Reiki – Warme Hände ohne Nutzen

Dass ich aus meinem Physik-Unterricht nicht allzu viel mitgenommen habe, und die Gründe weswegen (nein, nicht, weil alle Schränke abgeschlossen waren und ich nichts klauen konnte… Was ihr schon wieder denkt), habe ich ja bereits hier erzählt. Genauso wie der Spruch mit der Säure im Chemie-Unterricht, hat sich mir aus dem Physik-Unterricht genau eine Sache eingeprägt: ein Witz.

Als nämlich der Physik-Lehrer uns die Thermodynamik näher bringen wollte fragte er uns, was es wohl gäbe, wenn man schnell mit der Hand über den Unterarm reibt. Antwort: Wärme – und wenn man sich länger nicht gewaschen hat, schwarze Würschtle…

Ein Brüller… Ein Schenkelklopfer… Ekstase in der Klasse… gab es nun nicht. Jahaha, so ausgelassen ging es damals bei uns zu… in den 80ern… in Bayern…

Aber das soll jetzt ja keine Schelte des bayerischen Schulwesens sein, ich wollte euch ja ganz was anderes erzählen… Entschuldigung, das ist das Alter… ich komm gleich drauf. Aaaach ja… schwarze Würschtle.

Etwas ganz anderes als schwarze Würschtle soll beim Reiki-Handauflagen passieren. Reiki ist echt was ganz, ganz tolles. Es ist nämlich echt altes Wissen und stärkt die Selbstheilungskräfte des Körpers, baut Stress ab, harmonisiert den Energiefluss im Körper, reinigt ihn von Giften, löst Blockaden und setzt verborgenen Gefühle frei.

Toll nä? Da klingelts beim Bullshit-Bingo…

Aber fangen wir mal ganz von vorne an. Und am Anfang von Reiki steht der Japaner Mikao Usui. Der hat sich nämlich dieses System zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgedacht. Soviel also zum Thema „altes Wissen“. Seine Anhänger behaupten zwar, das Usui Reiki nur „wiederentdeckt“ hätte und dass es bereits seit über 2.500 Jahren praktiziert würde, Belege dafür fehlen aber.

Mikao Usui, der von 1865 bis 1926 lebte, wird von seinen Anhängern sehr verklärt. Er wird oftmals als „Dr. Usui“ bezeichnet, weiter wird behauptet, er wäre gläubiger Christ gewesen und Professor an einer christlichen Schule in Kyoto. Seinen Doktor hätte er in Chicago erworben und in Indien Sanskrit gelernt.

Natürlich gibt es auch eine bedeutungsschwangere Entstehungsgeschichte von Reiki. Danach soll sich Mikao Usui irgendwann (wann genau ist nicht bekannt) einer 21-tägigen Fastenkur auf dem Berg Kurama unterworfen haben. Dort nun traf ihn am Morgen des letzten Tages eine Vision: ein Lichtstrahl kam aus dem Himmel und schlug in seine Stirn ein, öffnete sein drittes Auge und er sah vor sich tanzende Lichter, Formen, Symbole und dadurch wurde ihm das Geheimnis des geistigen Heilens und der Zugang zur universalen Lebensenergie geöffnet.

1922 eröffnete er dann eine Heilerpraxis in Tokio und rief die „Usui-Gesellschaft für das Reiki-Heilungssystem“ ins Leben. In der Zeit bis zu seinem Tod bildete er 18 Reiki-Meister aus.

Tatsächlich gibt es keinen Beweis dafür, dass Usui je eine Promotion abgelegt hat. Auch Reisen nach Amerika, Europa oder China können nicht nachgewiesen werden. Und außerdem war er bis zu seinem Tode gläubiger Buddhist. Alles andere ist ein Mythos.

Aber was ist Reiki nun genau? Reiki gehört in den Kontext der japanischen Ki-Bewegung. Nach deren Verständnis ist das Ki oder Chi eine unpersönliche Natur- und Seelenkraft, die als Energie die ganze Welt durchwirkt und die Grundlage des Lebens bildet. Die Ki-Bewegungen haben ihren Ursprung in Japan und gehören zu den neureligiösen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. (1) Dies zeigt sich schon im Namen „Reiki“, steht doch „Rei“ für Seele und „ki“ für Lebensenergie. In westlichen Veröffentlichungen wird der Begriff meist mit „universelle Lebensenergie“ übersetzt.

Diese Energie sollen nun Reiki-Heiler durch das ritualisierte Auflegen ihrer Hände auf den Körper übertragen werden. Usui orientierte sich hierbei an den indischen Chakren, die sonst in Japan und der japanischen Medizin keine Rolle spielten. Charakteristisch ist die beim Handauflegen entstehende Wärme. Diese wird als Zeichen des „Energieflusses“ gesehen.

