Die Hussitenkriege

Natürlich waren die Anhänger des Reformators Hus von dessen Verbrennung auf dem Konzil von Konstanz nicht gerade begeistert. Die Tschechen sahen in Prozeß und Hinrichtung eine Demütigung der gesamten Nation.

Geschürt wurde dieser Haß noch durch Ausschreitungen der Deutschen gegen die Hussiten. Obwohl der Landeshauptmann dies strengstens verboten hatte, wurden in Olmütz zwei Hussitische Prediger verbrannt, in Mähren wurden zahlreiche Hussiten enthauptet. Dies galt als Rache gegen die hussitischen Greueltaten, die an den Deutschen verübt wurden.

Als dann noch Hieronymus von Prag in Konstanz verbrannt wurde, traten die nationalen Gegensätze in Böhmen und Mähren immer offener zu Tage.

König Wenzel hielt sich gegen beide Seiten zurück und erst als die hussitischen Ausschreitungen so schwer wurden, daß sich sogar Papst Martin V. einschaltete und Kardinal Johann Dominici zur Ausrottung der Ketzerei nach Böhmen schickte mußte er eingreifen.

Der Königshof wurde von hussitischen Parteigängern gereinigt und vertriebene Geistliche konnten wieder zurück in Ihre Kirche kehren. Mit hussitischen Predigern waren nach dieser Aktion lediglich drei Kirchen besetzt.

Die Situation eskalierte am 30. Juli 1419, als einige Prager Ratsherren von einem Fenster aus eine Prozession der Hussiten verhöhnten. Die Volksmasse geriet in eine derartige emotionelle Erregung, daß sie das Gebäude stürmten und sieben Ratsherren zu eben jenem Fenster hinauswarfen.

Am 16. August 1419 verstarb dann auch noch König Wenzel, dem sein Bruder, der deutsche König Siegmund auf den Throne folgen sollte. Als Hauptbeteiligter an der Hus’schen Verbrennung schlug ihm natürlich keine große Sympathie entgegen. In Leimeritz wohnte Siegmund dann auch noch der Hinrichtung von siebzehn Hussiten bei, die mit aneinander gebundenen Händen und Füßen in die Elbe geworfen wurden. Ebenso ungeschickt waren die Worte König Siegmunds am 15. Januar 1420, als er in Breslau erklärte, daß die Hussiten seine Feinde seien und er sie mit Krieg überziehen wolle, um sie total zu unterwerfen.

Die eigentliche Kriegserklärung Sigmunds gegen die Hussiten erfolgte am 17. März 1420, am Sonntag Lätare, im Rahmen einer Kreuzzugspredigt des päpstlichen Legaten zu Breslau, die durch die oft zitierte Kreuzzugsbulle Martins. V. unterstützt wurde. Das Signal zum Beginn der langjährigen und blutigen kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Hussiten war somit ergangen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Ende März erließen die Prager ein Manifest, wodurch die Böhmen auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht und zum Kampfe für die Wahrheit aufgefordert wurden; wenige Wochen darauf, am 20. April 1420, folgte diesem Manifest ein weiteres, in wesentlich schärferem Ton gehaltenes, worin Sigmund als der größte Feind der böhmischen Nation bezeichnet wird, der unmöglich länger als ihr König anerkannt werden könne. (1)

Die Hussiten proklamierten ihr Programm in den sogenannten vier Prager Artikeln, welche im Juli 1420 publiziert wurden.

