Die schonungslose Wahrheit über Doktor Viktor Frankenstein

Ingolstadt, 23. Juni 1831 – Abend der Sonnenwende

Die kleine bayerische Universitätsstadt vor den Toren Münchens lag vermeintlich friedlich da. Doch als die Nacht sich über sie senkte, wurde die Anspannung fast greifbar. Irgendetwas abgrundtief Böses ging in ihren Mauern vor. Doch die Menschen konnten dieses diffuse Gefühl des aufkommenden Unglücks nicht konkret fassen. So war auch kaum ein Mensch auf der Straße und wer noch unterwegs sein musste, der huschte schnell von Tür zu Tür, um nicht aufzufallen. Auch die sonst fröhlichen Sonnwendfeuer waren alle abgesagt worden. Lieber blieben die Menschen zu Hause, verriegelten ihre Türen doppelt und schlossen die Fensterläden fest zu.

Nur ein Mann merkte nichts von dieser angespannten Stimmung in der Stadt, war er doch selbst der Grund dafür. Viktor Frankenstein stand an seinem Arbeitstisch und begutachtete sein Werk. Vor ihm lag eine abscheuliche Kreatur. Er hatte sie aus den Leichteilen zusammengesetzt, die Igor, sein treuer Assistent ihm besorgt hatte. Und heute war der große Tag, heute würde er sein Werk vollenden.

„IGOR!“ rief er und der kleine bucklige Mann kam servil angaloppiert. „Jaaaa… Meifter?“

„Igor, wir werden heute unser Werk vollenden. Bald werden die Gewitterwolken aufziehen und dann muss ER fertig sein. Ich brauche nur noch ein Gehirn. Geh! Und besorge mir eines, je frischer desto besser!“ befahl er seinem Diener. „Jaaa… Meifter, ein Gehürn… Meifter… ich eile, Meifter!“ rief Igor und verschwand auf die Straße.

Lange musste Frankenstein auf die Rückkehr seines Dieners warten. Ungeduldig blickte immer gen Himmel und beobachtete die aufziehenden Wolken. Um seiner Kreatur Leben einzuhauchen, benötigte er die Energie, die nur ein direkter Blitzeinschlag liefern konnte.

Da… Er hörte die schlurfenden Schritte des schielenden Schurken auf der Stiege. „Hier Meifter, ich habe ein Gehüüüürn für euch“ rief er und hielt das glibberige Organ in die Höhe. Das tropfende Blut zeigte, dass es wirklich frisch war. Aber Frankenstein fragte nicht, Opfer mussten gebracht werden für die Wissenschaft! „Gut, mein schielender Schurkenfreund, sehr gut!“ lobte er Igor.

Frankenstein nahm das Gehirn und hielt es wie ein Hohepriester über seinen Kopf „Sieh her Menschheit, mein Werk wird die Welt, wie wir sie kennen… wie… wir…“ er stotterte. „Was wollte ich nochmal, also… Herrschaftszeiten, wenn ich mir nicht alles aufschreibe“ grummelte der Wissenschaftler vor sich hin und machte sich daran, das Gehirn in den Schädel einzunähen. Bald war er fertig und das nicht zu früh, begannen doch schon die ersten Blitze den Nachthimmel zu erleuchten.

„Igor, fahre die Blitzantenne aus und dann … Du weißt, was Du zu tun hast!“ rief er seinem Assistenten zu. „Ja Meifter!“ antwortete Igor und drehte an der Kurbel, die die riesige Blitzantenne auf dem Dach ausfahren würde. Währenddessen schloss Frankenstein alle Kabel an den Leib der Kreatur an.

„Nun heißt es auf den lebensspenden Blitz warten!“ erklärte Frankenstein das Offensichtliche. Währenddessen spielte Igor auf dem Cembalo beliebte Gassenhauer der damaligen Zeit. Das hatte natürlich keinen Einfluss auf das Experiment, aber Frankenstein sang so gerne mit.

