungen meinen Kollegen…

    Gefällt 1 Person

    1. Ah, ein Kollege aus dem Archivwesen, freut mich!
      Aber schön, dass nicht nur wir in den Bibliotheken die ganzen Honks abbekommen 😀
      Solche Typen bekomme ich glücklicherweise recht selten, dafür die Wald-und-Wiesen-Irren.
      Manchmal frage ich mich, ob ich nicht doch lieber Polarforscher oder sowas hätte werden sollen 😉

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s