Ein neues Blog ist da!

Vielleicht habt ihr bemerkt, dass die Kategorie „Prosa“ und die darin enthaltenen Geschichten verschwunden sind. Keine Panik, die sind nicht weg. Ich habe mich nur dazu entschieden, die Geschichten in einem neuen Blog unterzubringen. Die Geschichten findet ihr ab sofort unter:

https://onkelmichaelsgeschichten.wordpress.com/

Hier findet ihr zukünftig auch weiterhin meine Sachbeiträge zur Geschichte, Homöopathiekritik etc.

Vom Ernst des Lebens

Neulich war ich in Rostock auf dem Jahrmarkt. Die Straßen, die sich schräg zur Warnow hinabsenken, standen voller Bunden, und unten am Ufer drehten sich Karussells. Ich wurde, weil alles so schön laut war, sehr fidel, stellte mich an eine Zuckerwarenbude und verlangte für zehn Pfennige türkischen Honig. Er schmeckte großartig.

Da kam ein Junge mit seiner Mutter vorüber, zog die Frau am Ärmel und sagte: „Noch einen Pfefferkuchen!“ Dabei trug er schon fünf Pfefferkuchenpakete unterm Arm. Die Mutter stellte sich taub. Da blieb er stehen, stampfte mit dem Fuß auf und krähte. „Noch einen Pfefferkuchen!“
„Du hast doch schon fünf Pakete“, erklärte die Mutter. „Denk nur, die armen Kinder kriegen überhaupt keinen Pfefferkuchen!“

Wißt ihr, was der Junge antwortete?
Er schrie ärgerlich: „Was gehen mich denn die armen Kinder an?“ Ich erschrak so, daß ich fast meinen türkischen Honig samt dem Papier auf einmal verschluckt hätte. Kinder, Kinder! Hält man das für möglich?
Da hat so ein Junge das unverdiente Glück, wohlhabende Eltern zu bekommen, und dann stellt er sich hin und schreit: „Was gehen mich die armen Kinder an!“ Anstatt von seinen fünf Paketen Pfefferkuchen armen Kindern zwei zu schenken und sich zu freuen, daß er denen eine kleine Freude machen kann!

Das Leben ist ernst und schwer. Und wenn die Menschen, denen es gutgeht, den anderen, denen es schlechtgeht, nicht aus freien Stücken helfen wollen, wird es noch mal ein schlimmes Ende nehmen.

Aus: Kästner, Erich: Pünktchen und Anton. Hamburg, 1980. S. 76f.

Bildnachweis: Von Schlurcher (talk) – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9431707

Was zu bedenken wäre

Heinrich Heine (heutzutage muss man ja noch anmerken: Heinrich Heine, 1797 – 1856 war ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Hauptvertreter des „Jungen Deutschland“) hat in seinem umfangreichen Werk Reisebilder, Romane, Tragödien, Gedichte, Reportagen und vieles mehr hinterlassen. Er hat aber auch in einem Satz eine Erkenntnis hinterlassen, die heutzutage leider in Vergessenheit geraten ist, halten sich doch so wenige Menschen daran. Deswegen möchte ich heute daran erinnern:

Ein Kluger bemerkt alles. Ein Dummer macht über alles eine Bemerkung.

 

Pflanzenhomöopathie

Seit ich mich mit der Homöopathie und sonstigen „alternativmedizinischen“ Themen beschäftige, habe ich schon viel verqueren Blödsinn gehört, aber Homöopathie für Pflanzen toppt hier so einiges… Nein, ich will euch nicht veräppeln, nein, die meinen das wirklich ernst! Wirklich, ganz ehrlich, glaub es mir!

In Mode kam die Pflanzenhomöopathie ab den 1980er Jahren, wobei wohl bereits in den 1920er Jahren erste Versuche im anthroposophischen Milieu gemacht wurden. Ab den 1990er Jahren gibt es auch Hochschulschriften zu diesem Thema. In mindestens einem halben Dutzend Arbeiten versuchte man derartige Effekte nachzuweisen, an Übersichtsarbeiten sind nur zwei bekannt geworden, darunter eine Diplomarbeit (Scofield, Emde). Häufig litten die Arbeiten unter qualitativen Einschränkungen hinsichtlich der angewandten statistischen Methoden. Die veröffentlichten Ergebnisse sind widersprüchlich und können nicht als Beleg einer reproduzierbaren Wirksamkeit der Pflanzenhomöopathie gewertet werden, und eine Replikation erfolgreicher Versuchsergebnisse ist nicht bekannt. (1)

