Ein Besuch in Cornwall – Teil 2

Der nächste Morgen war passte zur Laune des Lords trist, grau und wolkenverhangen mit typisch englischen Schnürlregen präsentierte er sich durch die hohen Glastüren des Frühstücksraums auf Twekesbury Manor, an dessen langgestreckten Tisch der Lord und seine Frau schweigsam sprachen. Während der Lord seine Kipper massakrierte, plapperte Hilda betont fröhlich vor sich hin und erzählte ihm ihre Ausflugspläne für die Woche.

Da hörten sie das Auto vorfahren. William, ihr Chauffeur kam vom Flughafen zurück. „Oh, da ist sie ja!“ rief Trudy aus „Ich freue mich so, das wird bestimmt eine wunderbare Zeit! ROBERT! LASS DEN SCHÜRHAKEN HÄNGEN!“

Mit weit geöffneten Armen ging sie auf die kleine Gestalt zu, die gerade in die Halle gewatschelt kam. Der Lord konnte sich nicht helfen, Trudy sah immer so aus, wie die Schildkröte, die er als Kind hatte, nur mit lila Haaren und einer dicken Hornbrille. Sie trug ein typischen Blümchenkleid mit einer Spitzenstola.

Die beiden Frauen umarmten sich herzlich. Und Trudys Reibeisenstimme ließ eine Gänsehaut über den Körper des Lords laufen. Aber auch er wurde herzlich von ihr begrüßt: „Ah, der da ist ja auch da. Willst Du mich wieder vor Gericht zerren? Trag gefälligst mein Gepäck in mein Zimmer!“ „Ich freue mich auch, dich zu sehen, noch schöner wäre es aber gewesen, Dein Flugzeug wäre abgestürzt“ antwortete der Lord zuckersüß, was ihm einen Tritt seiner Frau einbrachte.

In dem Moment schlug die alte Standuhr in der Halle und wie aus den Boden gewachsen stand plötzlich der Butler neben ihnen „Das Gepäck wurde bereits nach oben gebracht und das Mittagessen wird wie gewünscht in einer Stunde serviert.“ „Danke Alfred, das war sehr aufmerksam von ihnen“ sagte Hilda und zu Trudy gewandt: „Komm, ich zeige Dir Dein Zimmer, Du wirst Dich frisch machen wollen!“ Trudys Antwort wunderte den Lord gar nicht: „Aber nein, meine Liebe, ich hatte erst am Samstag ein Vollbad, aber ich würde gerne dem Herrn für meine sichere Ankunft danken.“ Hilda blickte etwas verwirrt, brachte sie aber nach oben. „Und beim Essen kannst Du uns dann alles über Deine Zeit als Krankenschwester im Sezessionskrieg erzählen!“ rief ihnen der Lord nach.

Am Mittagstisch hielt der Burgfrieden, auf den Hilda ihren Mann eingeschworen hatte. Stoisch ertrug er ihre schlechten Tischmanieren und ihre Geschichten aus ihrer Gemeinde. Selbst als sie anfing an ihm herumzunörgeln und ihn über seine Kirchgangsgewohnheiten befragte, blieb er äußerlich ruhig. Nur ein gelegentliches Zähneknirschen verriet seiner Frau, dass er kurz vor der Explosion stand.

Nach dem Essen verabschiedete sich Trudy zu einem ausgedehnten Spaziergang und der Lord zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, ließ sich in seinen Ohrensessel plumpsen und schnaufte tief durch. Da kam Hilda ins Zimmer, stellte ihn ein Tablett mit seinem Lieblingsportwein, einer Zigarre und der Rennzeitung auf den Beistelltisch neben dem Ohrensessel, gab ihm einen Kuss auf die Wange und lobte ihn für sein Durchhalten beim Mittagessen.

Zufrieden legte er die Füße hoch, zündete sich die Zigarre an und vertiefte sich in seine Rennzeitung. Er war auf der letzten Seite angelangt und sehr in seine Lektüre vertieft, als es plötzlich neben ihm kreischte: „Was soll das denn? Du rauchst? Und trinkst Alkohol? Und beschäftigst Dich mit Pferdewetten? Sodom und Gomorrha! Was ist das für ein Sündenpfuhl hier? Wahrscheinlich frönst Du noch der fleischlichen Lust auf deinem Esstisch!“

Trudy hatte sich durch die offenen Terrassentüren hereingeschlichen und ihn ertappt. Der Lord erschrak so sehr, dass er seinen Portwein verschüttete und seine Zeitung in hohen Bogen durch das Zimmer flog. „WAS ZUM TEUFEL?“ rief er aufgebracht. „DU SOLLST NICHT FLUCHEN!“ kreischte Trudy, als gerade Hilda ins Zimmer gestürzt kam und sofort die Lage überblickte. Sie begann auf Trudy begütigend einzureden und sie aus dem Zimmer zu drängen, aber so einfach war das nicht. Trudy war standhaft, denn sie hatte noch eine Frage: „Habt ihr eigentlich ein Buch von Rosalie Milchner in diesem sündigen Haus? Ich würde es gerne lesen, die Dame habe ich gerade auf meinem Spaziergang kennengelernt und wir waren uns auf Anhieb sympathisch!“ Der Lord stand kurz vor einem Schlaganfall, aber Trudy war noch nicht fertig: „Ich habe sie übrigens für heute zum Dinner eingeladen, ich hoffe, hier gibt es etwas anständiges, sie kommt um 8 Uhr!“

