Von Impfungen und Wohlstandsmaden

Meine Omma wurde 1911, irgendwo in der schlesischen Provinz geboren. Auf’n Dorf. 300 Einwohner und ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Den hatte man damals auch noch, den Kaiser Willem, das ist der mit’n Bart, Ihr wisst schon.

Als meine Omma in die Schule kam, lag der Erste Weltkrieg in den letzten Zügen. Für meine Omma war es normal, dass immer wieder Freunde einfach nicht mehr in die Schule kamen. Sie waren gestorben. Nicht durch den Krieg, sondern durch Krankheiten. An Masern zum Beispiel oder an Tetanus. Auch war es für sie normal, dass einige ihrer Klassenkameraden durch die Poliomyelitis gelähmt waren oder schwere Deformationen an Armen und Beinen davon getragen hatten. Auch Kinder, die nach einer Mumpserkrankung taub waren, waren für sie normal. Damit lebte man damals und wenn man halt Röteln, Windpocken oder Diphterie bekam, dann war das halt so, da konnte man nichts dagegen machen. Und wenn das Kind starb, naja, dann war das halt so. Man konnte ja nichts dagegen machen. Wenigstens konnte man etwas gegen die Pocken unternehmen, da gab es Impfungen dagegen und tatsächlich gab es kaum noch Todesfälle durch diese schlimme Krankheit.

Sie erlebte, dass genauso viele ihrer Altersgenossen durch Krankheiten starben wie durch Krieg und den dadurch verursachten Mangel. Dass sie selbst überlebt hatte, war einfach Glück.

Heute gibt es gegen diese Krankheiten Impfstoffe. Kein Kind braucht mehr zu sterben, kein Kind braucht mehr Angst zu haben, gelähmt zu werden. Aber noch heute sterben beispielsweise Kinder in Deutschland an den Masern. Warum? Weil ihre Eltern aus irgendwelchen abstrusen Gründen heraus Impfungen ablehnen. Weil ihre Eltern aus irgendwelchen abstrusen Gründen heraus irgendwelchen Scharlatanen mehr glauben, als den Erfahrungswerten ganzer Ärztegenerationen. Ihrer Meinung nach sind beispielsweise Autismus, Homosexualität oder Masturbation „Spätfolgen“ von Impfungen. Jeder kleine Pickel am Hintern des Nachbarkindes nach einer Impfung wird zu einem „Impfschaden“ hochstilisiert.

Warum ist das so? Weil sie die Erfahrungen meiner Omma glücklicherweise nie machen mussten. Weil das, was für meine Omma Realität war, für diese Leute weit, weit entfernt ist und nur eine „Horrorstory“, mit der die böse Pharmamafia Angst machen will. Meiner Omma zufolge geht es Impfkritikern einfach zu gut und nur deswegen können sie sich auch mit solchen Kokolores beschäftigen. Solche Leute nannte meine Omma „Wohlstandsmaden“ Und damit hatte sie ja auch recht.

Nach dem Krieg und ihrer Flucht aus Schlesien siedelte sich meine Omma hier bei uns in der Provinz an. Sie sorgte für ihre beiden Kinder und als in den 1950er und 1960er die ersten Impfprogramme anliefen, waren sie und ihre Kinder jeweils die ersten in der Schlange. Mein Bruder und ich wurden selbstverständlich auch komplett durchgeimpft. Und wenn wir Angst hatten vor der Nadel, sagte sie nur „Sterben ist schlimmer als pieksen!“ Und damit hatte sie ja schon wieder recht. Danke Omma!

 

Beitragsbild: Von Cory Doctorow – Flickr: Maggots, London Zoo, London.JPG, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17973437

Ein paar Gedanken zur „anthroposophischen Medizin“

So, meine lieben Leserinnen und Leser, ich wurde vom Susannchen gebeten, Ihnen etwas zur anthroposophischen Medizin zu erzählen. Das mache ich doch gerne und deshalb: Schnallen Sie sich an, es geht jetzt rund.

