Ein Besuch in Cornwall – Teil 2

Der nächste Morgen war passte zur Laune des Lords trist, grau und wolkenverhangen mit typisch englischen Schnürlregen präsentierte er sich durch die hohen Glastüren des Frühstücksraums auf Twekesbury Manor, an dessen langgestreckten Tisch der Lord und seine Frau schweigsam sprachen. Während der Lord seine Kipper massakrierte, plapperte Hilda betont fröhlich vor sich hin und erzählte ihm ihre Ausflugspläne für die Woche.

Da hörten sie das Auto vorfahren. William, ihr Chauffeur kam vom Flughafen zurück. „Oh, da ist sie ja!“ rief Trudy aus „Ich freue mich so, das wird bestimmt eine wunderbare Zeit! ROBERT! LASS DEN SCHÜRHAKEN HÄNGEN!“

Mit weit geöffneten Armen ging sie auf die kleine Gestalt zu, die gerade in die Halle gewatschelt kam. Der Lord konnte sich nicht helfen, Trudy sah immer so aus, wie die Schildkröte, die er als Kind hatte, nur mit lila Haaren und einer dicken Hornbrille. Sie trug ein typischen Blümchenkleid mit einer Spitzenstola.

Die beiden Frauen umarmten sich herzlich. Und Trudys Reibeisenstimme ließ eine Gänsehaut über den Körper des Lords laufen. Aber auch er wurde herzlich von ihr begrüßt: „Ah, der da ist ja auch da. Willst Du mich wieder vor Gericht zerren? Trag gefälligst mein Gepäck in mein Zimmer!“ „Ich freue mich auch, dich zu sehen, noch schöner wäre es aber gewesen, Dein Flugzeug wäre abgestürzt“ antwortete der Lord zuckersüß, was ihm einen Tritt seiner Frau einbrachte.

In dem Moment schlug die alte Standuhr in der Halle und wie aus den Boden gewachsen stand plötzlich der Butler neben ihnen „Das Gepäck wurde bereits nach oben gebracht und das Mittagessen wird wie gewünscht in einer Stunde serviert.“ „Danke Alfred, das war sehr aufmerksam von ihnen“ sagte Hilda und zu Trudy gewandt: „Komm, ich zeige Dir Dein Zimmer, Du wirst Dich frisch machen wollen!“ Trudys Antwort wunderte den Lord gar nicht: „Aber nein, meine Liebe, ich hatte erst am Samstag ein Vollbad, aber ich würde gerne dem Herrn für meine sichere Ankunft danken.“ Hilda blickte etwas verwirrt, brachte sie aber nach oben. „Und beim Essen kannst Du uns dann alles über Deine Zeit als Krankenschwester im Sezessionskrieg erzählen!“ rief ihnen der Lord nach.

Am Mittagstisch hielt der Burgfrieden, auf den Hilda ihren Mann eingeschworen hatte. Stoisch ertrug er ihre schlechten Tischmanieren und ihre Geschichten aus ihrer Gemeinde. Selbst als sie anfing an ihm herumzunörgeln und ihn über seine Kirchgangsgewohnheiten befragte, blieb er äußerlich ruhig. Nur ein gelegentliches Zähneknirschen verriet seiner Frau, dass er kurz vor der Explosion stand.

Nach dem Essen verabschiedete sich Trudy zu einem ausgedehnten Spaziergang und der Lord zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, ließ sich in seinen Ohrensessel plumpsen und schnaufte tief durch. Da kam Hilda ins Zimmer, stellte ihn ein Tablett mit seinem Lieblingsportwein, einer Zigarre und der Rennzeitung auf den Beistelltisch neben dem Ohrensessel, gab ihm einen Kuss auf die Wange und lobte ihn für sein Durchhalten beim Mittagessen.

