Creepy Groupies – Flagellanten und Geißler

Ein weiteres Phänomen, daß im Kontext mit der Pestepidemie auftrat, war wie erwähnt das der sogenannten Geißler oder Flagellanten. Als im Frühjahr des Jahres 1349 die apokalyptischen Reiter schon große Ernte eingefahren hatten, tauchten zum ersten Mal Gruppen von seltsamen Männern auf, die durch ihr eigenartiges Treiben alle Aufmerksamkeit auf sich zogen. Sie trugen Gewänder mit besonderen Hüten und auffallenden roten Kreuzen. Es waren die Flagellanten, auch Geißler genannt. Diese umherziehenden Gruppen waren sich spontan sammelnde Bruderschaften, die unter Gebet und Absingen von Liedern Prozessionen gleich, durch die Lande zogen und sich öffentlich strengem Bußwerk, besonders der Selbstgeißelung, unterwarfen. Hierzu benutzten sie die sogenannte Geißel (flagellum), die in der kirchlichen Disziplin eine nicht unerhebliche Rolle spielte; so finden wir sie zum Beispiel in diversen Klosterregeln des Morgen- und Abendlandes.

Diese Flagellanten glaubten, daß sie durch diese Art der Buße die Pest abwenden könnten. Die Gruppen zogen immer 33,5 Tage durch die Lande, genau so viele Tage wie Lebensjahre Christi. Manche wiederholten sogar die Geißelfahrt. Zuerst bestanden die Büßerzüge nur aus Männern, Frauen waren zu den Ritualen nicht zugelassen, dies änderte sich aber. Das Flagellantentum scheint aus dem Süden des Deutschen Reiches zu stammen, obwohl der eigentliche Entstehungsort nicht ermittelbar ist.

Die Geißler fanden große Beachtung. Das schlägt sich auch in der Literatur nieder, wir kennen also recht gut die Abläufe der Riten und Gebräuche. Es waren schon beeindruckende Prozessionen, die da durch die deutschen Gaue zogen. Sie trugen Fahnen mit, sangen fromme Lieder und beteten, während sie paarweise die Lande durchstreiften. Sie gingen nicht einfach in Städte hinein, nein, sie lagerten vor den Toren und betraten sie nur, nachdem sie um Einlaß gebeten hatten oder wenn sie eingeladen wurden. Da die Geißler allerdings lautstark zum Judenmord aufforderten, wurden sie in einige Städte gar nicht eingelassen. War das doch der Fall, so wurden die Geißler von den Menschen bestaunt und das nicht nur wegen ihrer Kleidung. Ihr ganzes Gehabe war es, das Aufmerksamkeit erregte.

Dies begann schon vor den Städten. Auf ihrem Weg gingen die Flagellanten sonst recht durcheinander; kamen sie aber in die Nähe einer Stadt oder eines Dorfes, so ordneten sie sich. An der Spitze ging ein Mann, der das Kreuz trug, danach folgten die prachtvollen Fahnen aus Samt und Seide. Dann kamen die Büßer in ihren Mänteln mit dem aufgenähten großen, roten Kreuz, ihren Kapuzen und ihren Hüten. Bis zu vier Vorsänger stimmten ein Lied an, welches Leis genannt wurde und wahrscheinlich eine Abkürzung für Kyrie eleison war. Der ganze Zug wiederholte den Gesang und unter dem Geläut der Glocken zog man in die Stadt ein.

Zuerst ging der Flagellantenzug zu den Kirchen, und sang dort kniend: Jhesus der wart gelabet mit Gallen; des sullen wir an ein Kriuze vallen. (12) Während dieses Gesangs warfen sie sich in Form eines Kreuzes zu Boden und verharrten dort, bis ihr Meister ausrief: Nu hebent ûf die iuwern hende, daz got diz groze sterben wende. (12) Dies wiederholte sich dreimal.