  1. Das Wort Wottes solle von den dazu befähigten Priestern frei gepredigt werden.
  2. Das heilige Altarssakrament solle allen nicht durch Todsünde am Empfange verhinderten Christgläubigen unter beiden Gestalten gereicht werden.
  3. Die Geistlichen sollten dem weltlichen Besitz, über den sie zum Schaden ihres Amtes und zum Nachtheile der weltlichen Stände herrschten, entsagen und nach der Lehre Christi und der Apostel leben.
  4. Alle Todsünden, besonders öffentliche, wie alle dem Gesetze Gottes zuwiderlaufenden Unordnungen in jedem Stande sollten von denen, welchen es zukomme, in verständiger, christlicher Weise verboten, geahndet und nach Möglichkeit ausgerottet werden. (2)

Die gemäßigten hussitischen Kreise, die diese Artikel aufgestellt hatten legten vor allem auf den zweiten großen Wert. Sie forderten darin daß das Abendmahl in beiderlei Gestalt, also Hostie und Wein, also sub utraque parte, weshalb sie auch Utraquisten oder Calixtiner genannt wurden. Sie fanden ihre Anhängerschaft vor allem an der Universität in der höheren Bürgerschaft und im Adel. Das Ereignis, das die ganze Bewegung bestimmte, ihr ein Symbol gab und das den Bruch mit der alten Kirch ebesiegelte, war die Forderung nach dem Kelch, dem Abendmahl ‚in beiderlei Gestalt‘, sub utraque specie; die Utraquisten wurden in der nächsten Etappe dann auch die ‚Hussiten‘ genannt oder die Calixtiner, die Kelchner. (3)

Die radikalen Hussiten dagegen waren zumeist Handwerker, Arbeiter und Bauern. Sie trafen sich in Austi, einer Stadt südlich von Prag, wo sie ein Feldlager errichtet hatten. So ein Feldlager heißt im tschechischen tábor, deshalb nannten sie sich auch Taboriten. Ob eine Verbindung zum biblischen Berg Tabor besteht ist allerdings nicht geklärt. Von den Taboriten spalteten sich nach dem Tode Zizkas wiederum die Waisen ab. Dies waren bedingungslose Zizka-Anhänger, die sich nach dem Tode ihres Anführers als verwaist ansahen.

Die Taboriten beriefen sich voll und ganz auf die Lehren Wycliffes und lehnten alles ab, was nicht ausdrücklich in der Bibel zu lesen ist. Sie waren es, die das treibende Element bildeten und die eigentliche Kraft des Hussitismus in sich begriffen, die im Sinne des Alten Testamentes die Feinde des göttlichen Gesetztes mit dem Schwerte austilgen und solchermaßen das Reich Gottes ausbreiten wollten. (1)

Die ersten gewaltsamen Ausfälle der Hussiten, hier der Taboriten, war der Kirchen- und Klostersturm von 1419 in dem böhmische Klöster verwüstet und geplündert wurden. Die Taboriten beriefen sich auf das Wort Wycliffes, der die monastischen Einrichtungen als gemeinschädlich bezeichnet hatte.

Bevor sich die Hussiten gemeinschaftlich ihren Feinden stellten begannen sie erst einmal sich gegeneinander zu stellen. Utraquisten und Taboriten bekämpften sich gegenseitig und erst der am 18. Oktober 1425 konnte ein Waffenstillstand geschlossen werden.

Nun wandten sich die Hussiten gemeinsam zuerst nach Mähren und ins nördlichen Böhmen, was natürlich von seiten des Königs nicht gerne gesehen wurde und so beschloß der in Nürnberg zusammengetretene Reichstag den „täglichen Krieg“ gegen die Hussiten. Am 16. Juni 1426 traf das hussitische Heer bei Aussig auf eine deutsche Streitmacht bestehend aus Soldaten des Albrecht von Österreich und des Markgrafen Friedrich, genannt der Streitbare und obwohl die deutschen Reichstruppen zahlenmäßig überlegen waren, wurden sie von den Hussiten geschlagen. Dies war allerdings auch verständlich. Bestanden die Reichstruppen vor allem aus Söldnern, so waren die Hussiten beseelt von religiösem Eifer und nationaler Begeisterung, die sie zu gefährlichen Gegnern machte. Sie fürchteten den Tod nicht und sahen jeden gefallenen als Märtyrer an.