Die erste Publikation für Jedermann dürfte das von Stefan Liebknecht herausgegebene Buch Homöopathie für Pflanzen: gesundes Wachstum in Haus, Garten und Natur sein, welches 1998 im Fit-fürs-Leben-Verlag erschienen ist. Einige wenige Publikationen erschienen in den seit 2010, wobei die Marktführerin wohl Christiane Maute mit ihren Büchern Homöopathie für Pflanzen: der praktische Leitfaden für Zimmer-, Balkon- und Gartenpflanzen, das erstmals 2011 im Narayana Verlag erschienen ist und Homöopathie für Rosen: Ein praktischer Leitfaden für die wichtigsten Erkrankungen und Schädlinge (2013, ebenfalls Narayana) sein dürfte.

Frau Maute, die nach eigenen Angaben auf ihrer Homepage ein „Studium“ der Klassischen Homöopathie an der Boenninghausen-Akademie absolvierte, hat eine eigene Praxis für Fußreflexzonentherapie. Die Pflanzenhomöopathie betreibt sie zusammen mit ihrer Tochter Cornelia, deren Qualifikation in diesem Bereich eine Ausbildung bei ihrer Mutter darstellt. (1)

In der Zeitschrift G-Plus sagte Cornelia Maute zu dem Thema: Während man bei den Menschen und Tieren einen Placeboeffekt anführen könne, sei dies bei den Pflanzen anders: ‚Die Pflanze zeigt deutliche Reaktionen auf ein homöopathisches Mittel, die nicht auf anderes Zutun zurückzuführen sind. Pflanzenzellen nehmen die Information im homöopathischen Mittel auf. Ich möchte betonen, dass wir keine Pflanzenflüsterer sind. Unsere Behandlungen und die Auswahl der passenden Mittel geschehen ganz pragmatisch und logisch nach Kriterien, die für jeden nachvollziehbar sind, der sich näher damit beschäftigt.‘ (2) Welche Kriterien das sind, wird allerdings nicht verraten. Weiterhin werden Heilungsversprechen bei Schädlingsbefall, Pilzkrankheiten und Witterungsfolgen gemacht. Für uns gibt es kaum Grenzen (2) heißt es da. Es ist allerdings schwierig, wenn Böden durch Chemikalien und Dünger verseucht oder durch zu schwere Landmaschinen extrem verdichtet sind. Ohne Wiederaufbau des Bodens geht es hier nicht, dabei ist die homöopathische Ausleitung der Gifte wichtig. [Anm: Und wohin sollen Gifte, die im Boden sind ausgeleitet werden?] Dies dauert jedoch seine Zeit. Bei sehr starken Schädigungen des Bodens durch Pestizide, Fungizide oder Herbizide (wie zum Beispiel Glyphosat) wird es schwierig, denn aus totem Material, wo essenzielle Bodenlebewesen und Mikroorganismen fehlen, kann auch ein engagierter Einsatz von Homöopathie nichts Lebendiges mehr hervorbringen. (2) Somit wird also einer ausbleibenden Reaktion bereits vorgebeugt, wirkt es nicht, war der Boden schuld.

Wobei interessant zu erfahren wäre, ob die Homöopathika eine Zulassung als Pflanzenschutzmittel haben, wenn schon ihr Wirkungsbereich angegeben wird. Auch ist interessant, dass das pöhse pöhse Glyphosat unbedingt mit eingebaut werden muss, obschon sich Buch und Artikel an Privatpersonen richtet, in deren Wirkungsbereich der Einsatz verboten ist.