Anthroposophische Medizin geht auf den Steiner Rudolf zurück. Kennen Sie nicht? Dooooch… kennen Sie, Stichwort Waldorfschule, da kennt man ihn her. Also dieser Steiner Rudolf hat sich die Anthroposophie ausgedacht, das ist altgriechisch und heißt einmal ánthropos, also Mensch, und sophia, also Weisheit. Und in dieser Anthroposophie hat sich Steiner ein recht interessantes Menschbild zurecht gebastelt. Bei ihm gibt es nämlich gleich vier sogenannte „Wesensglieder“. Das sind der physische Leib, der Ätherleib, der Astralleib. Nein, nicht Astra-Urtyp, Astralleib, jetzt konzentrieren Sie sich doch… und die Ich-Organisation.

Aaaaaalso… diese vier Wesensglieder befinden sich im Menschen, sagt jedenfalls Steiner. Ob das so ist… nun ja, was Genaues weiß man nicht, aber ich glaube da jetzt eher nicht so wirklich dran. Aber weiter im Text, es wird nämlich noch doller.

Der physische Leib ist der einzige, der eine Materie hat, die anderen drei Glieder oder Leiber sind immateriell. Und diesen materiellen Menschen hat Steiner auch noch mal in drei Organsysteme gegliedert, nämlich in

  • die Nerven-Sinnesorganisation (sitzt hauptsächlich im Köpfgen)
  • die Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation (sitzt hauptsächlich im
    Verdauungs- und Bewegungsapparat und ist Träger der
    „Willensentscheidung“)
  • und die rhythmische Organisation bestehend aus Atmung und
    Blutkreislauf. Diese Organisation korrespondiert mit dem
    Gefühlsleben.

So, also man muss schon sagen, Phantasie hat er ja gehabt, der Steiner Rudolf. Vier Wesensglieder und drei Organsysteme. Und alle sollen harmonisch miteinander in einem kleinen Menschlein zusammenarbeiten. Das klappt nun nicht, genauso wenig wie am Heiligen Abend, wenn die Familie harmonisch zusammen sein soll. Da rummst es ja auch irgendwann und wenn es zwischen den vier Seinsebenen und den drei organischen Ebenen nicht harmoniert, dann entstehen Krankheiten.

Also nichts mit Viren, Bakterien oder so’nen Schotter, nein, Ihr Schnupfen ist kein einfacher Infekt, sondern vielleicht eine übertriebene astralische Tätigkeit oder sowas. Deswegen gibt es nicht nur spezielle anthroposophische Arzneimittel, die auf die Schwingungen zwischen den verschiedenen Ebenen einwirken sollen, sondern es gibt auch Heilmalen oder Heileurythmie (das bekannte „Namen tanzen“), um die „Disharmonien“ wieder in Einklang bringen.

Und wenn es dann mal Medizin gibt, dann sind die Wirkstoffe ähnlich wie bei der Homöopathie auch potenziert, also bis über die Nachweisgrenze hinaus verdünnt. Die Medikamente werden vom Therapeuten auch rein intuitiv (also willkürlich) ausgesucht.

Wenn Ihnen das jetzt etwas hanebüchen vorkommt, keine Panik, in der anthroposophischen Medizin wird auch an Karma und Reinkarnation geglaubt, also wenn sie was ekliges bekommen, dann sind Sie selber schuld, und wenn Sie daran sterben ist das auch kein Problem, dann wird einfach ruckzuck reinkarniert und man ist wieder da. Oder so.

Is Kappes… merkste selber… oder? Aber nicht in Deutschland, bei uns ist das rechtlich anerkannter Kappes. Glauben Sie nicht? Aber hallo! Seit 1978 gehört die anthroposophische Medizin zu den drei „Besonderen Therapierichtungen“ und kann dadurch teilweise von Krankenkassen (je nach Leistungskatalog) abgerechnet werden.

