Blogempfehlung: Keine Ahnung von Garnix

Es gibt ja einen neuen Blog, den ich euch dringend ans Herz legen möchte und zwar hat der liebe Udo unter dem Titel Keine Ahnung von Garnix … und davon noch zuviel einen eigenen Blog. Hierin nimmt er sich skeptischer Themen aus dem Medizinbereich an. Also wer sich über Homöopathie, Impfgegner, Heilpraktiker uvm. informieren möchte ist dort gut aufgehoben.

Also, husch husch, hin und lesen…

Gelesen: Mueller, Anousch: Unheilpraktiker – Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen

Mueller, Anousch: Unheilpraktiker: Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen. Münschen, 2016.
978-3-570-50195-5

Es ist ein Mammutwerk, das Anousch Müller hier vorlegt. Und für sich selbst auch ein schonungsloses Werk, wie im ersten Kapitel gleich klar wird, denn Anousch Müller hat selbst an den „Humbug“ geglaubt, über den sie berichtet und wollte selbst Heilpraktikerin werden.

Über diesen Einstieg in die Naturheilszene schreibt sie gleich im ersten Kapitel und beleuchtet auch das weit verbreitete Phänomen der „Cyberchondrie“, also das googlen von Symptomen. Das anschließende Kapitel zeigt auf, wie man in Deutschland Heilpraktiker wird, dies mit einem Abstecher in die Geschichte des Heilpraktikerwesens, welches ja aus der Zeit des Dritten Reiches stammt.

Kapitel 3 beschreibt nun Muellers eigene (abgebrochene) Ausbildung in einer Heipraktikerschule und was sie da erlebt hat ist sicher nicht im Sinne des Patienten. Im anschließenden Kapitel „Heile, heile Segen?“ beschreibt die Autorin nun das Behandlungssetting der Heilpraktiker und zeigt auf, wie stark die „Heilerfolge“ mit Placeboeffekt und Psychosomatik verknüpft sind.

Im fünften Kapitel werden nun die gängigsten Alternativtherapien beschrieben, das meinte ich auch mit Mammutwerk. Hierfür hat sich Anousch Mueller auf jeden Fall ein Fleißkärtchen verdient. Von Akupunktur über Bioresonanztherapie hin zu Geistheilung, Irisdiagnostik Reiki und Zelltherapien. Dazwischen liegen noch zahlreiche andere Therapieformen, die kurz und prägnant vorgestellt werden. Amüsant und stellenweise auch grotesk mutet das sechste Kapitel an, in dem die gängigsten Phrasen und Antworten der Heilpraktiker vorgestellt und entlarvt werden.

Kern des Buches ist aber Kapitel 7, in dem Anousch Mueller eine Reform des Heilpraktikerwesens vorschlägt. Die hier vorgebrachten Vorschläge haben Hand und Fuß und sollten ernsthaft diskutiert werden. Leider gingen sie in der öffentlichen Debatte nach Veröffentlichung des Buches im allgemeinen Wutgeheul der Heilpraktiker unter.

Den Abschluss finden Muellers Ausführungen in einem Kapitel über Studien und einem Schlusswort. Amüsant und hilfreich ist die angehängte Checkliste „Zehn Indizien für Quacksalberei“ genauso wie die Checkliste „Was zeichnet einen seriösen Heilpraktiker aus?“.

Alles in allem ein wichtiges und richtiges Buch, das im öffentlichen Diskurs zur Thematik Heilpraktiker/Alternativmedizin viel mehr Beachtung finden sollte.

Gelesen: Grams, Natalie: Homöopathie neu gedacht – Was Patienten wirklich hilft

Grams, Natalie: Homöopathie neu gedacht: Was Patienten wirklich hilft. Berlin, 2015.
ISBN 978-3-662-45336-0

Als das Buch von Natalie Grams 2015 erschien, hätte niemand gedacht, dass ein schmales Bändchen mit 221 Seiten die Welt der Homöopathen so gründlich ins Wanken bringt. Aber fangen wir am Anfang an.

Natalie Grams ist Ärztin. Und Homöopathin. Sie studierte in München, Heidelberg und Zürich und promovierte 2007. Ab 2004 begann sie eine Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin und Homöopathie, wobei sie letztere mit Zusatzbezeichnung abschloss. Ab 2009 praktizierte sie in einer homöopathischen Privatpraxis und 2011 eröffnete sie eine eigene Privatpraxis für Homöopathie, die sie sehr erfolgreich bis 2015 selbständig betrieb.