In der Anzeigensonderveröffentlichung Haus & Garten der „Freien Presse“ erzählt Christiane Maute, wie sie ihre Karriere als Pflanzenhomöopathin begonnen hat: Das kam 2001 durch einen ‚Unglücksfall‘ im Garten. Beim Einpflanzen eines bereits blühenden Rittersporns brach der Haupttrieb ab. In der Homöopathie gibt es ein sehr gutes Mittel bei‚ Stoß, Schlag oder Fall‘, nämlich Arnica. Deshalb überlegte ich kurz, übergoss die ganze Pflanze nach dem Einsetzen mit ein paar Globuli Arnica C200, welche ich zuerst in wenig Wasser auflöste und dann in 10 Liter Wasser einrührte. Zu meinem großen Erstaunen hatte sich der Blütenstängel am nächsten Tag aufgerichtet, man sah noch ein paar bräunliche Verletzungsspuren – aber der Rittersporn blühte weiter. (3)

Für mich stellt sich hier hauptsächlich die Frage, warum Samuel Hahnemann so viel Wert auf das Anamnesegespräch legte, wenn man Tier und Pflanze einfach irgendwas verabreicht. Außerdem ist für mich fraglich, ob überhaupt realisiert wurde, wie weit sich der Stoffwechsel von Pflanzen und Tieren bzw. Menschen unterscheidet, Stichwort autotrophe Organismen vs. heterotrophe Organismen, Stichwort Photosynthese etc., denn im Gegensatz zum Menschen funktioniert bei Pflanzen ja die „Lichtnahrung“, während sie einem guten Steak eher abgeneigt sind.

Natürlich werden auch passend zum Buch die darin beschriebenen Homöopathika als Sets durch den Narayana-Verlag angeboten. Schauen wir uns mal an, was der ganze Spaß so kostet:

9er Set für Zimmerpflanzen 28,00 €
14er Einstiger-Set für Garten-, Zimmer- und Balkonpflanzen 39,80 €
30er Grundsortiment 69,00 €
48er Komplettsortiment 98,00 €
5er Rosen-Set in rotem Schlüsselanhänger 19,80 €
14er Rosen Set 35,00 €
40er Rosen-Set 85,00 €
30er Grundsortiment im Holzkasten 98,00 €
48er Komplettsortiment im Holzkasten 138,00 €

(4)

Man kann also einiges an Geld ausgeben. Natürlich gibt es dann noch diverse Kombinationssets Buch und Globuli.

Die Globuli sollen in Wasser aufgelöst werden, wofür ein Schraubdeckelglas empfohlen wird. Auch soll diese Mischung dann durch Verschütteln dynamisiert werden. Schade, in dieser Anleitung auf der Homepage wird weder vom Schlagen auf ein in Leder gebundenes Buch noch vom rhythmischen Schütteln in Richtung Erdkern berichtet. Sind diese Mischungen dann überhaupt wirksam, wenn sie nicht richtig dynamisiert wurden? OH OH… /o\ Und dürfen Frauen während ihrer Menstruation oder ihrer Menopause diese Verschüttelungen durchführen? Fragen über Fragen, denen Hahnemann zwar Bedeutung beigemessen hat, hier aber anscheinend obsolet zu sein scheinen. (5)

Vielleicht werden diese Fragen ja in der angebotenen Telefonberatung geklärt, deren Kosten übrigens bei 12,00 € Grundgebühr sowie Kosten für die Gesprächsdauer zwischen 12,00 € und 22,00 € liegen. Per E-Mail belaufen sich die Kosten auf 12,00 € Grundgebühr und 39,00 € für die Beratung. (6)

Dafür bekommt man einen Behandlungsplan, in dem neben der homöopathischen Behandlung auch allgemeine gärtnerische Ratschläge gegeben werden. Hier ist natürlich fraglich, ob genau unterschieden werden kann, welche Wirkung auf die Homöopathika zurückzuführen sind und welche auf die – durchaus sinnvolle – gärtnerische Pflege. (7)

Aber es gibt noch genügend andere Meinungen zu dem Thema, die ein wirklich sehr ääääh… „interessantes“ Naturverständnis offenbaren: ‚Tiere und Pflanzen bestehen, wie wir Menschen auch, hauptsächlich aus Lebensenergie, Wasser, Stickstoff, Kohlenstoff und Mineralien.‘ Physikalisch gesehen funktionierten die Systeme ähnlich. Die Blätter seien die Atmungsorgane, die Wurzel der Darm. (8)