Nach der Schlacht bei Aussig traten die Meinungsverschiedenheiten zwischen Utraquisten und Taboriten wieder voll zu tage. Der Taboritenführer Prokop wollte sofort ins angrenzente Reichsgebiet nachstoßen, ohne dem Gegner die Möglichkeit zu geben sich zu sammeln. Wogegen sich die Utraquisten mit ihren Anführern Sigmund Korybut und den Herren von Podebrad entschieden aussprachen. Es ging sogar soweit, daß Korybut sich 1427 mit dem Papst gegen die Taboriten verbünden wollte. Daraufhin wurde er verhaftet und abgeschoben.

Natürlich blieb die deutsche Niederlage bei Aussig nicht ohne Folgen. Fortifikationsanlagen wurden erneuert oder neu errichtet, Ritterbünde wurden geschlossen und am 4. Mai 1427 wurde zum Kreuzzug gegen die Hussiten aufgerufen.

Am 29. Juni sammelte sich das rheinisch-fränkisch-bayerische Heer in der Gegend von Nürnberg, weitere Truppen sollten aus Schlesien, aus Norddeutschland und aus Österreich gleichzeitig nach Böhmen einrücken. Aber auch dieses Unternehmen war zum Scheitern verurteilt, nicht zuletzt wohl deshalb, weil man nicht gleich bis Prag vorrückte, wie es Markgraf Friedrich von Brandenburg, der erprobte Heerführer Sigmunds, angeraten hatte, sondern sich – ab 23. Juli – mit der Belagerung der Stadt Mies aufhielt, die im Herbst 1426 den Hussiten in die Hände gefallen war und nun durch einen ihrer Anführer, Pribik von Klenau, verteidigt wurde. Die bloße Nachricht vom Heranrücken Prokops genügte diesmal, um das Reichsheer so zu demoralisieren, daß es den Hussiten keine Schwierigkeiten bereitete, den Gegner am 2. August nach Tachau zurückzudrängen und tags darauf gänzlich über die Grenze zu treiben.(1)

Ein zweites Heer fiel von Schlesien her in Böhmen ein und errang bei Nachod einen Sieg, zog sich aber nach Norden zurück, als es von den Vorkommnissen bei Tachau erfuhr. Durch diese Ereignisse wurde das hussitische Selbstbewußtsein nur noch mehr gestärkt. Auf dem Reichstag in Frankfurt war man sich bewußt, daß die Hussiten nun auch bald über die Grenzen Böhmens in das Reich einfallen würden, deshalb wurde am 16. November 1427 auch die Ausschreibung einer Hussiten-Steuer beschlossen, nach dem Muster des Klerus, welcher nach Maßgabe des Papstes Martin den jährlichen Zehnt für diesen Zwecke abzuführen.

Zu Anfang des Jahres 1428 überschritten die Hussiten wieder die Reichsgrenze und fielen in die angrenzenden Gebiete ein. Bei diesen „Feldzügen“ traten die reformatorischen Absichten allerdings in den Hintergrund, es handelte sich um Rache- und Raubzüge. Die Hussiten waren natürlich aufs Beutemachen angewiesen um sich zu verpflegen, aber auch die pure Gier einzelner Gruppen innerhalb der Hussiten ließ sie immer weiter plündern und rauben.

Die breite Öffentlichkeit unterschied natürlich nicht zwischen diesem räuberischen Gesindel und den wahren, vom reformatorischen Geist beseelten Hussiten, sie sahen nur die Landplage und es entwickelte sich eine große Abscheu gegen sie.

Im Norden fielen die Hussiten in Schlesien ein, im Westen in Bayern und Franken und sogar bis Wien zogen die plündernden Horden. Im Frühling 1429 vereinigten sich die verschiedenen Abteilungen dann auch in Österreich, wo von utraquistischer Seite aus Kontakte zu König Siegmund aufgenommen wurden und sich im April dann in Preßburg mit Abgesandten des Königs trafen.

