Steiners Rudi und die Impfungen

Brechen irgendwo in Deutschland die Masern aus, so kann man seine Schwiegermutter darauf verwetten, dass im Zentrum des Geschehens auch in irgendeiner Art und Weise eine Waldorfschule oder sonst eine anthroposophische Einrichtung zu finden ist.

Bei der Anthroposophie handelt es sich um eine Glaubensvorstellung, die mit der realen Welt absolut nichts zu tun hat und von Rudi Steiner, einem österreichischen Esoteriker, erfunden wurde. Diese Glaubensvorstellung nun erstreckt sich auf alle Bereiche des Lebens, so auch auf die Medizin. Denn der Rudi hat sich nämlich auch eine eigene anthroposophische Medizin ausgedacht. Und das, obwohl er absolut keine medizinische Aus- oder Vorbildung hat.

Und diesen Erfindungen eines Esoterikers und medizinischen Laien folgen heute noch zahlreiche Menschen. Einfach unglaublich! Übrigens, seine Weisheiten sind noch nicht mal auf seinem eigenen Mist gewachsen, sondern stammen aus sogenannten „Schauungen“, also Hellsehereien, in denen der Rudi das alles erfahren haben will. Ich persönlich wäre bei medizinischen Ausführungen aus solch… nun ja … bizarrer Quelle… eher vorsichtiger, aber gut, wer drauf hören will…

Aber zurück zu den Masernausbrüchen und den Impfungen. Dazu hatte der Rudi nämlich auch eine Meinung. Keine gute allerdings. 1917 sagt er über Impfungen:

Die Seele wird man abschaffen durch ein Arzneimittel. Man wird aus einer «gesunden Anschauung» heraus einen Impfstoff finden, durch den der Organismus so bearbeitet wird in möglichst früher Jugend, möglichst gleich bei der Geburt, daß dieser menschliche Leib nicht zu dem Gedanken kommt: Es gibt eine Seele und einen Geist. — So scharf werden sich die beiden Weltanschauungsströmungen gegenübertreten. Die eine wird nachzudenken haben, wie Begriffe und Vorstellungen auszubilden sind, damit sie der realen Wirklichkeit, der Geist- und Seelenwirklichkeit gewachsen sind. Die andern, die Nachfolger der heutigen Materialisten, werden den Impfstoff suchen, der den Körper «gesund» macht, das heißt so macht, daß dieser Körper durch seine Konstitution nicht mehr von solch albernen Dingen redet wie von Seele und Geist, sondern «gesund» redet von den Kräften, die in Maschinen und Chemie leben, die im Weltennebel Planeten und Sonnen konstituieren. Das wird man durch körperliche Prozeduren herbeiführen. Den materialistischen Medizinern wird man es übergeben, die Seelen auszutreiben aus der Menschheit. (1)

Ein bisserl arg geschwurbelt oder? Nun ja, daran müssen wir uns bei unserem Rudi gewöhnen, einfach zu sagen, was er meint, wäre ja zu einfach.

Jedenfalls behauptete Steiner, dass Krankheiten nicht prinzipiell schlecht sein müssen, nein, sie fördern die Entwicklung des Menschen. Die Anthroposophische Medizin fasst die Masern als eine Krankheit auf, die auf die gesamte Biographie bezogen durchaus eine sinnhafte Wirkung haben kann. (2) Denn speziell Masern sind laut Rudi Steiner das Resultat eines „karmischen Erlebnisses“. Heißt also, die Krankheit hat ihren Ursprung in einem früheren Leben. Damals hat sich der heute Kranke nämlich ganz egoistisch nur um sich selbst gekümmert, anstatt um die „äußere Welt“. Seiner Meinung nach kann man sich durch die Masern von „karmischen Ballast“ befreien. Das sind schon steile Thesen und wo hat der Rudi seine Weisheit her? Natürlich aus einer Schauung! Sprich, er hat sie sich selbst ausgedacht, wie alle seine Schwurbeleien.

Man kann eine solche Aussage natürlich auch als sogenanntes „Victim Blaming“ sehen, also als Opferbeschuldigung. Was? Du hast die Masern? Biste doch selber schuld, wärste in deinem früheren Leben ein besserer Mensch gewesen!