Daraufhin erhob sich der Zug und verließ die Kirche wieder. Draußen wurde er schon von einer großen Volksmenge erwartet. Unter Glockengeläut zogen sie zu einem großen Platz, dem Marktplatz, einen Klosterhof oder zu einer Wiese vor den Mauern der Stadt. Dort stellten sie sich in einem weiten Kreis auf, entkleideten ihre Oberkörper und legten die Kleidung in die Mitte des Kreises. Sie warfen sich zu Boden, und jeder stellte pantomimisch die Hauptsünde dar, für die er Buße tun wollte.

Nachdem die Flagellanten nun im Staube lagen, ging ihr Anführer durch ihre Reihen und sprach jedem Absolution aus, indem er den jeweiligen mit der Geißel schlug und ausrief: Stant ûf durch der reinen martel êre und heute dich vor der sünden mêre (12). Jeder, der so erlöst wurde, stand auf und tat dasselbe bei den anderen, noch liegenden Brüdern. Nachdem dies geschehen war, stimmten sie Lieder an. Nu tretent herzuo swer bueßsen welle! Fliehen wir die heißse helle! Luciver ist ein boeser geselle (12). So und ähnlich klangen diese Gesänge. Die Geißler begannen nun, im Kreise einherzugehen und sich mit den speziell hergestellten Peitschen zu züchtigen. Diese Geißeln waren so beschaffen, daß die Züchtigung besonders blutig ausfiel. Dreimal wurde dieser Gang wiederholt, unterbrochen nur dadurch, daß sich die Büßer in Form des Kreuzes auf den Boden warfen und fünf Vater Unser lang so verharrten. Dabei erhoben sie ihre Stimmen und baten Gott, das große Sterben von der Welt zu nehmen. Nachdem dieses Ritual vollführt war und die Zuschauer um Spenden gebeten wurden, kam als Predigt die Lesung einiger Berichte.

Der Zug der Büßer setzte sich wieder in Richtung der Kirche in Bewegung, und dort angekommen, warfen sich die Geißler wieder dreimal in Kreuzesform auf den Boden.

Bei dem Aufzug der Geißler und ihrem Vorgehen war so manches dem mittelalterlichen Zuschauer wohl vertraut aus der kirchlichen Praxis gut bekannt: das Glockenläuten, die vorangetragenen Fahnen, das paarweise Schreiten der Teilnehmer, das Singen von Liedern. Die gesamte spätmittelalterliche Frömmigkeit war stark auf die Passion Christi ausgerichtet, zu der die Geißelung als eine Art der Imitatio zwangsläufig gehörte. Eigenartig mußte jedoch erscheinen, daß nicht Priester, sondern Laien (magistri) die Zeremonie anführten, überraschen, das betont Theatralische der ganzen Darbietung (vor allem die mimische Darstellung der Sünden), die spektakuläre Geißelung mit dem blutigen Rücken der Büßer, die die Zuschauer, nach dem Zeugnis der Quellen, zu spontanen Reaktionen des Mitgefühls veranlaßte. (9)

Das Flagellantentum war keine neue Erfindung, sondern schon bekannt, allein die organisierte Form war bemerkenswert. Durch die einheitliche Kleidung und die einheitlichen Predigten, die gehalten wurden, kann davon ausgegangen werden, daß dies keine spontanen Büßerzüge waren, sondern daß sie von langer Hand vorbereitet waren.

Schon im 13. Jahrhundert war das Geißlertum bekannt: Eine größere Geißlerbewegung finden wir bereits im Jahre 1260 in Italien. Diese Bewegung nahm ihren Ursprung von Perugia aus und verbreitete sich rasch durch ganz Italien und auch jenseits der Alpen. So wissen wir zum Beispiel, daß die Predigten des heiligen Antonius von Padua so mitreißend und wie Feuerströme gewesen seien. Diese Predigten veranlaßten zahlreiche Sünder und Verbrecher zur Einkehr. Einige fingen auch an unter Geißelschlägen und Absingen frommer Lieder processionsweise einherzuziehen. Diese Flagellantenzüge waren allerdings zeitlich und lokal begrenzt. Diese ersten Geißlerzüge wurden von der Kirche nicht behelligt, da sie ja von Priestern und sogar Bischöfen angeführt wurden. Die Ghibellinen, die Anhänger der Stauferkaiser in Italien, standen den Flagellanten allerdings feindlich gegenüber. Nachdem die Geißlerbewegung alle größeren Städte Ober- und Mittelitaliens ergriffen hatte, verebbte sie allerdings wieder, und zum Beginn des Jahres 1261 finden wir keine Nachweise mehr für die Flagellanten. Allerdings schwappte die Bewegung jetzt nach Norden über die Alpen und man fand die Geißler in Krain, Kärnten, Österreich, Ungarn, Polen, Böhmen und in Bayern bis hin zum Rhein.

