Wenn Heilpraktiker sich an Studien versuchen

Die „Biochemie“ des Blenders Schüßler und ihren Erfinder hatten wir ja schon einige Male als Thema hier im Blog, aber dieses Thema ist so ergiebig, dass wir uns noch ein paar Mal damit befassen können. Quasi ein unerschöpflicher Quell des Irrsinns und des Facepalms.

Heute schauen wir uns mal an was passiert, wenn eine Heilpraktikerin sich an einer wissenschaftlichen Studie zum Thema Schüßler-Salze versucht. Jahaha… ihr habt richtig gehört. Es gibt eine Heilpraktikerin, die eine Studie machen wollte zu dem Thema. Ich glaube, ich verrate noch nicht zu viel, wenn ich sage, dass das gründlich in die Hose gegangen ist.

Das Problem ist nur, dass die gute Frau auch noch ein Buch über Schüßler-Salze geschrieben hat und auf dessen Cover nun mit den Ergebnissen dieser „empirischen Studie“ wirbt. (1)

Bereits die Berichte über die Arbeit zeigen jedoch, dass die bei dieser Studie angewandte Methodik keinerlei wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, stellt man doch gerade deren Notwendigkeit gezielt in Frage: Doch muss es immer die streng wissenschaftliche Untersuchung sein? Reicht es nicht aus, wenn nach der Einnahme eines Präparates die Mehrzahl der Probanden über eine Besserung ihrer Beschwerden berichten? (2)

Eben, was hat schon Wissenschaftlichkeit in einer empirischen Studie zu suchen? Weg damit!

Worauf die gute Frau auch verzichtet hat ist eine Kontrollgruppe, die braucht man nämlich auch nicht. Stattdessen verlässt man sich auf das subjektive Empfinden der Patienten. Dass dies nun aber die größte Quelle für Fehlschlüsse ist und dadurch ein sauberer, statistischer Vergleich aller Erfahrungen der beteiligten Patienten fehlt, das stört nicht.

Auch über die Patienten selbst erfahren wir recht wenig. Nur dass es 53 waren, von denen 42 die Studie beendeten. Auch wird uns verraten, dass sie über drei Monate Schüßler-Salze einnahmen, weswegen allerdings erfahren wir nicht. Ob Omma Krawuttke die Schüßler-Salze gegen Schnupfen und Oppa Kowalke die Salze gegen seinen Rheumatismus genommen hat, bleibt ein ewiges Geheimnis. Es wird nur angegeben, dass 458 Einzelsymbole erfasst und ausgewertet (3) worden seien. Zu diesen 458 Einzelsymptomen wird nun nach der dreimonatigen Einnahme von Schüßler-Salzen folgendes Ergebnis veröffentlicht:

  • Bei 42 Symptomen hatten sich die Beschwerden nicht gebessert (9,17 %).
  • Bei 98 Symptomen hatten sich die Beschwerden gebessert (21,4 %).
  • Bei 124 Symptomen hatten sich die Beschwerden sehr deutlich gebessert (27,07 %).
  • Bei 109 Symptomen waren die Beschwerden weg (23,8 %).

Zusammenfassend kann daher gesagt werden: Bei ca. 90 % aller Symptome im Rahmen der hier durchgeführten Studie konnte eine Besserung oder sogar ein völliges Verschwinden durch die Gabe von Schüssler Salzen über einen Zeitraum von drei Monaten erreicht werden.” (3)

Die gute Frau war anscheinend etwas schwach im Rechnen, denn, wenn man die Prozentsätze addiert kommt man lediglich auf 72,27% und nicht auf 90%. 9,17% besserten sich explizit nicht, über die restlichen 18,56% erfolgen keinerlei Angaben. Naja, a bisserl Schwund ist immer.

Dafür hat die gute Frau Haaranalysen an den Probanden durchführen lassen. Sagt sie jedenfalls: Von allen Teilnehmer wurde zu Beginn und nach Abschluß der Studie eine Haarmineralanalyse gemacht. Dabei wurden die Werte von Mineralstoffen, Spurenelementen und Belastungen durch Schwermetalle und Umweltgifte gemessen. Wir konnten so erstmals dokumentieren, dass durch die Einnahme der Schüßler-Salze Belastungen von Blei, Quecksilber und anderen Giften ausgeleitet werden können. Ebenfalls erstmals dokumentiert wurde, daß durch die Einnahme einiger Mineralstoffe, das Gleichgewicht bei allen Mineralien und Spurenelementen verbessert wurde. Dies zeigt, daß die Schüßler-Salze auch einen regulierenden Effekt auf das ganze System haben. (3)

Welche Tests sie hat durchführen lassen bzw. welche Parameter getestet wurden, das bleibt wieder im Nebel. Haaranalysen werden von Fachleuten jedoch als höchst unzuverlässiges Verfahren für die Untersuchung etwaiger Mineralstoffmängel oder Schadstoffbelastungen eingestuft. (4)

Sollte ich diese sog. „Studie“ in einem Wort charakterisieren, so kann man nur eines wählen: stümperhaft. Natürlich hat diese Untersuchung auch keinerlei empirische Aussagekraft, weil sie eben nicht die Standards der Wissenschaft erfüllt. Sowohl für das Fachpublikum, wie auch für Patienten ist diese „Studie“ absolut wertlos. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass diese Untersuchung nie in einer seriösen wissenschaftlichen Zeitschrift, die dem Peer-Review unterliegt, veröffentlicht wurde.

 

  1. Metz-Melchior, Elisabeth: Basisbuch Schüßler-Salze. Bielefeld, 2009.
  2. Artikel „Wirkung der Schüssler-Salze in empirischer Studie nachgewiesen“. https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/medizin/wirkung-der-schuessler-salze-in-empirischer-studie-nachgewiesen-13372165 (Abgerufen am 24.02.2018).
  3. Interview mit der Autorin. http://metz-melchior.de/sch%C3%BCssler-salze (Abgerufen am 24.02.2018)
  4. Stiftung Warentest: Haaranalyse: An den Haaren herbeigezogen. https://www.test.de/Haaranalyse-An-den-Haaren-herbeigezogen-1206409-2206409/ (Abgerufen am 24.02.2018)

 

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