Die schonungslose Wahrheit über Graf Dracula

Die Nacht brach herein über Transsylvanien und mit dem aufgehenden Mond begannen die Wölfe zu heulen. Das Schloss lag in unheilverkündender Ruhe hoch über der Schlucht auf einem Bergsporn. Kein Laut, durchdrang den Nebel, der um das alte Gemäuer waberte und selbst die Kreaturen der Nacht machten einen weiten Bogen darum. Denn in seinen Mauern ruhte das abgrundtief Böse. In den Mauern des Schlosses ruhte ER in seinem alten Sarg aus Eichenholz.

Als der Mond begann seine Bahn zu ziehen erwachte er. Der Sarg öffnete sich und er setzte seine Füße in den Staub der Jahrhunderte. Lautlos schritt er die große Freitreppe nach unten.

Er war die Geisel der Karpaten!
Er war das abgrundtief Böse!
Er war es, der Terror und Angst in die Dörfer brachte!
Er war … auf seinen Umhang getreten, hatte sich verheddert und plumpste äußerst unelegant die restlichen Stufen nach unten, um auf seinem Hintern zu landen.

„RENFIELD!“ plärrte er und in der Küche verdrehte der kleine bucklige Mann seine Augen. Was war dem alten Tollpatsch denn jetzt wieder passiert? Fragte er sich und schlurfte in die Halle.

„Na bravo, jetzt ist der feine Herr Vampir schon wieder auffe Schnauze geflogen und wer darf den ganzen Staub aus dem Umhang bürsten? Hä? Denken sie denn, ich hätte gar nichts anderes zu tun. Den ganzen Tag verteile ich Spinnweben und arrangiere die Totenköpfe neu, und kaum ist der gnädige Herr aufgestanden, macht er mir noch mehr Arbeit“ moserte er ohne Luft zu holen. Dabei hievte er den Vampir auf und klopfte ihn ruppiger als nötig ab.

„So, jetzt sind wir wieder schön sauber“ fuhr Renfield fort „und jetzt sind wir ein braver Vampir und gehen raus und erschrecken Menschen oder sammeln sie Pilze oder wat weiß ich, was sie die ganze Nacht da draußen treiben…“ Mit diesen Wort und einen unsanften Klaps auf den Po schob Renfield den Grafen durch die Tür. Als er wieder alleine war, zog er sich in die Küche zurück, kochte sich einen leckeren Kakao und machte sich über den neuesten Western von gestern her.

„Früher hatte man noch Respekt vor seinem Herren, aber heute? Keiner fürchtet sich mehr vor mir, das ist ganz doof und gescheites Personal bekommt man auch nicht mehr, was muss ich mir von diesem Renfield denn noch alles gefallen lassen?“ nörgelte der Graf vor sich hin, während er beleidigt durch den Wald stapfte.

Aaah… Da sah er ein altes Kräuterweiblein, das Pflanzen bei Vollmond pfückte… Die könnte er ja leer saugen… Er leckte sich die Lippen und schlich sich an. Lautlos trat er hinter die alte Frau und packte sie an den Schultern. Durchdringend sah er sie an und mit beschwörender Stimme sagte er „Ich bin Graf Dracula, dir wird nichts geschehen“ Und mit einem diabolischen Lachen fuhr er seine Fangzähne aus. „Wooos? Der Graf Dracula willst du sein? Ein Depp bist du!“ rief die Alte und zog ihm ihren Stock über den Schädel. Als sie wieder ausholte floh der Vampir so schnell er konnte.

Er setzte sich am Rand des Sumpfes auf einen Baumstamm. Und schnüffelte traurig die aufsteigenden Tränchen weg. Da kam plötzlich ein kleines weißes Kaninchen angehoppelt und schaute ihn groß an. „Ha! Wenigstens das Kaninchen werde ich mir schnappen!“ dachte sich der Graf, fuhr seine Fangzähne wieder aus und wollte sich auf das kleine Kaninchen stürzen. Das schaute ihn an, fing glucksend an zu lachen und kuschelte sich an seine Beine. Verstohlen schaute der Graf nach rechts und links. Keiner beobachtete ihn und da packte er das Kaninchen, nahm es auf den Schoß und knuddelte es bis es jauchzend lachte.

