Schuld sind immer die Schwächsten – Judenpogrome in Pestzeiten

Für die Infektion machte man die Juden verantwortlich, und kurzerhand erschlug man die vermeintlichen Übeltäter. Vordergründig verbreitete man, daß die Israeliten durch das Vergiften der Brunnen alle Christen umbringen wollten. Tatsächlich bot die Pest allerdings nur einen Vorwand für die Bevölkerung, um lange aufgestaute Aggressionen ausleben zu können. Natürlich spielte auch eine gehörige Portion Angst vor dem Unbekannten mit hinein, denn die Erreger einer solche Krankheit wie die Pest war ja in früherer Zeit nicht bekannt, und die Medizin war ratlos. So war es der Bevölkerung nur recht, daß sie einen Sündenbock ausmachen konnte, und als es dann noch hieß, daß die Epidemie von den Juden künstlich erzeugt worden sei, brach der „Volkszorn“ los. Daß die Juden selbst an der Pest erkrankten, störte nicht. Vor allem am Rhein, an der Donau und in Mitteldeutschland ging es blutig zu, während es in Norddeutschland, wo nur spärlich Juden wohnten, zu weniger Ausschreitungen kam.

Einige Städte und Herrscher nahmen die Juden unter ihrem Schutz, wie zum Beispiel der Rat der Stadt Salzwedel oder Spandau, die von Markgraf Ludwig die Weisung erhielten, die in der Stadt wohnenden Juden so lange vor ungerechten Beleidigungen zu schützen, bis er einen Gegenbefehl erteilen würde. Einige Zeit später erlaubte er den ortsansässigen Juden, fremde Juden bei sich aufzunehmen und garantierte ihnen volle Handelsfreiheit und Schutz. Der Markgraf gewährte ebenso den im restlichen Deutschland verfolgten und bedrohten Juden Schutz. Dies geschah natürlich nicht ohne Eigennutz: Im Anhang der Urkunde findet sich ein Passus über den sogenannten „Judenzins“.

Auch der Rat der Stadt Perleburg gewährte den Israeliten Schutz. Allerdings berichtete Johann von Wedel, Vogt des obengenannten Markgrafen Ludwig, am 23. Februar 1350, daß mit Hilfe des Rates in Königsberg die in der Mark wohnenden Juden verbrannt und ihre Vermögen eingezogen wurden. Aber nur fünf Monate später, am 22. Juli, verspricht der Markgraf den aufrührerischen Städten Cölln und Berlin, daß alles Leid, welches den Juden angetan wurde, wieder bereinigt werde, alst eft dat nie geschien were.

In Böhmen und Mähren wurden die Juden besser geschützt, und aus Schlesien wissen wir von Verfolgungen nur in Breslau, Brieg und Guhrau. Die Verfolgten fanden schließlich beim polnischen König Kasimir gastfreie Aufnahme und Schutz, obwohl wir aus dem Jahre 1348 einen Bericht von Matteo Villani kennen, der die Auswirkungen der Pest in einen an Deutschland grenzenden Teil Polens beschreibt. Weiterhin heißt es dort: Das Volk sah in dem Aufenthalt der Juden die Schuld an der Seuche. Die Juden, hierüber erschrocken, sandten ihre Ältesten an den König, dem sie grosse Summen Geldes und eine Krone von unberechenbaren Werthe schenkten und baten ihn um ihren Schutz. Der König wollte die Juden schützen, aber das wüthende Volk war nicht zu beruhigen und nahe an 10.000 Juden kamen durch Schwert und Flammen um, und ihr Vermögen verfiel dem Fiskus. (8) In den Bereich der Fabel gehört die Annahme, daß die pro-jüdische Haltung Kasimirs auf eine jüdische Geliebte zurückzuführen ist. Es gab diese Konkubine, Esther mit Namen, aber sie kam erst 1356 zum König. Schon 22 Jahre früher hatte er die Privilegien der Juden erneuert, die ihnen von Boleslaw zugestanden worden waren.

Allgemein kann man sagen, daß die Pogromwelle von 1348/49 nicht nur die erste, sondern auch die größte ihrer Art im gesamten Reichsgebiet war. Wenige Landesfürsten schützten die Juden, wie zum Beispiel der Herzog Albert in Österreich. Auch aus Regensburg und Goslar sind keine Judenverfolgungen im Kontext der Pestepidemien bekannt.

In Europa lag der Schwerpunkt der Verfolgungen im Deutschen Reich. Hier wurden die meisten Israeliten erschlagen. Ansonsten wissen wir noch von Pogromen in der Schweiz, Nordspanien und Ostfrankreich. Dies hat auch einen anderen Grund: Es gab nämlich in den Jahren 1290 bzw. 1306/1322 in Frankreich und England große Ausweisungen von Juden, die sich dann vor allem in Deutschland niederließen.

Aber wie lief so eine Verfolgung konkret ab? Aus Basel kennen wir einen Fall des Judenmordes mit allen seinen Begleitumständen. Die Schweizer Stadt hatte zur Mitte des 14. Jahrhunderts hin etwa 8.000 Einwohner. Juden sind schon seit 1213 dort nachweisbar und ihre Zahl dürfte zur Zeit der Verfolgungen der einer mittleren Gemeinde des Mittelalters entsprechen.