Ist doch Blödsinn sowas. Masern werden ausgelöst durch das Masernvirus und diesem Virus ist es wurschtegal, ob derjenige, den es befällt, ein guter oder ein schlechter Mensch ist. Ich kann es immer noch nicht verstehen, dass noch so viele Menschen (darunter ja auch Ärzte) einen solchen Schmarrn glauben und danach arbeiten.

Aber so richtig hat er sich doch nicht getraut, Impfungen komplett abzulehnen. Er versteckt sich immer wieder hinter der „individuellen Impfentscheidung“. Und das machen seine Nachfolger heutzutage auch noch. Beim „Bund der Freien Waldorfschulen“ liest sich das das dann so:

Eine differenzierte Auseinandersetzung sieht allerdings anders aus: Sie bezieht alle Erkenntnisse, die über Impfungen bei Kinderkrankheiten vorliegen, mit ein und wägt dann Vor- und Nachteile sorgfältig gegeneinander ab. Auch Fragen nach den langfristigen (immunologischen) Auswirkungen einer Impfung sollten in Ruhe gestellt werden können – und zwar im jeweiligen Einzelfall. Anthroposophische Schulärztinnen und -ärzte zum Beispiel sind nicht generell gegen Impfungen, aber für die Respektierung der individuellen elterlichen Impfentscheidung – eine Position, die auch vom Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V. vertreten wird. Nach geltendem Recht ist dies die einzig rechtskonforme ärztliche Haltung. (3)

Über die „Ärzte für individuelle Impfentscheidung könnt ihr übrigens hier bei den Kollegen von Psiram nachlesen.

Zu einer individuellen Impfentscheidung gehört aber auch, die Quellen für Aussagen zu prüfen und ob ein österreichischer Esoteriker, der vor über 100 Jahren irgendwelche Behauptungen ohne jede wissenschaftliche Grundlage in die Welt geblökt hat, so eine verlässliche Quelle ist, würde ich mal stark bezweifeln.

Versteht mich jetzt nicht falsch! In der Theologie zum Beispiel, da kann man mit Prophezeiungen, Schauungen und Visionen arbeiten, aber in der Medizin? Doch lieber nicht! Ich persönlich hätte ja eine Vermutung, wo der Rudi Steiner seine Schauungen her hatte. Darin spielen einige Kästen Bier und eine steile Kellertreppe eine Rolle, aber das ist nur eine Theorie…

Nun denn, für diejenigen unter euch, die jetzt denken der Onkel Michael bindet euch einen Bären auf, für alle die habe ich am Ende des Artikels (nach den Quellen) ein längeres Zitat von Rudi Steiner angehängt. Es stammt aus einem Vortrag über „Die Offenbarung des Karma“. Wer von euch mutig (oder betrunken) genug ist, der kann sich seine Auslassungen zum Thema Masern ja mal durchlesen.

Und wenn ihr noch einen hervorragenden Artikel zum Thema Waldorfschulen lesen möchtet, dann schaut mal bei den Ruhrbaronen vorbei, dort hat Andreas Lichte ausführlich und fundiert eine Gesamtaufnahme veröffentlicht: Drei Gründe für die Waldorfschule. Dort findet ihr auch das untenstehende Zitat.

 

(1) http://fvn-rs.net/PDF/GA/GA177.pdf
(2) http://blog.psiram.com/2011/11/impkritik-zum-tod-der-13-jahrigen-natalie-an-masernsspe/
(3) https://www.waldorfschule.de/waldorfpaedagogik/salutogenese/impfen/
Alle abgerufen am 25. Juni 2018

 

Rudolf Steiner begründet, warum Masern eine Krankheit sind, die man durchmachen muss:

Nehmen wir an, im späteren Leben bekommt eine Persönlichkeit Masern, und wir suchen nach dem karmischen Zusammenhang dieses Falles. Wir finden dabei, daß dieser Masernfall aufgetreten ist als eine karmische Wirkung von solchen Vorgängen in einem vorangegangenen Leben, die wir etwa so beschreiben können: Die betreffende Individualität war in einem vorhergehenden Leben eine solche, die sich nicht gern um die äußere Welt bekümmert hat, sich nicht gerade im grob egoistischen Sinne, aber doch viel mit sich selber beschäftigt hat; eine Persönlichkeit also, die viel nachgeforscht hat, nachgedacht hat, aber nicht an den Tatsachen der äußeren Welt, sondern die im inneren Seelenleben geblieben ist. Sie finden auch heute sehr viele Menschen, welche glauben, daß sie durch In-sich-abgeschlossen-Sein, durch Grübeln und so weiter zur Lösung von Welträtseln kommen können. Bei der Persönlichkeit, die ich meine, handelte es sich darum, daß sie mit dem Leben so fertigzuwerden suchte, daß sie innerlich nachgrübelte, wie man sich in diesem oder jenem Falle verhalten soll. Die Schwäche der Seele, welche sich daraus ergeben hat im Verlaufe des Lebens, führte dazu, daß im Leben zwischen Tod und neuer Geburt Kräfte erzeugt wurden, welche den Organismus in verhältnismäßig später Lebenszeit noch einem Masernanfall aussetzten.

Jetzt können wir uns fragen: Wir haben auf der einen Seite den Masernanfall, der die physischkarmische Wirkung ist eines früheren Lebens. Wie ist es denn aber nun mit dem Seelenzustand? Denn das frühere Leben gibt ja als karmische Wirkung auch einen gewissen Seelenzustand. Dieser Seelenzustand stellt sich so dar, daß die betreffende Persönlichkeit in dem Leben, wo sie auch den Masernanfall hatte, immer wieder und wieder Selbsttäuschungen unterworfen war. Da haben Sie also die Selbsttäuschungen anzusehen als die seelisch-karmische Folge dieses früheren Lebens und den Eintritt der Masern als die physischkarmische Folge jenes Lebens.

Nehmen wir nun an, dieser Persönlichkeit wäre es gelungen, bevor der Masernfall eintrat, etwas zu tun, um sich gründlich zu bessern, das heißt, um eine solche Stärke der Seele sich anzueignen, daß sie nicht mehr ausgesetzt wäre allen möglichen Selbsttäuschungen. Dann würde diese dadurch heranerzogene Seelenstärke dazu geführt haben, daß die Masernerkrankung hätte unterbleiben können, weil das, was im Organismus schon hervorgerufen war bei der Bildung dieser Organisation, seinen Ausgleich gefunden hätte durch die stärkeren Seelenkräfte, welche durch die Selbsterziehung herangezogen worden wären. Ich kann natürlich nicht ein halbes Jahr über diese Sachen reden; aber wenn Sie weit im Leben herumschauen und alle Einzelheiten, welche sich als Erfahrungen darbieten, von diesem hier gegebenen Ausgangspunkt aus betrachten würden, so würden Sie immer finden, daß das äußere Wissen voll bestätigen würde – bis in alle Einzelheiten -, was hier gesagt worden ist. Und was ich jetzt gesagt habe über eine Masernerkrankung, das kann zu Gesichtspunkten führen, die erklären, warum Masern gerade zu den gebräuchlichen Kinderkrankheiten gehören. Denn die Eigenschaften, die genannt worden sind, kommen in sehr vielen Leben vor. Insbesondere in gewissen Zeitperioden haben sie in vielen Leben grassiert. Und wenn dann eine solche Persönlichkeit ins Dasein tritt, wird sie so schnell wie möglich Korrektur üben wollen auf diesem Gebiet und in der Zeit zwischen der Geburt und dem gewöhnlichen Auftreten der Kinderkrankheiten, um organische Selbsterziehung zu üben, die Masern durchmachen; denn von einer seelischen Erziehung kann ja in der Regel in diesem Alter nicht die Rede sein.

Daraus sehen Sie, daß wir wirklich davon sprechen können, daß die Krankheit in gewisser Beziehung wieder zurückverwandelt werden kann in einen geistigen Prozeß. Und das ist das ungeheuer Bedeutsame, daß wenn dieser Prozeß in die Seele als Lebensmaxime aufgenommen wird, er eine Anschauung erzeugt, die gesundend auf die Seele wirkt. In unserer Zeit braucht man sich nicht besonders zu wundern, daß man so wenig auf die Seelen wirken kann. Und wer die Zeit heute vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus durchschaut, der wird es begreifen, daß so viele Mediziner, so viele Ärzte Materialisten werden.

Rudolf Steiner, „Die Offenbarungen des Karma“, GA 120, FÜNFTER VORTRAG, Hamburg, 20. Mai 1910, S. 102ff

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