Eine Verlobung in Cornwall

Lord Twekesbury war der Prototyp des englischen Landedelmannes, wie er da in braunen Cordhosen und Tweetjackett in seiner Gartenlaube saß. Die markanten Gesichtszüge erinnerten im Profil ein bisschen an den aktuellen Prinzgemahl, den der Lord allerdings nicht leiden konnte, seit der ihm einst absichtlich einen falschen Tipp beim Pferderennen gegeben hatte.

Der Lord hatte seinen Platz mit Bedacht gewählt, war doch die Gartenlaube so mit Rosen bewachsen, dass er zwar die Auffahrt zu seinem Herrenhaus im Blick hatte, selbst aber nicht gesehen wurde. Denn er lag auf der Lauer und lange musste er nicht warten, denn da kam schon seine Beute die Auffahrt hoch geschlichen. Es war eine alternde Autorin, die schon bereits seit Jahrzehnten die cornischen Landadeligen tyrannisierte. Sie schlich sich auf die Anwesen, lauschte an Türen und Fenstern und bestach Dienstboten. Zu den so beschafften Informationen gab sie noch ordentlich Schmalz und Herzschmerz und verkaufte sie an grenzdebile Menschen, die wirklich dachten, dass der Adel so lebte. Aber nicht mit ihm! Lautlos spannte er den Hahn seiner Schrotflinte, die bisher in einer Ecke gelehnt hatte.

Natürlich hatte er keine tödlichen Patronen geladen, nein, nur ein Gemisch aus groben Steinsalz und Cayennepfeffer. Behutsam legte er an, visierte die Autorin an und schoss. Der kleine Satz, den sie in dem Moment machte, zeigte ihm, dass er sie voll getroffen hatte und die Ladung aus Salz und Pfeffer ihren Allerwertesten „gewürzt“ hatte. Der zweite Schuss ging leider daneben, aber auch nur weil Lord Twekesbury so laut bei der Vorstellung lachen musste, wie sie die nächsten Wochen im Stehen essen musste. „Guter Schuss, euer Lordschaft!“ rief Jacob, der Gärtner und applaudierte. Der Lord winkte ihm zu sich und holte aus seiner Innentasche einen Flachmann hervor und gemeinsam ließen sie sich den Gin schmecken.

Lord Twekesbury blieb noch etwas in der Laube sitzen, denn er wusste, dass seine Frau ihm eine Gardinenpredigt halten würde. Da blieb er dann doch lieber hier im Garten und nuckelte am Gin. Als er schon mächtig einen im Tee hatte, bemerkte er ein Auto die Auffahrt hochbrausen. Ah, Robert Macnamara kam mit seinem Sportwagen an. Er war der Sohn eines amerikanischen Kurzwarenfabrikanten, der sich in seine Tochter verliebt hatte. Dummerweise hatte sich auch seine Tochter in den jungen Macnamara verliebt und so durfte er nicht auf die Flachpfeife schießen.

Da kam auch schon seine Tochter die Freitreppe herunter.

„Oh Robert!“ rief sie!
„Oh Penelope!“ rief er!
„Oh Gott!“ stöhnte der Lord und übergab sich in die Rabatten.

Nun denn, jetzt würde er trotzdem wieder ins Haus müssen. Mit seinem Gewehr auf dem Arm machte er sich auf den Weg und bald darauf trat er in die große, holzgetäfelte Halle seines Stammsitzes.

Neben dem Liebespaar war auch seine Frau anwesend und begrüßte den jungen Mann überschwänglich. „Was macht denn die bescheuerte Flachpfeife schon wieder hier?“ rief der Lord von der Tür her. „Robert! Ich bitte Dich, wie kann man nur so unhöflich sein?“ erwiderte seine Frau pikiert. Lord Twekesbury seufzte „Entschuldige“ und fuhr säuselnd fort „Hilda, Liebste, was macht die bescheuerte Flachpfeife schon wieder hier?“

Seine Frau verdrehte die Augen, sagte aber nichts weiter. Sie war ja schon froh, dass ihr alter Brummbär versprochen hatte, nicht auf den jungen Mann zu schießen. Gut, Robert Macnamara war nicht die hellste Kerze auf der Torte und seine Eltern waren derart stillose Neureiche, dass gegen sie sogar die Middletons stilvoll erschienen, aber er liebte ihre Tochter und sie liebte ihn, was wollte man da machen?

„Ich gehe jetzt in die Bibliothek, bitte stört mich nicht!“ brummte der Lord. „Ach, Du musst sicher wichtige Papiere bearbeiten“ erwiderte seine Frau und spielte nervös an ihrer Perlenkette. „Nein, ich will bloß die Flachpfeife da nicht mehr sehen“ sprach ihr Mann und schlug die Tür hinter sich zu.

Verlegen blieben die beiden Twekesbury-Frauen und der Amerikaner in der Halle zurück. „Und dabei wollte ich ihn doch heute um Deine Hand bitten…“ stammelte er.

Währenddessen saß Lord Robert Twekesbury in seinem gemütlichen Ohrensessel, hatte die Rennzeitung auf den Knien und ließ seinen Blick durch den Garten schweifen. Es war schon ein Wunder, dass der Besitz noch in Familienhand war, hatten seine Vorfahren doch einen Hang zu leichten Mädchen und lahmen Gäulen und hatten ihr Geld damit gut unters Volk gebracht. Als er so da saß und seinen Gedanken nachhing, hörte er die Türglocke. Verdammt nochmal, wer war das denn schon wieder? Wahrscheinlich wollten ihn jetzt die Zeugen Jehovas bekehren oder noch schlimmeres. Da hörte er auch schon seine Frau rufen. Er seufzte, ließ den Kopf hängen und schlurfte den Flur entlang in die Halle.