Ja, das meine ich ernst. Wenn also Ihr Ätherleib wieder zwickt oder die rhythmische Organisation nicht genug rhythmisiert, dann können Sie zum anthroposophischen Arzt gehen und der rüttelt Shre Schwingungen wieder in die richtige Richtung.

Gut, ich persönlich würde zu einem richtigen Arzt gehen und mich mit so Medikamenten behandeln lassen. So mit Wirkstoff und Gedöns, aber das ist jetzt nur meine Meinung. Voodoo soll ja auch ganz nett sein…

Was sich Menschen alles antun – Heute: Blödsinn mit Honig

Neulich, auf dem Wochenmarkt…

„Ja Servus Fritzi, alter Bienenschüttler, dass man dich bei dem Sauwetter hier am Markt trifft, wie laufen denn die Geschäfte?“

„Ei, Paul, die Welt wird immer narrischer, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Früher hat es gereicht, wenn ich meine vier, fünf Sorten Honig angeboten habe, aber was die Leute jetzt von mir wollen, du glaubst es nicht.

Weißt, das hat alles angefangen mit diesem Propolis, da ist alle Welt zu mir gekommen und wollte Propolis von mir haben. Das ist so eine Art Kleber, mit denen die Bienen Risse in den Waben und so flicken. Das war damals das neue Wundermittel, das gegen alles hilft. Der Gustav, den kennst doch auch, der hat sich beim Vorstand von unserem Bienenverein gleich ein ganzes Säckchen gekauft, ist heim und hat erstmal einen Esslöffel davon eingeschoben. Und was meinst, was passiert ist? Angeschwollen ist der und eine ganze Woche lang hat er so rumlaufen müssen. Naja, er war halt allergisch gegen irgendwas da drin.

Dann sind’s gekommen und wollten alle Gelée Royale von mir haben. Ich hab die gleich wieder weggeschickt, ich mach meine Bienen doch nicht narrisch, aber es hat ein paar Imker im Verein gegeben, die haben sich darauf eingelassen. Das sollte damals auch gegen alles helfen und heute schmieren es sich die Frauen in die Haare.

Und wenn du denkst, noch blöder kann die Welt nicht werden, dann hör zu. Nach dem Gelée Royal-Gedöns sind ein paar Heilpraktiker zu mir gekommen, ich soll ihnen Bienengift verkaufen. Das würde gegen Multiple Sklerose helfen. Guck nicht so, Paul, wenn ich dir das doch sage… Da gibt’s tatsächlich so eine Vorrichtung, da spannt man die Biene ein, setzt die unter Strom und die gibt im Sterben ihr Gift ab. Kannst Du Dir das vorstellen? Die haben sie doch nicht mehr alle! Und der Hammer ist ja noch, dass das gar nicht wirkt. Keinerlei Wirkung nachgewiesen.

Ich hab auch vom Kurti aus dem Nachbarverein gehört, dass die Hämmäpaten, nein Homöopathen aus Bienen ihre Globuli-Dinger basteln. Stell dir das mal vor, die nehmen tote Bienen, kochen die aus, und der Sud wird dann was weiß ich wie oft verdünnt und dann noch über die Globuli-Dinger getröpfelt. Und das ganze Ding soll dann bei Bienenstichen helfen. Da greifste dir doch anne Kopp, sach mal. Ich tu noch nicht mal Zucker in meinen Kaffee, da werde ich Zucker nehmen, wenn mich eine Biene gestochen hat. Und wenn du eine gescheite Allergie hast und erstmal dein Globuli dagegen nimmst, dann kannst du dir vorstellen, wie das rund geht. Das gibt Spaß in den Backen…

Und jetzt aktuell ist ja Honig in zur Wundbehandlung. Guck nicht so, das ist so, die Schneiders Burgl, die hinten beim Sportplatz wohnt, die schwört drauf. Die pappt sich meinen Honig überall drauf, nein, Paul, ich will mir das auch nicht vorstellen, aber sie schwört drauf und du kannst ihr dreimal erklären, dass es speziellen medizinischen Honig für sowas gibt. Der ist speziell behandelt und sterilisiert, aber das will sie nicht hören. Naja, wenns schön macht, soll sie. Und so lange sie den Honig bei mir kauft, soll es mir recht sein.