Plötzlich sprang das Kaninchen von seinem Schoß und hoppelte wieder in den Wald, wo der Graf es zusammen mit einem Bären zwischen den Bäumen verschwinden sah.

Schmollend machte sich der Graf wieder auf den Weg durch den Wald. Was sollte er denn machen, er war halt einfach mal ein Vampir und musste Blut trinken. Dabei schmeckte ihm das noch nicht einmal. Und immer das Gekreische der Opfer und dann hatte man die Leichen da liegen und musste die wegschaffen und dann dauernd die Vampirjäger, die einen Pfählen wollten, das ist doch auch nicht so nett. Außerdem, wenn er mal einen Menschen gerissen hatte und zum Trinken kam, war der auch schon kalt und kaltes Blut war wirklich eklig… Dabei hätte er doch lieber einen leckeren Brokkoliauflauf mit Hollandaise… Das wäre mal was… Oder ein leckeres Gemüsesüppchen mit Backerbsen… Er hörte wie sein Magen knurrte. Da sah er die Hütte des Bauern Lazar Popescu vor sich auftauchen und ein dunkler Plan nahm in ihm Gestalt an.

Der Bauer Lazar Popescu lag zusammen mit seiner Frau im ehelichen Bett und schnarchte munter vor sich hin, als er von einem infernalischen Krach geweckt wurde. „Futu-ți Cristoșii și Dumnezeii mă-tii“ fluchte er, als er in die Höhe fuhr. Auch seine Frau wachte auf und begann sogleich zu keifen, er wäre der Mann im Haus, er müsste nachschauen, er müsste sie und ihre arme Tochter beschützen und und und. Lazar stieg aus seinem Bett und griff sich den Knüppel, der in einer Ecke lehnte und machte sich auf den Weg nach unten. Seine Frau blieb zurück und zog sich ängstlich die Decke über den Kopf. Sie hörte ihren Mann noch von unten rufen „Was zur Hölle…“, aber dann hörte sie nichts mehr und Angst stieg in ihr hoch.

Es sollte gut eine halbe Stunde dauern, bis ihr Mann wieder ins Bett kam. Er schaute sie an und meinte nur „Weib, wir sind von Vollidioten umzingelt“ daraufhin legte er sich wieder hin und schlief ein.

Der Graf schlenderte zur gleichen Zeit beschwingt durch den Wald, an seinem Arm baumelte eine große Tasche mit Gemüse und er knabberte an einer Karotte. „Hach, dieser Lazar Popescu, das ist mal ein feiner Kerl“, dachte er sich. Er war bei ihm eingebrochen, um seine Tochter auszusaugen, aber der Graf hatte war in den Wascheimer getreten, der unter dem Fenster stand, hatte das Gleichgewicht verloren und sich heillos in zwischen Bügelbrett und Heißmangel eingeklemmt. Zwar hatte der Bauer geflucht, als er in die Wäschekammer kam und ihn da so hängen sah, aber mit einem Seufzen hatte er den Vampir befreit. Und als er das Häufchen Elend da vor sich sah, hatte Lazar Popescu ihm (und sich) ein Bierchen aufgemacht und gefragt, wo ihm denn der Schuh drückt. Eine halbe Stunde lang hörte er sich den Frust des Grafen an und meinte nur „Depp! Wennst Gemiiiese magst, dann ess es doch!“ und hatte ihm die Tasche gefüllt.

Im Schloss benutzte er den Kücheneingang und überraschte dort Renfield, der eingeschlafen war. Er nahm sich das schärfste Messer, baute sich vor dem Sessel auf und weckte den Buckligen unsanft, der erschrak, als er die dunkle Gestalt mit dem Messer vor sich sah.

Abschließend war es doch ein ganz lustiger Abend, wie sie da so zusammen die Karotten putzten und die Gurken hobelten. Und der Brokkoliauflauf schmeckte sogar dem alten Nörgler von Renfield.

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