Von Indigo-, Kristall- und Sternenkindern oder: Watt dat?

Eltern lieben ihre Kinder und halten sie für etwas ganz besonderes. Manche übertreiben auch dabei und dann sitzt man Menschen gegenüber und muss sich stundenlang die Geschichten von ihren hochbegabten Kindern anhören, während man sich seinen Teil dabei denkt. Man kennt die Kinder ja auch und kann sie objektiv einschätzen. Geschichten über solche Eltern füllen seit Jahren Bücher, die immer wieder in den Bestsellerlisten landen. (1)

Und dann gibt es noch die Eltern, die gewaltig eskalieren. Und da kommen wir jetzt zu den „Indigo-Kindern“. Aber fangen wir mal ganz von vorne an und fragen uns: Indigo-Kind? Watt’n datt?

Als erste kam die Esoterikerin Nancy Ann Tappe 1982 mit diesem Spökes um die Ecke. Sie behauptete, dass jeder Mensch eine Aura hätte und sie diese sehen könnte. Weiters behauptete sie, dass die Menschen eine eigene „Lebensfarbe“ in der Aura hätte und eben jene Kinder hätten eine starke indigofarbene Aura. Weiter behauptete sie, dass Kinder mit dieser Aurafarbe eine besondere spirituelle Begabung hätten und eine besondere Stellung in der Welt einnehmen sollten.

In den 1990er Jahren griff der Esoteriker Lee Carroll diese Behauptungen auf und vermischte sie mit seinen eigenen „Theorien“. Er selbst behauptet nämlich, das Medium für eine außerirdische Entität namens „Kryon vom magnetischen Dienst“ (2) zu sein, der ihn auch auf diese „Indigo-Kinder“ aufmerksam gemacht haben soll. Das ganze kolportierte er in einem Buch, das 1998 erschien und den Titel trug „The Indigo Children: The New Kids Have Arrived“ und das er gemeinsam mit seiner Frau Jan Tober geschrieben hat. (3) Und diesen Kindern wurden dann auch alle möglichen Fähigkeiten zugeschrieben. So sollen sie seit Geburt von ihrer herausragenden Stellung wissen, hyperintelligent sein, keine Autoritäten akzeptieren oder sich nicht disziplinieren lassen. Auch seien sie „Querdenker“ und hätten auf Grund ihrer hohen Intelligenz Schwierigkeiten in der Schule, weswegen bei vielen von ihnen ADHS diagnostiziert würde. Natürlich sind diese Kinder „alte Seelen“. Äußerst subtil wird dann noch angedeutet, dass die „Indigo-Kinder“ die Vorboten einer enormen spirituellen Umwälzung auf der Erde seien. Quasi die Vorboten einer neuen Rasse, die auch außerirdische Anteile beinhalten würde.

Warum glauben nun Eltern, dass gerade ihre Kinder dazu gehören? Nun, es ist natürlich viel einfacher daran zu glauben, dass die eigenen Kinder etwas ganz besonderes sind, als dem Problem ADHS ins Gesicht zu blicken. Außerdem wurden die Behauptungen zu den Indigo-Kindern von Lee Carroll so allgemein und oberflächlich beschrieben, dass so gut wie jeder sein Kind darin wiederfinden könnte. Und schon sind wir wieder bei unserem alten Freund, dem Barnum-Effekt, der uns ja so oft bei esoterischen Konzepten begegnet.

Das ist jetzt gut 20 Jahre her, die sogenannten „Indigo-Kinder“ sind Twens geworden und das Interesse an dem Thema erlahmte. Da kam die Esoterikerin Doreen Virtue mit sogenannten „Kristallkindern“ um die Ecke. Sie stützt sich dabei auf Aussagen von Lee Carroll, der behauptete, dass sich bis 2012 „das Magnetische“ auf der Erde verschieben würde und die Kinder nach diesem Termin mit einer Kristallaura geboren würden. Diese Kristallaura würde „wunderbar mehrfarbig und opalisierend schillern“ und um die DNA dieser Kinder befände sich eine kristalline Schicht, die dazu da sei, um neu programmiert zu werden. Also wieder der selbe Spökes wie die „enormen spirituellen Umwälzungen auf der Erde“ wie bei den Indigo-Kindern.