Die Tage war die Burgl ja hier und wollte unbedingt Manuka-Honig. Musste ich erstmal nachschlagen, was das ist. Dann hab ich sie gefragt, ob sie einen Batscher hat. Ja guck nicht so, mit solchen Leuten muss man so reden. Manuka-Honig wird aus dem Nektar der Südseemyrte hergestellt. Wo soll ich denn hier bei uns eine Südseemyrte herbekommen? Und natürlich hilft der Manuka-Honig jetzt gegen alles, wahrscheinlich auch gegen ihren Hammerzeh und das blöde Gesicht von ihrem Karl.

Aber das Beste, Pauli, das Beste erzähl ich dir jetzt. Weißt du was es mittlerweile auch gibt? Imker-Kollegen, die Bienenluft-Therapie anbieten. Ja, glaub’s mir. Die bauen Hütten, da gehen die Bienenkästen nach innen. Da sitzen dann die Leute und über eine Absaugvorrichtung und einen Schlauch an den Bienenkästen atmen die Leute dann die Luft aus den Stöcken ein, und das soll helfen. Wieder mal gegen alles und auch gegen eingewachsene Fußnägel. Ja, ich weiß doch auch nicht, wie man auf sowas kommt. Ich wär doch nie auf die Idee gekommen, an meinen Bienen rumzuschnüffeln, weißt Du wie die müffeln? Kannst du dir vorstellen, was die alles für einen Dreck da einatmen? Ich glaub es nicht, Paul, da krieg ich Blutdruck bei sowas.

Und außerdem gehen mir doch damit die Bienen ein, mit so einer Absauganlage. Die Bienen sind doch eh so empfindlich auf Zugluft, die gehen mir doch alle ein, wenn die in einem Dauerzug sind. Mann, Mann, Mann… Auf was für Ideen die Leute kommen.

Und da hinten kommt die Burgl angewatschelt und will wahrscheinlich jetzt noch Südseehonig oder irgendwas. Ach, weißt was, mir reichts für heute. Weißt was, ich packe hier meinen Stand zusammen und wir gehen rüber zum Marktwirt, ich lad dich auf ein Bierchen ein, dabei kann ich mich wieder abregen.

Bildnachweis: Von Brigitte Büsing – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31190942

Sommer, Sonne, Sonnenschein, es könnt‘ doch alles so einfach sein…

Urlaub und Ferien sind zum Genießen da und man denkt nicht daran, dass etwas passieren könnte. Aber gerade, wenn man mit Kindern unterwegs ist, gibt es öfters mal kleinere Verletzungen und Wehwehchen. Das ist kein großes Problem, man nimmt einfach eine Reiseapotheke mit, in der sich Pflaster, Desinfektionsspray, Kopfschmerztabletten und ähnliches findet.

Aber hier beginnt die Crux schon. Die Werbemaschinerie der Homöopathiehersteller läuft zur Urlaubszeit auf Hochtouren. Natürlich sollen Urlauber homöopathische Reiseapotheken mitnehmen. Gut, wer Zucker im Kaffee mag, wird sicherlich Verwendung für Globuli finden, denn medizinisch sind sie ja unwirksam.

Also könnte man eigentlich ganz entspannt deswegen sein. Das könnte man, würde auf verschiedenen Seiten im Internet bei der Zusammenstellung nicht auch auf wirklich bedrohliche Krankheiten und Verletzungen eingegangen.

Meiner Meinung nach ist es grob fahrlässig, Blutungen, Blutverlust, Brüche oder Vergiftungen homöopathisch zu behandeln. Das kann wirklich ins Auge gehen. Und wenn dann noch Globuli für Verbrennungen oder Zeckenbisse angeboten werden, ist das auch kein Spaß mehr.

