Die schonungslose Wahrheit über den Werwolf

Der Vollmond stand hoch über dem Stadtwald und leichte Nebelschwaden waberten durch das Unterholz. Er hatte es den ganzen Tag schon gespürt, heute war es wieder so weit. Heute würde er sich wieder verwandeln. Er spürte schon, wie es begann. Er wurde größer, seine Kleidung zerriss, die Haare wuchsen, die Hände wurden zu brutalen Klauen, ihm wuchs eine Schnauze mit gewaltigen Reißzähnen.

Als die Verwandlung abgeschlossen war, ließ er sein grauenerregendes Heulen ertönen und wer es in den nahegelegenen Häusern hörte, schloss die Tür fest ab und verkroch sich unter seiner Bettdecke.

Er strich durch den Stadtwald. Er war auf der Suche nach einem Opfer. Er war durstrig nach Blut!

Da – eine Frau, die arglos durch den Wald schlenderte. Sie versuchte sich zwar mit einer braunen Jacke zu tarnen, aber er sah sie. Er roch sie, ihr warmes, pulsierendes Blut, ihr Fleisch, in das er seine Zähne schlagen würde. Er lief durch das Gebüsch, das den Weg säumte. Der Wolf überholte die Frau und sprang vor ihr auf den Weg, um sein Geheul hören zu lassen.

Der Wolf beugte sich vor, um seine Zähne in ihre Kehle zu schlagen, er würde sich an ihr gütlich tun und sich satt fressen. Er würde…

TRÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖT

Genau neben seinem empfindlichen Ohr brach die Hölle los. Der Ton bohrte sich direkt in sein Gehirn und ließ die eine oder andere Gehirnzelle platzen. Da begann das Inferno von neuem, diesmal am anderen Ohr.

TRÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖT

Und noch mehrmals kurz hinter einander: TRÖÖÖÖÖÖT TRÖÖÖÖÖÖÖT TRÖÖÖT

Als der Wolf wieder zu sich kam, fand er sich gefesselt an einem Baum wieder. Die Frau stand vor ihm: „Sach ma Du Passelakkenfresse, wat soll denn der Mist? Hier einfach harmlose Frauen überfallen? Das macht man doch nicht… Gut, dass ich gerade auf dem Heimweg vom St.-Pauli-Heimspiel war und noch meine Preßluftfanfare dabei hatte. Aber Dich werde ich lehren, harmlose Frauen zu überfallen.“

Und mit einer Schere, die sie zufällig in ihrer Handtasche hatte, schor sie ihm den Bauch bis auf die rosige Haut, dann malte sie ein großes Symbol darauf.

Noch einmal bekam er die Preßluftfanfaren, nur damit er nicht auf dumme Gedanken kam. TRÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖT

Die Frau band ihn los, schlang ihm ihren St.-Pauli-Fanschal um den Hals, stieg auf seinen Rücken und ritt auf dem Werwolf ins übelste Viertel der Stadt. Dort band sie ihm vor der übelsten Rockerkneipe fest und ging hinein.

In dieser Kneipe saßen die übelsten Rocker, tranken Bier und spielten Canasta. Zwei häkelten sogar Spitzendeckchen. Die Frau trat neben den Anführer der Rocker und sagte: „Hömmma Keule, euer Viertel kommt doch immer mehr herunter. Seit wann lasst ihr es zu, dass sogar FC-Bayern-Fans hier frei rumlaufen?“ Denn sie hatte dem Werwolf ein riesiges Bayern-Logo auf die Brust gemalt.

„WAAAAAS… Ich glaub ich spinne!“ rief der Anführer der Rocker und sprang auf, dass der Spieltisch umfiel (was er allerdings absichtlich gemacht hatte, weil er echt ein mieses Blatt auf der Hand gehabt hatte). „Jaja“ sagte die Frau. „Erst hat er auf eure Bikes gepinkelt und dann hat er sich über euch lustig gemacht! Was kommt als nächstes? Freilaufende RB-Fans? Das kann doch nicht sein!“ Und so stachelte sie die Wut der Rocker immer mehr an, bis diese nach draußen rannten um sich den Werwolf mal „anzuschauen“.

Die Frau allerdings setzte sich gemütlich an einen Ecktisch, bestellte sich eine Tasse Tee und einen Teller Kekse und genoss die wilden Geräusche, die zu ihr in die Kneipe drangen.

Über das weitere Schicksal des Werwolfes in dieser Nacht sei der barmherzige Mantel des Schweigens gedeckt. Und nach zwei Wochen wurde er eh wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Diese zwei Wochen hatte er dazu genutzt, um über seine Zukunft nachzudenken und fasste einen Entschluss.

Zwar verwandelte er sich auch weiterhin bei jedem Vollmond, aber dann lauerte er niemanden auf, sondern machte sich über die Gemüsebeete seiner Nachbarn her, denn er war nun der weltweit erste vegetarische Werwolf.

 

Beitragsbild:http://rooschristoph.blogspot.de/2010/06/vom-werwolf.html

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