Ein Sommermorgen

In den warmen Strahlen der Sommersonne tanzten kleine Staubflöckchen, das leise Ticken einer Uhr war zu hören und das unermüdliche Kratzen einer Feder auf Papier. Er saß an seinem Schreibtisch und füllte die leeren Seiten mit seiner altmodisch wirkenden Handschrift. Es war eine neue Geschichte die er schrieb, von der er eigentlich nicht wusste, wo sie ihn hinführen würde.

Aber sie wollte ihm nicht so recht von der Hand gehen. Etwas beschäftigte ihn. Etwas bohrte in ihm. Etwas arbeitete in ihm. Hatte er tatsächlich sein Leben so vergeudet, wie sie sagten? Natürlich, seine Freunde aus Schultagen hatten es zu „etwas“ gebracht, hatten hohe Positionen in der Wirtschaft oder Politik inne, hatten Geld, große Häuser und was nicht alles noch. Und er? Er schrieb nur seine kleinen Geschichten. Unbedeutende Geschichten, keine hohe Literatur, das wusste er, aber er hoffte, dass seine kleinen Geschichten vielleicht jemanden gefielen, dass sie vielleicht Stunden der Einsamkeit milderten, dass sie Freude brachten, dass sie vielleicht wenigstens ein einziges Herz auf dieser Welt rührten.

Und er wusste, wenn es so war, war er ein reicherer Mensch als alle Politiker und Wirtschaftskapitäne zusammen. Er fragte sich, warum die Menschen Glück so oft mit Geld gleichsetzten. Gewiss, seine Freunde hatten Geld, mehr als er je besitzen würde, aber er sah auch, wie getrieben sie durch diesen Besitz wurden. Nie waren sie zufrieden. Es musste immer mehr und mehr werden. Warum waren die Menschen so? Warum diese Gier nach mehr? Dabei gibt es doch so vieles, das schöner ist als Geld. Ein Kinderlachen. Die Tautropfen auf einer Rosenblüte. Ein Sonnenaufgang. Die Sterne am wolkenlosen Himmel.

So sehr er auch nachgrübelte, er fand keine Antwort und er beschloss, dass ihm ihre Meinung vollkommen egal sein konnte. Er war zufrieden und nur das zählte. Mit einem Seufzer schraubte er die Kappe auf den Federhalter und legte ihn auf das Papier. Als er hoch blickte und aus seinem halb geöffneten Fenster schaute, fiel sein Blick auf den Fluss, der sich träge dahin zog. Die Sonnenstrahlen glitzerten auf seiner Oberfläche und spielten mit den leichten Wellen.

Er hörte wie sich die Tür leise öffnete und ihre sanften Schritte. Da roch er auch ihr Parfum und spürte, wie sie ihre Hand auf seine Schulter legte. Er griff danach und hielt sie fest. Er drehte sich zu ihr um – und war glücklich.

 

Beitragsbild: Von Brent Ozar – originally posted to Flickr as Hermitage, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6216246

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