Zufrieden legte er die Füße hoch, zündete sich die Zigarre an und vertiefte sich in seine Rennzeitung. Er war auf der letzten Seite angelangt und sehr in seine Lektüre vertieft, als es plötzlich neben ihm kreischte: „Was soll das denn? Du rauchst? Und trinkst Alkohol? Und beschäftigst Dich mit Pferdewetten? Sodom und Gomorrha! Was ist das für ein Sündenpfuhl hier? Wahrscheinlich frönst Du noch der fleischlichen Lust auf deinem Esstisch!“

Trudy hatte sich durch die offenen Terrassentüren hereingeschlichen und ihn ertappt. Der Lord erschrak so sehr, dass er seinen Portwein verschüttete und seine Zeitung in hohen Bogen durch das Zimmer flog. „WAS ZUM TEUFEL?“ rief er aufgebracht. „DU SOLLST NICHT FLUCHEN!“ kreischte Trudy, als gerade Hilda ins Zimmer gestürzt kam und sofort die Lage überblickte. Sie begann auf Trudy begütigend einzureden und sie aus dem Zimmer zu drängen, aber so einfach war das nicht. Trudy war standhaft, denn sie hatte noch eine Frage: „Habt ihr eigentlich ein Buch von Rosalie Milchner in diesem sündigen Haus? Ich würde es gerne lesen, die Dame habe ich gerade auf meinem Spaziergang kennengelernt und wir waren uns auf Anhieb sympathisch!“ Der Lord stand kurz vor einem Schlaganfall, aber Trudy war noch nicht fertig: „Ich habe sie übrigens für heute zum Dinner eingeladen, ich hoffe, hier gibt es etwas anständiges, sie kommt um 8 Uhr!“

Der Kopf des Lords war so rot wie die Oktoberrevolution und er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Er fiel in seinen Sessel zurück und tastete nach seinem Puls. Als seine Frau wieder in das Arbeitszimmer zurück kam, war der Lord verschwunden, aber der Waffenschrank stand offen. „Oh mein Gott, jetzt macht er ernst!“ dachte sich Hilda und stürzte über die noch immer offenen Terrassentüren nach draußen, als der erste Schuss durch die friedliche Landschaft hallte.

Hilda lief schneller und nachdem schon gut ein halbes Dutzend Schüsse zu hören waren, machte sie sich auf ein Blutbad gefasst. Aber als sie über den kleinen Hügel kam, konnte sie aufatmen, ihr Mann schoss glücklicherweise nur auf Tontauben und das mehrfach, selbst als sie schon auf dem Boden lagen. Sie trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter „Robert, es tut mir so leid!“ Er grunzte und presste ein „Du weißt, dass ich das nur deinetwegen durchstehe, das kostet dich einiges, wenn sie wieder weg ist!“ zwischen den Lippen hervor. Hilda küsste ihn „Und wenn Du heute Abend durchstehst, dann werde ich persönlich nach Rom schreiben und Dich heilig sprechen lassen“ „Ich bin Anglikaner“ „Ich stelle Trudy und die Autorin dem Papst vor, dann spielt das keine Rolle mehr“ Lächelnd ging sie zurück zum Haus und sprach mit der Köchin das Dinner durch.

Die Köchin war natürlich sehr amüsiert darüber, kannte sie doch die Abneigung des Lords gegenüber der Autorin. Auch der Butler lachte innerlich Tränen, als ihm die Lady das erzählte. „Wo wollen wir den Gast platzieren?“ fragte er äußerlich ungerührt. „Wenn ich das nur wüsste“ seufzte Lady Hilda. „Wie wäre es mit dem Nebenraum?“ „Philip, kennen sie eigentlich die Arbeitsmarktchancen für vorlaute Butler?“ Aber eigentlich konnte ihm Hilda nicht böse sein, natürlich hatte die Szenerie etwas groteskes, pflegte ihr Mann doch schon seit Jahrzehnten eine heftige Fehde mit der Autorin, die nur zu gerne ihr Familienleben für ihre Schmalzromane verwursten würde.

Ein Besuch in Cornwall – Teil 1

Twekesbury Manor lag in absoluter Sonntagsruhe zwischen den grünen Hügeln von Cornwall. Die Sonne des herrlichen Frühsommertages schien warm und freundlich auf das altehrwürdige Herrenhaus und den ausgedehnten Park, der sich anschloss. Einer der Jagdhunde des Grundherren gähnte träge auf der Terrasse und genoss die Wärme. Schmetterlinge flogen fröhlich ihre Runden und nur die Bienen summten geschäftig von Blüte zu Blüte. Die Szenerie wirkte, wie aus einem Prospekt des britischen Fremdenverkehrsverbands. Die Idylle hatte doch ein jähes Ende, als ein wütender Schrei die Stille durchbrach