Siegmunds Position war einfach: er wollte eine sofortige Beilegung sämtlicher religiöser Streitigkeiten, respektive eine Diskussion auf dem bevorstehenden Konzil in Basel. Auf jeden Fall sollte ein sofortiger Waffenstillstand in Kraft treten, denn der König hatte auch andere Sorgen, denn in Ungarn standen die Türke und dem König gelang es nicht, ihn von dort zu vertreiben. Ein Konzil lehnten die Hussiten allerdings kategorisch ab und auch einen Waffenstillstand konnten sie nicht zustimmen, womit diese Verhandlungen scheiterten.

Daraufhin setzten sich König und Papst vehement für die baldigen Durchführung des ja schon beschlossenen zweiten Kreuzzugs gegen die Hussiten ein. Aber auch hier kam es zu keinem definitiven Ergebnis, nachdem England sein 5.000 Mann starkes Kontingent lieber im eigenen Krieg gegen Frankreich einsetzten, als in Deutschland.

Die Hussiten indes verwüsteten nun den mitteldeutschen Raum bis hin zur Oder. Guben und die gesamte Lausitz wurden heimgesucht. Danach wandten sie sich gegen Meißen, Pirna, Dresden und Leipzig, ein vom Herzog von Sachsen geführtes Heer schlugen sie zu Beginn des Jahres 1430.

Über Altenburg, Gera, Plauen, Hof und Bayreuth zogen die Hussiten nun nach Bamberg und Nürnberg. Von dort aus zogen sie im Februar über Eger wieder in Böhmen ein. Die auf ihren Raubzügen gemachte Beute wurde auf 3.000 Wagen mitgeführt. Die Hussiten gaben nun aber keine Ruhe und gingen weiter gegen Schlesien, Mähren und Ungarn vor und verwüsteten diese Ländereien.

Immer eindringlicher warb der Papst bei den deutschen Fürsten um die Ausrichtung des zweiten Kreuzzuges gegen die Ketzer. Ein guter Schritt war dazu der Reichstag in Nürnberg im März 1431. Dort wurde beschlossen, daß sich die Truppen aller Fürsten am Johannistag an der böhmischen Grenze sammeln sollten.

König Siegmund machte noch einen weiteren Verhandlungsversuch und traf sich in Eger mit einer hussitischen Delegation. Da der König nicht von seinen Positionen abwich gingen beide Gruppen ohne Ergebnis wieder auseinander. Die Hussiten ließen nach ihrer Rückkehr ihr Heer wieder kriegsbereit machen. So kam es nun, daß am 1. August 1431 das Kreuzheer mit 90.000 Infanteristen und 40.000 Kavalleristen und Führung des Kurfürsten von Brandenburg die Westgrenze Böhmens überschritt. In der Nähe von Taus kam ihnen das gleichfalls bedeutende Husitenheer entgegen. Wiederum geriethen die Kreuztruppen, kaum daß sie den dröhnenden Schlachtgesang der Hussiten hörten, in Verwirrung und erlitten auf der ordnungslosen Flucht im Böhmerwalde durch die Verfolger bedeutende Verluste an Mannschaft, abgesehen davon, daß den Husiten auch wieder an 3.000 Wagen mit Kriegsbeute in die Hände fielen (14. August 1431). Ein gleichzeitig von Norden her eingedrungenes Heer der Meißener zog sich auf die Kunde davon wieder zurück; gegen den in Mähren vordringenden Albrecht von Oesterreich zog dann Prokop der Kahle und drang später noch in Ungarn bis über Neutra vor, überall große Verheerung hinterlassend. (2)

Diese Vorkommnisse hatten König Siegmund gezeigt, daß den Hussiten mit Waffengewalt nicht beizukommen war und so versuchte man um so intensiver den Konflikt auf diplomatischem Weg zu lösen und richtete am 26. August von Nürnberg aus ein Schreiben an die Hussiten, mit der Bitte zum Konzil nach Basel zu kommen. Auch das Konzil wand sich mit einem überaus freundlichem Schreiben an die Böhmen. Als Unterhändler wurden der Dominikanerprior Johann Rider und der Zisterzienzer Johann von Gelnhausen nach Eger entsandt.