Der Kopf des Lords war so rot wie die Oktoberrevolution und er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Er fiel in seinen Sessel zurück und tastete nach seinem Puls. Als seine Frau wieder in das Arbeitszimmer zurück kam, war der Lord verschwunden, aber der Waffenschrank stand offen. „Oh mein Gott, jetzt macht er ernst!“ dachte sich Hilda und stürzte über die noch immer offenen Terrassentüren nach draußen, als der erste Schuss durch die friedliche Landschaft hallte.

Hilda lief schneller und nachdem schon gut ein halbes Dutzend Schüsse zu hören waren, machte sie sich auf ein Blutbad gefasst. Aber als sie über den kleinen Hügel kam, konnte sie aufatmen, ihr Mann schoss glücklicherweise nur auf Tontauben und das mehrfach, selbst als sie schon auf dem Boden lagen. Sie trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter „Robert, es tut mir so leid!“ Er grunzte und presste ein „Du weißt, dass ich das nur deinetwegen durchstehe, das kostet dich einiges, wenn sie wieder weg ist!“ zwischen den Lippen hervor. Hilda küsste ihn „Und wenn Du heute Abend durchstehst, dann werde ich persönlich nach Rom schreiben und Dich heilig sprechen lassen“ „Ich bin Anglikaner“ „Ich stelle Trudy und die Autorin dem Papst vor, dann spielt das keine Rolle mehr“ Lächelnd ging sie zurück zum Haus und sprach mit der Köchin das Dinner durch.

Die Köchin war natürlich sehr amüsiert darüber, kannte sie doch die Abneigung des Lords gegenüber der Autorin. Auch der Butler lachte innerlich Tränen, als ihm die Lady das erzählte. „Wo wollen wir den Gast platzieren?“ fragte er äußerlich ungerührt. „Wenn ich das nur wüsste“ seufzte Lady Hilda. „Wie wäre es mit dem Nebenraum?“ „Philip, kennen sie eigentlich die Arbeitsmarktchancen für vorlaute Butler?“ Aber eigentlich konnte ihm Hilda nicht böse sein, natürlich hatte die Szenerie etwas groteskes, pflegte ihr Mann doch schon seit Jahrzehnten eine heftige Fehde mit der Autorin, die nur zu gerne ihr Familienleben für ihre Schmalzromane verwursten würde.

Ein Besuch in Cornwall – Teil 1

Twekesbury Manor lag in absoluter Sonntagsruhe zwischen den grünen Hügeln von Cornwall. Die Sonne des herrlichen Frühsommertages schien warm und freundlich auf das altehrwürdige Herrenhaus und den ausgedehnten Park, der sich anschloss. Einer der Jagdhunde des Grundherren gähnte träge auf der Terrasse und genoss die Wärme. Schmetterlinge flogen fröhlich ihre Runden und nur die Bienen summten geschäftig von Blüte zu Blüte. Die Szenerie wirkte, wie aus einem Prospekt des britischen Fremdenverkehrsverbands. Die Idylle hatte doch ein jähes Ende, als ein wütender Schrei die Stille durchbrach

„ZUM HENKER, DU HAST WAS? BIST DU VON ALLEN GUTEN GEISTERN VERLASSEN?“ Lord Twekesbury saß hinter seinem schweren Schreibtisch und sein Gesicht war genauso rot, wie die Uniform seines Ahnherrn auf dem großen Portrait dahinter. Vor dem Schreibtisch stand Hilda, seine Frau und funkelte ihn kampfeslustig an. „Ja, mein lieber, ich habe DEINE Tante Trudy aus Texas eingeladen. Sie ist alt und hat außer uns keine Familie und bevor sie von uns geht, soll sie noch mal ein paar schöne Tage bei uns haben.“ Bei diesen Worten seiner Frau stand der Lord auf und grummelte „Bei dem von uns gehen kann ich ihr helfen“ und wandte sich seinem Waffenschrank zu. „ROBERT! Sei nicht albern, Du wirst sie nicht erschießen und nein, auch keine Salzpatronen!“ wies sie ihren Mann zurecht. „Außerdem ist es jetzt eh zu spät, sie landet morgen früh in Heathrow.“ Mit diesen Worten wandte sie sich ab und zog sich in ihren Damensalon zurück.