Mikao Usui entwickelte nun ein System mit drei verschiedenen Initiationsgraden. Jede Ausbildungsstufe beginnt mit einer Einweihung. Unter Einweihung versteht man ein Ritual, mit dem ein Lehrer den Schüler befähigt, Reiki zu geben oder die Reiki-Symbole zu benutzen. Praktizierende sehen sich als Kanal für die Energie und gehen davon aus, dass durch die Einweihung der Kanal in ihnen geöffnet wird. bzw. bei höheren Graden auf die Reiki-Symbole eingestimmt wird. Ohne diese Einweihung sei der Kanal nicht geöffnet, auch entfalten die Symbole ohne Einweihung nicht ihre Wirkung.

Traditionell gibt es bis zur Lehrerausbildung drei bis vier Grade:

Erster Grad: Öffnung des Reiki-Kanals
Zweiter Grad: Einführung dreier Reiki-Symbole
Dritter Grad (Meistergrad): Einweihung auf das „Meistersymbol“
Vierter Grad (Lehrergrad): befähigt dazu, andere Menschen einzuweihen.

Ursprünglich wurden der Meistergrad und der Lehrergrad zusammen erworben. (2)

Natürlich muss man für jeden Grad gutes Geld bezahlen, um initiiert zu werden. Die hier genannten Reiki-Symbole werden übrigens bei der „Behandlung“ auf die Haut des „Patienten“ gemalt und der Name des Symbols genannt, hierdurch soll der Energiefluss in eine ganz bestimmte Richtung kanalisiert werden.

Als Reiki sich außerhalb Japans verbreitete, spalteten es sich bald in zwei Richtungen auf, das traditionelle japanische Reiki und das westliche Reiki. Wobei es mittlerweile unzählige Strömungen gibt, begründeten doch viele Reiki-„Meister“ ihre eigenen „Schulen“.

Was ist jetzt dran, am Reiki? Nicht viel… Obwohl bereits zahlreiche wissenschaftliche Studien durchgeführt wurden, konnte doch keine Wirksamkeit bei der Heilung von Krankheiten nachgewiesen werden. Im Gegenteil: im Jahr 2010 wurde von Nassim Assefi, Andy Bogart, Jack Goldberg und Dedra Buchwald eine randomisierte, placebokontrollierte Studie vorgelegt, in der die Auswirkungen von Reiki an 100 Fibromyalgie-Kranken erforscht wurde.

Hierbei wurde festgestellt, dass es absolut egal war, ob die Teilnehmer von einem „richtigen“, also initiierten Reiki-Heiler behandelt wurden oder von einem Schauspieler, der sich als Heiler ausgab.

Nun könnte man alles auf sich beruhen lassen, einfach sagen, dass es sich um eine harmlose Spinnerei handelt. Dagegen sprechen allerdings zwei Aspekte:

  1. Therapieverschleppung
    Wie bei vielen alternativen bzw. esoterischen Heilmethoden lauert die Gefahr, dass bei schwerwiegenden Erkrankungen zuerst auf diese zurückgegriffen wird und mit einer evidenzbasierten Therapie erst dann begonnen wird, wenn es hierfür bereits zu spät ist.
  2. Das Abgleiten in sektenähnliche Gruppen: 
    Einige Sekten nutzen das Gebiet der fernöstlichen Heilmethodik als Tarnung: Reiki wird als primitive Art der Psychotherapie dabei als Köder benutzt. Mit einer relativ einfach aufgebauten mystischen Stimmung wird gutgläubigen Menschen viel Geld abgenommen. […] Problematisch ist hingegen, dass die dahinterstehende Ideologie machtorientiert ist und den Patienten zu beherrschen trachtet. Dies macht Reiki zu einem nutzbaren Filterinstrument für Sekten und sektenähnlich operierende Gruppen. Reiki wird als angeblich fernöstliche Wundermethode angepriesen. Damit können jene Personen selektiert werden, die leichtgläubig und beeinflussbar sind. Der Irrglaube an eine solche mystische Heilmethodik wird dadurch verstärkt, dass man sich innerhalb der Szene mit diversen Reiki-Stufen eine Art Pseudokompetenz verleiht.
    (3)

 

Literatur
(1) http://www.bistum-trier.de/weltanschauungsfragen-sekten/gruppen-weltanschauungen/reiki/
(2) https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Reiki&oldid=166949515
(3) https://www.psiram.com/de/index.php?title=Reiki&printable=yes

Assefi, Nassim: Reiki for the Treatment of Fibromyalgia: A Randomized Controlled Trial. In: The Journal of Alternative and Complementary Medicin. Vol. 14, Nr. 9, S. 1115-1122.

Endbericht der Enquete-Kommission “Sogenannte Sekten und Psychogruppen”. Berlin, 1998.

Goldner, Colin: Heilsame Hände. In: Süddeutsche Zeitung vom 8. Juni 2010.

Hauth, Rüdiger: Taschenhandbuch Esoterik: Von Bachblüten bis Yoga. Wuppertal, 2007.

Beitragsbild: Von Unbekannt – Converted from JPG at Wikimedia Commons by Fiorellino, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14895536

 

 

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