Vom Ernst des Lebens

Neulich war ich in Rostock auf dem Jahrmarkt. Die Straßen, die sich schräg zur Warnow hinabsenken, standen voller Bunden, und unten am Ufer drehten sich Karussells. Ich wurde, weil alles so schön laut war, sehr fidel, stellte mich an eine Zuckerwarenbude und verlangte für zehn Pfennige türkischen Honig. Er schmeckte großartig.

Da kam ein Junge mit seiner Mutter vorüber, zog die Frau am Ärmel und sagte: „Noch einen Pfefferkuchen!“ Dabei trug er schon fünf Pfefferkuchenpakete unterm Arm. Die Mutter stellte sich taub. Da blieb er stehen, stampfte mit dem Fuß auf und krähte. „Noch einen Pfefferkuchen!“
„Du hast doch schon fünf Pakete“, erklärte die Mutter. „Denk nur, die armen Kinder kriegen überhaupt keinen Pfefferkuchen!“

Wißt ihr, was der Junge antwortete?
Er schrie ärgerlich: „Was gehen mich denn die armen Kinder an?“ Ich erschrak so, daß ich fast meinen türkischen Honig samt dem Papier auf einmal verschluckt hätte. Kinder, Kinder! Hält man das für möglich?
Da hat so ein Junge das unverdiente Glück, wohlhabende Eltern zu bekommen, und dann stellt er sich hin und schreit: „Was gehen mich die armen Kinder an!“ Anstatt von seinen fünf Paketen Pfefferkuchen armen Kindern zwei zu schenken und sich zu freuen, daß er denen eine kleine Freude machen kann!

Das Leben ist ernst und schwer. Und wenn die Menschen, denen es gutgeht, den anderen, denen es schlechtgeht, nicht aus freien Stücken helfen wollen, wird es noch mal ein schlimmes Ende nehmen.

Aus: Kästner, Erich: Pünktchen und Anton. Hamburg, 1980. S. 76f.

Bildnachweis: Von Schlurcher (talk) – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9431707

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