„ZUM HENKER, DU HAST WAS? BIST DU VON ALLEN GUTEN GEISTERN VERLASSEN?“ Lord Twekesbury saß hinter seinem schweren Schreibtisch und sein Gesicht war genauso rot, wie die Uniform seines Ahnherrn auf dem großen Portrait dahinter. Vor dem Schreibtisch stand Hilda, seine Frau und funkelte ihn kampfeslustig an. „Ja, mein lieber, ich habe DEINE Tante Trudy aus Texas eingeladen. Sie ist alt und hat außer uns keine Familie und bevor sie von uns geht, soll sie noch mal ein paar schöne Tage bei uns haben.“ Bei diesen Worten seiner Frau stand der Lord auf und grummelte „Bei dem von uns gehen kann ich ihr helfen“ und wandte sich seinem Waffenschrank zu. „ROBERT! Sei nicht albern, Du wirst sie nicht erschießen und nein, auch keine Salzpatronen!“ wies sie ihren Mann zurecht. „Außerdem ist es jetzt eh zu spät, sie landet morgen früh in Heathrow.“ Mit diesen Worten wandte sie sich ab und zog sich in ihren Damensalon zurück.

Sie wusste ja, dass Tante Trudy eine Landplage war, aber in ihren letzten Briefen hatte sie einfach so einsam und verzweifelt geklungen, dass sie sie einfach einladen musste. Ja, Trudy war an ihrer Lage selbst schuld, hatte sie doch mit ihrer geheuchelten Frömmelei alle Menschen vertrieben, aber als Tochter eines Wanderpredigers konnte man vielleicht gar nicht anders. Es war für sie immer noch ein Wunder, was Frederick, der jüngste Onkel ihres Mannes an der Frau gefunden hatte. Irgendwie war sie sich sicher, dass er den Krebs, der ihn ins Grab gebracht hatte aus Notwehr ganz bewusst gezüchtet hatte. Das Verhältnis zu ihrem Mann war äußerst gespannt, seit Trudy nach dem Tod Fredericks anfing, sich als „Lady Twekesbury“ auszugeben. Das hatte erst aufgehört, als der Lord ihr das gerichtlich verbieten ließ. Immerhin ging in ihrer Familie der Titel nur an die ältesten Kinder über.

Sie seufzte, das würden zwei harte Wochen für sie werden, dachte sie sich und kippte ihr Glas Portwein in einem Zug hinunter.

Auch Robert, ihr Mann hielt sich an Hochprozentiges, ließ sich zwei Daumen hoch Whisky ins Glas laufen und stürzte es in einem Zug hinunter. Gerade Trudy hatte seine Frau eingeladen. Dieses frömmelnde Weibsstück. Das hieß für ihn eine Woche keinen Whisky, keine Pferdewetten und der Pub war auch gestrichen, genauso wie die Jagd. Aber er liebte seine Frau und ihr zuliebe würde er sich zusammennehmen. Wenigstens kam seine Tochter um diese Nervensäge herum, sie war nach Montana geflogen, um sich ihren zukünftigen Schwiegereltern vorzustellen.

Grummelnd zog er sich in sein Gartenhaus zurück, die er sich ganz nach seinem Geschmack eingerichtet hatte. Seine Frau nannte das Häuschen gerne die „Brummbärenhöhle“. Dort saß der Lord nun und pichelte einen Whisky nach dem anderen, als plötzlich der alte Groom, der Pferdeknecht herein schaute. Er war der Einzige, der den Lord hier stören durfte. „Ah, euer Lordschaft, welchen guten Tropfen gibt es denn heute?“ Wortlos schenkte im Twekesbury ein großzügiges Glas ein. Der Groom nahm neben ihm Platz und schweigend schlürften die beiden ihren Whisky. Nach zwei weiteren Gläsern brach der Pferdeknecht ihr Schweigen: „Was beschert uns diesen guten Tropfen?“ „Trudy“ antwortete er tonlos „Sie besucht uns ab morgen. Für ZWEI WOCHEN!“ Der Groom verschluckte sich und spuckte den Whisky in hohen Bogen auf den Boden. Er begann zu stammeln, sagte etwas von Pferden und füttern und machte sich eiligst auf dem Weg. „Alle bekloppt geworden!“ grummelte der Lord. Aber er hatte Verständnis für den alten Fred, kannte er Trudy doch am längsten und bei ihren bisherigen Besuchen war sie oft im Pferdestall gewesen. Der arme Kerl hatte also auch einiges unter ihr zu leiden gehabt.