Dem Ganzen setzen aber die Seiten die Krone auf, die auch Krankheiten wie die Cholera, Malaria oder das Denguefieber mit Zuckerkügelchen behandeln wollen. Das kann lebensgefährlich werden. Ganz ohne Spaß! Macht sowas nicht! Auch beliebt ist es, Homöopathika zur Malaria-Prophylaxe, also Vorsorge, anzubieten. Das Deutsche Ärzteblatt wiederholt seit 1995 ständig seine Warnungen, sich auf solche „Behandlungen“ einzulassen. Malaria ist eine hochgefährliche Krankheit und muss ernsthaft behandelt werden.

Und wenn ihr denkt, das braucht euch nicht zu interessieren, dann schaut mal, wo Malaria alles auftreten kann: Thailand, Brasilien, Kenia, die Dominikanische Republik… alles beliebte Urlaubsziele. Cholera ist weit verbreitet in Mexiko, Kuba oder Südafrika und selbst das „exotische“ Dengue-Fieber ist so weit gar nicht weg von uns: In Thailand, Mexiko, dem Süden der USA, Hawaii und seit 2010 auch in Kroatien und seit 2015 in Südfrankreich gab es Ansteckungsfälle.

Also, auch wenn die Urlaubszeit ansteht und es durchaus etwas hektisch werden kann: nehmt euch die Zeit, stellt eine ordentliche Reiseapotheke zusammen, informiert euch, welche Impfungen ihr benötigt und lasst euch impfen. Auch wenn in vielen Apotheken hübsche Mäppchen bekannter Homöopathie-Hersteller mit fix-fertig zusammengestellten Globulifläschen für die Reise oder speziell für Kinder in Impulskauf-Reichweite locken – verlasst euch nicht auf eine Wirkung!

Seriöse Informationen zum Thema „Reiseimpfungen“ findet ihr hier:

Robert-Koch-Institut

Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin

Centrum für Reisemedizin

Deutsche Angestelltenkrankenkasse

Und zum Thema Reiseapotheke hier:

Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V. (ABDA)

Die AOK

Tropeninstitut

Und beim Auswärtigen Amt findet ihr eine Länderübersicht mit diversen Gesundheitshinweisen.

Auf einen schönen Urlaub!

Beitragsbild: By FlaviaC – Own work, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3546809

Cesare Mattei und seine Elektrohomöopathie

Conte Cesare Mattei wurde am 11. Januar 1809 in Bologna geboren der italienische Adlige war hauptsächlich Politiker, dilettierte aber auch als Literat. Ohne jegliche medizinische Ausbildung beschäftigte er sich auch mit der Homöopathie und war in Italien ein bekannter Wunderheiler. Er begründete die sogenannte Elektrohomöopathie, mit der wir uns hier etwas näher beschäftigen. Conte Mattei verstarb am 3. April 1896 auf seinem Schloss Rocchetta Mattei bei Grizzana Morandi.

Matteis Familie war sehr begütert und angesehen in Ferrara und so konnte Cesare eine Karriere in der Politik beginnen. Nach der Revolution von 1847 erkannte Mattei, dass ich den Leuten bei ihren hohen Zielen in der Politik im Wege stehen könne,[so] zog ich, der ich nur einen Glauben auf Schwur hatte, niemals auch die Gasse hinabgestiegen war, zog ich mich, sage ich, freiwillig aus einer ziemlich hohen Stellung in das Privatleben zurück. (1)

Dieses Privatleben fand auf seinem neu erbauten Schloss Rocchetta Mattei nähe Grizzana Morandi statt. Dort entwickelte er seine Methode der Elektrohomöopathie, die auch Spezifica nach Mattei genannt wurde. Mattei selbst schrieb über seine Methode: Ich hinterlasse der Welt keineswegs ein System der Arzneiwissenschaft: ich hinterlasse ihr die Arzneiwissenschaft selbst, welche nach fünfundzwanzig Jahrhunderten noch zu entdecken war. Die Nichtigkeit aller Systeme, welche jedes Jahrhundert und fast jede Schule auf den alten Stamm des ausgearteten Baumes der Medizin aufgepfropft hat, war mir seit langer Zeit bekannt. (1)

