Zefix – Ein Heimatkrimi

„Zefix!“ schimpfte Ministerialdirektor Huber in Gedanken, als er eine neue EU-Verordnung las. „Sowas können sich doch nur EUnesen einfallen lassen, das ganze Ding ist ja in einer vollkommen verständlichen Sprache verfasst. Da weiß ja jeder Bürger gleich, was gemeint ist. Das müssen wir sofort umändern! Saupreißen, sauerte… !“

In diesem Moment, als er sich in den voller Wut in den tiefen Ledersessel seines Büros mit Blick auf die Feldherrenhalle fallen ließ, ertönte ein leise „Ping!“, das ihn anzeigte, dass er eine neue E-Mail in seinem Posteingang hatte. „Was ist denn jetzt schon wieder?“ grummelte Huber vor sich hin. Er hatte doch erst vor zwei Wochen eine E-Mail bekommen. Wie sollte er nur mit diesem Stress umgehen?

Genervt fuhr er mit seiner Mouse hin und her, um den Bildschirmschoner auszuschalten. „WAS?“ der Ausruf entfuhr ihm ganz unwillkürlich… „WAS WILL DER? UND DANN NOCH AUS… FRANKEN… AUS DER PROVINZ? DER SPINNT DOCH!“ brüllte er seinen Monitor an, der noch immer den Antrag auf Zuschüsse zu Flüchtlingsprojekten in einer fränkischen Kleinstadt zeigt.

Mit hoch rotem Kopf ließ er sich zurückfallen und keuchte wie nach einem Marathonlauf. Das wäre ja was. Ihr schönes Geld nach Franken zu schicken. Nein, nein, nein… das konnte nicht sein. Er blickte auf die Uhr, die ihm ein freundliches ½ 11 zeigte. Na, dachte er sich, da kann man schon auf einen Frühschoppen und eine oder zwei Weißwürste vor der Mittagspause gehen. Und so ließ er EU-Verordnung und E-Mail in seinen Büro zurück und ging, seine Untergebenen jovial nach links und rechts grüßend, in die Kantine des Ministeriums. Der Ministerialdirektor arbeite aufopfernd durch und verließ die Kantine erst lange nach Büroschluss.

Als er am nächsten Morgen mit einem starken Brummschädel ins Büro kam, rollte er wie jeden Morgen als erstes seinen Gebetsteppich vor der Franz-Josef Strauß-Büste aus und sagte sich immer in Richtung Rott am Inn verneigend mantraartig vor sich her: Bayern ist unsere Heimat. Bayern ist das Land, in dem wir leben und das wir lieben. Bayern ist unvergleichliche Landschaft, gelebte Tradition, jahrhundertealte Kultur. Bayern ist Erfolg, Lebensqualität und Spitzenleistungen.[1]

Als er sich keuchend wieder erhob und sich an seinen Schreibtisch setzte, merkte er, dass er am Vortag den PC nicht ausgeschaltet hatte und als er den Bildschirmschoner (ein winkenden Horst Seehofer) weg wedelte, sah er als erstes wieder die ungebührliche Bettel-E-Mail aus Franken und die Wut stieg wieder in ihm hoch. Und anstatt abzuwarten und seiner Sekretärin einen abschlägigen Bescheid zu diktieren, setzte er sich selbst an die Tastatur und tippte eine Antwort. Als er fertig war zögerte er kurz. War das nicht zu heftig? Ach, was soll’s dachte er dann und klickte auf „Senden“. Selbstzufrieden lächelnd lehnte er sich in zurück. Dem hatte er’s aber gegeben…

„Dem haben sie’s aber gegeben!“ sagte zwei Wochen später der Kriminalhauptkommissar Tannerbauer zu seinem Kollegen Schreilechner, als sie in eben jenem Büro standen und auf die Leiche des Ministerialdirigenten hinab blickten.

Es war aber auch ein bizarres Bild, das sich ihnen bot. Der Ministerialdirigent lag in seinem Sessel und an seiner Stirn klebte ein großer Bogen Wachspapier, bedruckt mit dem FF-Logo der Fleischerinnung und dem typischen rennenden Schweinchen.[2] Hob man dieses hoch, sah man das aufgedunsene, blaue Gesicht des Ministerialdirigenten und den Hals, in den sich eine Kette frischer Brühpolnischer einschnitt und auf der Stirn prangte ein fränkischer Rechen aus Senf.

