Ein Weihnachtsspaziergang

Weihnachtsabend, im Kamin flackert ein Feuer und zaubert Schattenspiele an die Wände, der Duft von Bratäpfeln zieht durch das Haus und die Familie sitzt in froher Runde.

Unbemerkt stahl er sich aus dem Zimmer und zog sich an. Er wollte alleine sein und so trat er dick eingepackt nach draußen in die Nacht, wo gerade die ersten Schneeflocken zaghaft ihren Weg gen Boden suchten. Die Nacht war still und in dieser Stille lenkte er seinen Schritt durch den kleinen Park. Das Knirschen und Rascheln, das seine Schritte hervorriefen waren die einzigen Geräusche.

Der Schneefall wurde etwas stärker, als er den Park durchquert hatte und seine Füße fanden wie von alleine den alten Weg, den er in Kindertagen so oft gegangen war. Bald stand er auf dem Marktplatz, wo noch die Buden des Weihnachtsmarktes standen, verlassen und leer. Sie hatten ihren Dienst für dieses Jahr getan und bald würden sie wenig sanft wieder fort geschafft werden. Die bunten Lichter der Geschäfte buhlten um Kunden, die in dieser Nacht doch nicht kommen würden. Und so lag dieser Platz, auf dem vor wenigen Stunden noch das Leben pulsierte, einsam und verlassen da. Und ihm kamen die Zeilen in den Sinn, die er als Schulkind auswendig lernen musste und die ihm schon damals anrührten. „Markt und Straßen steh’n verlassen…“

Er stieg die Treppen hoch, die ihn in die Altstadt führten und bald stand er vor der altehrwürdigen Kirche, die jetzt noch dunkel und still lag, aber bald schon ihren großen Auftritt haben würde. Gedankenverloren strich er durch die schmalen Straßen, vorbei an verschneiten Fachwerkhäusern, geschmückten Fenstern und Auslagen.

Bald fand er sich auf der alten Kopfsteinstraße wieder, die hoch zur alten Burg führte, die auf dem Berg seit Jahrhunderten wachte. Seine Füße hatten ihn ganz von alleine dorthin geführt und so stieg er den steilen Burgberg hoch, ganz vorsichtig, um auf dem alten Pflaster nicht auszugleiten, das von dem frischen Schnee rutschig geworden war. Er passierte das alte, eherne Tor und stieg hoch zur Bastei.

Da lag sie vor ihm, die kleine Stadt, die seine Heimat war, die er liebte und wo er sich zu Hause fühlte, obwohl die Freunde aus Schultagen doch schon lange in die Ferne gezogen waren. Still lag sie vor ihm, bunt erleuchtet und er malte sich aus, wie jetzt in den Wohnzimmern der kleinen Stadt der Weihnachtsabend begangen wurde.

Plötzlich begannen gleichzeitig die Glocken der drei Kirchen zu schlagen. Und etwas zerbrach. Nein, nicht mehr alleine sein, Gesellschaft, das waren seine Gedanken und immer schneller eilte er den steilen Berg hinab. Doch als die Glocken genauso abrupt verstummten, wie sie ihr Geläut begonnen hatten, blieb er stehen und die Frage stieg in ihm auf – Wohin?

 

 

Beitragsbild: By Nait lem (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

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