Migränepiercingfans und ihre Kommentare

Vor einiger Zeit habe ich ja einen Artikel zum sogenannten „Migräne-Piercing“ geschrieben. Nun wurde der anscheinend in irgendeiner Community entdeckt und seit einigen Tagen bekomme ich „nette“ Kommentare hierzu. Natürlich ist es immer ein Vabanquespiel, Kommentare immer gleich mit persönlicher Kritik am Autor zu beginnen, aber gut.

Auch wenn es jetzt ein Freudengeheul in den entsprechenden Foren oder Gruppen oder wo immer sich die Kommentarschreiber koordinieren gibt, werde ich diese Kommentare nicht frei schalten. Das hat allerdings nichts mit fehlendem „Arsch in der Hose“ oder „Zensur“ zu tun, sondern geschieht vielmehr aus Sorge gegenüber den Kommentarschreibern, sind doch einige Aussagen meiner Meinung nach nicht ganz ohne und so sehe ich mich in der pädagogischen Pflicht, diese Herrschaften quasi vor sich selbst zu schützen.

Allerdings möchte ich mich zu den gegen mich vorgebrachten Vorwürfen doch äußern. Nachdem diese sich aber gebetsmühlenartig wiederholen, werde ich mich nicht zu einzelnen Kommentaren äußern, sondern die Themenbereiche zusammenfassen.

Vorwurf 1 – Veröffentlichung der Kommentare / Zensur
Siehe zuerst zweiter Abschnitt der Einleitung. Weiters zeigt dieser Vorwurf, dass man den Begriff der Zensur nicht richtig verstanden hat.
Der vom lateinischen „censura“ abgeleitete Begriff Zensur meint die die Überprüfung von Äußerungen in Schrift oder Wort durch den Staat oder durch dem Staat zurechenbare Stellen. Da dieser Blog und auch meine Person nicht im Auftrag der Bundesrepublik handelt, läuft dieser Vorwurf ins Leere. Dieser Blog ist ein privater Blog, das bedeutet, dass ich als Blogbetreiber eine gewisse Sorgfaltspflicht gegenüber meinen Lesern habe, die ich insofern wahrnehme, indem ich die vorgenannten Kommentare eben nicht frei schalte.

Vorwurf 2 – Schlechte Recherche
In den Kommentaren wurde mir vorgeworfen, schlecht recherchiert zu haben, da ich keine Betroffenen, die ein solches Piercing tragen, befragt hätte. Dies offenbart doch ein eklatantes Unwissen in Bezug auf wissenschaftliches Arbeiten. Diese anekdotischen Aussagen verfügen in Forschung und Wissenschaft über keine, bestenfalls über eine schwache argumentative Aussagekraft.

Dr. Harriet Hall hat dieses Phänomen in ihrem Artikel Why we need Science: ‚I saw it with my own eyes’ is not enough sehr gut zusammen gefasst: Die Wissenschaft ist die einzige Methode, die Fehler zu korrigieren, die durch unsere Wahrnehmung und Zuordnung entstehen. Es ist der einzige Weg sicherzustellen, dass wir uns nichts vormachen. Entweder hat die Wissenschaftsmedizin ihre Aufgabe nicht gut gemacht, diese lebenswichtigen Fakten zu erklären, oder einige unserer Leser sind nicht willens oder unfähig unsere Erklärungen zu verstehen.

Unsere Kommentatoren schreiben häufig anekdotische Berichte, dass eine bestimmte alternative Methode ‚bei mir wirklich wirkt’. Sie verstehen nicht, dass sie keinen Grund haben zu behaupten: es ‚wirkt’. Alles was sie behaupten können ist, dass sie nach der Behandlung eine Besserung beobachtet haben.

Das kann eine echte Wirkung anzeigen, aber auch eine ungenaue Beobachtung oder einen ‚post hoc ergo propter hoc’ Fehler, die falsche Annahme, dass eine zeitliche Korrelation einen Kausalzusammenhang bedingt. Solche Beobachtungen sind immer nur ein Ausgangspunkt: Wir müssen Wissenschaft betreiben, um herauszufinden, was die Beobachtungen bedeuten. (1)

Mir nach der Publikation von mittlerweile 16 Büchern und über 100 Fachartikeln mangelnde Recherche vorzuwerfen, nur weil ein Beitrag nicht das vom Kommentator gewünschte Ergebnis bringt, zeugt dann doch von einer gewissen Hybris.

Vorwurf 3 – Wer heilt hat recht
Auch hier möchte aus einem Artikel zitieren. Prof. Dr. Edzard Ernst hat dies in seinem Artikel Wer heilt, hat nicht immer recht treffender ausgedrückt, als ich dies könnte: Mein Fazit lautet, dass der Satz ‚Wer heilt, hat recht’ eine Plattitüde und ein Schein-Argument darstellt, das dem Fortschritt im Weg steht. In Wirklichkeit hat nur derjenige Recht, der die jeweils bestmögliche Therapie verabreicht – und das ist nun einmal eine Therapie, die sowohl spezifische als auch Kontext-Effekte maximiert. (2)

Vorwurf 4 – Von Big Pharma bezahlt
Das ist doch wohl der langweiligste Vorwurf, der daher kommen konnte. Natürlich ist es der Gruppendynamik immer dienlich, einen gemeinsamen – auch imaginären – Feind zusammen zu schließen, in der Realität handelt es sich um eine der verbreitesten Verschwörungstheorien. Hier die böse Pharmaindustrie, die aus purer Geldgier eine einfache Wirkmethoden zu „vernichten“ trachtet. In der Realität ist es nur eines: eben eine Verschwörungstheorie.

Faszinierend ist übrigens, dass ich in meinem gesamten Artikel in keinster Weise den Vorwurf der „Geldmacherei“ erhoben habe, obschon dies in den Kommentaren behauptet wurde. Auch findet sich in den Kommentaren die gleiche Mär von der geldgierigen Pharmaindustrie und DKMG.

Gerne wäre ich jetzt ironisch und würde sagen: natürlich, ich werde von der Pharmaindustrie bezahlt und schreibe diesen Artikel von meiner Yacht in der Karibik aus. Allerdings bleibt zu befürchten, dass das Konzept der Ironie nicht verstanden und eine solch launige Aussage für bare Münze genommen wird.

Abschussbemerkung
Damit dürfte auf die vier hauptsächlichen Kritikpunkte eingegangen sein. Natürlich weiß ich, dass auf den entsprechenden Koordinationsplattformen das große Maulzerreißen über diesen Artikel einsetzen wird und ich wünsche den Herrschaften viel Spaß dabei.

Allerdings bleibe ich dabei, dass ich es prinzipiell als höchst gefährlich und bedenklich halte, wenn medizinisch nicht ausgebildete Personen pseudomedizinische Verfahren durchführen. Ein solches Vorgehen sollte meiner Meinung nach durchaus juristisch und fachlich bewertet werden.

Benutzte Literatur
(1) https://sciencebasedmedicine.org/why-we-need-science-i-saw-it-with-my-own-eyes-is-not-enough/  (abgerufen am 12. August 2017)
(2) Ernst, Edzard: Wer heilt, hat nicht immer recht. In: Wiener klinische Wochenschrift, 121(2009), H. 5-6, S. 223-224.

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