Nach größeren Schwierigkeiten wurde ein erster Erfolg erzielt. Den Hussiten wurde „volles und freies Gehör“ zugesichert auch wurde zugestanden, daß in Schen der vier Artikel das göttliche Gesetz, die Uebung Christi, der Apostel und der Urkirche sammt den Concilien und den auf jene sich beziehenden Doctoren als wahrhafte und unparteiische Richter auf dem Concil angewendet werden sollten. (2)

Auch auf böhmischer Seite war man nach dem Tode des Erzbischofs Konrad mehr denn je an einem Friedensschluß interessiert und so konnten sich wenigstens die gemäßigten Utraquisten Hoffnung auf Frieden machen. Ihnen war besonders an der Wiederbelebung des Prager Erzbistums gelegen und nachdem man ihm diesen Stuhl in Aussicht gestellt hatte bemühte sich vor allem Rokyzana um einen positiven Verlauf der Verhandlungen. Die Taboriten indes ließen sich von den Verhandlungen gar nicht beeindrucken, und gingen weiterhin mit der Waffe in der Hand vor und fielen wiederum in Schlesien ein, verwüsteten Brandenburg und Berlin und zogen bis nach Ungarn hin. Ja selbst als der Landtag von Kuttenberg Ende August 1432 bereits die Abgesandten wählte, welche nach Basel gehen sollten, gingen sie auf den vom Concil verlangten Waffenstillstand nicht ein und unternahmen bald darauf neue Kämpfe gegen Albrecht in Mähren und Oesterreich. (2)

Nachdem alle Geleitsbriefe des Konzils und aller Fürsten deren Gebiet man durchqueren mußte eingetroffen waren zog die hussitische Delegation im Dezember 1432 nach Basel und kam am 4. Januar 1433 dort auch an. Am 16. Januar begann die Diskussion über die vier Prager Artikel, die den Hussiten ja zugesichert worden war. Die Diskussion war allerdings nicht sehr erfolgreich, so nachgiebig die päpstliche Seite auch war, so unnachgiebig zeigten sich die Hussiten. Man konnte sich weder in diesem noch in den anderen Punkten einigen und so zogen die Hussiten am 14. April 1433 erfolglos wieder ab. Begleitet wurden sie von einer Abordnung des Konzils, die direkt mit dem Prager Landtag verhandeln sollte. Diese Abordnung handelte so geschickt und umsichtig, daß ihr bald alle gemäßigten Hussiten geneigt waren. Man war schon ziemlich geneigt …, gegen das bloße Zugeständniß des Laienkelches sich in allem Uebrigen dem Concil zu beugen und zum Gehorsam gegen die Kirche zurückzukehren. (2) Lediglich die Taboriten sträubten sich gegen diese Übereinkünfte und Prokop der Große zog mit seinen Mannen aus, um Pilsen zu belagern, was trotz allem reformatorischem Eifers noch immer treu zum Katholizismus stand.

Die Abordnung des Konzils machte sich wieder auf dem Weg nach Basel und in ihrem Gefolge war auch eine hussitische Delegation, die die überarbeiteten vier Prager Artikel dem Konzil vorlegen sollte. Mittlerweile war König Siegmund zum Kaiser gekrönt worden und beteiligte sich intensiv an der Konzilsarbeit.

