Der Bibliothekar und seine Leser

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, egal ob Sie in einer wissenschaftlichen Bibliothek Dienst tun, in einer öffentlichen Bücherei oder sogar in einem Kloster; sie müssen immer einen Gedanken im Kopf haben: Der Benutzer ist ihr Feind! Er will ihr kostbarstes: ihren Bestand, gehen sie ihm nicht auf den Leim. Der Benutzer ist ein faules, arbeitsscheues Subjekt, das sich lieber in Bibliotheken herumdrückt und gestreßte[1] Bibliothekare von ihre schweren geistigen Arbeit abhält. Wissen Sie auch, warum er faul und arbeitsscheu ist? Wäre er dies nicht, wäre er ja an seinem Arbeitsplatz und nicht in der Bibliothek.“

Mit diesen Worten begann die erste Vorlesung, die der Verfasser hörte. Es war der verehrte Dr. W., der ihm und dreißig anderen jungen, motivierten und frisch vereidigten Bibliothekaren gleich nach den ersten fünf Minuten die ersten Illusionen nahm.

Das Publikum einer öffentlichen Bücherei und einer wissenschaftlichen Bibliothek ist von Grund auf verschieden und der Verfasser möchte behaupten, daß das der öffentlichen Büchereien komplizierter ist. Dies läßt sich auch an einem kleinen Beispiel fest machen: Ein Student der Philologie kommt zu einem Bibliothekar und erklärt ihm, daß er eine Einführung in das Literaturverständnis sucht. Kein Problem, wir gehen ans Regal und holen ihn Umberto Eco’s „Der Wald der Fiktionen“. Ein Student der Theologie kommt und möchte eine Einführung in die hebräische (oder besser semitische) Mystik und Mythologie. Hier geht einem natürlich das Herz über und man deckt ihn ein mit kabbalistischer Literatur, mit Meyrinks „Der Golem“, Ecos „Foucaultschem Pendel“ und knapp viertausend anderen Titeln ein. So einfach sind 99 Prozent aller Fälle in einer wissenschaftlichen Bibliothek.

In einer öffentlichen Bücherei ist die Sache viel komplizierter. Der verehrte Leser erlaubt, daß ihn der Verfasser mit einigen Begebenheiten aus seinem Arbeitsbereich Kronach belästigt. Kommt ein älterer Herr in die Bücherei und fragt den Verfasser im tiefsten frankenwäldlerischen Dialekt: „Hö hä, Mastä, hobt ihä a schöß Büchla für mein Fraa, die muß nejmlich nein Grangenhaus und will wos lejs. Obwuel iich go nier gewißt hou, des die des koo.!“[2] Der Verfasser (von Geburt an Halbpreuße und Halbsudetenländler) läßt sich diesen Satz mehrere Male wiederholen, bis ihn der Herr fragt: „Hö, Mastä, bist du a wengla olbä im Kuepf?“[3] Unter Aufbietung aller dialektischen Kenntnisse antwortet der Autor nun: „Na, ouwe du nuschelst wie mei Oba, wennä sei Gebiess verluen hot.“[4] Der Verfasser befragt ihn nun, was für ein Buch er den wünsche, dann kommen solche Beschreibungen wie: „Aans mid Buchstoum“ oder „Aa schöß, des die Alt ihä Goschen hält.“[5]

Der Verfasser versteht und befriedigt das Bedürfnis des Lesers mit einigen Ausgaben Ernst, Ganghofer und Paretti. Was ein Fehler war. Wenige Tage später kommt selber Herr wieder, wirft die Bücher auf die Verbuchungstheke und ruft erregt aus: „Hö hä, Reudl, dann olden Miist kosta behalt, denn kennt mei Olda scho, wos gscheits hä, ouwä ich haab diech die Backen vuel.“[6]  Der Autor, froh mit heiler Haut entkommen zu sein, reicht dem Herrn einige ganz neue Neuerscheinungen. Noll, Leon, Bombeck. Diesmal hat er den Geschmack der Leserin anscheinend getroffen, denn der Leser kommt nicht mehr wieder.

Anderes Beispiel: Der Verfasser sitzt an seiner Theke und freut sich des Lebens, als eine sehr gepflegt wirkende Dame mittleren Alters in die Bücherei kommt. „Guten Tag, der Herr, ich suche Literatur über alternative Medizin.“ HA, denkt der Verfasser, eine kultivierte Dame mit einen einfachen Wunsch. Falsch gedacht! Er geht mit ihr ans Regal und sucht ihr einige Werke heraus, was sie auch teilweise glücklich macht. „Ja haben Sie keine Hobbythek-Bücher“ fragt sie. „Ja, aber die sind im moment verliehen, die kommen erst in ca. vier Wochen wieder“ antworte ich. „Warum, die haben doch da zu sein?“ Der Autor bitten den verehrten Leser um Verständnis, wenn er den ganzen Dialog nicht mehr wiederholt. Nur so viel sei gesagt, die verehrte Dame erwies sich als psychisch Debil und konnte nicht verstehen, daß die Bücher, die sie wollte nicht einzig und allein darauf harren, sich ihr zu prostituieren. Kurz und gut, als diese Dame einen hysterischen Anfall bekam, in Tränen ausbrach und den Autor als (O-Ton) sexistisches Schwein betitulierte (wäre er nicht sexistisch hätte er ja die Bücher) zweifelte der Autor an seiner Berufswahl und wünschte sich, doch noch die Umschulung zum Leichenwäscher zu machen.

Diese zwei kleinen Beispiele seien genug an dieser Stelle. Wir wollen ja in dieser Festschrift unseren verehrten Dr. S. ehren und keine bibliothekarische Fortsetzung der Herriot-Romane (Der Doktor und das liebe Vieh) schreiben.

Sie (also die Beispiele, nicht die Herriot-Romane) sollen den Kolleginnen und Kollegen, die an einer wissenschaftlichen Bibliothek arbeiten und die Nase über uns Feld- Wald und Wiesenbibliothekare rümpfen verdeutlichen, mit welchen Unbilden wir kämpfen müssen und von was sie verschont bleiben.

[1] Bitte lachen Sie nicht, verehrter Leser, ich habe schon einige gestreßte Bibliothekare gesehen, oder habe ich nur in Märchenbüchern von ihnen gelesen? So sicher bin ich mir nicht mehr …

[2] Entschuldigen Sie mein Herr, dürfte ich Sie um einige Lektüre für meine Gattin bitten, die in kürze ins Hospital muß und sich dort mit guter Literatur die Zeit vertreiben will.

[3] Bitte verzeihen Sie meine Frage, aber kann es sein, daß sie meine Worte nicht verstehen?

[4] Nein, nur haben Sie eine etwas undeutliche Aussprache.

[5] Ich hätte gerne ein Buch mit vielen schönen Buchstaben. (…) Ich hätte gerne ein Buch, welches meiner verehrten Gattin ein Bon Amusement bereitet.

[6] Bitte entschuldigen Sie, daß ich Sie schon wieder belästige, aber diese überaus interessante Literatur ist meiner Frau schon geläufig und ich bitte Sie um einige neue Exemplare.

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