Oder: Der Naturarzt ist überzeugt: «Lebewesen kommen nicht wegen Krankheitserregern in einen krankhaften Zustand, sondern weil ihre Gesundheitsfaktoren in einem schlechten Zustand sind.» Zu diesen zählen Wasser, Luft, Licht, Nahrung im Boden, Ruhe und Bewegung, Platzbedarf im Umfeld, Pflege und Hygiene, Klima und Wetter. Ist ein Lebewesen nicht mehr fähig, die inneren und äusseren Umstände durch seine Lebensenergie auszugleichen, schwindet diese. Um gesund zu werden, müssen die Bedingungen optimiert werden, dann startet der Selbstheilungsprozess. Damit das Lebewesen gesund bleibt, müssen sie erhalten werden. (8)

Aber auch der „Naturarzt“ Heinz Weder hat Hilfe im Gepäck, nämlich in Form seiner Notfallapotheke, die sieben verschiedene Homöopathika enthält und zum Preis von 39.—sFr zu bestellen ist. (9 und 10)

Und auch, wenn die Homöopathie nicht hilft, hat Weder eine Lösung parat: Tritt keine Wirkung ein, muss eben eine erneute Diagnose und ein anderes Mittel her. (8)

Hach, gärtnern kann so einfach sein… Vor allem, wenn man sich auf ein so gut erforschtes Gebiet wie die Pflanzenhomöopathie stützen kann, denn Kritiker kann Weder deshalb verstehen, aber ‚Nach unzähligen Versuchen, die ich seit 1995 an Pflanzen durchgeführt habe, bin ich mir der Wirkung ganz sicher.‘ (8) Und Frau Maute sagt: Und wenn einmal etwas nicht so klappt, spornt uns das an, weiter zu forschen. (3)

Nun, diese Forschungen und Versuche sind sicherlich interessant, allerdings wurden sie bisher noch nirgends publiziert. Von daher kann auch kein Rückschluss gezogen werden, ob diese „Forschungen“ den wissenschaftlichen Standards genügen. Hier wäre vielleicht ein Langzeittest der GWUP interessant.

Wie dem auch sei, meine persönliche Meinung dazu ist, dass man sich homöopathische „Behandlungen“ für seine Pflanzen sparen kann, wenn man mit ein bisschen Sachverstand an die Gärtnerei ran geht. Kauft euch lieber ein gescheites Gartenbuch, das hilft mehr. Und es gibt auch gute Bücher, in denen man Rezepte für allerlei Sude und Jauchen findet, die rein natürlich sind und gegen z. B. Pilzinfektionen helfen.

(1) http://www.xn--maute-pflanzenhomopathie-1oc.de/de/ueber-uns.html
(2) Zollinger, Caroline: Mithilfe von Homöopathie zu gesunden Pflanzen? Gplus-Magazin. 2/2017. S. 32-34. Abgerufen via http://www.xn--maute-pflanzenhomopathie-1oc.de/de/pressespiegel.html
(3) Homöopathie kommt in den Gärten an. In: Haus & Garten: Anzeigensonderveröffentlichung der Freien Presse vom 18. März 2016, S. 14. Abgerufen via http://www.xn--maute-pflanzenhomopathie-1oc.de/de/pressespiegel.html
(4) http://www.narayanaverlag.de/ChristianeMaute/a2448?authors_id=2448&boxleft=1&gclid=CMadlIa459ICFRI8GwodqkQBNQ und http://www.narayanaverlag.de/homeoplantproduktemaute.php
(5) http://www.xnmautepflanzenhomopathie1oc.de/de/anwendung.html
(6) http://www.xnmautepflanzenhomopathie1oc.de/de/preisliste.html
(7) http://www.xn--maute-pflanzenhomopathie-1oc.de/files/Inhalt/Downloads/Behandlungsplan_Muster.pdf
(8) http://www.tierwelt.ch/?rub=4499&id=39467
(9) http://www.weder-homoeopathie.ch/images/PDF-Notfallapotheke.pdf
(10)http://www.wederhomoeopathie.ch/nutzundzierpflanzen/notfallapothekehausundobstgarten

Online-Quellen 1-8 abgerufen und gesichert am 21.03.2017. Quellen 9-10 abgerufen und gesichert am 24.03.2017.

Blogempfehlung: Keine Ahnung von Garnix

Es gibt ja einen neuen Blog, den ich euch dringend ans Herz legen möchte und zwar hat der liebe Udo unter dem Titel Keine Ahnung von Garnix … und davon noch zuviel einen eigenen Blog. Hierin nimmt er sich skeptischer Themen aus dem Medizinbereich an. Also wer sich über Homöopathie, Impfgegner, Heilpraktiker uvm. informieren möchte ist dort gut aufgehoben.