Der Begriff „Elektro“homöopathie ist insofern irreführend, dass keinerlei elektrische Energie beteiligt ist. Mattei behauptete in seinen Schriften, dass er eine „vegetabilische Elektrizität“ aus Pflanzen extrahieren könne, die er in seinen Arzneimitteln konservieren würde. Diese Mittel sollten ‚so schlagartig‘ wirken wie der elektrische Strom, weshalb er seinem Heilsystem den Namen ‚Elektrohomöopathie‘ gab. (2)

Tatsächlich war seine Heilmethode eine Mischung aus der Homöopathie Hahnemanns, der auf Alchemie beruhender Spagyrik und der Humoralpathologie. Mattei stellte durch bestimmte Gärungs- und Destillationsmethoden Lösungen her, die er auf Milchzuckerkügelchen träufelte. Insgesamt stellte er knapp 30 Lösungen zur Verfügung, deren Zusammensetzung und Herstellung er aber geheim hielt und die er im Monopol vertrieb. Informationen hierüber drangen erst nach seinem Tode an die Öffentlichkeit.

Mittel konnten beispielsweise sein:

Antiscrofoloso als Mittel für die Lymphe,
Anticanceroso als Gewebemittel,
Antiangiotico bei Bluterkrankungen,
Pettorali bei Lungenerkrankungen,
Febbrifughi bei Fieber,
Vermifughi bei Darmerkrankungen und Wurmbefall. (2)

Die Grundüberlegung zur Elektrohomöopathie war die Behandlung des gesamten Organismus, war doch Matteis Meinung nach bei Krankheiten immer der Mensch in seiner Gesamtheit betroffen.

Cesare Mattei gründete auf seinem Schloss auch ein eigenes „Behandlungszentrum“. Der Erzählung nach sollen hier auch der bayerische König Ludwig und der russische Zar Alexander II. behandelt worden sein.

Der wichtigste Vertreter der Elektrohomöopathie in Deutschland war der Homöopath Theodor Krauß, der am 3. November 1864 in Berau (Böhmen) geboren wurde und am 1. Oktober 1924 verstarb. Bereits im Alter von 17 Jahren beschäftigte er sich mit der Elektrohomöopathie. 1885 gründete er nach Kontakt zu Mattei ein Komitee zur Verbreitung der Elektrohomöopathie. Krauß war sehr rührig auf diesem Gebiet, gründete Vereine, führte Vortragsreisen durch und bildete Ärzte und Therapeuten auf dem Gebiet der Elektrohomöopathie aus. Er selbst promovierte allerdings er im Jahr 1900.

Ab 1917 entwickelte er mit dem Apotheker Johannes Sonntag und dem Homöopathen Johannes Dingfelder die JSO-Komplex-Heilweise, eine auf der Elektrohomöopathie aufbauende Therapie, die ebenfalls mit Hilfe spagyrischer Mittel heilen soll.

Bereits im Jahr 1906 stellte Meyers Großes Konversations-Lexikon fest: Die E. entbehrt der wissenschaftlichen Begründung. (3) Hieran hat sich bis heute nichts geändert.

(1) Mattei, Cesare: Elektro-Homoöopathie: Grundsätze einer neuen Wissenschaft. Regensburg, 1884. S. 2f

(2) Seite „Cesare Mattei“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 25. Februar 2015, 20:58 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Cesare_Mattei&oldid=139216676 (Abgerufen: 18. März 2017, 10:25 UTC)

(3) Meyers Großes Konversations-Lexikon. Bd. 5, S. 673. Leipzig, 1906.

(4) https://web.archive.org/web/20030915115112/http://www.cocura.de/ikhinfos.html

Gelesen: Mueller, Anousch: Unheilpraktiker – Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen

Mueller, Anousch: Unheilpraktiker: Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen. Münschen, 2016.
978-3-570-50195-5

Es ist ein Mammutwerk, das Anousch Müller hier vorlegt. Und für sich selbst auch ein schonungsloses Werk, wie im ersten Kapitel gleich klar wird, denn Anousch Müller hat selbst an den „Humbug“ geglaubt, über den sie berichtet und wollte selbst Heilpraktikerin werden.