Wie Matthias von Neuenburg berichtet, ging den Basler Judenverbrennungen eine Verbannung von einigen einheimischen Adligen, die den Juden Unrecht angetan hatten, voraus. Als das Volk dies erfuhr, stürmte es zum Rathaus und forderte lautstark die Rückkehr der Adligen. Der Rat war aufgrund der aufgewühlten Volksmenge natürlich erschrocken und ließ dem Volk seinen Willen. Die Volksmasse verlangte nun, daß sie gar keine Juden mehr in Basel dulden müßten, und auch hier gab der Rat nach, und beide, Rat und Volk, schworen feierlich 200 Jahre keinen Juden in der Stadt zu dulden. Die Einwohner waren aber damit noch nicht zufrieden, sie wollten alle in den Mauern der Stadt lebenden Juden vernichtet wissen, und so geschah es, daß am 16. Januar 1349 alle Juden auf einer Insel im Rhein in ein extra dafür gebautes Haus getrieben wurden, das dann in Brand gesteckt wurde.

Man kann davon ausgehen, daß die Ereignisse in Basel von den erstarkenden Zünften ausgingen, in deren Hintergrund die Ritterschaft stand. … ob die Aktion vor dem Rathaus vorbereitet und geplant oder spontan erfolgte, sagen die Quellen nicht; der Aufmarsch mit den Bannern dürfte wie in anderen Fällen eher für eine geplante Aktion zeugen. Das Morden selbst war mit Sicherheit keine spontane Angelegenheit, sondern eine vom verschreckten Rat durchgeführte Maßnahme. Auf die Bemäntelung der Verbrennung durch einen Prozeß verzichtete man, und über das Schicksal des „Judenerbes“ ist nichts bekannt. Erst nach dem Verbrennen der Juden kamen die Geißler und die Pest nach Basel, und nun verbrannte man noch die Juden, die sich im Januar durch die Annahme der Taufe vor dem Tode gerettet hatten – diesmal inszenierte man allerdings ein Gerichtsverfahren, über dessen Erfolg man stolz nach Straßburg berichtete. (9)

Die in einigen Quellen angegebene Zahl von 600 erschlagenen Juden ist allerdings übertrieben. Den schweizerischen Pogromen gingen die Prozesse gegen „Brunnenvergifter“ in den savoyischen Landen und im Schweizer Gebiet voraus. Die Juden kamen zwar wieder, diesmal in den Notzeiten des Jahres 1362: Die Angst, erneut einem Pogrom zum Opfer zu fallen, war allerdings so groß, daß die Juden 1399 endgültig aus Basel flohen.

(1) Bertelsmann Lexikon: in vier Bänden. – Gütersloh
Dritter Band M-Sd, 1965.

(2) Hartinger, Walter: Von der laidigen Sucht der Pestilentz: Kleine Kulturgeschichte der Pest in Europa. – Passau, 1986.

(3) Illustrierte Geschichte der Medizin. – Salzburg
Bd. 3, 1980.

(4) Zahlen der Weltgesundheitsorganisation.

(5) Die Bibel: Die heilige Schrift des alten und neuen Bundes. – Wien 1990.

(6) Illustrierte Geschichte der Medizin. – Salzburg
Bd. 1, 1980.

(7) Illustrierte Geschichte der Medizin. – Salzburg
Bd. 2, 1980.

(8) Hoerninger, Robert: Der schwarze Tod in Deutschland: Ein Beitrag zur Geschichte des 14. Jahrhunderts. – Berlin 1882.

(9) Graus, Frantisek: Pest, Geissler, Judenmorde: Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit. – Göttingen 1987.

(10) Schreiber, Willi: Der Kreuzerg: bei Kronach im Frankenwald. – Kronach [ca. 1957].

(11) Zierer, Otto: Die alten Mächte: 1300 – 1400 nach Chr. – Murnau 1953.

(12) Wetzer und Weltes Kirchenlexikon: oder Encyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hülfswissenschaften. – Freiburg/Breisgau 1886.

(13) Zitter, Hanß N.: Chronik von 1661: Die Ehrenkrone der Stadt Kronach. – Kronach 1997.

(14) Fehn, Georg: Chronik der Stadt Kronach. – 2. Band. – Kronach o. J.

(15) Koelbing, Huldrych M.: Christian Sigismund Fingers Dissertation „Über den schädlichen Einfluss von Furcht und Schreck bei der Pest“ (Halle 1722). – Frankfurt 1979.

(16) Beckmann, Gudrun: Eine Zeit großer Traurigkeit: Die Pest und ihre Auswirkungen. – Marburg 1987.

(17) Werthmann-Haas, Gloria: Altdeutsche Übersetzungen des Prager „Sendbriefs“: „Missum imperatori“. – Wellm 1983.

(18) Krampitz, Heinz E.: Pest. – In: Gsell, O./Mohr, W.: Infektionskrankheiten, Bd. II.: Krankheiten durch Bakterien, Teil I, Berlin 1968. – S. 325-344.

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