Zefix – Ein Heimatkrimi

„Zefix!“ schimpfte Ministerialdirektor Huber in Gedanken, als er eine neue EU-Verordnung las. „Sowas können sich doch nur EUnesen einfallen lassen, das ganze Ding ist ja in einer vollkommen verständlichen Sprache verfasst. Da weiß ja jeder Bürger gleich, was gemeint ist. Das müssen wir sofort umändern! Saupreißen, sauerte… !“

In diesem Moment, als er sich in den voller Wut in den tiefen Ledersessel seines Büros mit Blick auf die Feldherrenhalle fallen ließ, ertönte ein leise „Ping!“, das ihn anzeigte, dass er eine neue E-Mail in seinem Posteingang hatte. „Was ist denn jetzt schon wieder?“ grummelte Huber vor sich hin. Er hatte doch erst vor zwei Wochen eine E-Mail bekommen. Wie sollte er nur mit diesem Stress umgehen?

Genervt fuhr er mit seiner Mouse hin und her, um den Bildschirmschoner auszuschalten. „WAS?“ der Ausruf entfuhr ihm ganz unwillkürlich… „WAS WILL DER? UND DANN NOCH AUS… FRANKEN… AUS DER PROVINZ? DER SPINNT DOCH!“ brüllte er seinen Monitor an, der noch immer den Antrag auf Zuschüsse zu Flüchtlingsprojekten in einer fränkischen Kleinstadt zeigt.

Mit hoch rotem Kopf ließ er sich zurückfallen und keuchte wie nach einem Marathonlauf. Das wäre ja was. Ihr schönes Geld nach Franken zu schicken. Nein, nein, nein… das konnte nicht sein. Er blickte auf die Uhr, die ihm ein freundliches ½ 11 zeigte. Na, dachte er sich, da kann man schon auf einen Frühschoppen und eine oder zwei Weißwürste vor der Mittagspause gehen. Und so ließ er EU-Verordnung und E-Mail in seinen Büro zurück und ging, seine Untergebenen jovial nach links und rechts grüßend, in die Kantine des Ministeriums. Der Ministerialdirektor arbeite aufopfernd durch und verließ die Kantine erst lange nach Büroschluss.

Als er am nächsten Morgen mit einem starken Brummschädel ins Büro kam, rollte er wie jeden Morgen als erstes seinen Gebetsteppich vor der Franz-Josef Strauß-Büste aus und sagte sich immer in Richtung Rott am Inn verneigend mantraartig vor sich her: Bayern ist unsere Heimat. Bayern ist das Land, in dem wir leben und das wir lieben. Bayern ist unvergleichliche Landschaft, gelebte Tradition, jahrhundertealte Kultur. Bayern ist Erfolg, Lebensqualität und Spitzenleistungen.[1]

Als er sich keuchend wieder erhob und sich an seinen Schreibtisch setzte, merkte er, dass er am Vortag den PC nicht ausgeschaltet hatte und als er den Bildschirmschoner (ein winkenden Horst Seehofer) weg wedelte, sah er als erstes wieder die ungebührliche Bettel-E-Mail aus Franken und die Wut stieg wieder in ihm hoch. Und anstatt abzuwarten und seiner Sekretärin einen abschlägigen Bescheid zu diktieren, setzte er sich selbst an die Tastatur und tippte eine Antwort. Als er fertig war zögerte er kurz. War das nicht zu heftig? Ach, was soll’s dachte er dann und klickte auf „Senden“. Selbstzufrieden lächelnd lehnte er sich in zurück. Dem hatte er’s aber gegeben…

„Dem haben sie’s aber gegeben!“ sagte zwei Wochen später der Kriminalhauptkommissar Tannerbauer zu seinem Kollegen Schreilechner, als sie in eben jenem Büro standen und auf die Leiche des Ministerialdirigenten hinab blickten.

Es war aber auch ein bizarres Bild, das sich ihnen bot. Der Ministerialdirigent lag in seinem Sessel und an seiner Stirn klebte ein großer Bogen Wachspapier, bedruckt mit dem FF-Logo der Fleischerinnung und dem typischen rennenden Schweinchen.[2] Hob man dieses hoch, sah man das aufgedunsene, blaue Gesicht des Ministerialdirigenten und den Hals, in den sich eine Kette frischer Brühpolnischer einschnitt und auf der Stirn prangte ein fränkischer Rechen aus Senf.