Man einigte sich schließlich auf folgenden Kompromiß: Das Abendmahl sollte in Böhmen und Mähren auf Wunsch des Einzelnen in beiderlei Gestalt verabreicht werden, nur solle der Priester dabei „einprägen“, daß „unter jeder Gestalt der ganze Christus sei“. Die Todsünden sollen gerichtet werden, aber nur von denen die die entsprechende Jurisdiktion haben. Das Wort Gottes darf frei gepredigt werden, aber nur von entsprechend ordinierten Priestern. Priester mit einem entsprechenden Gelübde sollen keine weltlichen Ämter erhalten dürfen, Priester ohne ein solches Gelübde nur auf Zeit. Wenn die Hussiten diesen Kompromiß annehmen sollten, wurde ihnen die Wegnahme aller Repressalien durch die Kirche zugesichert.

Einige Hussiten konnten sich allerdings nicht mit diesem Kompromiß anfreunden und so wurde dieser Vertrag so nicht geschlossen. Es bildete sich allerdings eine dritte hussitische Strömung, die einen sofortigen Friedensschluß mit Kaiser und Papst anstrebte. Diese Partei manifestierte sich im sogenannten Landfriedensbund, dem fast alle nichttaboritischen Adeligen aus Böhmen und Mähren angehörten. Dieser Landfriedensbund legte den Taboriten nahe, ihr Heer aufzulösen und zu entwaffnen.

Die Taboriten lagen noch immer vor Pilsen, belagerten die Stadt und malträtierten das Umland. Sie hatten allerdings auch Streitigkeiten untereinander, von solcher Heftigkeit, daß sich sogar Prokop der Große teilweise von seinen Truppen abwandt. Jetzt allerdings, als die Bedrohung nicht nur von reichsdeutscher, sondern auch von böhmisch/mährischer Seite ausging führte er alle taboritischen Kräfte zusammen und führte sie bis kurz vor Prag.

Durch die Vereinigung der Prager Utraquisten mit den katholischen Adligen hatten auch diese eine beeindruckende Streitmacht aufgestellt. Am 30. Mai 1434 kam es bei Lipan unweit von Böhmisch-Brod zur Entscheidungsschlacht zwischen den Utraquisten und Katholiken auf der einen und den Taboriten auf der anderen Seite. Es war ein großer Sieg für die Utraquisten; die Taboriten wurden fast gänzlich vernichtet, ihr Anführer Prokop der Große, fiel in dieser Schlacht.

Die Taboriten waren nun kein großes Hindernis für einen endgültigen Friedensschluß mehr, auf dem böhmisch/mährischen Landtag, kurz nach der Schlacht zusammentrat schlugen sich auch die Adlige, die bisher mit den Taboriten sympathisierten auf die Seite der Prager Utraquisten. Diese schlossen mit den katholischen Ständen einen auf ein Jahr begrenzten Waffenstillstand. Weiters wurde eine Kommission zusammengesetzt, welche mit Kaiser und Papst verhandeln sollte. Auf dem mittlerweile in Regensburg zusammengetretenen Reichstag trafen eine Abordnung des Baseler Konzils, der Kaiser und die hussitische Kommission zusammen und verhandelten. Diskussionsgrundlage war noch immer der Kompromiß, welcher im November 1433 ausgehandelt wurde.

Die Utraquisten waren mit diesem Kompromiß jedoch noch immer nicht ganz einverstanden und forderten, daß das heilige Sakrament in allen bömischen und mährischen Kirchen in beiderlei Gestalt gereicht werden sollte. Um das Wohlwollen Siegmunds und seine parteinahme für ihre Sache zu gewinnen wollten sie Siegmund als deutschen Kaiser und böhmischen König anerkennen. Siegmund konnte sich allerdings nicht dazu durchringen und so wurde beschäftigte sich wieder der Prager Landtag mit diesem Problem.