Und auch den Kristallkindern werden nun ganz besondere (und ganz allgemeine) Verhaltensweisen zugeschrieben, wie die, dass sie Elektrogeräte kaputt machen würden oder dass sie auf Grund ihrer Erfahrungen in früheren Leben besserwisserisch seien und sich nicht gerne belehren ließen. Und so geht es weiter, eine allgemeine Aussage nach der anderen. Interessant ist der Vorwurf an die Ärzteschaft, dass Kristallkinder oftmals „böswillig“ als Autisten diagnostiziert würden. Also genau wie die ADHS-Diagnosen bei den Indigo-Kindern.

Aber die sogenannten Kristallkinder sind nicht das Ende dieser Idee. Doreen Virtue hat schon vorgesorgt und die dritte Generation von Wunderkindern angekündigt: die Regenbogenkinder. Diese würden warten, bis die Kristallkinder im gebärfähigen Alter seien, um von diesen auf die Welt gebracht zu werden. Deren Aura – wir ahnen es – sollen in allen Regenbogenfarben scheinen. Der Unterschied zu den Indigo- und Kristallkindern ist wohl der, dass die Regenbogenkinder keine inkarnierte Seelen seien, sondern das erste Mal auf der Erde seien und somit auch kein Karma hätten. Ihr Auftrag sei, die Weltenergien auszubalancieren.

Was bei allen drei „Generationen“ dieser Wunderkinder gleich ist: es gibt dazu eine Fülle von kommerziellen Esoterikangeboten, bei denen man sein Geld lassen kann. Von Seelenwanderungen bis hin zur Einhorntherapie ist alles dabei. Bücher, Videos, CDs, die Einfälle der Esoteriker haben keine Grenzen.

Natürlich hat sich diese Idee zu einem guten Teil auch verselbständigt. So gibt es jetzt zahlreiche Generationen von Wunderkindern, die bis in die 1950er Jahre zurück reichen. Dies sind:

  • Silberkinder, gezeugt zwischen 1936 und 1950, hatten einen nicht näher bestimmten „kosmischen Auftrag“
  • Bronzekinder, gezeugt zwischen 1950 und 1965, sollen die Zeitenwende vorbereiten
  • Diamantkinder, gezeugt zwischen 1965 und 1970, hatten einen nicht näher bestimmten „kosmischen Auftrag“
  • Indigokinder, gezeugt zwischen 1970 und 1975
  • Kristallkinder, gezeugt zwischen 1985 und 2005
  • Regenbogenkinder, gezeugt 2006
  • Sternenkinder, gezeugt zwischen 2006 und 2014 (4)

Und für jede dieser Generationen gibt es die unzähligen Esoterikangebote… Man kann es tatsächlich als Gelddruckmaschine bezeichnen.

Dass Eltern etwas ganz besonderes in ihren Kindern sehen ist – wie oben gesagt – normal. Aber es gibt eben auch Kinder, die beispielsweise mit ADHS zu kämpfen haben. Und es gibt heute gute Möglichkeiten, ihnen zu helfen. Wenn eine derartige Hilfe aber durch den Glauben der Eltern an derartigen esoterischen Spökes unterbleibt, ist dies für die Kinder schädlich und hilft nur einem: dem Geldbeutel derjenigen, die Bücher, DVDs oder anderen Unsinn zu dem Thema auf den Markt werfen.

 

Anmerkungen

(1) Mein persönliches Lieblingsbuch in dieser Kategorie ist übrigens dieses hier.
(2) Hier ein Symbolbild von Kryon vom magnetischen Dienst beim Channeln:

(3) Natürlich kann man zu Kryon vom magnetischen Dienst (ich finde den „magnetischen Dienst“ einfach klasse und beömmel mich jedes Mal drüber) noch viel mehr schreiben, aber das wird dann ein eigener Artikel.
(4) Anzumerken ist, dass im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff „Sternenkinder“ für Kinder steht, die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind.

Benutzte Quellen
Wikipedia-Artikel „Indigo-Kinder“, abgerufen am 8. August 2018
Psiram-Artikel „Indigo-Kinder, abgerufen am 8. August 2018
Psiram-Artikel „Kristallkinder“, abgerufen am 8. August 2018
Psiram-Artikel „Regenbogenkinder“, abgerufen am 8. August 2018
Sekten-Info NRW: Indigo-Kinder – Ein neuer Esoterik-Trend, abgerufen am 8. August 2018
Pöhlmann, Matthias: Indigo- und Kristallkinder: Die Esoterik entdeckt die Pädagogik, abgerufen am 8. August 2018
Streif, Johannes: ADHS – All Das Hilft Selten, abgerufen am 8. August 2018
AGPF: Indigo-Kinder, abgerufen am 8. August 2018

 

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