Also, husch husch, hin und lesen…

Cesare Mattei und seine Elektrohomöopathie

Conte Cesare Mattei wurde am 11. Januar 1809 in Bologna geboren der italienische Adlige war hauptsächlich Politiker, dilettierte aber auch als Literat. Ohne jegliche medizinische Ausbildung beschäftigte er sich auch mit der Homöopathie und war in Italien ein bekannter Wunderheiler. Er begründete die sogenannte Elektrohomöopathie, mit der wir uns hier etwas näher beschäftigen. Conte Mattei verstarb am 3. April 1896 auf seinem Schloss Rocchetta Mattei bei Grizzana Morandi.

Matteis Familie war sehr begütert und angesehen in Ferrara und so konnte Cesare eine Karriere in der Politik beginnen. Nach der Revolution von 1847 erkannte Mattei, dass ich den Leuten bei ihren hohen Zielen in der Politik im Wege stehen könne,[so] zog ich, der ich nur einen Glauben auf Schwur hatte, niemals auch die Gasse hinabgestiegen war, zog ich mich, sage ich, freiwillig aus einer ziemlich hohen Stellung in das Privatleben zurück. (1)

Dieses Privatleben fand auf seinem neu erbauten Schloss Rocchetta Mattei nähe Grizzana Morandi statt. Dort entwickelte er seine Methode der Elektrohomöopathie, die auch Spezifica nach Mattei genannt wurde. Mattei selbst schrieb über seine Methode: Ich hinterlasse der Welt keineswegs ein System der Arzneiwissenschaft: ich hinterlasse ihr die Arzneiwissenschaft selbst, welche nach fünfundzwanzig Jahrhunderten noch zu entdecken war. Die Nichtigkeit aller Systeme, welche jedes Jahrhundert und fast jede Schule auf den alten Stamm des ausgearteten Baumes der Medizin aufgepfropft hat, war mir seit langer Zeit bekannt. (1)

Der Begriff „Elektro“homöopathie ist insofern irreführend, dass keinerlei elektrische Energie beteiligt ist. Mattei behauptete in seinen Schriften, dass er eine „vegetabilische Elektrizität“ aus Pflanzen extrahieren könne, die er in seinen Arzneimitteln konservieren würde. Diese Mittel sollten ‚so schlagartig‘ wirken wie der elektrische Strom, weshalb er seinem Heilsystem den Namen ‚Elektrohomöopathie‘ gab. (2)

Tatsächlich war seine Heilmethode eine Mischung aus der Homöopathie Hahnemanns, der auf Alchemie beruhender Spagyrik und der Humoralpathologie. Mattei stellte durch bestimmte Gärungs- und Destillationsmethoden Lösungen her, die er auf Milchzuckerkügelchen träufelte. Insgesamt stellte er knapp 30 Lösungen zur Verfügung, deren Zusammensetzung und Herstellung er aber geheim hielt und die er im Monopol vertrieb. Informationen hierüber drangen erst nach seinem Tode an die Öffentlichkeit.

Mittel konnten beispielsweise sein:

Antiscrofoloso als Mittel für die Lymphe,
Anticanceroso als Gewebemittel,
Antiangiotico bei Bluterkrankungen,
Pettorali bei Lungenerkrankungen,
Febbrifughi bei Fieber,
Vermifughi bei Darmerkrankungen und Wurmbefall. (2)

Die Grundüberlegung zur Elektrohomöopathie war die Behandlung des gesamten Organismus, war doch Matteis Meinung nach bei Krankheiten immer der Mensch in seiner Gesamtheit betroffen.

Cesare Mattei gründete auf seinem Schloss auch ein eigenes „Behandlungszentrum“. Der Erzählung nach sollen hier auch der bayerische König Ludwig und der russische Zar Alexander II. behandelt worden sein.

Der wichtigste Vertreter der Elektrohomöopathie in Deutschland war der Homöopath Theodor Krauß, der am 3. November 1864 in Berau (Böhmen) geboren wurde und am 1. Oktober 1924 verstarb. Bereits im Alter von 17 Jahren beschäftigte er sich mit der Elektrohomöopathie. 1885 gründete er nach Kontakt zu Mattei ein Komitee zur Verbreitung der Elektrohomöopathie. Krauß war sehr rührig auf diesem Gebiet, gründete Vereine, führte Vortragsreisen durch und bildete Ärzte und Therapeuten auf dem Gebiet der Elektrohomöopathie aus. Er selbst promovierte allerdings er im Jahr 1900.

