Klötenklatschen für die Wissenschaft

Manchmal finde ich es ja faszinierend, wie viele ansonsten vernünftig denkende Menschen auf die Homöopathie hereinfallen. Einer dieser Menschen war Chirurg und machte sich trotz langjähriger Forschungsarbeit für die Homöopathie stark. Die Rede ist von August Bier. Dieser August Bier verfasst im Jahr 1925 in der Münchner Medizinischen Wochenschrift einen Artikel unter der Überschrift „Wie sollen wir uns zur Homöopathie stellen“ und löste damit eine recht rege Diskussion mit seinen Standesgenossen aus.

Aber schauen wir uns erstmal seine Vita an. Bier wurde am 24. November 1861 in Helsen im Land Walseck (heute Hessen) geboren und besuchte die „Alte Landesschule“ in Korbach, wo er 1881 auch sein Abitur ablegte. Sein Studium der Medizin (1881 bis 1886) führte ihn an die Universitäten von Berlin, Leipzig und Kiel. Nach seinem Abschluss wurde er erst Landarzt und ging später zur See. 1888 ging er an die Kieler Chirurgie und wurde dort Assistent des Chirurgen Friedrich von Esmarch. Ein Jahr später habilitierte er sich in der Chirurgie und blieb für elf weitere Jahre in Kiel, bis er 1899 einem Ruf an die Greifswalder Universität folgte. 1903 wechselte er an die Universität in Bonn, wo er mangels eines eigenen Operationssaales an der Universität im St.-Johannes-Hospital operierte. Wiederum vier Jahre später, also 1907, wurde er Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik in Berlin (Ziegelstraße). Im bald ausbrechenden Ersten Weltkrieg bekleidete Bier die Position des Marinegeneralarztes und in dieser Funktion beratender Chirurg des XVIII. Armee-Korps. Zu dieser Zeit entwickelte er gemeinsam mit dem Prof. Dr.-Ing. Friedrich Schwerd den Stahlhelm „M1916“, der zahlreiche Soldaten vor schweren Kopf- und Hirnverletzung schützte. 1920 wurde er zum Leiter der damals neu gegründeten Hochschule für Leibesübungen in Berlin, aus der die Deutsche Sporthochschule (heute Köln) hervorgehen sollte. Von 1930 bis 1932 bekleidete August Bier auch den Vorsitz der Berliner Chirurgischen Gesellschaft. 1932 wurde er emeritiert.

Nach seiner Emeritierung sympathisierte Bier stark mit dem Nationalsozialismus. So publizierte er beispielsweise bereits im April 1932 einen Aufruf für die NSDAP im Völkischen Beobachter. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er 1937 gemeinsam mit dem legendären Chirurgen Ferdinand Sauerbruch während des Reichsparteitages mit dem „Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft“ ausgezeichnet. Hitler ernannte August Bier am 18. August 1942 zum außerordentlichen Mitglied des wissenschaftlichen Senats des Heeressanitätswesens. Am 12. März 1949 verstarb Bier in Berlin.

Seine größte wissenschaftliche Leistung dürfte aber die Erforschung der Spinalanästhesie sein. Hierbei handelte es sich um eine Lokalanästhesie mit Kokain im Wirbelkanal. Diese Versuche führte er im August des Jahres 1898 gemeinsam mit seinem Assistenten August Hildebrandt durch. 1899 erschien dann in der „Deutschen Zeitschrift für Anästhesie“ sein Artikel „Versuche über die Cocainisierung des Rückenmarkes“. In der Folgezeit stritt sich Bier mit dem US-amerikanischen Neurologen James Leonard Corning, wer dieses Verfahren erfunden hat, hatte doch Corning bereits 1885 hierzu Versuche durchgeführt. Heute wird Corning die Schaffung der experimentellen und theoretischen Voraussetzungen für die Spinalanästhesie zugeschrieben, Bier die erfolgreiche Anwendung und anschließende Etablierung des Verfahrens in der Klinik. (Wikipedia) Auch zerstritt sich Bier mit seinem damaligen Assistenten Hildebrandt, weil dieser nicht als Co-Autor genannt wurde.

Aber kommen wir zurück zum 24. August 1898, als Bier einen Selbstversuch unternahm. Im vorgenannten Artikel beschreibt er sechs Fälle, in denen er bereits vorher eine „Cocainisierung des Rückenmarks“ durchgeführt hatte.