„Das war wieder ER!“ sagte Schreilechner nach einiger Zeit. Tannerbauer nickte bedeutungsschwer: „Ja. ER. Wie damals beim Minister, erinnerst du dich noch?“

Natürlich erinnerte Schreilechner sich noch. Wie hätte er diesen Anblick vergessen können? Als sie den Minister in seinem Büro fanden. Auf seinem Schreibtisch. Man hatte ihn in Bratwurstteig gepackt und so eine riesige Bratwurst von über zwei Meter Länge und einem Durchmesser von etwas mehr als einem Meter hergestellt, diese dann gerollt und gegrillt. An der Wurst klebte auch einer dieser Wachspapierbogen. Der Minister hätte vielleicht doch den Autobahnausbau in Oberfranken genehmigen sollen, bevor er sämtliche Haushaltsmittel für Straßenbauprojekte in dem Wahlkreis des Ministerpräsidenten und seinem eigenen ausgegeben hatte.

„Natürlich erinnere ich mich“ sagte Schreilechner und fuhr fort: „nachdem wir den Minister aus der Riesenbratwurst raus hatten, haben wir die aufgehoben und beim Polizeisportfest serviert. War ausgesprochen gut!“ In der Erinnerung schwelgend leckte er sich die Lippen. Und dass in der Wurst vorher ein Minister eingerollt war, das musste ja niemand wissen.

In diesem Moment flog die Tür auf und der Staatssekretär stürmte in das Büro. „WasistdenndasfüreineSauereihierdasgibtsdochgarnichtundsiestehenanebenundunternehmennichtsdasistdocheineSauerei!“ stieß er ohne Luft zu holen hervor. Er blieb nur wenige Zentimeter vor Tannerbauer stehen. „Und? Was unternehmen sie jetzt?“ bellte er ihn an. Der Kommissar, der unweigerlich militärische Haltung eingenommen hatte räusperte sich: „Nun, ich meine… ich glaube… ich will mal… Sagen wir mal so…“ Unwirsch schnitt ihm der Staatssekretär das Wort ab: „Zefix, den Mörder sollen’s fangen. Diesen selbsternannten fränkischen Rächer, der hier unsere ganzen Leute umbringt. Wo soll das sonst noch hin führen? Zum Schluss müssen wir sonst noch Politik machen, die über Eichstätt hinaus geht? WO SOLLEN WIR DA HIN KOMMEN?“ Den letzten Teil seiner Ansprache brüllte er Tannerbauer ins Gesicht. Der blieb aber stumm und stand still wie ein Zinnsoldat. Einen Moment lang flackerte im Gedächtnis des Staatssekretärs das Bild des Meerschweinchens seiner Kinder auf, das bei Gefahr auch in Schockstarre versank. Das machte ihn noch wütender. Da stand ein bayerischer Beamter vor ihn und kein Nagetier. Während er aus dem Büro stürmte, schrie er dem Kommissar noch einmal an: „IDIOT, BLÖDER!“

„Idiot, blöder!“ murmelte Kommissar Tannerbauer einige Tage später, als er im Büro des Staatssekretärs stand und auf dessen Leiche hinab blickte. Seine Mundwinkel umspielte ein leichtes Lächeln. Der Staatssekretär hing mit dem Kopf nach unten am Lampenhaken und war gefesselt wie ein Rollbraten, sein Kopf wiederum steckte in einem bizarr großen Senfeimer, auf den wieder das obligatorische Wachspapier mit dem rennenden Schweinchen geklebt war.

„Das ist schon ein blöder Tod. So im Senf zu ersaufen…“ sagte er zu Schreilechner, der fassungslos auf die Szenerie starrte. „Naja, eine Spur scheint ja zumindest ins Fleischer-Milieu zu führen“ meinte er. Aber Tannerbauer winkte ab „Keine Chance, mein Bruder ist selbst Metzger und die rennende Sau ist das beliebteste Motiv momentan, da kannst Du Dich auch auf eine laufende Kreissäge setzen und raten, welcher Zacken dich geritzt hat.“ Interessiert blickte ihn Schreilechner an „Ach, das wusste ich gar nicht, dass Dein Bruder Metzger ist.“ „Ja, er hat die Familienmetzgerei übernommen. Wenn ich wieder nach Hause fahre, bringe ich Dir mal ein Carepaket mit“ antwortete Tannerbauer augenzwinkernd. Schreilechner räusperte sich „Ach das ist nett…“ und betont beiläufig fragte er noch „Und wo ist die Metzgerei?“ Tannerbauer lächelte „Allmächd… in Zirndorf…“ [3]

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[1] Entnommen der CSU-Homepage am 9. März 2017

[2] Beitragsbild: http://www.metzgerei-wenders.de/

[3] Die Ortsangabe Zirndorf wurde willkürlich gewählt. Für die Ortsunkundigen noch der Hinweis, dass Zirndorf nur wenige Kilometer von Nürnberg entfernt liegt, also im tiefsten Mittelfranken. „Allmächd“ ist ein beliebter, sehr häufiger Nürnberger Ausruf des Erstaunens, des Erschreckens oder der Freude. (Franken-Wiki)

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