Participemus cogitationes de historia sancti præputia cordium nostrorum Domino Iesu Christo

Et postquam consummati sunt dies octo ut circumcideretur vocatum est nomen eius Iesus quod vocatum est ab angelo priusquam in utero conciperetur (1)

Mit diesen Worten beginnt eine spannende Geschichte der Kirchenhistorie. Ich wollte ja schon länger darüber etwas schreiben, aber ich dachte mir, wartest auf Ostern, wo es eh um Eier geht fällt so eine Vorhaut auch nicht weiter auf. Ja, es geht heute um eine Vorhaut, eine ganz besondere Vorhaut, nämlich die von Jesus Christus.

Also fangen wir am Anfang an. Die Bibel berichtet von der Geburt Jesu und seiner Beschneidung, die dem jüdischen Brauch folgend acht Tage danach stattfand. Damit fingen die Probleme aber erst an, denn die Vorhaut war ab, was macht man damit? Die Antwort: Man weiß es nicht. Das apokryphe Arabische Kindheitsevangelium stammt aus dem sechsten Jahrhundert und darin heißt es, eine alte Frau habe nach der Beschneidung Jesu dessen Vorhaut in einem Nardengefäß verwahrt, wobei es sich um eben jenes Gefäß handeln soll, aus dem Maria Magdalena später das Öl nehmen sollte, um den Heiland zu salben. Danach taucht das Praeputium erst wieder in der Weihnachtszeit des Jahres 800 auf. Da – so erzählt die Legende – schenkt anlässlich seiner Kaiserkrönung Karl der Große die Vorhaut nämlich Papst Leo III. (und jetzt mal ehrlich, wer von uns hat sich nicht schon einmal eine 800 Jahre alte Vorhaut zu Weihnachten gewünscht?)

Nun ist die Frage, wo er das Dingsi herbekommen hat. Dazu gibt es zwei Versionen Version 1: Bei einer Pilgerfahrt nach Jerusalem haben es ihm Engel geschenkt. Version 2: Die Kaiserin Irene von Byzanz hat es ihm geschenkt. Könnt ihr euch ja mal selber Gedanken zu machen.

So weit so gut. Der Papst ließ ein aufwändig gestaltetes Kästchen basteln und bewahrte das Praeputium dann in der Reliquiensammlung seiner Hauskapelle Sancta Sanctorum auf. Einmal im Jahr zum Fest Beschneidung Jesu wurde es herausgeholt und angebetet. Interessant ist, dass in den gut 700 Jahren, in denen die Vorhaut in der Hauskapelle des Papstes aufbewahrt wurde, noch mindestens zwölf weitere Städte von sich behaupteten, sie würden die einzig Wahre Vorhaut Jesu Christi besitzen.

Aber zurück in die päpstliche Hauskapelle. Dort ging alles so Lange gut, bis am 6. Mai 1527 kaiserliche Landsknechte über Rom kamen und dort mordeten, plünderten und vergewaltigten. Während des Sacco di Roma wurde gut die Hälfte der römischen Bevölkerung getötet und Millionenwerte an Kunstwerken, Schmuck und Gold geraubt.

Einer dieser Landsknechte, wohl kein besonders heller, eroberte jedoch kein Gold und keine Edelsteine, sondern sicherte sich das Kästchen mit dem Hautkringel. Dies unter seiner Kleidung versteckt, machte er sich dann auf den Heimweg. Doch er kam nicht weit sondern wurde 50 km nördlich von Rom von Soldaten des Flaminio d’Anguillara aufgegriffen und in den Kerker der Burg von Calcata geworfen. Aus Angst, für den Diebstahl auf dem Scheiterhaufen zu landen, verscharrte der Deutsche das Reliquienkästchen im Lehmboden seiner Zelle. Doch er wurde freigelassen und kehrte nach Rom zurück wo er ein Leben in Buße und Reue führte. Er endete im Ospedale di Santo Spirito wo er in seiner Todesstunde dem Kaplan das Versteck der Reliquie verriet. Dieser informierte sofort Papst Clemens, welcher von Flaminio d’Anguillara die Rückgabe der Vorhaut verlangte. Doch dessen Mutter Maddalena Strozzi verweigerte die Herausgabe. Komisch, dass es immer die Frauen waren, die an diesem Stückchen Haut so hingen. Sie ließ es statt dessen im Altar der Pfarrkirche von Calcata verschließen. Der Nachfolger Clemens, Sixtus V., erkannte dies schließlich an und versprach sogar einen Sündenerlaß für den Besuch der Reliquie. Nicht unwichtig für Calcata, für das der Pilgerstrom einen erheblichen Wirtschaftsaufschwung bedeutete. (2)

Jedes Jahr am 1. Januar gab es dann noch eine schöne Prozession mit dem Häutchen und alle waren glücklich. Wahrscheinlich gab es Bratwurst nach der Prozession. Mit Kartoffelsalat. Oder ohne. Man weiß es nicht.

Nun war es allerdings so, dass seit dem 19. Jahrhundert dem Vatikan diese Vorhaut-Verehrung eher peinlich war. Im Jahr 1900 hat die Oberste Heilige Kongregation sogar ein Dektret erlassen, das den Christen unter Androhung der Exkommunikation verbietet, über das Praeputium zu sprechen oder zu schreiben, es sei denn, man hätte eine Genehmigung des Papstes. Das steigerte sich im Laufe der Zeit dahin, dass 1962 das Fest der Beschneidung Christi einfach abgeschafft wurde.