„Das war wieder ER!“ sagte Schreilechner nach einiger Zeit. Tannerbauer nickte bedeutungsschwer: „Ja. ER. Wie damals beim Minister, erinnerst du dich noch?“

Natürlich erinnerte Schreilechner sich noch. Wie hätte er diesen Anblick vergessen können? Als sie den Minister in seinem Büro fanden. Auf seinem Schreibtisch. Man hatte ihn in Bratwurstteig gepackt und so eine riesige Bratwurst von über zwei Meter Länge und einem Durchmesser von etwas mehr als einem Meter hergestellt, diese dann gerollt und gegrillt. An der Wurst klebte auch einer dieser Wachspapierbogen. Der Minister hätte vielleicht doch den Autobahnausbau in Oberfranken genehmigen sollen, bevor er sämtliche Haushaltsmittel für Straßenbauprojekte in dem Wahlkreis des Ministerpräsidenten und seinem eigenen ausgegeben hatte.

„Natürlich erinnere ich mich“ sagte Schreilechner und fuhr fort: „nachdem wir den Minister aus der Riesenbratwurst raus hatten, haben wir die aufgehoben und beim Polizeisportfest serviert. War ausgesprochen gut!“ In der Erinnerung schwelgend leckte er sich die Lippen. Und dass in der Wurst vorher ein Minister eingerollt war, das musste ja niemand wissen.

In diesem Moment flog die Tür auf und der Staatssekretär stürmte in das Büro. „WasistdenndasfüreineSauereihierdasgibtsdochgarnichtundsiestehenanebenundunternehmennichtsdasistdocheineSauerei!“ stieß er ohne Luft zu holen hervor. Er blieb nur wenige Zentimeter vor Tannerbauer stehen. „Und? Was unternehmen sie jetzt?“ bellte er ihn an. Der Kommissar, der unweigerlich militärische Haltung eingenommen hatte räusperte sich: „Nun, ich meine… ich glaube… ich will mal… Sagen wir mal so…“ Unwirsch schnitt ihm der Staatssekretär das Wort ab: „Zefix, den Mörder sollen’s fangen. Diesen selbsternannten fränkischen Rächer, der hier unsere ganzen Leute umbringt. Wo soll das sonst noch hin führen? Zum Schluss müssen wir sonst noch Politik machen, die über Eichstätt hinaus geht? WO SOLLEN WIR DA HIN KOMMEN?“ Den letzten Teil seiner Ansprache brüllte er Tannerbauer ins Gesicht. Der blieb aber stumm und stand still wie ein Zinnsoldat. Einen Moment lang flackerte im Gedächtnis des Staatssekretärs das Bild des Meerschweinchens seiner Kinder auf, das bei Gefahr auch in Schockstarre versank. Das machte ihn noch wütender. Da stand ein bayerischer Beamter vor ihn und kein Nagetier. Während er aus dem Büro stürmte, schrie er dem Kommissar noch einmal an: „IDIOT, BLÖDER!“

„Idiot, blöder!“ murmelte Kommissar Tannerbauer einige Tage später, als er im Büro des Staatssekretärs stand und auf dessen Leiche hinab blickte. Seine Mundwinkel umspielte ein leichtes Lächeln. Der Staatssekretär hing mit dem Kopf nach unten am Lampenhaken und war gefesselt wie ein Rollbraten, sein Kopf wiederum steckte in einem bizarr großen Senfeimer, auf den wieder das obligatorische Wachspapier mit dem rennenden Schweinchen geklebt war.

