Pflanzenhomöopathie

Seit ich mich mit der Homöopathie und sonstigen „alternativmedizinischen“ Themen beschäftige, habe ich schon viel verqueren Blödsinn gehört, aber Homöopathie für Pflanzen toppt hier so einiges… Nein, ich will euch nicht veräppeln, nein, die meinen das wirklich ernst! Wirklich, ganz ehrlich, glaub es mir!

In Mode kam die Pflanzenhomöopathie ab den 1980er Jahren, wobei wohl bereits in den 1920er Jahren erste Versuche im anthroposophischen Milieu gemacht wurden. Ab den 1990er Jahren gibt es auch Hochschulschriften zu diesem Thema. In mindestens einem halben Dutzend Arbeiten versuchte man derartige Effekte nachzuweisen, an Übersichtsarbeiten sind nur zwei bekannt geworden, darunter eine Diplomarbeit (Scofield, Emde). Häufig litten die Arbeiten unter qualitativen Einschränkungen hinsichtlich der angewandten statistischen Methoden. Die veröffentlichten Ergebnisse sind widersprüchlich und können nicht als Beleg einer reproduzierbaren Wirksamkeit der Pflanzenhomöopathie gewertet werden, und eine Replikation erfolgreicher Versuchsergebnisse ist nicht bekannt. (1)

Die erste Publikation für Jedermann dürfte das von Stefan Liebknecht herausgegebene Buch Homöopathie für Pflanzen: gesundes Wachstum in Haus, Garten und Natur sein, welches 1998 im Fit-fürs-Leben-Verlag erschienen ist. Einige wenige Publikationen erschienen in den seit 2010, wobei die Marktführerin wohl Christiane Maute mit ihren Büchern Homöopathie für Pflanzen: der praktische Leitfaden für Zimmer-, Balkon- und Gartenpflanzen, das erstmals 2011 im Narayana Verlag erschienen ist und Homöopathie für Rosen: Ein praktischer Leitfaden für die wichtigsten Erkrankungen und Schädlinge (2013, ebenfalls Narayana) sein dürfte.

Frau Maute, die nach eigenen Angaben auf ihrer Homepage ein „Studium“ der Klassischen Homöopathie an der Boenninghausen-Akademie absolvierte, hat eine eigene Praxis für Fußreflexzonentherapie. Die Pflanzenhomöopathie betreibt sie zusammen mit ihrer Tochter Cornelia, deren Qualifikation in diesem Bereich eine Ausbildung bei ihrer Mutter darstellt. (1)

In der Zeitschrift G-Plus sagte Cornelia Maute zu dem Thema: Während man bei den Menschen und Tieren einen Placeboeffekt anführen könne, sei dies bei den Pflanzen anders: ‚Die Pflanze zeigt deutliche Reaktionen auf ein homöopathisches Mittel, die nicht auf anderes Zutun zurückzuführen sind. Pflanzenzellen nehmen die Information im homöopathischen Mittel auf. Ich möchte betonen, dass wir keine Pflanzenflüsterer sind. Unsere Behandlungen und die Auswahl der passenden Mittel geschehen ganz pragmatisch und logisch nach Kriterien, die für jeden nachvollziehbar sind, der sich näher damit beschäftigt.‘ (2) Welche Kriterien das sind, wird allerdings nicht verraten. Weiterhin werden Heilungsversprechen bei Schädlingsbefall, Pilzkrankheiten und Witterungsfolgen gemacht. Für uns gibt es kaum Grenzen (2) heißt es da. Es ist allerdings schwierig, wenn Böden durch Chemikalien und Dünger verseucht oder durch zu schwere Landmaschinen extrem verdichtet sind. Ohne Wiederaufbau des Bodens geht es hier nicht, dabei ist die homöopathische Ausleitung der Gifte wichtig. [Anm: Und wohin sollen Gifte, die im Boden sind ausgeleitet werden?] Dies dauert jedoch seine Zeit. Bei sehr starken Schädigungen des Bodens durch Pestizide, Fungizide oder Herbizide (wie zum Beispiel Glyphosat) wird es schwierig, denn aus totem Material, wo essenzielle Bodenlebewesen und Mikroorganismen fehlen, kann auch ein engagierter Einsatz von Homöopathie nichts Lebendiges mehr hervorbringen. (2) Somit wird also einer ausbleibenden Reaktion bereits vorgebeugt, wirkt es nicht, war der Boden schuld.

Wobei interessant zu erfahren wäre, ob die Homöopathika eine Zulassung als Pflanzenschutzmittel haben, wenn schon ihr Wirkungsbereich angegeben wird. Auch ist interessant, dass das pöhse pöhse Glyphosat unbedingt mit eingebaut werden muss, obschon sich Buch und Artikel an Privatpersonen richtet, in deren Wirkungsbereich der Einsatz verboten ist.