Über diesen Einstieg in die Naturheilszene schreibt sie gleich im ersten Kapitel und beleuchtet auch das weit verbreitete Phänomen der „Cyberchondrie“, also das googlen von Symptomen. Das anschließende Kapitel zeigt auf, wie man in Deutschland Heilpraktiker wird, dies mit einem Abstecher in die Geschichte des Heilpraktikerwesens, welches ja aus der Zeit des Dritten Reiches stammt.

Kapitel 3 beschreibt nun Muellers eigene (abgebrochene) Ausbildung in einer Heipraktikerschule und was sie da erlebt hat ist sicher nicht im Sinne des Patienten. Im anschließenden Kapitel „Heile, heile Segen?“ beschreibt die Autorin nun das Behandlungssetting der Heilpraktiker und zeigt auf, wie stark die „Heilerfolge“ mit Placeboeffekt und Psychosomatik verknüpft sind.

Im fünften Kapitel werden nun die gängigsten Alternativtherapien beschrieben, das meinte ich auch mit Mammutwerk. Hierfür hat sich Anousch Mueller auf jeden Fall ein Fleißkärtchen verdient. Von Akupunktur über Bioresonanztherapie hin zu Geistheilung, Irisdiagnostik Reiki und Zelltherapien. Dazwischen liegen noch zahlreiche andere Therapieformen, die kurz und prägnant vorgestellt werden. Amüsant und stellenweise auch grotesk mutet das sechste Kapitel an, in dem die gängigsten Phrasen und Antworten der Heilpraktiker vorgestellt und entlarvt werden.

Kern des Buches ist aber Kapitel 7, in dem Anousch Mueller eine Reform des Heilpraktikerwesens vorschlägt. Die hier vorgebrachten Vorschläge haben Hand und Fuß und sollten ernsthaft diskutiert werden. Leider gingen sie in der öffentlichen Debatte nach Veröffentlichung des Buches im allgemeinen Wutgeheul der Heilpraktiker unter.

Den Abschluss finden Muellers Ausführungen in einem Kapitel über Studien und einem Schlusswort. Amüsant und hilfreich ist die angehängte Checkliste „Zehn Indizien für Quacksalberei“ genauso wie die Checkliste „Was zeichnet einen seriösen Heilpraktiker aus?“.

Alles in allem ein wichtiges und richtiges Buch, das im öffentlichen Diskurs zur Thematik Heilpraktiker/Alternativmedizin viel mehr Beachtung finden sollte.

Gelesen: Grams, Natalie: Homöopathie neu gedacht – Was Patienten wirklich hilft

Grams, Natalie: Homöopathie neu gedacht: Was Patienten wirklich hilft. Berlin, 2015.
ISBN 978-3-662-45336-0

Als das Buch von Natalie Grams 2015 erschien, hätte niemand gedacht, dass ein schmales Bändchen mit 221 Seiten die Welt der Homöopathen so gründlich ins Wanken bringt. Aber fangen wir am Anfang an.

Natalie Grams ist Ärztin. Und Homöopathin. Sie studierte in München, Heidelberg und Zürich und promovierte 2007. Ab 2004 begann sie eine Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin und Homöopathie, wobei sie letztere mit Zusatzbezeichnung abschloss. Ab 2009 praktizierte sie in einer homöopathischen Privatpraxis und 2011 eröffnete sie eine eigene Privatpraxis für Homöopathie, die sie sehr erfolgreich bis 2015 selbständig betrieb.

Im Rahmen ihrer Praxistätigkeit wurde Grams auch von den Journalisten Christian Weymayr und Nicole Heißmann zur Recherche für deren Buch „Die Homöopathie-Lüge“ interviewt. Als das Buch dann erschienen war, war Natalie Grams nach eigener Aussage „erschüttert“ über die darin geäußerte Kritik und beschloss, eine Antwort zu schreiben. An diesem Punkt begann sie nun, sich mit den geäußerten Kritikpunkten auseinander zu setzen und die genaue Studienlage zu sichten.