Hier gaben die Utraquisten insoweit nach, als bestimmt wurde, es sollten sämmtliche Kirchen des Königreiches nach Maßgabe der zur Zeit in denselben herrschenden Uebung in solche getheilt werden, in denen fernerhin die Communion nur utraquistisch und in solche, in denen sie nur subunistisch gespendet werde. Dagegen beanspruchten sie die Wahl des Erzbischofs und seiner zwei Suffraganen (Leitomichl und Olmütz) auf dem Landtage, Ausschluß aller Ausländer vom Reche der Beneficienverleihung im Lande und eine exclusiv einheimische Gerichtsbarkeit. (2)

Im Juli 1435 fand eine Zusammenkunft zwischen Kaiser, Konzil und Hussiten im südmährischen Brünn statt. Da die Abgesandten des Konzils nicht von den Formulierungen im Text des Kompromißangebots abweichen wollten, der Kaiser aber die ganze Angelegenheit nun endlich beendet sehen wollte stellte dieser am 6. Juli 1435 eine Urkunde aus, in der er die Forderungen der Hussiten annahm und versprach, die Zustimmung des Concils dazu zu erwirken und die thatsächliche Ausübung dieser Freiheiten nicht zu hindern. (2) Aufgrund dieser Urkunde wurde dann auch im September 1435 auf dem Landtag Rokyzana zum Erzbischof von Prag gewählt, seine Wahl wurde aber noch solange geheim gehalten, bis der Kaiser sich in Basel hatte durchsetzen können.

Dabei gab es allerdings einige Probleme. Der Kaiser traf sich mit Abgesandten des Basler Konzils in Stuhlweißenburg und von ihm wurde verlangt, daß er sich nicht in Glaubens- und Kirchenfragen nicht einmischen würde. Dies stand im krassen Gegensatz zu seinem den Utraquisten gegeben Wort. Darauf wurde die Einberufung des Landtages nach Iglau beschlossen, bis zu welchem die Basler Gesandtschaft die Bestätigung des gewählten Erzbischofs, dessen Name jetzt publicirt wurde, beischaffen sollte. (2)

Auf dem Landtag erklärten die Abgesandten des Konzils, daß man in Basel lieber Bischof Philibert von Coutance als Prager Erzbischof sehen würde. Aber sowohl der Kaiser, als auch Herzog Albrecht versprachen, sich für die Einsetzung Rokyzanas stark zu machen und auf dieses Versprechen hin nahm der Landtag den Kompromiß von 1433 an und gelobte den Abgesandten des Konzils die Treue. Von Seiten des Konzils wurde der über Böhmen verhängte Kirchenbann aufgehoben und die Böhmen als gute Kinder der Kirche bezeichnet. Weiters wurde Siegmund von den Ständen als böhmischer König anerkannt und konnte am 23. August 1435 in Prag seinen Herrscherstuhl besteigen. Dies bedeutete den Frieden.

Schon bald gab es allerdings wieder Unzufriedenheit im Lager der Hussiten. Rokyzanas Ernennung zum Erzbischof von Prag blieb aus und weder Kaiser noch Papst schienen sich darum zu kümmern. Dazu kam noch, daß in Prag Philibert von Coutance sein bischöfliches Amt sehr gut ausfüllte. Die Einführung der beiden Riten bei der Speisung vollzog sich friedlich. Die königlichen Städte, die der hussitischen Lehre anhingen und in den Gebieten des hussitischen Adels (dazu gehörten nun auch die Klöster- und Kirchenbesitzungen, die während des Kampfes entweder als Pfand an diese Adligen fielen oder als Beute zu ihnen kamen.) wurde utraquistisch kommuniziert, in den meisten königlichen Städten im Süden, wie Budweis, oder im standhaften Pilsen sowie im Grenzgebiet wurde subunistisch kommuniziert.

Die Hussiten merkten, daß der Kaholizismus immer weiter die Oberhand gewann und das paßte ihnen gar nicht. Sie forderten den Kaiser auf, sich an sein Versprechen zu erinnern und ihren Kandidaten für das Amt des Prager Erzbischofs in den Sattel zu verhelfen. Kaiser Siegmund allerdings setzt Rokyzana nicht ein, sondern bestimmte den gemäßigten Christian von Prachatic als Administrator ein. Rokyzana verlor in Prag ganz den Boden unter den Füßen und verließ die Goldene Stadt daraufhin und ging nach Königgrätz.

