Der Blutdruck und seine Messung – Teil 4

5. Riva-Rocci, Korotkow, Cushing und von Recklinghausen –
Der Weg zur modernen Blutdruckmessung

5.1 Scipione Riva-Rocci

Scipione Riva-Rocci … seien wir doch mal ehrlich, das ist doch ein Name, der eher in eine Oper von Verdi oder Puccini passen würde, als zu einem nüchternen Arzt… Aber seien wir froh, dass Scipione Riva-Rocci Arzt wurde und nicht Opernfigur, sonst hätte er höchstwahrscheinlich nie ein einfaches Verfahren zur Blutdruckmessung erfunden.

Riva-Rocci wurde am 7. August 1863 in Almese im Piemont geboren und studierte Innere Medizin und Chirurgie an der Universität Turin. Dieses Studium schloss er 1888 erfolgreich ab, worauf er eine Stelle als Assistenzarzt der Propädeutischen Medizinischen Klinik in Turin annahm und dort mit Carlo Forlanini zusammen. Dieser entwickelte die Technik für den künstlichen Pneumothorax, der zur Behandlung der Pulmonaltuberkolose eingesetzt wurde. Riva-Rocci assistierte nun während der ersten Experimente. Weitere Experimente auf dem Gebiet der Atemfunktion bei verminderter pulmonaler Resorptionsfläche führte er gemeinsam mit Cavallero durch.

Weitere Stationen seiner beruflichen Karriere waren seine Habilitation im Jahr 1894 im Bereich der „Speziellen Pathologie der Inneren Medizin“, 1898 die Universität Pavia mit dem Ospedale San Matteo und die Übernahme des Postens als Chefarzt und Direktor am städtischen Krankenhaus in Varese. Während dieser Zeit habilitierte er sich auch in der Pädiatrie (1907) und lehrte an der Pädiatrischen Klinik der Universität Pavia (1908 bis 1921). Weiterhin ist noch seine Tätigkeit als Übersetzer von medizinischer Fachliteratur und als Autor zu nennen. Er verstarb am 15. März 1937 im ligurischen Rapallo.

Man sieht also, ein sehr gelehrter und umtriebiger Mediziner, aber was hat das alles mit dem Blutdruck zu tun? Ganz einfach. Bis zum Jahr 1896 gab es nur die invasive Möglichkeit, den Blutdruck zu bestimmen. Das sah so aus, dass eine kleine Lanzette mit einem Hohlröhrchen in eine Arterie eingeführt wurde und der Blutdruck anhand der Blutfontäne ermittelt wurde. Für den Patienten nun keine wirklich angenehme Prozedur.

Zwar gab es bereits Sphygmomanometer, die konnten nur die Pulsfrequenz sichtbar machen und aufzeichnen. Riva-Rocci entdeckte nun, dass man durch die Kompression der Oberarmarterie den systolischen Wert des Blutdrucks einfach und schnell ermitteln kann.

Hierzu entwickelte er aus einem alten Fahrradschlauch eine Art Manschette entwickelte, die durch das Aufpumpen mit Luft den Oberarm und damit auch die Arterie abdrückte. Während die Luft langsam abgelassen wurde, konnte der Arzt mit den Fingern das Wiedereinsetzen des Pulsschlages erspüren. Den Wert konnte man an einem angeschlossenen Quecksilbermanometer ablesen. Erstmalig berichtete er 1896 über dieses Verfahren.

Dieses neue Verfahren war revolutionär, konnten doch damit erstmals durch genaue Messungen Kreislauferkrankungen wie Hypertonie erfolgreich behandelt werden. Als Reminiszenz an Riva-Rocci wird noch heute der gemessene Blutdruck mit RR abgekürzt und der Wert in Millimeter Quecksilbersäule, abgekürzt mit mmHg angegeben.

So, nun konnte mal also den systolischen Wert des Blutdruckes ermitteln. Es dauerte nur wenige Jahre und es trat ein russischer Militärarzt mit einer weiteren bahnbrechenden Neuerung auf den Plan.

5.2 Nikolai Sergejewitsch Korotkow

Nikolai Sergejewitsch Korotkow, ein Militärarzt mit einem Namen wie aus einem Dostojewski-Roman und einer Ähnlichkeit zum jungen Omar Sharif als Doktor Schiwago, experimentierte mit Manschette und Stethoskop und entdeckte hierbei die systolischen und diastolischen Geräusche beim Absinken des Kompressionsdrucks.

Krotokow wurde am 26. Februar 1874 in Kursk geboren und verstarb am 14. März 1920 in Petrograd. Er studierte ab 1893 an der medizinischen Schule in Charkow und ab 1895 an der Universität Moskau, das er 1898 erfolgreich abschloss. Nachdem er von 1898 bis 1900 als Assistent von Alexander Bobrow an der Universität Moskau arbeitete, ging er als Militärarzt während des Boxeraufstandes nach China. Für seinen aufopferungsvollen Dienst wurde er mit dem Orden der heiligen Anna ausgezeichnet.

Im Russisch-Japanische Krieg von 1904 bis 1905 wurde Korotkow erst leitender Chirurg in der Zweiten Sankt-Georg-Lazaretteinheit des russischen Roten Kreuzes. Später war er Chirurg im Ersten Allgemeinen Krankenhaus in Harbin in der Mandschurei, wo er sich auch für Gefäßverletzungen und Gefäßchirurgie zu interessieren begann.

