Unter Menschen

Er saß inmitten der Gruppe und lächelte. Tatsächlich lächelte er trotzdem. Trotz der unablässigen Stichelein, trotz des andauernden piesackens. Trotzdem sie ihm immer wieder deutlich machten, dass er das fünfte Rad am Wagen war, dass sie ihn nur aus Gnade und Barmherzigkeit mitgenommen hatten in diesen neuen „Club“, der genauso seelenlos war wie die Menschen, die sich in ihm präsentierten.

Natürlich war es einfach, auf ihm herum zu hacken. Er stand alleine und sie verbargen ihre Boshaftigkeiten unter ihren falschen Lächeln und ihrer geheuchelten Hilfsbereitschaft. Sie erinnerten ihn an Aasgeier, die sich immer wieder aus heiterem Himmel auf ein angeschlagenes Tier stürzten. Und wie die Aasgeier sich an den herausgehackten Fleischbrocken gütlich taten, ergötzten sie sich daran, wie sie ihm eine Wunde nach der anderen beibringen konnten.

Nur heute, heute ertrug er es nicht mehr. Er stand auf, gab vor, auf die Toilette zu gehen, nahm seinen Mantel und trat in die kühle Nacht. Er ging ein Stück, bis er in den abgelegenen Park trat. Die Stille tat seinen überreizten Nerven gut und trotzdem fühlte er etwas in sich aufsteigen, eine Mischung aus Hilflosigkeit, Einsamkeit aber auch Wut und Zorn. Er fiel auf die Knie und schrie seinen Schmerz in das Dunkel der Nacht, bis kein Ton mehr aus seiner heiseren Kehle drang und keine Träne mehr lief.

Wie lange er so kniete, wusste er nicht, aber als er sich wieder aufrichtete war dies äußerst mühsam und die Knie taten ihm weh. Mit etwas steifen Beinen ging er nach Hause und warf sich, so wie er war, auf sein Bett. Gnädig umfing ihn der Schlaf.

Als er am nächsten Morgen erwachte und in die Küche ging, um die Kaffeemaschine einzuschalten, spürte er, dass die Wärme ganz tief in ihm drin erloschen war. Und auch, wenn sein Körper und sein Geist noch funktionierten, war er innerlich gestorben.

 

Beitragsbild: Von Mario Modesto Mata from Tarragona, España – Buitres leonados (Gyps fulvus), CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18515229

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