Was Menschen sich freiwillig alles antun! Heute: Die Osteopathie

Der menschliche Körper verfügt über 210 Knochen, mehr als 650 Muskeln und ungefähr 400 Sehnen. Dies ergibt mehrere tausend Möglichkeiten von Beschwerden, Erkrankungen und Verletzungen, die sich ein Mensch im Laufe seines Lebens einhandeln kann. Gerade Rückenbeschwerden sind ja eine Volkskrankheit. Knie, Hüfte, Genick… überall zwickt’s und zwackt’s. Ist ja kein Problem, da lässt man sich vom Hausarzt zum Orthopäden überweisen. Gut, wie immer wenn es um einen Facharzttermin geht hat man arge Wartezeiten, aber zum Schluss wird wenigstens geholfen. In letzter Zeit besuchen aber auch immer mehr Schmerzgeplagte die Praxen von Osteopathen. Grund genug, mal einen Blick auf diese „Therapie“ zu werfen.

Die Osteopathie wurde von Andrew Taylor Still (1828-1917) in den 1870er Jahren erfunden. Am 22. Juni 1874 trat er mit seinen Thesen erstmal an die Öffentlichkeit und betitelte sie gleich als „neue Wissenschaft“. Still hatte sich schon eine interessante Theorie zusammengebastelt. Er ging davon aus – und seine Anhänger tun dies heute noch -, dass man durch eine manuelle Diagnostik Funktionseinschränkungen von Knochen, Gelenken und Organen erkennen und durch eine ebenso manuelle Behandlung beheben kann. Aber dazu kommen wir später genauer, bleiben wir doch noch kurz bei Herrn Still.

Interessant ist nämlich, dass Still immer angab, die Osteopathie aus seinen eigenen Erfahrungen und „von Gott eingegeben“ erfunden zu haben. Bereits vorhandenes Wissen, dessen er sich bediente, wurde von ihm verleugnet. Allgemein zeigen die Annahmen Stills eine recht einfache Perspektive auf die Medizin. Die verehrten Kollegen von Psiram schreiben hierzu:

Still hatte zu Lebzeiten recht seltsame Ansichten über die Wirksamkeit seiner Methode. So schrieb er in seiner Autobiographie: ‚shake a child and stop scarlet fever, croup, diphtheria, and cure whooping cough in three days by a wring of its neck’. Solche fragwürdigen Ansichten sind medizinhistorisch typisch für die Zeit, in der Still lebte. Offenbar sah er die therapeutische Welt nur aus der vereinfachten chirurgischen Perspektive und erklärte sich die Krankheiten nach dem Aufbau eines eigenen Denksystems als Folge von Veränderungen der Knochen und Organe. Es ist auch dem medizinischen Laien offensichtlich, dass dieses begrenzte System die tatsächlichen Abläufe im menschlichen Organismus nur zu einem kleinen Teil beschreibt. Wird solch ein Ansatz aber mit genügend Energie verfolgt, ist er durchaus geeignet, einfachere Gemüter in seinen Bann zu ziehen. (1)

Wie gesagt, Still ging davon aus, dass man Krankheiten durch die Behandlung des Skeletts bzw. des Bewegungsapparates heilen könne. Er sah in verspannten Muskeln, blockierten Gelenken, Arterienverkalkung etc. die Ursachen der Krankheiten, wird doch durch diese Beeinträchtigungen der Blutkreislauf und das Lymphsystem eingeschränkt. Der Osteopath kann nach seiner Theorie mit den Händen die Grundspannung von Muskeln, Knochen und Gelenken feststellen und so gestörte Funktionen erkennen. Nach Auffassung Stills heilt sich der Körper bei Störungen grundsätzlich selbst, und es ist nicht möglich, ihn von außen zu heilen. Die Osteopathie soll die Selbstheilungskräfte aktivieren und fördern. (2)

Diese Annahmen formulierte Still in vier Grundsätzen:

  • Die Rolle der Arterie ist essentiell.
  • Der Körper ist eine Funktionseinheit.
  • Die Funktion bestimmt die Körperstruktur und umgekehrt.
  • Der Körper besitzt die Fähigkeit zur Selbstregulation. (2)

Mit diesen Grundsätzen wollen die Osteopathen noch heute Menschen von ihren Leiden Erlösen. Gerade bei Kindern sollen eine Vielzahl von Krankheiten mit Osteopathie geheilt werden können. Das Spektrum reicht von Stillproblemen, chronischen Mittelohrentzündungen und Dreimonatskoliken über Hüftfehlbildungen, Neurodermitis bis hin zu Lernstörungen und dem notorischen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. (3)

Zur Behandlung kennt die Osteopathie folgende Techniken:

  • Mobilisierende Muskeltechniken: Mit bestimmten Griffen oder Bewegungsfolgen werden Gelenkfunktionsstörungen an der Wirbelsäule und den Extremitäten behandelt. Dabei arbeitet man mit geführten Bewegungen, Muskelzug oder äußerer Krafteinwirkung.
  • Myofasziale Techniken: Da die Muskulatur mit Faszien umhüllt ist, sollen diese behandelt werden, um daraus therapeutischen Nutzen zu ziehen. Es werden Zug- und Druckreize zur Normalisierung der Gewebsspannung verwendet bzw. um Durchblutung und Beweglichkeit zu steigern.
  • Viszerale Techniken: Da die inneren Organe beweglich angeordnet sind, sollen mit der Osteopathie angenommene Verspannungen der Bindegewebselemente behoben werden. Daraus leitet man den Anspruch ab, Fehlfunktionen der Organe selbst therapieren zu können, weil angeblich die freie Beweglichkeit der Organe für deren normale Funktion essentiell sei.
  • Kranio-sakrale Techniken: Es wird postuliert, dass bei Erwachsenen die Schädelknochen gegeneinander beweglich seien. Man postuliert außerdem einen bestimmten Rhythmus dieser Bewegung, nämlich rythmische Druckschwankungen des Liquor, der das Gehirn umhüllt. Derartige Druckschwankungen sind in der Medizin jedoch nicht bekannt. (1)

Es sind manuelle Therapien und Techniken, die hier angewendet werden und die durchaus schon mal gefährlich werden können. Anzumerken ist hier noch, dass die Cranio-Sacral-Therapie nicht durch Still selbst, sondern ab den 1930er Jahren von seinem Schüler W.G. Sutherland entwickelt wurde. Über die Kranio-Sakral-Therapie sind sich die Osteopathen allerdings untereinander auch nicht einig.

Aber wie sieht es mit der Wirksamkeit aus? Die verehrten Kollegen von Psiram überschreiben den Absatz zur Wirksamkeit der Osteopathie mit der Überschrift Eine Methode ohne glaubwürdigen Wirksamkeitsnachweis und treffen damit den Nagel auf den Kopf. Grund dafür ist, dass von den insgesamt 30 gefundenen klinischen Studien nur neun die erforderliche Mindestpunktzahl zur Einstufung in Qualitätskategorien erreichten, was bedeutet, dass die Studien zu dilettantisch durchgeführt oder zu schlecht dokumentiert waren, um aus ihnen einen glaubhaften Wirksamkeitsnachweis der Methode herausarbeiten zu können. (1)

Und die Journalistin Josephina Maier schreibt in der Zeit: Qualitativ hochwertige Studien, die eine Wirksamkeit der Osteopathie bei Säuglingen und Kindern belegen, existieren nicht. In einer systematischen Analyse im Fachjournal Pediatrics urteilten die Autoren im Jahr 2013 nüchtern: ‚Allgemein betrachtet, befürworten kleine und verzerrte Studien die osteopathische Behandlung, während die größten und methodisch korrekten Studien keinen Effekt zeigen konnten. (…) Die mangelnde methodische Qualität und der Mangel an Studien überhaupt ist bemerkenswert. Solange keine Daten vorliegen, kann die Osteopathie nicht als effektive Therapie für Kinder betrachtet werden, und Osteopathen sollten das auch nicht behaupten.‘ (3)

Ähnlich wie bei der Homöopathie hängt auch in der Osteopathie viel vom Therapeuten ab. Hierzu sei mir noch ein Zitat aus dem Artikel von Frau Maier erlaubt: Kinder-Osteopathen sind oft charismatische Menschen, erfahren im Umgang mit Säuglingen. Viele nehmen sich Zeit für ihre Patienten und die Eltern. Bevor Osteopathen mit der Untersuchung beginnen, befragen sie die Mutter genau zur Schwangerschaft, zur Geburt, zum alltäglichen Verhalten des Kindes. Die osteopathische Untersuchung und Behandlung der Säuglinge erfolgt mal auf einer Liege mit Kuscheldecke, mal auf dem Arm der Mutter. (3)

Ähnlich wie beim Heilpraktiker gibt es in Deutschland keine einheitliche Ausbildung zum Osteopathen. Somit wird Osteopathie auch überwiegend von Heilpraktikern betrieben, wobei der Prozentsatz von Ärzten in diesem Metier stetig zunimmt. Es gibt Schulen für Osteopathie, die mehrjährige Ausbildungen anbieten. „Allerdings gibt es auch die Möglichkeit, Osteopathie im ‚Schnelldurchgang‘ zu erlernen, etwa in Wochenendkursen im europäischen Ausland. Ob die notwendige Qualität der Ausbildung dann gegeben ist, ist zumindest fraglich“, sagt Sebastian Ropohl, der Orthopäde und Osteopath aus Hamburg-Bergedorf. Er fordert zudem eine zusätzliche Ausbildung für die Ärzte, die eine Behandlung von Kindern und Säuglingen anbieten. (3)

(Alle abgerufen am 5. Juni 2018)

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