Gefäßchirurgie war auch das Thema seiner Dissertation, die er 1910 an der Kaiserlichen Militärakademie für Medizin in St. Petersburg einreichte einreichte und mit der er promoviert wurde. Während der Arbeit an seiner Dissertation stützte er sich auf die Arbeit von Nikolai Pirogow, einem der bekanntesten russischen Ärzte seiner Zeit. Pirogow hatte herausgefunden, dass bei vaskulären Tumoren bzw. arteriovenösen Fisteln die auskulatorischen Geräusche (unter Auskulation versteht man das Abhören des Körpers durch den Arzt) dann verschwanden, wenn die Arterie „abgeklemmt“ wurde.

Kortokow experimentierte nun mit einer aufblasbaren Manschette und einem Stethoskop. Hierbei entdeckte er die beiden „Klopfgeräusche“, die das Einsetzen des diastolischen bzw. systolischen Blutdruckes kennzeichnen und von der Verwirbelung des Blutes herrühren. Am 8. November 1905 veröffentlichte er erstmals sein Forschungsergebnis und beschrieb die auskulatorische Blutdruckmessung. Nach einigen Versuchen mit Tieren stellte Krotokow fest, dass es sich bei den Geräuschen um lokale und nicht um kardiale Geräusche handelte. Hierüber veröffentlichte er einen Bericht am 13. November1905.

Natürlich setzte hierüber eine lebhafte wissenschaftliche Diskussion ein und es wurden auch zahlreiche Versuche von seinen Kollegen durchgeführt, die ihn aber alle bestätigten. Zu seinen Ehren werden diese Geräusche als Korotkow-Geräusche benannt.

Korotkow verstarb am 14. März 1920 als Arzt am Krankenhaus am Sagorodny-Prospekt in St. Petersburg.

5.3 Harvey Cushing

Harvey Williams Cushing war einer der großen Ärzte seiner Zeit. Geboren wurde er am 8. April 1869 in Cleveland und verstarb am 7. Oktober 1939 in New Haven. Ab 1891 studierte er an der Harvard Medical School in Boston, das er 1895 erfolgreich abschloss. Bereits in seiner Studienzeit entwickelte er mit einem Kollegen ein Protokoll für Äther-Narkosen ein. 1896 wechselte er an das Johns Hopkins Hospital in Baltimore, wo er als Chirurg arbeitete.

Weitere Stationen seiner Karriere waren Harvard Medical School, der Dienst in der US-Armee während des Ersten Weltkrieges und die Yale-Universität. Cushing war einer der bedeutendsten Neurochirurgen, dessen vielfältige wissenschaftliche Leistungen noch bis in die heutige Zeit nachwirken. Er entwickelte verschiedene Behandlungsmethoden für die Tumorbehandlung sowie verschiedene Operationsverfahren.

Für uns ist eine Europareise Cushings besonders von Interesse, die er 1901 antrat. Während dieser Reise traf er auch Scipione Riva-Rocci in Pavia
(6. Mai 1901) und lernte dessen Blutdruckmessgerät im klinischen Alltag kennen. Als er nämlich wieder in die USA zurückgekehrt war, entwickelte er das Gerät Riva-Roccis weiter und verbesserte es so, dass die meisten amerikanischen Ärzte ab 1910 dieses oder ähnliche Geräte benutzten. Auch führte er erstmals ein Anästhesie-Verlaufsprotokoll ein, in dem der Blutdruck standardmäßig erfasst wurden. Hierdurch war er maßgeblich für die Verbreitung dieser schonenden Methode der Blutdruckmessung verantwortlich.

Cushing war einer der bedeutendsten Mediziner seiner Zeit und verstarb hoch geehrt am 7. Oktober 1939 in New Haven, Connecticut.

5.4 Heinrich Jacob von Recklinghausen

Ein weiterer Pionier auf dem Gebiet der Blutdruckmessung war der am 17. April 1867 in Würzburg geborene und am 12. Dezember 1942 in München verstorbene Arzt und Philosoph Heinrich Jacob von Recklinghausen.

Recklinghausen studierte nach dem Besuch des protestantischen Gymnasiums in Straßburg Medizin in Kiel, Leipzig, München, Genf, Heidelberg, Berlin und wieder Straßburg, wo er 1895 auch promovierte. Auf Grund seines schlechten Gesundheitszustandes wechselte er öfters seine Arztstellen und war sogar als Schiffsarzt tätig. Während des Ersten Weltkrieges war er Arzt in einem Straßburger Lazarett und übersiedelte nach dem verlorenen Krieg nach München zu seiner Schwester über.

Heinrich Jacob von Recklinghausen leistete besonders im Bereich der oszillatorischen Blutdruckmessung und schuf so die Grundlagen für die heutigen elektronischen Blutdruckmessgeräte. So entwickelte er mit dem Recklinghausen-Tonometer bereits Ende der 1930er Jahre ein funktionierendes Oscillotonometer, welches von der Firma Bosch & Speidel hergestellt und vertrieben wurde.

Sein 1940 erschienenes Werk Blutdruckmessung und Kreislauf in den Arterien des Menschen ist ein Klassiker in diesem Fachgebiet.

Im nächsten – und letzten – Teil beschäftigen wir uns noch mit dem Stethoskop und und dem Sphygmomanometer.

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