„Das ist schon ein blöder Tod. So im Senf zu ersaufen…“ sagte er zu Schreilechner, der fassungslos auf die Szenerie starrte. „Naja, eine Spur scheint ja zumindest ins Fleischer-Milieu zu führen“ meinte er. Aber Tannerbauer winkte ab „Keine Chance, mein Bruder ist selbst Metzger und die rennende Sau ist das beliebteste Motiv momentan, da kannst Du Dich auch auf eine laufende Kreissäge setzen und raten, welcher Zacken dich geritzt hat.“ Interessiert blickte ihn Schreilechner an „Ach, das wusste ich gar nicht, dass Dein Bruder Metzger ist.“ „Ja, er hat die Familienmetzgerei übernommen. Wenn ich wieder nach Hause fahre, bringe ich Dir mal ein Carepaket mit“ antwortete Tannerbauer augenzwinkernd. Schreilechner räusperte sich „Ach das ist nett…“ und betont beiläufig fragte er noch „Und wo ist die Metzgerei?“ Tannerbauer lächelte „Allmächd… in Zirndorf…“ [3]

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[1] Entnommen der CSU-Homepage am 9. März 2017

[2] Beitragsbild: http://www.metzgerei-wenders.de/

[3] Die Ortsangabe Zirndorf wurde willkürlich gewählt. Für die Ortsunkundigen noch der Hinweis, dass Zirndorf nur wenige Kilometer von Nürnberg entfernt liegt, also im tiefsten Mittelfranken. „Allmächd“ ist ein beliebter, sehr häufiger Nürnberger Ausruf des Erstaunens, des Erschreckens oder der Freude. (Franken-Wiki)

Herbstgedanken

Es war der erste Sonntag dieses herrlichen Altweibersommers und sie hatte einen perfekten Tag gehabt. Nun lag sie geschafft aber glücklich auf ihrer gemütlichen Couch. Eigentlich wollte sie noch dieses herrliche Buch weiter lesen, aber das lag nun auf ihren Bauch und sie hing ihren Gedanken nach.

Sie hatte herrlich geschlafen, einen leckeren Brunch mit guten Freunden gehabt und dann einen langen Spaziergang durch den Park unterhalb des Schlosses gemacht. Die Strahlen der tiefstehenden Sonne streichelten sie wie warme Finger auf ihrem Gesicht und tauchte den gesamten Park in ein goldenes Licht, in dem alle Dinge lebendig zu werden schienen. Das Herbstlaub raschelte unter ihren Füßen und ab und an trat sie auf eine glatte Kastanie.

Auch die Menschen schienen wie ausgewechselt, waren es sonst verschlossene, gehetzte Gesichter, denen sie begegnete, waren sie heute offen und lächelten oft. Leicht stieg sie den kleinen Berg hoch, der zum Schloss führte, vorbei an den alten Ställen und Remisen. Als sie oben angekommen war, stockte ihr ob der Pracht, die sie sah, fast der Atem. Die großen Rosenbeete vor dem altehrwürdigen Gebäude leichteten in allen Farben. Es war so, als wollten die Rosen noch einmal alles geben, all ihre Kraft in genau diesen Moment stecken, um genau jetzt für sie ihre schönste Seite zu zeigen. Der Springbrunnen plätscherte fröhlich und sie trat an die Balustrade und blickte in das Tal. Auch hier hatte die Natur ihr schönstes Kleid angelegt und zeigte in allen Erdtönen ein warmes Bild.

Sie hatte den letzten Tisch auf der Terrasse des Schloßcafés ergattert und ihren Tee genossen. Gut, wegen des Stückchens Torte hatte sie ein bisschen ein schlechtes Gewissen, aber dafür würde sie sich Morgen zurückhalten.

Und nun lag sie hier, auf ihrer gemütlichen Couch. Neben sich eine dampfende Tasse heißer Schokolade. Gedankenverloren beobachtete sie die Staubkörnchen, die in den Sonnenstrahlen, die durch das Fenster herein fielen, tanzten. Sie ließ ihre Gedanken schweifen und plötzlich überkam sie ein Gefühl des absoluten Glücks, das sie von den Fußzehen bis in die Haarspitzen erfüllte und sie wusste, dass alles gut werden würde.

 

 

Beitragsbild: Von Martin.Heiss aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2516770

Eine kleine Gute-Nacht-Geschichte

Sie saß genervt auf einer Bank in der Fußgängerzone und kaute lustlos auf ihrem Käsebrot. Heute war wieder so einer von den Tagen, an dem sie gerne eine Axt im Schreibtisch hätte, um sämtliche sinnlosen Diskussionen abzukürzen. Naja, wenigstens schien die Sonne, dachte sie sich und lehnte sich zurück, um die Wärme auf ihrem Gesicht zu genießen.