Dort erwartete ihn ein nervöser John Blacksmith, ein Bulle von einem Kerl, mit einem Gemüt wie ein kleines Kind. Er war der Dorfpolizist, eine Stellung, die der Lord ihm verschafft hatte, denn John Blacksmith war einer der wenigen Menschen, die der Adlige mochte. Auch John Blacksmith hing sehr an dem Lord und so fiel es ihm sichtlich schwer zu sagen, was er wollte.

„Also, euer Lordschaft… es ist so… die Autorin war auf der Wache… und naja… sie behauptet, euer Lordschaft hätte sie angeschossen…“ stammelte der Polizist und Lord Twekesbury verdrehte die Augen und griff nach dem Schürhaken.

Da meldete sich Robert Macnamara zu Wort. „Das war nicht seine Lordschaft, das war ich. Seine Lordschaft wollte mir das Tontaubenschießen beibringen und mir ist ein Schuss losgegangen. Allerdings haben wir die Autorin nicht gesehen, sie muss wohl wieder in einem Busch gesessen haben.“ Der Polizist seufzte erleichtert auf und griff dankbar nach dem Strohhalm „Dann hat die Nervensäge wieder spioniert. Ich werde ihr mal kräftig ins Gewissen reden, danke Sir!“ Er nickte Robert Macnamara zu, nahm in Richtung des Lords leicht Haltung an und verlies federnden Schrittes die Halle, um die Autorin aufzusuchen.

Die beiden Twekesbury-Frauen grinsten sich verschwörerisch an. Da ergriff Robert noch einmal das Wort „Sir, ich möchte mit ihnen sprechen!“ Seine Lordschaft musterte ihn von oben bis unten und nickte leicht in Richtung Bibliothek. Als der junge Amerikaner sich umdrehte, um voraus zu gehen, wollte der Lord ausholen und ihm mit dem Schürhaken eins überziehen, aber seine Frau war schneller, entwand ihn den Schürhaken und gab ihn mit der anderen Hand eine Kopfnuss.

Naja, dann wollte er sich mal ins unvermeidliche fügen. In der Bibliothek hieß er den jungen Mann sich setzen und nahm selbst im Ohrensessel Platz. „Also es ist so, euer Lordschaft, ich liebe ihre Tochter und möchte um ihre Hand anhalten!“ so, jetzt war es raus und wie auf hoher See war er nun in Gottes Hand.

Der Lord warf ihm einen durchdringenden Blick zu. Auch wenn er nach außen den alten Brummbär und das Rauhbein gab, hatte er doch einen weichen Kern und das Glück seiner Tochter ging ihm über alles. Er wusste auch, dass seine Tochter diese Flachpfeife liebte, also was sollte er tun? Er würde zustimmen müssen. Da fiel sein Blick auf die Standuhr. Wenn er noch seine Wetten für das 3-Uhr-Rennen platzieren wollte, musste er sich beeilen.

„Hör mal, du Flachpfeife, bevor wir uns über meine Tochter unterhalten, wirst Du etwas für mich tun. Hier hast Du meine Wetten für das 3-Uhr-Rennen und das Geld. Du wirst Dich in Dein Cabrio schnallen und die Wetten platzieren. Und vor allem wirst Du Dich nicht von meiner Frau erwischen lassen, sonst gibt’s Ärger, verstanden?“ Und mit diesen Worten schubste er den jungen Mann auf die Terrasse.

Auf dem Weg zu seinem Auto schaute er sich den Zettel an. Der Alte hatte von Pferderennen so viel Ahnung, wie von Molekularchemie, das war mal klar, dachte er sich und brauste los, in Richtung Rennbahn.

Währenddessen saß Lord Twekesbury aufgeregt vor dem Radio und hörte die Rennberichte. Nachdem auch das dritte Pferd, auf das er gewettet hatte, als letztes ins Ziel ging, führte er einen solchen Wuttanz auf, der Rumpelstilzchen alle Ehre gemacht hätte. Natürlich vollführte er seinen Auftritt lautlos, denn seine Frau durfte ja nichts merken.

Da klopfte es leicht an die Terrassentür. Robert war zurück und freudestrahlend drückte er ihm einen Batzen Geld in die Hand. „Was ist das? Ich habe doch verloren, die drei Schindmähren, die ich ausgesucht habe,  laufen doch jetzt noch“. Der junge Amerikaner grinste und goss sich einen Sherry ein. „Dass sie keine Ahnung von Pferde haben, war mir bei den Tipps gleich klar und da dachte ich, dass sie nichts dagegen haben, wenn ich ihre Wetten etwas … nunja… umgestalte“.

Lord Twekesbury zog eine Augenbraue hoch. „Und Du willst mir jetzt erzählen, Du verstehst was von Pferden?“ fragte er skeptisch. „Ich bin auf einer Ranch in Montana aufgewachsen, ich sehe gleich, welches Pferd etwas taugt“ antwortete Robert. Da lächelte der Lord, rief „Mein Schwiegersohn!“ und schloss den verdatterten Robert in die Arme.

Er zog ihn in die Halle und verkündete stolz, dass er der Hochzeit zugestimmt hatte. „Aber wenn Du denkst, dass ich Dich und Deine Mischpoke bei der Feier durchfüttere, hast Du Dich geschnitten, den ganzen Bums bezahlt ihr!“ flüsterte er noch Robert ins Ohr, der selig grinste.

 

Beitragsbild: Von Alinea, edited Goldi64 – Author’s, transferred from de.wikipedia, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15973268

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