Im Rahmen ihrer Praxistätigkeit wurde Grams auch von den Journalisten Christian Weymayr und Nicole Heißmann zur Recherche für deren Buch „Die Homöopathie-Lüge“ interviewt. Als das Buch dann erschienen war, war Natalie Grams nach eigener Aussage „erschüttert“ über die darin geäußerte Kritik und beschloss, eine Antwort zu schreiben. An diesem Punkt begann sie nun, sich mit den geäußerten Kritikpunkten auseinander zu setzen und die genaue Studienlage zu sichten.

Dieses Auseinandersetzen führte dazu, dass die Autorin nicht mehr hinter der Homöopathie stehen konnte und ihre Praxis aufgab. Im Mai 2015 erschien dann ihr Buch „Homöopathie neu gedacht“ im Verlag Springer Spektrum.

Gemeinsam mit Dr. Norbert Aust rief sie das von ihm angeregte „Informationsnetzwerk Homöopathie (INH)“ ins Leben. Heute ist Grams in der Wissenschaftskommunikation tätig.

Kommen wir nun zum Buch selbst. Dieses gliedert sich in 5 Kapitel:

1. Wie und auf welcher Grundlage behandelt die Homöopathie?
2. Wovon ist die Rede, wenn wir von Homöopathie sprechen?
3. Ist die Homöopathie Teil der heutigen Medizin?
4. Warum wenden sich Patienten der Homöopathie zu?
5. Was bleibt übrig von der Homöopathie im 21. Jahrhundert?

Natürlich schließen sich Literaturverzeichnis, Glossar und Index dem Text an.

Im ersten Kapitel beschreibt Natalie Grams anhand eines Fallbeispiels eine homöopathische Behandlung. Und bereits auf Seite 10 bringt sie auf den Punkt, was den „Erfolg“ einer solchen Behandlung bringt:

– Zeit für den Patienten
– Offenheit und Verständnis (selbst für Ungewöhnliches und ‚Eigenheitliches‘)
– Die Möglichkeit, körperliche, emotionale und geistige Dinge auszudrücken und sie in einen Zusammenhang zu bringen (ganzheitlich)
– Individuelles Herangehen (nicht irgendwelche Schmerzen, sondern meine Schmerzen)
– Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis verbessern und situationsgerechte Lebensveränderungen einleiten
– Medikamente mit hohem Placebo-Effekt (der offenbar umso größer ist, je auffälliger die Form und je größer die Anzahl der zu nehmenden Medikamente ist).

Das zweite Kapitel erläutert ausführlich das System der Homöopathie über Entstehung, Methodik, Repertorien, Anamnese und Potenzierung. Weiterhin werden die Diagnostik, das Ähnlichkeitsprinzip und die Arzneimittelprüfung erklärt.

Das schwierige Verhältnis zwischen Homöopathie und Naturwissenschaften wird in Kapitel 3 beleuchtet, wobei auch die persönliche Situation der Autorin geschildert wird. Besonders die problematischen Begriffe der Potenzierung und der Lebenskraft werden hier angesprochen. Das Kapitel gipfelt in der Frage Ist die Homöopathie Medizin?

Auf die Frage, warum sich Patienten überhaupt der Homöopathie zuwenden wird in Kapitel 4 erläutert. Vom therapeutischen Setting bis zum Verhältnis Therapeut/Patient werden alle Aspekte beleuchtet. Das homöopathische Krankheitsbild ebenso wie die sogenannten Ebenen einer Krankheit, die Begriffe „Geist“ und „geistig“ sowie das „ganzheitliche Vorgehen“ homöopathischer Therapeuten.

Besonders interessant ist natürlich das fünfte und letzte Kapitel, in dem das Resümee gezogen wird. Hier analysiert die Autorin, welche Bereiche der Homöopathie verworfen werden sollten und über welche Bereiche nochmal nachgedacht werden sollte und warum. Insbesondere das Verhältnis zu den Naturwissenschaften beschäftigt Grams.