Der Selbstversuch begann damit, dass sein Assistent Dr. Hildebrandt eine Lumbalpunktion bei ihm durchführte, um 1/2 Spritze einer 1 proc. Cocainlösung (0,005 Cocain) einspritzen zu lassen. Da bei dieser Prozedur viel Rückenmarksflüssigkeit ausgetreten war, erklärte sich sein Assistent dazu bereit, den Versuch an sich selbst ausführen zu lassen, und so erhielt auch Hildebrandt die Injektion. Die folgenden Auswirkungen beschrieb August Bier recht detailliert. Deswegen seien selbige an dieser Stelle hier auch wiedergegeben. Alleine um zu dokumentieren, was die beiden Ärzte alles auf sich genommen haben. Die Injektion an Hildebrandt erfolgte um 19.38 Uhr (die Uhrzeit der Injektion an Bier ist nicht aufgeführt, fand aber marginal früher statt).

Nach 7 Minuten wurden Nadelstiche am Oberschenkel als Druck, Kitzeln an der Fusssohle kaum noch empfunden.
Nach 8 Minuten wurde ein kleiner Hautschnitt am Oberschenkel als Druck, das tiefe Durchziehen einer stumpfen grossen und krummen Nadel durch die Weichtheile des Oberschenkels nicht im mindestens schmerzhaft empfunden.
Nach 10 Minuten wurde eine grosse gestielte Nadel bis auf den Oberschenkelknochen eingestossen, ohne den geringsten Schmerz zu erzeugen. Sehr starkes Kneifen der Haut und Fassen und Quetschen mit einer Hakenpincette wurde als Druck empfunden.
Nach 11 Minuten: Am Arme ist das Schmerzgefühl stark herabgesetzt.
Nach 13 Minuten: Eine brennende Cigarre wird an den Beinen als Hitze, nicht als Schmerz empfunden. Aether erzeugt ein Gefühl von Kälte.
Nach 15 Minuteen: Kitzeln der Fusssohle wird als solches nicht mehr empfunden, sondern nur als Berührung. Kneifen am Bein wird als leichter Druck von den oberen Theilen der Brust als starker Schmerz empfunden.
Nach 18 Minuten: Von den Brustwarzen abwärts wird starkes Kneifen kaum noch empfunden.
Nach 20 Minuten: Ausreissen von Schamhaaren wird als Erhebung einer Hautfalte, von Brusthaaren oberhalb der Warzen dagegen als lebhafter Schmerz empfunden. Starkes Ueberbiegen der Zehen ist nicht unangenehm.
Nach 23 Minuten: Starker Schlag mit einem Eisenhammer gegen das Schienbein wird nicht als Schmerz empfunden.
Nach 25 Minuten: Starkes Drücken und Ziehen am Hoden ist nicht schmerzhaft.
Nach 32 Miuten: Kitzeln an der Fusssohle wird als leise Berührung empfunden. Stich bis auf den Oberschenkelknochen und starker Druck auf den Hoden ist nicht schmerzhaft.
Nach 40 Minuten: Heftige Schläge welche mit den Handknöcheln gegen das Schienbein geführt werden, sind nicht schmerzhaft.
Am ganzen Körper bricht spärlicher Schweiss aus.
Nach 42 Miuten: Abschnurung des Oberschenkels mit einem Gummischlauch wird als geringer Druck, des Oberarms als lebhafter Schmerz empfunden.
Nach 45 Minuten: Die Schmerzempfindung fängt an, sich wieder einzustellen, ist aber noch sehr stark herabgesetzt. Allmählich nimmt sie zu und kehrt zur Norm zurück. (*)

Auch die Nachwirkungen dieses Versuchs zeichnete August Bier getreulich auf. Obschon sein Assistent Hildebrandt die nächsten drei bis vier Tage unter Kopfschmerzen, Erbrechen und Appetitlosigkeit litt, konnte er in dieser Zeit doch seinen normalen Dienst versehen und sogar Operationen durchführen. Bier selbst war ganze neun Tage mit ähnlichen Symptomen außer Gefecht gesetzt.

Natürlich mutet die Vorstellung, wie die beiden gelehrten Wissenschaftlicher sich gegenseitig mit Eisenhämmern traktieren, Schamhaare ausreißen und Hoden kneten etwas skurril – und auch etwas bizarr – an, aber ihren Forschungen ist es zu verdanken, dass die Spinalanästhesie, die heute selbstverständlich mit anderen Mitteln als Kokain durchgeführt wird, heute ein Standardverfahren der Anästhesie darstellt, die Anwendung bei einer Vielzahl von Operationen am Unterbauch, im Becken, der unteren Extremität sowie in der Geburtshilfe findet. (Wikipedia)

Was jetzt aber August Bier mit dem Forstbau und der Homöopathie zu tun hat, das verrate ich euch im zweiten Teil dieses Artikels.

 

(*) Bier, August: Versuche über die Cocainisierung des Rückenmarks. In: Deutsche Zeitschrift für Chirurgie, 51(1899). S. 361-368.

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