Winterspaziergang

Warum war es so hell in seinem Schlafzimmer? grummelnd stand er auf und zog die Vorhänge auf. Und hier hatte er die Antwort, es hatte über Nacht geschneit und sein Garten präsentierte sich in winterlichem weiß. Zusammen mit der kräftigen Wintersonne war sein Schlafzimmer erfüllt von fast schon blendenden Licht. Er öffnete das Fenster und sog gierig die klare, kalte Luft ein. Ihn durchströmte ein wunderbares Gefühl der Zufriedenheit.

Bald danach trat er in die Küche und schaltete sein Radio an. Aus dem Lautsprecher plärrte ein vollkommen überdrehter Moderator, der sicherlich bald einen Schlaganfall bekommen würde, wenn er so weiter machte. Er schüttelte den Kopf, solche Menschen bräuchten ein Ventil am Kopf, wo sie ihren Überdruck ablassen können. Er freute sich ja auch über den Schnee, aber der Knabe hörte sich ja an wie ein hyperventilierender Chihuahua. Aber das nächste Lied versöhnte ihn wieder und während er sich einen Tee zubereitete sang er leise mit:

The day the river freezes is the day it won’t seem fair
Cause they’ll come to get the river lady
And I don’t think they’ll care
I know they’ll scrape her paint off
In their same old foolish ways…

Das Lied wurde aber jäh unterbrochen von der Meldung, dass die Schulen im Bezirk heute wegen des Schnees geschlossen blieben. Er lachte, als er sich den Jubel der Kinder und das Aufstöhnen der Eltern vorstellte.
Er warf einen Blick auf die Uhr und stand auf, zog seinen Mantel an, setzte seinen Hut auf und machte sich auf den Weg in den Stadtpark. Der Schnee knirschte herrlich unter seinen Schritten, die Luft war herrlich kalt und klar und die Menschen schienen heiter und fröhlich.
Überall waren Gruppen von Kindern, die ausgelassen spielten. Und nachdem er die meisten von ihnen gut von seiner Arbeit her kannte, kam er nur langsam vorwärts. Er ließ sich aber auch gerne zu einer kleinen Schneeballschlacht oder zu einer Schlitterpartie überreden. Die Eltern, die in kleinen Gruppen zusammenstanden und Punsch tranken lächelten, als sie Gestalt in Mantel und Hut auf der vereisten Schlitterbahn rutschen sahen und wenn sie sich nicht mehr halten konnte und fiel, um bald unter einem Pulk Kinder zu verschwinden, lachten sie aus vollem Hals.
Aber irgendwann konnte er sich losreißen und setzte seinen Weg durch den Park fort. Und dann sah er sie. Sie stand an dem kleinen Büdchen und deckte sich mit Zeitungen und einem Becher irgendeines Heißgetränkes ein. Er erkannte nur den aufsteigenden Dampf.
Er trat zu ihr, verbeugte sich leicht und fragte gekünstelt theatralisch „Schönes Fräulein, darf ich’s wagen, mein Arm und geleit euch anzutragen?“ Sie drehte sich um, lachte leise auf und meinte mit warmen Unterton nur „Spinner!“, während sie ihm spielerisch mit einer eingerollten Zeitung auf die Nase schlug.
Laut lachend hackten sich die beiden unter und setzten gemeinsam den Weg durch die verschneite Winterlandschaft fort. Ihr Lachen hörte man noch in einiger Entfernung und es machte denjenigen, die es hörten, das Herz warm.
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