Um ein Fazit zu ziehen, hat man hier ein fundiertes Buch vor sich liegen, das es wert wäre, in den entsprechenden Kreisen nüchtern diskutiert zu werden. Dies ist leider nicht der Fall, lieber wird die Autorin diskreditiert, was natürlich nicht von guter Kinderstube zeugt.

Gelesen: Aust, Norbert: In Sachen Homöopathie

Aust, Norbert: In Sachen Homöopathie: Eine Beweisaufnahme. Ebersdorf, 2013.
ISBN 978-3-942594-47-9

Der Autor dieses Buches, Dr. Norbert Aust, geboren 1952 ist Ingenieur und kein Mediziner, das tut dem vorliegenden Band keinen Abruch, geht Aust doch methodisch und wissenschaftlich an die Thematik Homöopathie heran. Der Leser spürt deutlich, dass der Autor ein fundiertes naturwissenschaftliches Basiswissen hat, mit dem er sich der Materie nähert. Seine Intention, sich mit der Homöopathie näher zu beschäftigen beschreibt der Autor auf seinem Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ wie folgt: Mit der Homöopathie kam ich in Berührung, als meine Frau eine solche Behandlung begann, die allerdings auch nach längerer Zeit und verschiedenen Versuchen nicht zum Erfolg führte. Ich begann zu ergründen, was Homöopathie ist, habe intensiv in der wissenschaftlichen Literatur recherchiert – und muss mich sehr darüber wundern, wie wenig glaubhaft das Ganze ist, ein krasser Gegensatz zum gegenwärtigen wirtschaftlichen Erfolg der Homöopathie. Dies war für mich der Anlass, meine Ergebnisse in Buchform zu veröffentlichen.

Auf stattlichen 281 Seiten beschäftigt sich Dr. Aust von der naturwissenschaftlichen Seite her mit der Homöopathie. Erläutert er zuerst die Grundlagen der Homöopathie, erklärt Aust dann die Herstellung der sog. homöopathischen „Arzneimittel“ und geht vor allem auf die Potenzierung und das Thema „Wassergedächtnis“ ein und zeigt die verschiedenen Erklärungsmodelle der Homöopathen auf. Hierbei ist vor allem das Unterkapitel zur Quantenphysik hoch interessant, ist die Quantentheorie doch der „neue heiße Scheiß“ bei den Anhängern von alternativen Heilmethoden. Kein Mensch versteht sie richtig, es hört sich alles sehr wissenschaftlich an und es gibt jede Menge Phänomene, die der Alltagslogik entgegen laufen, so Dr. Aust. Und tatsächlich wird die Quantentheorie ja zur Erklärung von allem möglichen alternativmedizinischen Kokolores herangezogen. Ich warte ja nur noch, bis die Klientel den Begriff „Nano“ für sich entdeckt, aber das ist ein anderes Thema…

Einen großen Teil des Buches nehmen die statistische Auswertung vermeintlicher homöopathischer Erfolge und die Übersicht über die existierenden Studien und deren Erläuterungen ein. In gut verständlicher Sprache zeigt Dr. Aust auf, was von den Studien zu halten ist, wie es um ihre Reproduzierbarkeit steht und welche Sicht Homöopathen auf klinische Studien haben. Das hört sich zwar sehr trocken an, ist es aber nicht, schafft es der Autor doch, die ganze Thematik fundiert darzustellen ohne den Leser zu langweilen.

Den Abschluss des Buches bildet ein Kapitel zur homöopathischen Arzneimittelprüfung, zu den zur Verfügung stehenden Quellen und Schlusskapitel, in dem Norbert Aust der Frage nachgeht, wie sich die Homöopathie so lange „halten“ konnte.

Alles in allem ein hervorragender Überblick über die Homöopathie und ihre Wirkweise, der von einem versierten Naturwissenschaftler in gut verständlicher Form dargebracht wird. „In Sachen Homöopathie“ ist ein fundierter Einstieg in die Materie und kann jedem interessierten Leser nur empfohlen werden.

Geld stinkt nicht – Homöopathischer Büchermarkt

Pecunia non olet oder Geld stinkt nicht, das wusste schon der römische Kaiser Vespasian und erhob eine Latrinensteuer. Auch viele deutsche Verlage wissen, dass sie damit Geld machen können. Wie sie das machen? Ganz einfach, indem sie zu jedem noch so abstrusen „alternativen“ Heilverfahren Bücher auf den Markt werfen.