Aber in Calcata wurde munter weiter prozessiert. Jedes Jahr am 1. Januar. Bis 1983. Da war’s weg, das Vorhäuterl. Keiner weiß, wer es gemopst hat, aber es ist definitiv weg. Natürlich gibt es wegen dieses plötzlichen Verschwindens einige Gerüchte, man könnte auch Verschwörungstheorien sagen. Da wurde behauptet, der Priester selbst hätte die Reliquie verkauft. Oder Satanisten hätten sie für irgendwelchen unaussprechlichen Rituale benötigt. Oder der Vatikan selbst hat sie verschwinden lassen, wegen der Klonerei. Ja, wirklich. Manche Menschen gehen davon aus, dass der Vatikan die Vorhaut weggebracht hat, damit niemand DNA aus ihr extrahieren kann. Nun, wo auch immer sie ist, wir wissen es nicht.

Bei den Wundern, welche die heiligen Vorhäute wirkten, spielte bemerkenswert oft latent oder offen Sexuelles eine Rolle. Die im französischen Charroux aufgetauchte Reliquie sollte beispielsweise Schwangeren helfen. Und eine adlige Dame aus Calcata, die das frisch entdeckte Säckchen mit der Vorhaut öffnen wollte, bekam sofort ganz steife Finger, ob derer sie ihr Vorhaben aufgeben musste. Erst der „zarten Jungfrau“ Clara gelang dann die Enthüllung. Besonders interessant sind in dieser Hinsicht die von ihrem Beichtvater aufgezeichneten Visionen der Agnes Blannbekin aus dem 14. Jahrhundert, der das Häutchen bei der heiligen Kommunion auf der Zunge erschien und ihr beim Herunterschlucken vorher ungekannte Wonnen und Freuden „in allen Gliedern und in allen Muskeln der Glieder“ bescherte. (3)

Die heilige Brigitta von Schweden hatte angeblich eine Offenbarung in der gesagt wurde: Und Maria sprach: als mein Sohn beschnitten wurde, bewahrte ich die Membrane mit der größten Ehre auf, wo ich auch hinging. Wie hätte ich sie der Erde übergeben können, die von ihr ohne Sünde gezeugt worden ist. Als die Zeit der Abberufung kam, übergab ich sie dem heiligen Johannes, meinem Beschützer, zugleich mit dem gebenedeiten Blut, das an seinen Wunden geblieben war, als sie ihn vom Kreuz genommen haben. Die Gläubigen versteckten später diese Dinge an einem reinen Ort unter der Erde. Lange blieben sie unbekannt, bis sie endlich der Engel Gottes den Freunden offenbarte.

Die heilige Katharina von Siena (1347-1380) andererseits soll die Vorhaut Jesu als unsichtbaren Fingerring getragen haben, während sie sich ekstatisch am Boden wälzte und die „spirituellen Umarmungen Christi“ erfuhr. Alfonso Salmerón (1515-1585), ein spanischer Jesuit schrieb: Jesus schickt also in diesem Beschneidungsgeheimnis seinen Bräuten (wie eine heilig gesprochene Jungfrau schriftlich hinterlassen hat) den fleischenen Ring des höchst kostbaren Präputiums. Nicht hart ist er; mit sardischem Stein gerötet, trägt er die Aufschrift: wegen des vergossenen Blutes. Er trägt auch eine Inschrift, die an die Liebe erinnert, nämlich den Namen Jesu. der Hersteller des Ringes ist der heilige Geist, seine Werkstätte ist Marias reinster Schoß. Das Ringlein ist weich, und wenn du es an den Finger deines Herzens steckst, so verwandelt es dein steinernes Herz in ein mitfühlendes. Weißglänzend und rot ist das Ringlein, weil es uns bis zum Blutverguss fähig macht, der Sünde zu widerstehen und uns rein und gottliebend verwandelt. Und Leo Allatius (1586-1669), ein vatikanischer Gelehrter schrieb das Buch De Praeputio Domini Nostri Jesu Christi Diatriba, in dem er vermutete, dass es sich bei den Saturnringen, die 1610 erst entdeckt wurden, um eben die Vorhaut Jesu handelt.

Übrigens gab es auch eine interessante theologische Diskussion über den Status des Praeputiums. Die Frage war nämlich, ob die Vorhaut überhaupt eine Reliquie sei oder nicht. Der Vatikan setzte hierzu im 19. Jahrhundert eine Kommission ein, die lange Zeit über dieses Problem disputierte. Das Ergenis war: Nein! Das Praeputium ist keine Reliquie, denn sie wurde ja bereits vor dem Martyrium Jesu abgetrennt. Wäre sie während der Kreuzigung noch dran gewesen und im Laufe der Prozedur abgetrennt worden, dann wäre es eine Reliquie so aber nicht. Deswegen dürfte man das Praeputium zwar verehren, aber nicht anbeten. Gut, dass das geklärt ist.

Wenn ihr jetzt noch nicht genug habt von der Vorhaut Jesu, dann könnt ihr nochmal beim wirklich hörenswerten Podcast vom Buddler vorbei schauen, denn der hat zu diesem Thema eine tolle Folge produziert. Also: Reinhören!

 

(1) Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, bevor das Kind im Mutterleib empfangen war. Lukas 2,21
(2) http://stadtbesichtigungen.de/index.php/de/latium/158-heilige-vorhaut.html
(3) https://www.heise.de/tp/features/Sanctum-Praeputium-3380758.html

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2 Gedanken zu “Participemus cogitationes de historia sancti præputia cordium nostrorum Domino Iesu Christo

    1. Wenn man sich überlegt, dass es sich ja um eine Säuglingsvorhaut handelt, kann man durchaus sagen, dass es sich bei der Umarbeitung zu Saturn-Ringen um eine handwerkliche Meisterleistung gehandelt haben dürfte 😉

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