In der Anzeigensonderveröffentlichung Haus & Garten der „Freien Presse“ erzählt Christiane Maute, wie sie ihre Karriere als Pflanzenhomöopathin begonnen hat: Das kam 2001 durch einen ‚Unglücksfall‘ im Garten. Beim Einpflanzen eines bereits blühenden Rittersporns brach der Haupttrieb ab. In der Homöopathie gibt es ein sehr gutes Mittel bei‚ Stoß, Schlag oder Fall‘, nämlich Arnica. Deshalb überlegte ich kurz, übergoss die ganze Pflanze nach dem Einsetzen mit ein paar Globuli Arnica C200, welche ich zuerst in wenig Wasser auflöste und dann in 10 Liter Wasser einrührte. Zu meinem großen Erstaunen hatte sich der Blütenstängel am nächsten Tag aufgerichtet, man sah noch ein paar bräunliche Verletzungsspuren – aber der Rittersporn blühte weiter. (3)

Für mich stellt sich hier hauptsächlich die Frage, warum Samuel Hahnemann so viel Wert auf das Anamnesegespräch legte, wenn man Tier und Pflanze einfach irgendwas verabreicht. Außerdem ist für mich fraglich, ob überhaupt realisiert wurde, wie weit sich der Stoffwechsel von Pflanzen und Tieren bzw. Menschen unterscheidet, Stichwort autotrophe Organismen vs. heterotrophe Organismen, Stichwort Photosynthese etc., denn im Gegensatz zum Menschen funktioniert bei Pflanzen ja die „Lichtnahrung“, während sie einem guten Steak eher abgeneigt sind.

Natürlich werden auch passend zum Buch die darin beschriebenen Homöopathika als Sets durch den Narayana-Verlag angeboten. Schauen wir uns mal an, was der ganze Spaß so kostet:

9er Set für Zimmerpflanzen 28,00 €
14er Einstiger-Set für Garten-, Zimmer- und Balkonpflanzen 39,80 €
30er Grundsortiment 69,00 €
48er Komplettsortiment 98,00 €
5er Rosen-Set in rotem Schlüsselanhänger 19,80 €
14er Rosen Set 35,00 €
40er Rosen-Set 85,00 €
30er Grundsortiment im Holzkasten 98,00 €
48er Komplettsortiment im Holzkasten 138,00 €

(4)

Man kann also einiges an Geld ausgeben. Natürlich gibt es dann noch diverse Kombinationssets Buch und Globuli.

Die Globuli sollen in Wasser aufgelöst werden, wofür ein Schraubdeckelglas empfohlen wird. Auch soll diese Mischung dann durch Verschütteln dynamisiert werden. Schade, in dieser Anleitung auf der Homepage wird weder vom Schlagen auf ein in Leder gebundenes Buch noch vom rhythmischen Schütteln in Richtung Erdkern berichtet. Sind diese Mischungen dann überhaupt wirksam, wenn sie nicht richtig dynamisiert wurden? OH OH… /o\ Und dürfen Frauen während ihrer Menstruation oder ihrer Menopause diese Verschüttelungen durchführen? Fragen über Fragen, denen Hahnemann zwar Bedeutung beigemessen hat, hier aber anscheinend obsolet zu sein scheinen. (5)

Vielleicht werden diese Fragen ja in der angebotenen Telefonberatung geklärt, deren Kosten übrigens bei 12,00 € Grundgebühr sowie Kosten für die Gesprächsdauer zwischen 12,00 € und 22,00 € liegen. Per E-Mail belaufen sich die Kosten auf 12,00 € Grundgebühr und 39,00 € für die Beratung. (6)

Dafür bekommt man einen Behandlungsplan, in dem neben der homöopathischen Behandlung auch allgemeine gärtnerische Ratschläge gegeben werden. Hier ist natürlich fraglich, ob genau unterschieden werden kann, welche Wirkung auf die Homöopathika zurückzuführen sind und welche auf die – durchaus sinnvolle – gärtnerische Pflege. (7)

Aber es gibt noch genügend andere Meinungen zu dem Thema, die ein wirklich sehr ääääh… „interessantes“ Naturverständnis offenbaren: ‚Tiere und Pflanzen bestehen, wie wir Menschen auch, hauptsächlich aus Lebensenergie, Wasser, Stickstoff, Kohlenstoff und Mineralien.‘ Physikalisch gesehen funktionierten die Systeme ähnlich. Die Blätter seien die Atmungsorgane, die Wurzel der Darm. (8)

Oder: Der Naturarzt ist überzeugt: «Lebewesen kommen nicht wegen Krankheitserregern in einen krankhaften Zustand, sondern weil ihre Gesundheitsfaktoren in einem schlechten Zustand sind.» Zu diesen zählen Wasser, Luft, Licht, Nahrung im Boden, Ruhe und Bewegung, Platzbedarf im Umfeld, Pflege und Hygiene, Klima und Wetter. Ist ein Lebewesen nicht mehr fähig, die inneren und äusseren Umstände durch seine Lebensenergie auszugleichen, schwindet diese. Um gesund zu werden, müssen die Bedingungen optimiert werden, dann startet der Selbstheilungsprozess. Damit das Lebewesen gesund bleibt, müssen sie erhalten werden. (8)