Besonders ärgerlich ist dies natürlich auch, wenn renommierte Verlage dies tun, denn wenn der XY-Verlag schon ein Buch über Homöopathie/Reiki/Anthroposophische Medizin etc. rausbringt, dann muss ja was dran sein. Dass es sich hierbei um ein argumentum ad verecundiam, also ein Autoritätsargument handelt, auf dem große Teile der Werbewirtschaft basieren, realisieren die meisten Menschen nicht.

Nachdem schon Prinz Charles die Homöopathie befürwortet, muss doch etwas dran sein! Äääääh… nein… muss es nicht. Ist Charles Mountbatten-Windsor Arzt? Chemiker? Pharmazeut? Nein! Er ist wie viele andere Menschen auch lediglich ein interessierter Laie. Der Unterschied ist, dass er seine herausgehobene Stellung dazu benutzt, die Werbetrommel zu rühren.

Aber zurück zum deutschen Buchmarkt. Gibt man z. B. bei Amazon.de „Homöopathie“ als Suchwort ein, bekommt man dies:

Amazon1Man sieht, von Quickfindern über Notfallapotheken, Quickfinder für Kinder und ähnlicher Unsinn geben sich die Klinke in die Hand. Erst weit unten auf der Seite findet man die ersten kritischen Bücher zum Thema:Amazon2

Um mal kurz abzuschweifen… Was mich persönlich wirklich interessieren würde ist, warum soviele Menschen so verantwortungslos selbst an ihrer Gesundheit herumbasteln. Ist das ein pervertierter DIY-Gedanke? „Meine Küche habe ich selbst gefliest, da kann ich doch auch meine Syphilis selbst behandeln…“ oder „Ich habe die Elektroinstallation in meinem Haus selbst gemacht, da werde ich doch die Mittelohrentzündung meiner Tochter selbst behandeln können…“ Man weiß es nicht…

Aber kommen wir zurück zum Thema. Nicht nur, dass mit diesen Büchern zehntausende von Euro Umsatz generiert wird, bekommt die Homöopathie dazu auch noch eine gewisse Legitimation, werden derartige Bücher doch teilweise auch in Apotheken feilgeboten.

Umso erfreulicher ist es, dass einige Verlage auch kritische Bücher zur Homöopathie und zur restlichen Alternativmedizin publizieren. Und mit Springer, Hanser und Suhrkamp sind es durch bekannte Publikumsverlage. Natürlich würde ich mich freuen, wenn sich noch mehr Verlage auf diesem Gebiet engagieren würden.

Ich habe die Skeptikerbücher, die mir spontan im Gedächtnis waren hier zusammengestellt. Falls ihr noch eines kennt, dann bitte in der Kommentarspalte anmerken, ich werde es dann in der Liste ergänzen.

 

Aust, Norbert: In Sachen Homöopathie: Eine Beweisaufnahme. Elbersdorf: Web-Site-Verl., 2013.
ISBN 9783942594479                      16,90 €

Berndt, Edmund: Der Pillendreh: Ein Apotheker packt aus. Wien: Edition Va Bene, 2009.
ISBN 9783851672350                      nicht lieferbar

Ernst, Edzard: Nazis, Nadeln und Intrigen: Erinnerungen eines Skeptikers. Hannover: JMB, 2015.
ISBN 9783944342566                      18,95 €

Goldner, Colin: Alternative Diagnose- und Therapieverfahren: Eine kritische Bestandsaufnahme. Alibri, 2008.
ISBN 9783865690432                      12,00 €

Graf, Dittmar [Hrsg.]: Anders heilen?: Wo die Alternativmedizin irrt. Aschaffenburg: Alibri, 2015.
ISBN 9783865691699                      14,00 €

Grams, Natalie: Homöopathie neu gedacht: Was Patienten wirklich hilft. Berlin: Springer, 2015.
ISBN 9783662453360                      14,99 €

Much, Theodor: Der große Bluff: Irrwege und Lügen der Alternativmedizin. Wien: Goldegg, 2014.
ISBN 9783902903105                      19,95 €

Müller, Anousch: Unheilpraktiker: Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen. München: Riemann, 2016.
ISBN 9783570501955                      16,99 €