DA! Plötzlich – der erste Blitz schlug ein und ließ den riesigen Leib des grindig-grauseligen Gruselmonsters erbeben. Und noch einer und noch einer schlug ein. Frankenstein kappte schnell die Leitungen und holte die Antenne ein. Das musste viel zu viel Energie gewesen sein. Hoffentlich hatte die Kreatur keine Überladung bekommen.

Er bedeutete Igor, mit der Musik aufzuhören und hörte mit dem Stethoskop den Brustkorb der Kreatur ab – nichts. Er hörte – nichts. „Igor… unsere Arbeit war umsonst, das Experiment hat nicht funktioniert“ sagte er mit schleppender Stimme und drehte sich zu seiner großen Schiefertafel um. Er wollte gerade seine Aufzeichnungen wegwischen, als er hinter sich ein Geräusch hörte.

Frankenstein erstarrte. Und auch Igor bekam große Augen. Sie hörten genau, wie zwei mächtige Füße auf den Boden gestellt wurden und einen tiefen Seufzer, als sich jemand erhob. Sie trauten sich nicht, sich umzudrehen.

Da spürte Frankenstein, wie ihm jemand auf die Schulter tippte und er hörte eine fröhliche Stimme „Einen wunderschönen guten Abend, Sir. Ich bin Herr Kaiser von der Allgemeinen Versicherung. Darf ich fragen, wie es um ihre Altersvorsorge steht? Ich könnte ihnen einen wunderbaren Riestervertrag anbieten“ sagte die Kreatur und Frankenstein spürte einen Schauer über seinen Rücken laufen. Was hatte er nur getan? Was für ein Monster hatte er erschaffen? „Igor. Denk jetzt ganz genau nach. WO – HATTEST – DU – DIESES – GEHIRN – HER? REDE ZUM TEUFEL!“ den letzten Teil des Satzes schrie der Wissenschaftler seinem Gehilfen ins Gesicht. „Naja, da war so ein Typ, mit Aktenkoffer. Da waren zwar viele Leute, aber als ich ihn erledigt hatte, haben die applaudiert!“ gestand Igor kleinlaut. Frankenstein verdrehte die Augen und atmete tief durch. Er musste wohl noch einmal mit der Dame von der Arbeitsagentur reden.

Das Monster sah sich mittlerweile im Laboratorium um „Ohoh, da ist aber ein bisschen was baufällig. Haben sie einen Bausparvertrag? Oder eine Feuerversicherung? Ich kann ihnen auch eine hervorragende Unfallversicherung anbieten, diese Gerätschaften hier sehen ja gefährlich aus. Schauen sie, ich habe hier ein Diagramm, das sie sich anschauen sollten!“

Frankenstein drehte sich langsam um. Das Monster saß da und wühlte in einem Aktenkoffer. Wo zum Teufel hatte es den Aktenkoffer her? Das Monster kam fröhlich plappernd auf ihn zu und erzählte ihm von Hausratversicherungen, Gebäudeversicherungen, Riesterrenten, Vermögenswirksamen Leistungen und und und… Frankenstein glotzte nur vor sich hin, es war zu viel, viel zu viel für seinen geschundenen Geist und als er nochmal das Wort „Altersvorsorge“ hörte, presste er sich die Hände an die Schläfen und stieß einen gellenden Schrei aus.

Ein Jäger fand ihn einige Tage später im Wald. Er saß auf dem Boden, hatte die Arme um die Knie geschlungen und wiegte sich vor und zurück. In einem seltsamen Singsang wiederholte er immer dieselben Worte „Braver Viktor… unterschreibt den Vertrag! Riesterrenteriesterrenteriesterrente!“ Niemand wusste, was in dieser Nacht mit dem armen Kerl geschehen war, aber neben ihm fand man einen riesigen Stapel Versicherungsanträge. Er wurde in die Obhut der barmherzigen Schwestern der heiligen Handgranate von Antiochia übergeben, die sich aufopfernd um ihn kümmernden. Und so ein Knalltrauma ab und an ist ja auch nicht so schlimm.

Und was wurde aus dem Monster? Gemeinsam mit Igor gründete es eine neue Agentur und bald wurde es zum Präsidenten der Handelskammer gewählt. In ihrer Freizeit traten die beiden übrigens als schwungvolles Dixieland-Duo auf.

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