Migräne, Piercings und das Löschbataillon der Bunten

Es ist schon lustig, was im Internet so alles passiert. Da setzt die Bunte am 29. Juni 2017 einen Artikel ins Netz über Piercing gegen Migräne. Was fachlich davon zu halten ist, hat die Deutsche Migräne und Kopfschmerz-Gesellschaft schön auf den Punkt gebracht: Es gibt bislang keinen wissenschaftlichen Beleg für die Empfehlung, dass Ohrenpiercing als neues Therapieverfahren einzusetzen. Dagegen sind zahlreiche Fälle publiziert, in denen es zur Entzündung des Ohrknorpels mit nachfolgend unschöner Verformung der Ohrmuschel kam. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft rät daher Migräne- und Clusterpatienten von Ohrpiercings zur Behandlung dringend ab und empfiehlt eine an den Leitlinienempfehlungen der Fachgesellschaft orientierte nichtmedikamentöse und medikamentöse vorbeugende Behandlung der Migräne durch einen Arzt.(1)

Und der Bundesverband professioneller Piercer schreibt in einer offiziellen Stellungnahme zur Migränebehandlung durch Piercings: Unter professionellen Kollegen hat sich schon seit einiger Zeit Ärger breit gemacht über die Darstellung/Werbung einiger Kollegen, welche angeben sie könnten durch ein Piercing wie beispielsweise das ‚Daith‘ Kunden von Migräne oder anderen Krankheiten befreien.
Wir vertreten einstimmig die Auffassung dass eine kurzfristige Verbesserung von Beschwerden im besten Falle durch einen Placeboeffekt ausgelöst werden kann und nicht von Dauer sein wird.
Akkupunkturpunkte durch ein Piercing dauerhaft zu stimulieren erscheint uns als wenig erfolgversprechend und wir vertreten einstimmig die Meinung dass es überaus unseriös ist, mit der Hoffnung der Menschen auf Besserung zu spielen und durch gezielte Werbung in diesem Bereich Profit zu machen.
Wir bieten unseren Kunden bestmögliche Beratung, Durchführung und Betreuung und möchten uns von solchen Aussagen und Versprechungen deutlich distanzieren.
Professionelle Piercer werden euch (sofern es die anatomischen Gegebenheiten zulassen) jederzeit ein schönes Daith stechen an dem ihr euch lange erfreuen könnt – zur Behandlung von Migräne durch Akkupunktur werden sie euch jedoch ebenso an einen Profi verweisen.
(2)

Ganz schön deutlich nicht wahr? Allerdings ignoriert die Bunte diese Aussagen. Stattdessen präsentiert sie anekdotischen den Fall der Australierin Tori Ottley garniert mit schönen großen Instagram-Ausschnitten von verschiedenen gepiercten Ohrwascheln und am Schluss des Artikels wird dann noch auf die „Heißesten Piercing-Trends 2017“ hingewiesen.

So, schön und gut. Jetzt kann man sich natürlich überlegen, warum trotz der eindeutigen Warnung des ärztlichen Fachverbandes die Bunte trotzdem so wohlwollend über diesen „heißen“ Piercing-Trend aus den USA berichtet.

Eine kleine Google-Suche brachte mir als erstes Ergebnis jedenfalls die Pressemitteilung der DKMG, dann die Stellungnahme des Bundesverbandes professioneller Piercer und als drittes dann einen Artikel von Markus A. Dahlem bei den SciLogs – Tagebücher der Wissenschaft von Spektrum.de. Meiner bescheidenen Meinung nach hätte man in einem Artikel auch auf die Kritikpunkte der Fachleute eingehen müssen, dies hat die Bunte nicht getan.

Nun gut, ich las den Artikel ja auf Facebook und da gibt es eine Kommentarfunktion. Dachte ich, ich schreib mal was. Hab ich auch gemacht. Ich schrieb einen kritischen Kommentar, der dann nur für Sekunden sichtbar war und sofort gelöscht wurde. Dies geschah auch mit mehreren anderen kritischen Kommentaren. Kurz sichtbar – ZADOINK – gelöscht!

Ich habe natürlich auch auf Twitter meinem Unmut Luft gemacht, aber keinerlei Reaktion der Bunten erfahren. Das ist natürlich ein äußerst professioneller Umgang mit kritischen Stimmen, liebe Bunte. Wenn ihr nur Jubelkommentare unter euren Artikeln wollt, dann schreibt das doch. Oder noch besser, recherchiert einfach mal, bevor ihr solche Artikel in euer Blatt setzt.

Jedenfalls finde ich es äußerst bedenklich, einen einseitigen, anscheinend nicht durch Recherche abgesicherten Artikel ins Netz zu stellen und dann noch kritische Kommentare dazu im Sekundentakt zu löschen. Aber wahrscheinlich war das alles ja nuuuuuuuur ein technischer Fehler… Oder der Praktikant wars… oder der Pinguin hat mit seiner Teewurst die Maus verklebt oder oder oder…

 

(1) http://www.dmkg.de/therapie-empfehlungen/migraene/die-dmkg-warnt-piercing-ist-nicht-zur-therapie-der-migraene-geeignet.html

(2) http://vpp-piercing.de/piercing-gegen-migraene/

https://scilogs.spektrum.de/graue-substanz/kann-daith-piercings-migraene-lindern/

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/migraene-piercing-ist-kein-allheilmittel

http://derstandard.at/2000043628997/Experten-warnen-vor-Migraene-Therapie-mittels-Piercing

Bildnachweis: Von Kaylee Noteboom – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Daith_Piercing.png, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51664747

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3 Gedanken zu “Migräne, Piercings und das Löschbataillon der Bunten

  1. ganz ehrlich – die Haltung, in der BUNTEN seriöse Recherche zu erwarten, finde ich etwas zu hoch gegriffen. Es geht um Klatsch und Tratsch. Und ums Geldscheffeln. Würden die Macher des Klatschblattes seriös recherchieren und sich beim Verfassen ihrer Werke an die Wahrheit halten, wäre das Heft wohl nur fünf Seiten dick.

    Man könnte ja nun den Versuch machen, die Verantwortlichen der BUNTEN direkt zu befragen. Aber da würde ich nichts erwarten. Im Verschwurbeln ihrer „journalistischen“ Fehlleistungen sind die Damen und Herren dort recht geübt.

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  2. „Bunte“ – „Piercings“ – ähm – lasst uns zur Relevanz zurückkehren!?!
    Und jetzt sag nicht, es gäbe gerade keine Themen, lieber – und äußerst geschätzter! – Onkel M. …

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