Nach einiger Zeit scheint die Geißlerbewegung allerdings aus dem Ruder gelaufen zu sein, denn bald wurden Klagen laut, daß sie sich gegen die Kirche auflehnten und die Priester verachteten. Sie sollen sogar die Beichte gehört und ihre Geißelung dermaßen überschätzt haben, als wenn sie die Seligkeit ihrer verstorbenen Angehörigen vermehre und selbst den Verdammten Trost und Hilfe bringen. Daraufhin wurde in den Kirchen gegen die Flagellanten gepredigt und auch die Obrigkeit schritt ein. So kam es, daß noch während des Jahres 1261 die meisten Geißler verschwanden. Erst das Auftauchen der Pest in Europa gab dieser Bewegung wieder neuen Auftrieb.

Obwohl die Geißler ein hohes Ansehen in der Bevölkerung hatten und sich auf ihr Tun ein nicht abzusprechender Erfolg einstellte, fielen sie bald in Mißkredit. Natürlich, Spiel und Tanz, Festivitäten und lockere Kleidung verschwanden aus den Städten, durch die die Flagellanten gekommen waren, aber auf der anderen Seite warf man ihnen selbst vor, daß Sünder unter ihnen wären, die nach außen hin Buße taten, nach innen hin ihre Sünden aber weiter begangen. Genau wie im Jahre 1261 warf man den Flagellanten 1348 vor, daß sie die klerikale Hierarchie mißachteten, sie sollen unbotmäßig gewesen sein, und sich selbst als Laien priesterliche Zuständigkeiten angemaßt haben. So erschien im Oktober des Jahres 1349 ein päpstliches Breve, in welchem der Pontifex Maximus die Geißlerzüge verbot und den Bischöfen auftrug, dieses Verbot durchzusetzen und das Flagellantentum zu zerschlagen. Und auch die weltlichen Fürsten verfolgten nun die Brüderschaften.

Durch das Zusammentreffen dieser drei Umstände, Verbot durch die Kirche, Ablehnung bei der Bevölkerung und Verfolgung durch die Landesherren, konnte die Geißlerbewegung nicht mehr lange überleben, und seit 1350 traten sie nur noch selten in Erscheinung. Allerdings gründeten sich teilweise Vereine, die heimlich der Selbstgeißelung frönten.

Hätte die Kirche im Jahr 1349 die Pest nicht auf Sittenlosigkeit und Sündenhaftigkeit der Menschen zurückgeführt, hätten die Flagellanten keine theologische Basis gehabt.

Abschließend kann man sagen, daß die Geißler des Jahres 1261, 1349 und 1414 immer die gleiche Intention hatten: Sie wollten im Angesicht des nahenden Weltuntergangs und jüngsten Gerichts ihre Seelen reinigen. Hierfür benutzten sie die Geißel, die schon eine lange kirchliche bzw. klösterliche Tradition hatte. Gefährlich war die religiöse Wahnhaftigkeit dieser Bewegung, die lautstark nach dem Judenmord riefen und die Menschen in einer derartigen emotionalen Erregung zurückließen, daß diese nur allzugerne dieser Forderung nachkamen.

Die Geißler waren weiterhin – und das ist nicht zu unterstützen – durch ihr stetiges Umherziehen in großen Scharen auch ein erhebliches Potential zur Ausdehnung der Pest auf fast ganz Europa. Sie verbreiteten also das, was sie selbst bekämpfen wollten.

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