Schmacke, Norbert [Hrsg.]: Der Glaube an die Globuli: Die Verheißungen der Homöopathie. Berlin: Suhrkamp, 2015.
ISBN 9783518466391                      14,99 €

Singh, Simon / Ernst, Edzard: Gesund ohne Pillen: Was kann die Alternativmedizin? München: Hanser, 2013.
ISBN 9783446245549                      21,50 €

Weymayr, Christian: Die Homöopathie-Lüge: So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen. München: Piper, 2012.
ISBN 9783492055369                      16,99 €

 

Quellenangabe Beitragsbild: https://wasliestdu.de/magazin/2015/buecher-fuer-alle

Sassette Meissonier – Die Nacht der AEtheria – Und als Dreingabe ein kleiner Rant

„Die Lichtströmungen des Glühwürmchens“ hieß das erste Buch der Kölner Autorin Sassette Meissonier. Hierbei handelte es sich um eine Sammlung von wunderbaren Fantasy-Kurzgeschichten. Nun macht die Autorin wieder von sich reden, schreibt sie ihren ersten Roman „Die Nacht der AEtheria“ doch quasi mit Publikumsbeteiligung.

Das funktioniert so: die Autorin veröffentlicht einen Abschnitt des jeweiligen Kapitels auf der Blogseite „Project 1o1“ und die Leserinnen und Leser können Vorschläge zum weiteren Handlungsablauf geben. So wird die Geschichte von Woche zu Woche weitergesponnen und nimmt eine ganz besondere Dynamik auf.

Auf ihrem Youtube-Kanal liest die Autorin parallel die jeweiligen Abschnitte auch vor, wobei auch hier die Möglichkeit besteht, Vorschläge selbst mit einzubringen.

Auch dieses Projekt zeigt wieder, wie innovativ und kreativ unsere Nachwuchsautorinnen und –autoren sind. Schade, dass die deutschen Verlage ihnen aber keine Chance geben. Lieber wird auf Nummer sicher gegangen, der drölfhundertste ausgelutschte Heimatkrimi auf den Markt geworfen oder die tausendste Schmalz-Schmonzette. Hauptsache, der Verkauf ist sicher und man geht kein Risiko ein.

Verleger wie Rowohlt, Unseld oder Haffmanns, für die die Förderung unbekannter, junger Autoren selbstverständlich war und der wirtschaftliche Erfolg nur zweitrangig war, gibt es leider nicht mehr. Heute regieren in den Verlagen die Bürokraten, denen die literarische Qualität vollkommen egal ist, Hauptsache die Einnahmen stimmen.

Aber auch die Kulturmedien brauchen sich nicht zu brüsten. Auch hier werden nur arrivierten, die satten Autoren hofiert. Große Namen bringen Einschaltquoten und mehr zählt auch hier nicht. Egal ob Denis Scheck, Max Moor oder der Quartett-Abklatsch, man suhlt sich immer nur in der eigenen, fast schon inzüchtigen Blase, der bekannten Namen. Fast so, als wären Newcomer eine Bedrohung.

So, ich habe fertig und die ganzen Verlags- und Medienheinis stellen sich jetzt in die Ecke und schämen sich!

Gelesen: Alexandra Tobor – Minigolf Paradiso

Momentan geht es mir ja nicht wirklich so gut und da bin ich immer auf der Suche nach unterhaltenden Büchern, die mich gut ablenken. Ein solches Buch habe ich nun gerade beendet. Es ist „Minigolf Paradiso„, in dem die Autorin Alexandra Tobor die 1990er Jahre auferstehen lässt.

Alexandra Tobor ist ja keine Unbekannte auf dem Buchmarkt, seit sie im Jahr 2012 ihren Erstling „Sitzen vier Polen im Auto“ bei Ullstein veröffentlichte. Hierin erzählt sie in charmanter Art und Weise ihre Übersiedlung von Polen nach Deutschland und ihre ersten Jahre hier berichtet. Bekannt ist die Autorin natürlich auch aus ihren Podcasts „Wrintheit“ mit Holger Klein und „In trockenen Büchern“.