Sie wusste ja, dass Tante Trudy eine Landplage war, aber in ihren letzten Briefen hatte sie einfach so einsam und verzweifelt geklungen, dass sie sie einfach einladen musste. Ja, Trudy war an ihrer Lage selbst schuld, hatte sie doch mit ihrer geheuchelten Frömmelei alle Menschen vertrieben, aber als Tochter eines Wanderpredigers konnte man vielleicht gar nicht anders. Es war für sie immer noch ein Wunder, was Frederick, der jüngste Onkel ihres Mannes an der Frau gefunden hatte. Irgendwie war sie sich sicher, dass er den Krebs, der ihn ins Grab gebracht hatte aus Notwehr ganz bewusst gezüchtet hatte. Das Verhältnis zu ihrem Mann war äußerst gespannt, seit Trudy nach dem Tod Fredericks anfing, sich als „Lady Twekesbury“ auszugeben. Das hatte erst aufgehört, als der Lord ihr das gerichtlich verbieten ließ. Immerhin ging in ihrer Familie der Titel nur an die ältesten Kinder über.

Sie seufzte, das würden zwei harte Wochen für sie werden, dachte sie sich und kippte ihr Glas Portwein in einem Zug hinunter.

Auch Robert, ihr Mann hielt sich an Hochprozentiges, ließ sich zwei Daumen hoch Whisky ins Glas laufen und stürzte es in einem Zug hinunter. Gerade Trudy hatte seine Frau eingeladen. Dieses frömmelnde Weibsstück. Das hieß für ihn eine Woche keinen Whisky, keine Pferdewetten und der Pub war auch gestrichen, genauso wie die Jagd. Aber er liebte seine Frau und ihr zuliebe würde er sich zusammennehmen. Wenigstens kam seine Tochter um diese Nervensäge herum, sie war nach Montana geflogen, um sich ihren zukünftigen Schwiegereltern vorzustellen.

Grummelnd zog er sich in sein Gartenhaus zurück, die er sich ganz nach seinem Geschmack eingerichtet hatte. Seine Frau nannte das Häuschen gerne die „Brummbärenhöhle“. Dort saß der Lord nun und pichelte einen Whisky nach dem anderen, als plötzlich der alte Groom, der Pferdeknecht herein schaute. Er war der Einzige, der den Lord hier stören durfte. „Ah, euer Lordschaft, welchen guten Tropfen gibt es denn heute?“ Wortlos schenkte im Twekesbury ein großzügiges Glas ein. Der Groom nahm neben ihm Platz und schweigend schlürften die beiden ihren Whisky. Nach zwei weiteren Gläsern brach der Pferdeknecht ihr Schweigen: „Was beschert uns diesen guten Tropfen?“ „Trudy“ antwortete er tonlos „Sie besucht uns ab morgen. Für ZWEI WOCHEN!“ Der Groom verschluckte sich und spuckte den Whisky in hohen Bogen auf den Boden. Er begann zu stammeln, sagte etwas von Pferden und füttern und machte sich eiligst auf dem Weg. „Alle bekloppt geworden!“ grummelte der Lord. Aber er hatte Verständnis für den alten Fred, kannte er Trudy doch am längsten und bei ihren bisherigen Besuchen war sie oft im Pferdestall gewesen. Der arme Kerl hatte also auch einiges unter ihr zu leiden gehabt.

Vom Ernst des Lebens

Neulich war ich in Rostock auf dem Jahrmarkt. Die Straßen, die sich schräg zur Warnow hinabsenken, standen voller Bunden, und unten am Ufer drehten sich Karussells. Ich wurde, weil alles so schön laut war, sehr fidel, stellte mich an eine Zuckerwarenbude und verlangte für zehn Pfennige türkischen Honig. Er schmeckte großartig.

Da kam ein Junge mit seiner Mutter vorüber, zog die Frau am Ärmel und sagte: „Noch einen Pfefferkuchen!“ Dabei trug er schon fünf Pfefferkuchenpakete unterm Arm. Die Mutter stellte sich taub. Da blieb er stehen, stampfte mit dem Fuß auf und krähte. „Noch einen Pfefferkuchen!“
„Du hast doch schon fünf Pakete“, erklärte die Mutter. „Denk nur, die armen Kinder kriegen überhaupt keinen Pfefferkuchen!“

Wißt ihr, was der Junge antwortete?
Er schrie ärgerlich: „Was gehen mich denn die armen Kinder an?“ Ich erschrak so, daß ich fast meinen türkischen Honig samt dem Papier auf einmal verschluckt hätte. Kinder, Kinder! Hält man das für möglich?
Da hat so ein Junge das unverdiente Glück, wohlhabende Eltern zu bekommen, und dann stellt er sich hin und schreit: „Was gehen mich die armen Kinder an!“ Anstatt von seinen fünf Paketen Pfefferkuchen armen Kindern zwei zu schenken und sich zu freuen, daß er denen eine kleine Freude machen kann!

Das Leben ist ernst und schwer. Und wenn die Menschen, denen es gutgeht, den anderen, denen es schlechtgeht, nicht aus freien Stücken helfen wollen, wird es noch mal ein schlimmes Ende nehmen.

Aus: Kästner, Erich: Pünktchen und Anton. Hamburg, 1980. S. 76f.

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