Aber auch der „Naturarzt“ Heinz Weder hat Hilfe im Gepäck, nämlich in Form seiner Notfallapotheke, die sieben verschiedene Homöopathika enthält und zum Preis von 39.—sFr zu bestellen ist. (9 und 10)

Und auch, wenn die Homöopathie nicht hilft, hat Weder eine Lösung parat: Tritt keine Wirkung ein, muss eben eine erneute Diagnose und ein anderes Mittel her. (8)

Hach, gärtnern kann so einfach sein… Vor allem, wenn man sich auf ein so gut erforschtes Gebiet wie die Pflanzenhomöopathie stützen kann, denn Kritiker kann Weder deshalb verstehen, aber ‚Nach unzähligen Versuchen, die ich seit 1995 an Pflanzen durchgeführt habe, bin ich mir der Wirkung ganz sicher.‘ (8) Und Frau Maute sagt: Und wenn einmal etwas nicht so klappt, spornt uns das an, weiter zu forschen. (3)

Nun, diese Forschungen und Versuche sind sicherlich interessant, allerdings wurden sie bisher noch nirgends publiziert. Von daher kann auch kein Rückschluss gezogen werden, ob diese „Forschungen“ den wissenschaftlichen Standards genügen. Hier wäre vielleicht ein Langzeittest der GWUP interessant.

Wie dem auch sei, meine persönliche Meinung dazu ist, dass man sich homöopathische „Behandlungen“ für seine Pflanzen sparen kann, wenn man mit ein bisschen Sachverstand an die Gärtnerei ran geht. Kauft euch lieber ein gescheites Gartenbuch, das hilft mehr. Und es gibt auch gute Bücher, in denen man Rezepte für allerlei Sude und Jauchen findet, die rein natürlich sind und gegen z. B. Pilzinfektionen helfen.

(1) http://www.xn--maute-pflanzenhomopathie-1oc.de/de/ueber-uns.html
(2) Zollinger, Caroline: Mithilfe von Homöopathie zu gesunden Pflanzen? Gplus-Magazin. 2/2017. S. 32-34. Abgerufen via http://www.xn--maute-pflanzenhomopathie-1oc.de/de/pressespiegel.html
(3) Homöopathie kommt in den Gärten an. In: Haus & Garten: Anzeigensonderveröffentlichung der Freien Presse vom 18. März 2016, S. 14. Abgerufen via http://www.xn--maute-pflanzenhomopathie-1oc.de/de/pressespiegel.html
(4) http://www.narayanaverlag.de/ChristianeMaute/a2448?authors_id=2448&boxleft=1&gclid=CMadlIa459ICFRI8GwodqkQBNQ und http://www.narayanaverlag.de/homeoplantproduktemaute.php
(5) http://www.xnmautepflanzenhomopathie1oc.de/de/anwendung.html
(6) http://www.xnmautepflanzenhomopathie1oc.de/de/preisliste.html
(7) http://www.xn--maute-pflanzenhomopathie-1oc.de/files/Inhalt/Downloads/Behandlungsplan_Muster.pdf
(8) http://www.tierwelt.ch/?rub=4499&id=39467
(9) http://www.weder-homoeopathie.ch/images/PDF-Notfallapotheke.pdf
(10)http://www.wederhomoeopathie.ch/nutzundzierpflanzen/notfallapothekehausundobstgarten

Online-Quellen 1-8 abgerufen und gesichert am 21.03.2017. Quellen 9-10 abgerufen und gesichert am 24.03.2017.

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Ein Gedanke zu “Pflanzenhomöopathie

  1. Ja, wie bezeichnend, die Immunisierung gegen „Misserfolge“ ist ebenso dabei wie der Seitenhieb gegen das pöhse, pöhse Glyphosat… Karl May hat man vorgeworfen, mit Fantastereien Geld zu verdienen, aber der war immerhin sehr fleißig und auch unterhaltsam…

    Es gab sogar schon einmal öffentliches Steuergeld für die Erforschung von Pflanzenhomöopathie im Zierpflanzenbereich. Die „Studie“ steht nach wie vor auf der offiziellen Webseite der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Wer das liest, braucht einen gefestigten Charakter und die Herztropfen in greifbarer Nähe:
    http://orgprints.org/4821/1/4821-02OE184-ble-lk-nrw-2004-pflanzenstaerkung.pdf

    Übrigens ist die Studienleiterin nicht mehr in öffentlichen Diensten tätig, sondern inzwischen komplett in die freischwebende Szene abgewandert.

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