Auch in „Minigolf Paradiso“ steht eine polnische Aussiedlerfamilie im Mittelpunkt. Hauptfigur ist die Tochter, Malina, die in den Sommerferien 1997 alleine zu Hause bleibt, während ihre Eltern Urlaub in den Niederlanden machen. Der einzige Freund des nach eigener Aussage „unsichtbaren“ Teenagers ist ein toter Punker, dessen Grab sie regelmäßig besucht und dem sie Briefe schreibt und aus ihrem Leben berichtet. „Unsichtbar“ bezieht sich hauptsächlich auf das Verhalten ihrer Klassenkameraden ihr gegenüber. Malina ist das Mädchen in der Klasse, das nie Einladungen zu Geburtstagspartys bekommt und dessen Namen ihre Mitschüler teilweise vergessen.

Die Mutter Grazyna, die sich selbst Grace nennt, versucht alles, um ihre polnische Herkunft zu verschleiern und merkt gar nicht, wie sie damit ihrer Tochter ihre eigene Identität nimmt. Malina selbst weiß von ihrer Familie nur, dass ihre Großmutter, zu der sie keinen Kontakt mehr hat, noch in Polen lebt und der Großvater schon vor Jahren in einem See ertrunken ist.

Nachdem die Eltern abgereist sind, findet Malina allerdings die Videoaufzeichnung einer alten „Der Preis ist heiß“-Folge, in der ein recht skurriler alter Mann Kandidat ist. In der Hülle liegt noch ein Schreiben von RTL, aus dem hervorgeht, dass der alte Mann ihr Großvater ist und ihre Mutter ihn gesucht hat.

Natürlich macht sich Malina sofort auf die Suche nach ihrem Großvater und findet ihn auch als Besitzer einer abgetakelten Minigolfanlage und Gelegenheitslosverkäufer mit einem Hang zur Kleinkriminalität. Was darauf folgt ist ein herrlicher Roadtrip der beiden nach Polen, in ihre Vergangenheit.

Es ist aber nicht nur ein Roadtrip in die Vergangenheit der Familie Dudek, auf den Alexandra Tobor uns da mitnimmt, sondern auch auf einen Roadtrip mit zurück in die 1990er Jahre. Schön ist hier, dass die Autorin gerade ihre jüngeren Leserinnen und Leser auch mit dem Projekt „Betreutes Lesen“ unterstützt. Hierbei handelt es sich um ein Blog, in dem Alexandra Tobor besondere Aspekte (Dino-Wahn) oder Produkte (Alarm-Gockel, Song-Book etc.) der 1990er Jahre erklärt. Nachdem ich ja noch ein Jahrzehnt früher sozialisiert wurde, sind das natürlich auch schöne Reminiszenzen an die eigene Jugend und natürlich kommt auch die Erkenntnis, dass man ein alter Sack ist *seufz*…

Aber kommen wir wieder zurück zum Buch. Warum hat es mir so gefallen? Ich denke es liegt hauptsächlich an den Charakteren, die Alexandra Tobor hier zeichnet.

Da wäre zuerst Malina, die sich vom depressiven Teenager hin zur selbstbewussten jungen Frau entwickelt oder Opa Alois, der Schwätzer, der Märchenerzähler, der Elvis-Verschnitt, der Kleinkriminelle, der hinter seiner rauen Schale einen weichen Kern verbirgt. Und obschon es einige Zeit dauert, bis sich die beiden zusammenraufen, brauchen sich die beiden und helfen einander, ohne es zu merken. Interessant war auch der polnische Kontext des Buches. Kultur, Alltagsleben, Volksglauben werden hier sehr anschaulich und unterhaltsam dem Leser nahe gebracht.

Was uns Alexandra Tobor aber auch aufzeigt ist, wie wichtig unsere Wurzeln, unsere Familie für uns ist, jeder Mensch muss wissen, wo er herkommt. Verleugnet man diese Wurzeln, verleugnet man seine eigene Identität, seine eigene Persönlichkeit und wird zu einem blassen Abziehbild seiner selbst.

In diesem Buch wird der perfekte Spagat zwischen Humor und Unterhaltung auf der einen und Ernsthaftigkeit auf der anderen Seite geschlagen. Das Buch ist authentisch, man merkt, dass die Autorin ihre persönlichen Erfahrungen in dieses Buch einfließen hat lassen und dadurch wird der Roman auf eine ganz besondere Stufe gehoben.

Ich persönlich freue mich schon auf einen neuen Roman von Alexandra Tobor und das am liebsten gleich morgen 😉