Als sie wieder die Augen öffnete, schaute sie sich gelangweilt in der Fußgängerzone um, aber keines der Geschäfte reizte sie, um die restliche Pausenzeit darin zu verbringen. Klamotten, Klamotten, Taschen, Bäcker, ein hopsender Bär, Klamotten… Mooooment… Sie richtete sich auf. Ein tanzender Bär? Hier in der Fußgängerzone? Was sollte das denn? Und er kam direkt auf sie zu. Und keiner keiner anderen Passanten schien ihn zu bemerken. Tatsächlich, er kam direkt auf sie zugehopst, sprang auf die Bank und setzte sich neben sie.

Das muss doch jetzt die „Versteckte Kamera“ sein, dachte sie sich und schaute sich um. Der Bär lachte: „Nein, das ist nicht die versteckte Kamera. Und ja, die anderen können mich nicht sehen. Nur Du, denn ich bin nur wegen Dir hier.“ Sprachs, krabbelte auf ihren Schoß und kuschelte sich an sie.

„Aber … aber… was willst Du denn von mir?“ fragte sie verdattert. „Dich mitnehmen“ antwortete der Bär, hopste von ihrem Schoß und zog sie an der Hand mit sich fort. Sie durchquerten die Fußgängerzone und der Bär führte sie in eine verlassene Gasse. Während des ganzen Weges versuchte sie dem Bär zu erklären, dass sie doch nicht einfach mitkommen könnte, sie musste doch arbeiten. Es waren doch nur ein paar Minuten der Pause übrig. Der Bär lachte aber nur und zog sie weiter.

In der Gasse standen sie bald vor einer Tür, einer schweren Eichentür, an die der Bär klopfte, woraufhin sie sich öffnete. Übermütig zog er sie durch einen kurzen Gang, der sich auf eine wunderschöne Wiese öffnete.

Der Bär ließ ihre Hand los und begann laut jauchzend Purzelbäume zu schlagen, während sie ungläubig die wunderschöne Landschaft bestaunte. Eine wunderschöne Blumenwiese breitete sich vor ihr aus, dort hinten ein Wald, durch den sich ein kleiner Bach wand, der fröhlich vor sich hin plätscherte und dort grüne Hügel und dort ein kleiner See. Ach, war das hier schön hier und über allem schien herrlich die Sonne und eine leichte Brise umschmeichelte sie.

Vorsichtig machte sie einige Schritte. Das Moos federte ihre Schritte ab und sie lief wie auf Wolken. War das schön hier, so wunderschön. Es schnürte ihr den Hals zu, als sie ihren Blick schweifen ließ, so überwältigt war sie. Da spürte sie, wie der Bär an ihrem Arm zog. Er brachte sie doch tatsächlich zu Fall und laut lachend kugelten die beiden den kleinen Hügel hinunter und kamen am Ufer des Baches zu liegen.

„Na ihr beiden habt Spaß und alle anderen warten auf euch“ sagte da plötzlich eine Stimme. Sie richtete sich auf und sah in die freundlichen Augen eines Fuches. „Los, los, ihr Kindsköpfe“, sagte der Fuchs, seine lachenden Augen straften seinem strengen Ton allerdings Lügen.

Brav folgte sie dem Fuchs, der sie in den Wald führte, auf eine Lichtung, wo sie von einer großen Gruppe von Tieren erwartet wurden. Sie setzte sich auf einen Baumstumpf und wartete gespannt.

Der Dachs trat vor und richtete das Wort an sie: „Wir haben Dich schon lange beobachtet und ausgewählt. Du bist so ein wundervoller, lieber und warmherziger Mensch, dass wir Dir etwas zurück geben wollen. Immer dann, wenn es Dir mal nicht so gut geht, dann kannst Du hierher kommen, Ruhe und Frieden und wieder zu Dir selbst finden.“

Sie wusste gar nicht, was sie sagen sollte. Da fuhr der Dachs fort: „Dieser Platz gehört nur Dir und ist nur dafür da, Dir Dein Herz leicht zu machen.“ Und bei diesen Worten drückte er ihr einen Schlüssel in die Hand und erklärte, dass er in jede Tür passt. Sobald eine Tür mit diesem Schlüssel aufgeschlossen wurde, führte sie in dieses Land.

Sie stammelte einige Worte des Dankes und drückte den Schlüssel fest an sich. Die Tiere kamen näher und herzten und drückten sie und sagten ihr, wie herzlich willkommen sie sei.