Ab 1917 entwickelte er mit dem Apotheker Johannes Sonntag und dem Homöopathen Johannes Dingfelder die JSO-Komplex-Heilweise, eine auf der Elektrohomöopathie aufbauende Therapie, die ebenfalls mit Hilfe spagyrischer Mittel heilen soll.

Bereits im Jahr 1906 stellte Meyers Großes Konversations-Lexikon fest: Die E. entbehrt der wissenschaftlichen Begründung. (3) Hieran hat sich bis heute nichts geändert.

(1) Mattei, Cesare: Elektro-Homoöopathie: Grundsätze einer neuen Wissenschaft. Regensburg, 1884. S. 2f

(2) Seite „Cesare Mattei“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 25. Februar 2015, 20:58 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Cesare_Mattei&oldid=139216676 (Abgerufen: 18. März 2017, 10:25 UTC)

(3) Meyers Großes Konversations-Lexikon. Bd. 5, S. 673. Leipzig, 1906.

(4) https://web.archive.org/web/20030915115112/http://www.cocura.de/ikhinfos.html

Gelesen: Mueller, Anousch: Unheilpraktiker – Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen

Mueller, Anousch: Unheilpraktiker: Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen. Münschen, 2016.
978-3-570-50195-5

Es ist ein Mammutwerk, das Anousch Müller hier vorlegt. Und für sich selbst auch ein schonungsloses Werk, wie im ersten Kapitel gleich klar wird, denn Anousch Müller hat selbst an den „Humbug“ geglaubt, über den sie berichtet und wollte selbst Heilpraktikerin werden.

Über diesen Einstieg in die Naturheilszene schreibt sie gleich im ersten Kapitel und beleuchtet auch das weit verbreitete Phänomen der „Cyberchondrie“, also das googlen von Symptomen. Das anschließende Kapitel zeigt auf, wie man in Deutschland Heilpraktiker wird, dies mit einem Abstecher in die Geschichte des Heilpraktikerwesens, welches ja aus der Zeit des Dritten Reiches stammt.

Kapitel 3 beschreibt nun Muellers eigene (abgebrochene) Ausbildung in einer Heipraktikerschule und was sie da erlebt hat ist sicher nicht im Sinne des Patienten. Im anschließenden Kapitel „Heile, heile Segen?“ beschreibt die Autorin nun das Behandlungssetting der Heilpraktiker und zeigt auf, wie stark die „Heilerfolge“ mit Placeboeffekt und Psychosomatik verknüpft sind.

Im fünften Kapitel werden nun die gängigsten Alternativtherapien beschrieben, das meinte ich auch mit Mammutwerk. Hierfür hat sich Anousch Mueller auf jeden Fall ein Fleißkärtchen verdient. Von Akupunktur über Bioresonanztherapie hin zu Geistheilung, Irisdiagnostik Reiki und Zelltherapien. Dazwischen liegen noch zahlreiche andere Therapieformen, die kurz und prägnant vorgestellt werden. Amüsant und stellenweise auch grotesk mutet das sechste Kapitel an, in dem die gängigsten Phrasen und Antworten der Heilpraktiker vorgestellt und entlarvt werden.

Kern des Buches ist aber Kapitel 7, in dem Anousch Mueller eine Reform des Heilpraktikerwesens vorschlägt. Die hier vorgebrachten Vorschläge haben Hand und Fuß und sollten ernsthaft diskutiert werden. Leider gingen sie in der öffentlichen Debatte nach Veröffentlichung des Buches im allgemeinen Wutgeheul der Heilpraktiker unter.

Den Abschluss finden Muellers Ausführungen in einem Kapitel über Studien und einem Schlusswort. Amüsant und hilfreich ist die angehängte Checkliste „Zehn Indizien für Quacksalberei“ genauso wie die Checkliste „Was zeichnet einen seriösen Heilpraktiker aus?“.

Alles in allem ein wichtiges und richtiges Buch, das im öffentlichen Diskurs zur Thematik Heilpraktiker/Alternativmedizin viel mehr Beachtung finden sollte.