1437 starb Siegmund und sein Nachfolger als böhmischer König wurde Albrecht von Österreich, aber auch dieser starb schon 1439. Daraufhin bildeten sich sogenannte Friedenskreise in Böhmen, hier kristallisierten sich bald vier Blöcke ab: ein katholischer, ein gemäßigter utraquistischer, ein streng utraquistischer und ein taboritischer. Rokyzana witterte Morgenluft und versammelte am 4. Oktober 1441 etwa 300 seiner Priester in Kuttenberg. Diese Priester lehnten die gemäßigten Utraquisten als ihre Anführer ab und schworen allein Rokyzana die Gefolgschaft. Sie verfaßten die sogenannten „24 Kuttenberger Artikel“, in denen sie zum alten, streng hussitischen Ritus zurückkehrten.

Im Vorgehen gegen die Taboriten gingen aber alle utraquistischen Kräfte gemeinsam vor und 1443 trat Rokyzana, der noch immer auf die Prager Erzbischofswürde spekulierte, zusammen mit den gemäßigten Utraquisten bei einer Diskussion für deren Ansichten gegen die Taboriten ein und sprach sich vehement gegen die taboritische Abendmahllehre aus. Auch der Prager Landtag von 1444 verwarf dieselbe, und viele Taboriten schlossen sich seitdem einer der anderen Parteien an; doch Tabor und etwas später auch Saaz, Laun und Pisek, die ältesten Taboritenstädte, bekannten sich immer noch zum alten Taboritenglauben, bis endlich 1452 Waffengewalt der Sache ein Ende machte. Nur in der jetzt aufkommenden Unität der ‚böhmischen Brüder‘ kann man weiterhin noch die Forterhaltung taboritischer Anschauungen wahrnehmen. (2)

Rokyzana und seine Parteigänger bemühten sich noch immer um das Amt des Prager Erzbischofs. Der Papst konnte und wollte aber keine endgültige Entscheidung treffen und so zog sich diese Angelegenheit lange hin. Erst Papst Pius II. ernannte Wenzel von Krumau als Administrator für das Prager Erzbistum. Dieser Papst war es aber auch, der den Kompromiß von 1433 für null und nichtig erklärte. Der mittlerweile auf den böhmischen Thron nachgerückte König Georg verhängte daraufhin zahlreiche Repressalien gegen die Katholiken und zog sich dadurch 1466 den Kirchenbann zu. Erst nach dem Tode Rokyzana’s (22. Februar 1471) versöhnte sich König Georg mit der Kirche und starb einen Monat danach selbst. (2)

Den Utraquisten fehlte damit ein starker Führer und die Utraquisten verloren ihre Bedeutung, trotzdem hielt sich die Verabreichung des Laienkelches im ganzen Land. 1485 wurde im Kuttenberger Religionsfrieden durch den böhmischen König Wladislaus den Utraquisten und Subunisten die Gleichberechtigung zugesichert. Daraufhin vertrugen sich die beiden Parteien recht gut, und da die eigentlich häretischen Elemente bereits anderweitig abgelenkt waren, so conformirten sich die späteren Utraquisten, namentlich was Cerimoniell und äußern Glanz des Gottesdienstes anbelangt, den Römisch-Katholischen wieder derart, daß sie von ihnen oft nur noch durch den Gebrauch des Lainekelches und durch eine mehr ‚platonische‘ Verehrung ihres heiligen Martyrers Hus zu unterscheiden war. (2)

(1) Schlesinger, Gerhard: Die Hussiten in Franken. – Kulmbach, 1974.
(2) Wetzer und Weltes Kirchenlexikon: oder Encyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hülfswissenschaften. – Freiburg im Breisgau, 1889.
(3) Friedenthal, Richard: Ketzer und Rebell: Jan Hus und das Jahrhundert der Revolutionskriege. – München, 1972.

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