Der Bär brummte, dass es jetzt Zeit wäre und brachte sie wieder zurück zu der Tür. Sie öffnete die Eichentür mit dem Schlüssel und stand plötzlich wieder im Treppenhaus ihres Büros. Pünktlich saß sie wieder an ihrem Schreibtisch, das glückliche Lächeln auf ihren Lippen konnten sich ihre Kollegen nicht erklären, aber sie wusste jetzt, dass sie immer einen Ort hatte, an dem sie willkommen war und an dem sie geliebt wurde. Und das hatte sie sich auch sehr verdient.

 

Beitragsbild: https://www.natur-erleben-nrw.de/natura-2000/regionen-und-gebiete-in-nrw/details/hallenberger-wald/

Versteckte Schönheit

Sie ging einen langen, dunklen Gang entlang. Ihre Schritte hallten von den kahlen Wänden wider und sie musste sich in Acht nehmen, dass sie auf dem unebenen Boden nicht fiel. Je länger sie lief, desto länger schien der Gang zu werden. Plötzlich überfiel sie ein tiefes Gefühl der Einsamkeit. Sie fühlte sich von der gesamten Welt abgeschnitten in diesen Steinkatakomben. Wo führte sie dieser Gang hin? Was würde sie erwarten? Sie wusste es nicht und in einem plötzlich aufkeimenden Gefühl der Panik begann sie zu rennen.

Die schwere Eichentür tauchte plötzlich vor ihr auf. Durch den Schleier ihrer Tränen hatte sie sie gar nicht gesehen und prallte erschrocken zurück. Sie griff nach dem dicken Ring, der anstatt der Klinke angebracht war und zog die Tür auf.

Das gleißende Licht blendete sie und schützend hob sie die Hand vor ihre Augen und nur langsam nahm die Landschaft vor ihr Gestalt an. Erstaunt rang sie nach Luft. Sie stand auf einer Blumenwiese, mit wunderschönen weißen Blüten. Das Moos unter ihren Füßen federte bei jedem Schritt.

Sie überkam ein herrliches Gefühl des Glücks, der Zufriedenheit und Geborgenheit. Die tiefe Freude, die sie in diesem Moment empfand, brach sich in einem lauten Jauchzen Bahn. Übermütig drehte sie sich im Kreis, ließ sich zwischen die Blumen fallen und sog gierig ihren herrlichen Duft ein. Sie stand auf und begann zu lachen, begann zu laufen und genoss diese üppige Pracht der Natur.

Plötzlich tauchte vom Fuß des Hügels her eine Gestalt auf. Sie blieb stehen und schaute, konnte aber gegen die Sonne nicht erkennen, wer es war. Aber sie spürte es, eine Welle des Glücks umfing sie. Die Gestalt begann zu winken und zu laufen. Auch sie begann auf die Gestalt zuzulaufen. Doch da, sie verfing sich in einer Wurzel, fiel hin und … wachte in ihrem warmen Bett zu Hause auf. Sie ließ sich in die Kissen fallen und seufzte.

Eine Sommernacht

Als die Dunkelheit sich über den kleinen Garten senkte war kein Geräusch mehr zu hören. Es herrschte Stille und auch der große, träge dahinfließende Fluss schien zu schlafen.

Sie lagen eng aneinander geschmiegt im Gras und genossen die herrliche Nacht. Wann immer sie sich in die Augen sahen war es, als wäre Musik in der Luft, eine herrliche Melodie. Ihre Herzen waren so voll und doch war es so schwierig, all das in Worte zu fassen. Aber sie verstanden sich auch so. Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und streichelte ihre Wange. Sie sahen sich an und eine Welle unsagbaren Glücks durchflutete sie, ein Glück, das ihre Herzen zu sprengen drohte.

Sie wussten nicht, wie lange sie schon hier lagen, in der Stille, ohne sie zu stören. Und sie waren erstaunt, als sich über den sanften Hügeln die Morgendämmerung ankündigte und die ersten Vögel zu hören waren.

Warum musste dies Nacht nur enden? Aber sie wussten, dass sie sie nie vergessen würden, dass sie diese Nacht, diese eine Nacht des vollkommenen Glücks, immer im Herzen tragen würden.

Beitragsbild: inobras.deviantart.com/art/Podmoskovnye-Vechera-117351414