Dieses Auseinandersetzen führte dazu, dass die Autorin nicht mehr hinter der Homöopathie stehen konnte und ihre Praxis aufgab. Im Mai 2015 erschien dann ihr Buch „Homöopathie neu gedacht“ im Verlag Springer Spektrum.

Gemeinsam mit Dr. Norbert Aust rief sie das von ihm angeregte „Informationsnetzwerk Homöopathie (INH)“ ins Leben. Heute ist Grams in der Wissenschaftskommunikation tätig.

Kommen wir nun zum Buch selbst. Dieses gliedert sich in 5 Kapitel:

1. Wie und auf welcher Grundlage behandelt die Homöopathie?
2. Wovon ist die Rede, wenn wir von Homöopathie sprechen?
3. Ist die Homöopathie Teil der heutigen Medizin?
4. Warum wenden sich Patienten der Homöopathie zu?
5. Was bleibt übrig von der Homöopathie im 21. Jahrhundert?

Natürlich schließen sich Literaturverzeichnis, Glossar und Index dem Text an.

Im ersten Kapitel beschreibt Natalie Grams anhand eines Fallbeispiels eine homöopathische Behandlung. Und bereits auf Seite 10 bringt sie auf den Punkt, was den „Erfolg“ einer solchen Behandlung bringt:

– Zeit für den Patienten
– Offenheit und Verständnis (selbst für Ungewöhnliches und ‚Eigenheitliches‘)
– Die Möglichkeit, körperliche, emotionale und geistige Dinge auszudrücken und sie in einen Zusammenhang zu bringen (ganzheitlich)
– Individuelles Herangehen (nicht irgendwelche Schmerzen, sondern meine Schmerzen)
– Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis verbessern und situationsgerechte Lebensveränderungen einleiten
– Medikamente mit hohem Placebo-Effekt (der offenbar umso größer ist, je auffälliger die Form und je größer die Anzahl der zu nehmenden Medikamente ist).

Das zweite Kapitel erläutert ausführlich das System der Homöopathie über Entstehung, Methodik, Repertorien, Anamnese und Potenzierung. Weiterhin werden die Diagnostik, das Ähnlichkeitsprinzip und die Arzneimittelprüfung erklärt.

Das schwierige Verhältnis zwischen Homöopathie und Naturwissenschaften wird in Kapitel 3 beleuchtet, wobei auch die persönliche Situation der Autorin geschildert wird. Besonders die problematischen Begriffe der Potenzierung und der Lebenskraft werden hier angesprochen. Das Kapitel gipfelt in der Frage Ist die Homöopathie Medizin?

Auf die Frage, warum sich Patienten überhaupt der Homöopathie zuwenden wird in Kapitel 4 erläutert. Vom therapeutischen Setting bis zum Verhältnis Therapeut/Patient werden alle Aspekte beleuchtet. Das homöopathische Krankheitsbild ebenso wie die sogenannten Ebenen einer Krankheit, die Begriffe „Geist“ und „geistig“ sowie das „ganzheitliche Vorgehen“ homöopathischer Therapeuten.

Besonders interessant ist natürlich das fünfte und letzte Kapitel, in dem das Resümee gezogen wird. Hier analysiert die Autorin, welche Bereiche der Homöopathie verworfen werden sollten und über welche Bereiche nochmal nachgedacht werden sollte und warum. Insbesondere das Verhältnis zu den Naturwissenschaften beschäftigt Grams.

Um ein Fazit zu ziehen, hat man hier ein fundiertes Buch vor sich liegen, das es wert wäre, in den entsprechenden Kreisen nüchtern diskutiert zu werden. Dies ist leider nicht der Fall, lieber wird die Autorin diskreditiert, was natürlich nicht von guter Kinderstube zeugt.